ADB:Nivardus

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Artikel „Nivardus“ von Ernst Voigt in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 23 (1886), S. 742–743, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Nivardus&oldid=- (Version vom 9. Dezember 2019, 11:38 Uhr UTC)
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Nivardus, Magister, Dichter des „Ysengrimus“. Im ersten Jahrzehnt des 12. Jahrhunderts an der deutsch-belgischen Grenze im Sprengel von Köln geboren, [743] wurde er in dem soeben gründlich reformirten Kloster St. Petri zu Gent unter Abt Arnold I. († 1132) zum geistlichen Stande erzogen, studirte dann der Sitte seiner Zeit gemäß zu Paris, wo er unter anderen Obizo, den Leibarzt Ludwig VI., nicht aber den gerade damals (zwischen 1121 und 1136) abwesenden Abailard kennen lernte, und kehrte nach einer Wanderung durch Nordfrankreich, die Niederlande und den Nordwesten Deutschlands nach Gent zurück, wo er Domherr und Scholasticus an der Kirche St. Pharahildis wurde. In dieser Stellung verfaßte er, von edlem Reformeifer erfüllt, obenein durch die maßlosen Erpressungen seines Diöcesanbischofs Anselm von Tournay (1146–1149) erbittert, während des 2. Kreuzzugs den „Ysengrimus“ (Ende 1148 abgeschlossen), ein satirisches Epos in 7 Büchern und 3287 elegischen Distichen, ein Werk, das nach Lauterkeit und Adel der Gesinnung, köstlichem Humor wie vernichtender Schärfe des Angriffs, tiefem Einblick in Wissenschaft und Volksleben, meisterhafter Beherrschung der Form unzweifelhaft zu den größten Schöpfungen des Mittelalters gehört. Indem N. die in den Klöstern und Vagantenkreisen umlaufenden Thierschwänke zu einer Art von Wolfsbiographie selbständig und planmäßig verarbeitete, geißelte er die Habgier, Simonie und Unwissenheit der Kloster- und Weltgeistlichkeit aller Stufen, die Trägheit der Mönche, die nach dem Strohfeuer der jugendlichen Begeisterung bald die stille Zelle verabscheuen und gar zu gern zur Weltlust zurückkehren, die Schlemmerei und Trunksucht der feisten Aebte, die Sucht nach Gründung neuer Mönchsorden, das bequeme Philisterthum und den bis zur Gotteslästerung sich verirrenden Weltsinn der Dorfpfarrer, die in wölfischer Raublust mit einander wetteifernden Bischöfe, die dem gesammten Clerus gemeinsame frivole Sophistik in Umgehung und Verdrehung der biblischen und regulären Vorschriften, ja, er bekämpft die Berechtigung der römischen Hierarchie überhaupt, die auf keinem weiteren Grunde beruhe, als auf dem Fische Celebrant, der nach dem Märchen der alten Weiber die Erde und hier in boshafter Fortführung auch die Papstkirche trägt. Diesen Schäden seiner Zeit gegenüber drang der Dichter auf Rückkehr zu der reinen Sittenlehre des Evangeliums und forderte unter dem Banner der ehrwürdigen Regel des heiligen Benedict und unter begeistertem Hinweis auf zwei zeitgenössische Musteräbte, Walther von Egmont und Balduin von Liesborn (beide 1130–1161), zur Bildung einer auserlesenen Schaar von Gottesheiligen auf, von denen sich wie von einem Paradiese eine neue Menschheit bilden sollte.

Nachdem das Werk von F. J. Mone aufgefunden und unter dem irrigen Titel „Reinardus Vulpes“ publicirt worden war, hat der Unterzeichnete eine neue Ausgabe mit vollständigem krit. und exeget. Commentar, Einleitung und Wörterbuch veranstaltet. („Ysengrimus“, Halle, Waisenhaus, 1884, CXLVII und 470 S. 8°.)