ADB:Reutern, Gerhard von

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Artikel „Reutern, Gerhard von“ von Leopold von Pezold in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 28 (1889), S. 329–330, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Reutern,_Gerhard_von&oldid=- (Version vom 24. Mai 2019, 00:14 Uhr UTC)
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Reutern: Gerhard v. R. ist ein Sohn der deutschen Ostseeprovinzen Rußlands. Er erblickte im J. 1785 auf dem elterlichen Gute Kösthof im nördlichen Livland das Licht der Welt. Wie die meisten jungen Edelleute des baltischen Landes zu jener Zeit genoß er eine militärische Erziehung. Es war damals nicht blos standesgemäß, sich der militärische Laufbahn zu widmen, sondern auch der sicherste Weg zum höheren Staatsdienst. Die Zahl der höhern Staatsbeamten, der Schriftsteller, Dichter und Künstler, die aus den Reihen der Garde und der Armee hervorgingen, war damals in Rußland eine sehr große, wie auch heute noch aus den Reihen der Officiere ein nicht geringes Contingent sich den litterarischen und künstlerischen Kräften des russischen Volkes anreiht. Mehr noch, wie heute, vertrat aber am Anfange unseres Jahrhunderts der Officierstand das strebende und geistig lebendige Element in Rußland. Das erklärt die auffallende Erscheinung, daß Officiere, die sich später dem Künstlerberuf zuwandten, mit verhältnißmäßig geringer Schule, zum Theil als Autodidakten, den frühern Dilettantismus leicht abstreiften und rasch zu ernster, gediegener Künstlerschaft gelangten. Ein Beispiel solcher Entwicklung ist auch Gerhard v. R. Schon als Knabe hatte er Liebe und hervorragendes Talent zur Kunst bewiesen, aber den Beruf eines Künstlers zu ergreifen, lag damals noch außerhalb der Sphäre der standesmäßigen Tradition. Das Schicksal mußte ihn von dieser [330] Schranke befreien. Er hatte mit Auszeichnung in den Kriegen gegen Napoleon gefochten, auf dem Schlachtfeld bei Leipzig riß ihm eine Kugel den rechten Arm weg und machte ihn zu weiterem Kriegsdienst untauglich. Nun wandte er – der Einarmige – sich ganz und mit voller Kraft der Malerei zu. Seine frühere Beschäftigung mit derselben erleichterte ihm das fernere Studium. Das angeborene Talent, der entschlossene Wille, die ernste Lebensführung überwanden bald die Hindernisse, welche ihm die unsystematische Vorbildung in der Kunst und seine körperliche Invalidität in den Weg legten. Ob mit rechter oder linker Hand, er wollte ganz Künstler werden, und er wurde es. Nach kurzem Aufenthalt in Dorpat, der erst vor anderthalb Jahrzehnten zur Landesuniversität gewordenen Provinzialstadt, wo zwar geistiges und wissenschaftliches Leben seine erste hoffnungsfrohe Blüthe entfaltete, doch künstlerische Interessen noch geringe Pflege fanden, wandte er sich nach Düsseldorf, das zu Ende der zwanziger und zu Anfang der dreißiger Jahre die reichste Belehrung und Anregung auf künstlerischem Gebiete bot. Gerhard v. R. malte Bildnisse wie Landschaften, figurenreiche Compositionen und Historien. Die Spuren des früheren Dilettantismus waren bald abgestreift. So gewann er als Künstler bald Achtung und Ansehen; seine persönliche Erscheinung, sein echter Seelenadel, seine warme und wahre Liebenswürdigkeit, wie seine vielseitige Bildung und sein tiefer Lebensernst erwarben ihm eine hervorragende Stellung in dem Kreise der Berufsgenossen, wie in der übrigen Gesellschaft. Aber sein Verhältniß als russischer Pensionär, dann als kaiserlich russischer Hofmaler, brachte es mit sich, daß er seine Bilder zu großem Theil nach Rußland senden mußte, wo sie der Kenntniß des deutschen Publicums und der deutschen Kunstwelt verloren gingen. Viele derselben sind in den kaiserlich russischen Schlössern verstreut, eines, das Opfer Abrahams, ist eine Zierde der modernen Abtheilung der Eremitage in St. Petersburg. In deutschen Galerieen ist unseres Wissens keines von seinen größeren Bildern vorhanden, wohl aber im Privatbesitz manches vortreffliche Bildniß, manche werthvolle Landschaft mit reicher Staffage, manches feine Genrebild und namentlich eine Zahl schöner Aquarelle. – Von Düsseldorf siedelte R. im Beginn der fünfziger Jahre nach Frankfurt a. M. über, wo er in künstlerischem Schaffen den Abend seines Lebens verbrachte. Er starb als Mensch und Künstler hochgeachtet daselbst am 22. März 1865. Ein talentvoller Sohn, der sich früh der Malerei gewidmet und schon einige vielversprechende Bilder, namentlich eine Madonna von tiefinniger Auffassung, geschaffen hatte, war ihm 1858 in Düsseldorf durch den Tod entrissen.