ADB:Nüscheler, Heinrich

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Artikel „Nüscheler, Heinrich“ von Gerold Meyer von Knonau in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 24 (1887), S. 58–59, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:N%C3%BCscheler,_Heinrich&oldid=- (Version vom 21. Oktober 2019, 10:50 Uhr UTC)
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Nüscheler: Heinrich N., Journalist, geb. zu Zürich am 6. April 1797, † daselbst am 15. Juli 1831. Der Sohn eines auf der zürcherischen Landschaft im Amte stehenden Geistlichen, kehrte N. als achtjähriger Knabe nach dem Tode des Vaters, welcher seinen ersten Unterricht selbst besorgt hatte, mit der Mutter und der Familie nach Zürich zurück. Schon in den Schulen machte er sich durch seine bedeutenden Anlagen, die Schärfe seines Urtheils, bestimmt ausgeprägte Thatkraft nachdrücklich bemerkbar und erlangte unleugbaren Einfluß auf seine Altersgenossen; auch trat noch in den Schuljahren Neigung und Befähigung zur Publicistik in einem handschriftlich circulirenden politisch-litterarischen Blatte bereits zu Tage. Nicht gerade nach eigener ausgesprochener Neigung widmete sich der feurige Jüngling dem theologischen Studium; aber in voller überzeugungsstarker Begeisterung half er, als die zusammenhaltende Kraft eines engeren Vereins von Studirenden, 1818 eine Reformationsfeier der in den Studien stehenden Jugend vorbereiten und hielt bei derselben eine nachhaltig eindrucksvolle Rede. Zum Theil aus dieser Feier heraus erwuchs 1819 der Zofinger Verein schweizerischer Studenten, an dessen Gründung er wieder in maßgebender Weise theilnahm. Nach erlangter Ordination ging N. 1820 nach Berlin, wo er in vielseitigster Art von Neuem wissenschaftliche Anregungen in sich aufnahm. 1822 zurückgekehrt, widmete er sich zunächst, nicht ohne Zersplitterung seiner Kraft, verschiedenen Bestrebungen idealer Art, auch dem Lehrfache in fester Anstellung seit 1825. 1824 aber trat er als Redacteur der „Schweizerischen Monatschronik“ in die publicistische Laufbahn ein und begann zugleich den politischen Fragen seine energische Aufmerksamkeit zuzuwenden. Erst mit dem Jahre 1828 jedoch, als er die Herausgabe des neu gegründeten Blattes „Schweizerischer Beobachter“ selbst übernahm, begann N. eine größere Einwirkung auf weite Kreise zu gewinnen. Treu einem schon 1827 in der „Monatschronik“ geäußerten Worte: „Männerstolz vor Königsthronen, aber auch vor dem Volke!“ wollte N. in seiner Zeitung mehr das Volk zu sich emporheben, als daß er zu demselben sich herabzulassen trachtete. Das Blatt gewann ausgedehnteren Leserkreis. Der Redacteur fand Aufmunterung verschiedener Art. N. glaubte sein Oppositionsorgan so führen [59] zu können, daß es Reformen zeitige, ohne sich auf Persönliches zu verirren, daß es die Wünsche der Freisinnigen vereinige, ohne gehässige Parteigegensätze hervortreten zu lassen: er erklärte, keine Souveränetät einer Partei zu kennen, von keiner sich gängeln lassen zu wollen. Wie er in einem Kreise von Freunden sich aussprach, hoffte er, an das Ziel der von den Freisinnigen gehegten Wünsche in zehn Jahren kommen zu können, wenn nicht früher eine Revolution in Frankreich ausbreche, die alten Parteien wieder auftauchen und er selbst dergestalt zwischen zwei Mühlsteine gerathe. Aber auch als der Julisturm von 1830 soviel früher eingetreten war, zeigte er zunächst noch in seinen Artikeln Heiterkeit und Gleichmuth, ermahnte das Volk zur Mäßigung und Geduld, wünschte aber, die Regierungen, und zunächst die zürcherische, möchten gegenüber den berechtigten Begehren des Volkes die Initiative ergreifen. Ludwig Meyer von Knonau, welcher N. ganz wohlwollend gesinnt war und denselben als früheren Actuar der vaterländisch-historischen Gesellschaft, sowie von dem häuslichen Unterrichte, den dieser seinen Söhnen ertheilt, gut kannte – er beurtheilte ihn als „einen talentvollen, aber von sich sehr eingenommenen jungen Mann“ –, unterhielt sich in dieser Uebergangszeit mit N. über die Lage des Kantons Zürich. Der Redacteur des „Beobachters“ äußerte, die politische Verbesserung sei der Ausführung nahe, und er selbst sowie seine Freunde hätten die Leitung der Sache in ihren Händen, und als ihm der erfahrene Kenner des Ganges öffentlicher Dinge bemerkte, das zürcherische Volk sei nicht von der Art, daß man in seiner Mitte ein doctrinäres Staatsgebäude aufführen könne, und ein „Bis hieher und nicht weiter“ lasse sich nicht einfach zurufen lehnte der Jüngere solche Bedenken ab. Aber bald mußte N. die Wahrheit dieser Auffassung erkennen. Unter Zurücklassung seiner Person, unter Verschmähung seiner Weisungen drang die Bewegung unaufhaltsam weiter vor. Mit männlichem Muthe, in würdiger Festigkeit hielt der „Beobachter“ seinen früheren Standpunkt fest: „Auf gesetzlichem Wege, im Frieden und zum Frieden; eine Regeneration, keine Reaction; eine Reformation, keine Revolution!“ Mit Anfang Februar 1831 wurde neben seinem Blatte von der vorgeschrittenen Partei der „Vaterlandsfreund“ begründet, so aber, daß auch noch mehrere seiner Freunde, ohne eigentliche Aufhebung der gegenseitigen Beziehungen, daran betheiligt waren. Aber damit verlor seine Zeitung an Boden; die Freudigkeit selbst sank in dem Kämpfer, dessen körperliche Kraft nun auch jähe zusammenbrach. Ein früherer Krankheitsanfall wiederholte sich; eine rasche Abzehrung raffte in kürzester Zeit den politisch gefällten Führer dahin, dessen ideal strebender Sinn sich über die eigentliche Grundlage seiner Wirksamkeit getäuscht hatte.

Vgl. das 14. Neujahrsblatt zum Besten des Waisenhauses in Zürich, für 1851 (Verfasser: J. U. Fäsi, s. d. Art.).