ADB:Nußbaum, Johann Ritter von

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Nußbaum, Johann Nepomuk von“ von Julius Pagel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 52 (1906), S. 667–668, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Nu%C3%9Fbaum,_Johann_Ritter_von&oldid=- (Version vom 26. Mai 2019, 07:59 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
<<<Vorheriger
Nüscheler, Arnold
Nächster>>>
Neumann, Balthasar
Band 52 (1906), S. 667–668 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Johann Nepomuk von Nußbaum in der Wikipedia
GND-Nummer 117071862
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|52|667|668|Nußbaum, Johann Nepomuk von|Julius Pagel|ADB:Nußbaum, Johann Ritter von}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=117071862}}    

Nußbaum: Johann Nepomuk von N., der weltberühmte Münchener Chirurg, wurde in München am 2. September 1829 als der Sohn eines kgl. Ministerialsecretärs geboren. Während der Schulzeit kränkelte er beständig, zeichnete sich aber durch seinen willensstarken Eifer aus. Er besuchte das alte Wilhelms-Gymnasium und zeigte hier besondere Liebe und Talent für mathematische Studien, sowie frühzeitig bereits eine bei Gymnasiasten sehr seltene manuelle Geschicklichkeit. Sein Biograph, Geh. Ober-Medicinalrath Dr. v. Kerschensteiner, berichtete in der Allgemeinen Zeitung vom 6. November 1890, daß N. schon als Gymnasiast bei seinen Mitschülern kleine chirurgische Affectionen, wie böse Finger, Zahngeschwüre, Abscesse, mit Erfolg behandelt habe. Seine medicinischen und naturwissenschaftlichen Studien machte N. ebenfalls in seiner Vaterstadt, besonders als Schüler von Thiersch und später als klinischer Assistent von v. Rothmund. Trotz der körperlichen Gebrechlichkeit, die N. von Kind an anhaftete, arbeitete er buchstäblich Tag und Nacht; er schlief während seiner Studienzeit auf einer harten Holzunterlage, um ja nicht zu lange zu ruhen, und hatte auf einem Tischchen neben sich Papier und Bleistift, worauf er in schlaflosen Nächten etwaige Gedanken niederschrieb, um sie nicht zu vergessen. Mit besonderer Vorliebe widmete er sich der Chirurgie und Augenheilkunde. Aus dem letztgenannten Gebiete stammt auch die lateinisch geschriebene Abhandlung (über künstlich gebildete Hornhaut), mit welcher er 1853 die Doctorwürde erlangte. Hierauf machte er eine größere wissenschaftliche Reise, um sich in Paris bei Civiale, Nélaton, Chassaignac, Jobert und Maisonneuve, in Berlin bei v. Langenbeck, in Würzburg bei v. Textor chirurgisch weiter auszubilden. Nach München zurückgekehrt habilitirte er sich 1857 als Privatdocent für Chirurgie mit der Schrift: „Behandlung der Hornhauttrübungen mit besonderer Berücksichtigung der Einsetzung einer künstlichen Hornhaut, erhielt 1859 einen Ruf als ordentlicher Professor der Chirurgie nach Zürich, den er jedoch ablehnte, um fortab in seiner Vaterstadt seit 1860 in gleicher Eigenschaft bis zu seinem am 31. October 1890 erfolgten Tode in segensreichster Weise zu wirken. N. war einer der beliebtesten und gefeiertsten Lehrer der Münchener Hochschule. Von hinreißender Beredsamkeit, war er, wie Angerer in seinem Nachruf in der Deutschen Medicinischen Wochenschrift (1891) bemerkte, klar und kräftig im Ausdruck und [668] ein Meister in der Kunst, einen an sich trockenen Stoff durch praktische Bemerkungen fesselnd darzustellen. Er war ein kühner und genialer Operateur. Die Zahl der von ihm gemachten Operationen zählt nach vielen Tausenden, darunter etwa allein 600 Ovariotomien, worin er sich besonders bei Spencer Wells ausgebildet hatte. Im Kriege von 1870/71 war er als consultirender Generalarzt in geradezu aufopfernder Weise thätig. Trotz aufreibender praktischer Thätigkeit entwickelte N. auch schriftstellerisch eine große Fruchtbarkeit. Die Zahl seiner Publikationen beträgt fast 100, darunter ist eine der bekanntesten der „Leitfaden zur antiseptischen Wundbehandlung“, der in rascher Folge von 1877–89 fünf Auflagen erlebte, auch in fremde Sprachen übersetzt ist. N. hat sich, nachdem er die Antisepsis bei Lister in Edinburgh persönlich kennen gelernt hatte, um Einführung derselben große Verdienste erworben. Weitere Publikationen Nußbaum’s bestehen, abgesehen von seinen Beiträgen zu dem Billroth-Lücke’schen Werke, in Monographien und Journalabhandlungen über Krebs und dessen Operation, Nervendehnung, Ovariotomie, Knochentransplantationen, Knieresection, Radicaloperation der Hernien, Transfusion, Umwandlung bösartiger Geschwülste in gutartige, ersten Verband bei verschiedenen Verwundungen, Unglücke in der Chirurgie, schmerzlose und unblutige Secundärnaht u. a. m. Gerühmt wird der überaus große Wohlthätigkeitssinn und die Humanität Nußbaum’s. 1885 wurde er zum Ehrenbürger der Stadt München ernannt. In seinen letzten Lebensjahren war seine Thätigkeit durch ein Rückenmarksleiden beeinträchtigt, so daß er ein Jahr vor seinem Tode theilweise seine Aemter niederlegen mußte. – N. war nie verheirathet. Seinen Vater verlor er in den Jahren, als er sich den Vorbereitungsstudien zuwendete. Seine Mutter lebte bei ihrem Sohne bis zu ihrem 1862 erfolgten Tode. N. war ein glaubensstarkes Kind seiner Kirche, dabei jedoch durchaus duldsam gegen die Angehörigen anderer Bekenntnisse. Ein echt deutscher Mann, bewies er seine Liebe zum großen Vaterlande in allen Lebensverhältnissen. Dabei war er seinem angestammten bairischen Herrscherhause in unverbrüchlicher Treue zugethan.