ADB:Riemer, Johannes

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Artikel „Riemer, Johannes“ von Max von Waldberg in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 28 (1889), S. 564–565, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Riemer,_Johannes&oldid=- (Version vom 26. Juni 2019, 06:18 Uhr UTC)
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Riemer: Johannes R., Theologe und Dichter, am 11. Februar 1648 in Halle geboren, widmete sich in Jena, wo er seine Studien absolvirte, der akademischen Laufbahn. Im Begriffe mit Zöglingen als Hofmeister eine größere Reise anzutreten, wurde er 1678 als Nachfolger Christian Weise’s zum Professor der Eloquenz und Poesie an das Gymnasium in Weißenfels berufen. Später wirkte er als Pastor primarius in Osterwieck in Halberstädtischen, wurde 1690 Superintendent in Hildesheim und beschloß, nachdem er als Pastor primarius an die Hamburger Jacobikirche nach dem Tode Joh. Balthasar Schupp’s gekommen war, nach zehnjähriger erfolgreicher Wirksamkeit daselbst am 10. Sept. 1714 sein Leben. Die Richtungen in Riemer’s litterarischer Thätigkeit stehen, wenn man von seinen durchaus bedeutungslosen, wenn auch zahlreichen homiletischen und Erbauungsschriften (An- und Abzugspredigten, Schlaflose Nächte oder Evangelien Postill, Evangelische Gleichniß-Reden u. s. w.) absieht, in enger Verbindung mit der litterarischen Production der Männer, deren Amtsnachfolger er wurde. Auf Christian Weise stützen sich seine dramatischen und erzählenden, auf J. B. Schupp die satirischen Werke. Riemer’s „Lustige Rhetorica, in welchem ein gantz neuer Weg zur Rede-Kunst, jedoch mit lauter Verwunder- und Lächerlichen Exempeln gewiesen wird“ (Merseburg 1681), sein „Verbesserter und vermehrter Lust-Redner“ u. s. w. gehen zwar in ihrer Form gleichfalls auf die Poetiken des Zittauer Schulrectors zurück, aber während dieser nur in heiterer Weise belehren will, hat R. noch oft das Reizmittel scharfer Satire von seinem geistlichen Vorgänger im Amte, von Schupp, entlehnt. Dieses mag auch der Grund gewesen sein, warum R. von seinen Zeitgenossen die Autorschaft des unter dem Pseudonym Reinhold Hartmann herausgegebenen „Reime oder ich fresse dich“ allgemein zugeschrieben wurde, während diese meisterhafte litterarische Satire nach Martin Kempe’s bestimmten Aeußerungen, unzweifelhaft dem Naumburger Advocaten G. W. Sacer zuzuweisen ist.

Riemer’s Bühnenwerke stehen ganz auf dem Boden Weise’scher Dramatik, die in ihren realistischen Bestrebungen und steter Rücksichtnahme auf „Natürlichkeit“ eine wirksame oppositionelle Strömung gegen die Lohenstein’sche Richtung bedeutet. Wie Weise, so läßt auch R. seine Stücke von seinen Gymnasiasten aufführen, z. B. seine prosaische Tragikomödie „Der Tyrannische Großvater oder der glückliche Bastard“. Die in Weißenfels 1712 in zweiter Auflage erschienene Sammlung: „Der Regenten bester Hofmeister oder Lustiger Hofparnassus“ enthält neben drei anderen Stücken, unter dem Titel „Der Staatseifer“, auch ein dramatische Bearbeitung des Maria Stuartstoffes. In allen seinen Stücken läßt er sich von der Ueberzeugung leiten, die er im Vorworte zum „Lustigen Hofparnassus“ [565] ausspricht, daß „die köstlichsten Prediger vom Theater kämen“. In seinen Lustspielen, die unter dem Titel „Amor der Tyrann“, 1685 erschienen sind, zeigt er sich stofflich von Hofmannswaldau angeregt. Dagegen ist der gleichfalls von Hofmannswaldau beeinflußte „Graf von Gleichen“, der R. zugeschrieben wird, geistiges Eigenthum des unter dem Pseudonym Rathian dichtenden Wolfgang Christoph Raethel.

Am meisten ist R. durch seine Romane bekannt geworden, in denen er den von Ch. Weise eigenartig aufgefaßten Begriff des „Politischen“ als des im praktischen Leben sich bewährenden, klugen, gewandten und gefälligen Benehmens, gleich seinem Meister für die Erzählung verwendete. R. bereicherte diese „politische“ Litteratur die damals Deutschland überfluthete, mit einer Reihe „politischer“ Beiträge, von denen der unter dem Pseudonym „Galanisander“ herausgegebene „Politische Stockfisch“ den größten Erfolg hatte. Dieses später von Thomasius, Holberg u. a. verspottete, aber seiner Zeit vielgelesene Buch ist ein, sclavisch der Weise’schen Manier nachgeäffter, Roman, dessen Episoden inhaltlich, manche ganz, manche theilweise von Boccaccio abhängig sind. Von Riemer’s sonstigen sehr zahlreichen litterarischen Leistungen, seien neben seiner „Apophtegmatischer Vormünd“ betitelten Aphorismensammlung, der ältesten deutschen dieser Gattung, noch der von Neumeister – seinem Hamburger Nachfolger in Amte – in seiner Disseration empfohlene „Schatzmeister aller Leid und Freud Complimenten“ als die einzig erwähnenswerthen hier genannt. R. wußte geschickt sich vorhandenen Richtungen anzuschließen, ohne allzusehr nach Art der unselbständigen Nachahmer die Eigenart der Meister zu übertreiben. Er selbst hat nach keiner Richtung hin vorbildlich gewirkt.

Neu vermehrtes Historisches und Geographisches Allgemeines Lexikon, Basel 1744, V. Th., S. 1143 ff.