ADB:Mutschelle, Sebastian

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Artikel „Mutschelle, Sebastian“ von Carl von Prantl in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 23 (1886), S. 115–116, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Mutschelle,_Sebastian&oldid=2502759 (Version vom 22. Juni 2017, 18:21 Uhr UTC)
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Mutschelle: Sebastian M., geb. am 18. Januar 1749 in Allershausen (Bez.-Amt Freising), † in München am 28. Novbr. 1800, Sohn eines Müllers, studirte an der Jesuitenschule zu München, trat (1765) in Landsberg als Noviz in den Orden ein und wirkte dann seit 1770 als Lehrer an dem Münchener Jesuitengymnasium. Nach Aufhebung des Ordens (1773) setzte er in Ingolstadt seine philosophischen und theologischen Studien fort, worauf er 1776 in den Weltpriesterstand trat. Nachdem er schon als Pfarrverweser in Mattighoftn (bei Braunau) eine musterhafte Thätigkeit entwickelt hatte, wurde er 1779 zum Canonicus und geistlichen Rath in Freising ernannt, wobei er auch das Schulcommissariat übernahm und hiemit in die Lage kam, für Hebung der damals vielfach im Argen liegenden Volksbildung in günstigster Weise zu wirken. Er gehörte jener Richtung des Katholicismus an, welche einigermaßen rationalistisch angehaucht, mehr Gewicht auf die praktische Bedeutung des Christenthums, als auf Dogmatik oder Papismus oder Klosterleben legte und einige Jahrzehnte später an Wessenberg einen lebhaften Vertreter fand; daher wurde M. von vielen seiner Amtsgenossen angefeindet und als Freigeist verleumdet, sodaß er seine Stelle aufgab, wodurch er Muße fand, sich einem eingehenderen Studium der Philosophie Kant’s hinzugeben und zugleich seine Auffassung der Religion schriftstellerisch darzulegen. Doch als 1788 in Freising ein Bischofswechsel eintrat, wurde M. sofort wieder in seine früheren Stellen eingesetzt, in welchen er seine verdienstliche Thätigkeit, (z. B. Errichtung von Arbeitsschulen) wieder fortsetzte, bis er 1793 die Pfarrei Baumkirchen (eine Stunde von München entfernt) übernahm, wo er wahrhaft als fürsorgender Vater seiner Gemeinde wirkte. Im J. 1799 wurde er zum Professor der Moraltheologie und Homiletik am Lyceum zu München ernannt, woneben er die Pfarrei beibehielt, und nachdem er schon durch seine Schrift: „Ueber das sittlich Gute“ (1788) und hierauf noch mehr durch „Philosophische Gedanken und Abhandlungen mit Rücksicht auf die kritische Philosophie“ (1793–98, 4 Bändchen) und „Kritische Beyträge zur Metaphysik in einer Prüfung der Stattlerischen antikantischen“ (1795), sich als tüchtigen Kantianer bewährt hatte, durfte die preußische Regierung, welche beabsichtigte, in Königsberg zwei Lehrstühle für katholische Theologie zu errichten, ihren Blick auf M. richten. Derselbe verhielt sich, als im Mai 1800 der Ruf an ihn erging, zunächst ziemlich ablehnend, aber da er seitens der Fanatiker neue Anfeindungen erfuhr (man denuncirte ihn fälschlich als den Verfasser der anonymen Schrift „Neuer Himmel und neue Erde“), war er geneigt, die Verhandlungen mit Preußen wieder anzuknüpfen; es war jedoch sein Nervensystem durch die Nergeleien seiner Feinde und durch die in seiner Pfarrei fühlbaren Gräuel des Krieges derartig zerrüttet, daß er noch im gleichen Jahre einem Schlaganfall erlag. Ein sprechendes Zeugniß für die Achtung, in welcher er stand, liegt darin, daß nach seinem Tode eine erfolgreiche Sammlung veranstaltet wurde, um zu seinem Andenken in einer neu entstandenen Colonie bei Dachau eine Schule zu gründen. Im Gebiete der Philosophie, in welchem er das Verdienst hat, die Verbreitung des Kantianismus gefördert zu haben, kommt zu den genannten Schriften noch aus seinen letzten Lebensjahren hinzu „Ueber kantische Philosophie, 1. Heft: Versuch einer faßlichen Darstellung der kantischen Philosophie“ (1799, von Ign. Thanner bis zu einem 12. Heft, 1805, fortgesetzt); zum Gebrauche für seine Vorlesungen schrieb er „Moraltheologie“ (1800). Als religiöser Schriftsteller knüpfte er vor Allem grundsätzlich an das Neue Testament an, von [116] welchem er auch eine deutsche Uebersetzung veröffentlichte (1789), und bemühte sich, die aus demselben erwachsende sittliche Frucht mit warmer Empfindung darzulegen; seine Hauptschriften in dieser Richtung sind: „Die Geschichte Jesu sammt einer Anweisung, die Evangelien mit Nutzen und Einsicht zu lesen“ (1784), „Bemerkungen über die sonntäglichen Evangelien“ (1786), „Handbuch der sonntäglichen Evangelien“ (1791), „Unterredungen eines Vaters mit seinen Söhnen über die Grundwahrheiten der christlichen Religion“ (1791, auch ins französische übersetzt 1798) „Christkatholischer Unterricht“ (1792); seine Predigten wurden später aus seinem Nachlasse herausgegeben (1804 u. 1813).

Caj. Weiller, Mutschelle’s Leben (1803). Baader, Lexikon bair. Schriftsteller, Bd. I, Th. 2, S. 61 ff., woselbst seine sämmtlichen Schriften angeführt sind.