ADB:Rieter, Johann Jakob

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Artikel „Rieter, Johann Jacob“ von Hermann Wartmann in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 28 (1889), S. 593–595, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Rieter,_Johann_Jakob&oldid=- (Version vom 21. Februar 2020, 07:08 Uhr UTC)
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Rieter: Johann Jacob R., geboren am 2. August 1762 in Winterthur. † am 16. April 1826 ebendaselbst. Einer wohlhabenden Winterthurer Familie entsprossen, gründete J. J. R. im J. 1790 unter der Firma J. J. Rieter & Cp. ein größeres Colonialwarengeschäft und betrieb es mit bestem Erfolg nicht bloß in der Vaterstadt selbst, sondern von hier aus auch nach den blühenden Ortschaften an beiden Ufern des Zürichsees, ins Glarnerland [594] und nach dem Toggenburg, das damals noch unter dem Abt von St. Gallen stand. Zu Pferde wurden diese Gegenden alle drei Wochen bereist, um neue Bestellungen und Baarzahlungen für gelieferte Waare entgegen zu nehmen. Seit Mitte der neunziger Jahre nahm R. auch den Handel mit roher Baumwolle und baumwollendem Handgespinst auf, zwei Artikeln, für welche Winterthur schon längst ein Hauptmarkt der ganzen ostschweizerischen Baumwollindustrie geworden war. Die ganz groben Garnnummern 4–6 aber, in welchen R. verkehrte und die schon damals unter dem Namen Pfundgarne nicht beim Strangen, sondern beim Pfund verkauft wurden, diese waren nicht für den einheimischen Verbrauch bestimmt, sondern gingen, solid roth gefärbt, nach Oberitalien, um erst dort verarbeitet zu werden. Erst mit dem Jahre 1806 traten feinere englische Maschinengarne neben dieses grobe, schweizerische Handproduct. Die unnatürliche Verschiebung aller Verhältnisse durch die Continentalsperre zwang zu den gewagtesten und kostspieligsten Operationen. Aber auch der Gewinn war entsprechend, wenn ein paar hundert Centner amerikanische Baumwolle von London über Petersburg mit Hülfe von theuer erkauften Geleitscheinen ihren Weg mitten durch die französischen Armeen oder auf andere, fast unglaubliche Weise nach Winterthur gefunden hatten. Im J. 1812 entschloß sich die Firma J. J. Rieter & Cp., selbst zur mechanischen Spinnerei überzugehen und errichtete in Gemeinschaft mit zwei anderen Theilhabern am Wildbach in Winterthur eine Spinnerei von 3888 Spindeln. Die Vorwerke wurden durch Wasserkraft, die Vorspinn- und Spinnmaschinen von Hand getrieben. Allein der Fluth wohlfeiler englischer Garne, die sich nach dem Sturze Napoleon’s und seines Sperrsystems ungehemmt auch über die Schweiz ergoß, vermochte diese neue und noch sehr unvollkommene Schöpfung nicht zu widerstehen. Sie wurde im J. 1817 wieder aufgegeben. Die Firma J. J. Rieter & C. nahm ihren Drittheil an Maschinen, bestehend aus sechs Mules mit den dazu gehörigen Vorwerken, zu Handen und verwendete ihn bei der Einrichtung einer größeren mechanischen Spinnerei für feinere Garnnummern, die sie auf alleinige Rechnung in der Nähe St. Gallens aufstellte. In Winterthur betrieb sie von da an nur noch den Großhandel in Baumwolle, in englischen und Schweizer Garnen. Dem Colonialwaarengeschäft hatte die Sperre allmählich eine Ende bereitet, und der 1810 aufgenommene Handel mit rohen und gebleichten Baumwolltüchern war nicht über das Jahr 1816 fortgeführt worden. Als sich indeß auch andere große Geschäftshäuser dem Garnhandel zuwandten und dessen Ergebnisse schmälerten – ein Gewinn von c. fr. 500 auf dem Ballen von 10 Centnern wurde nicht mehr im richtigen Verhältnisse zu der Gefährde erachtet – da schien es R. an der Zeit, doch auch bei Winterthur selbst die mechanische Spinnerei noch einmal aufzunehmen. Im J. 1825 begann er mit dem Bau der Feinspinnerei Töß, die von vornherein mit den besten mechanischen Einrichtungen ausgerüstet werden sollte. Neben ihr erhob sich eine bescheidene mechanische Werkstätte; in erster Linie darauf berechnet, die eigene Spinnerei jederzeit ohne fremde Beihülfe in tadellosem Stande erhalten zu können. Bevor jedoch die neue Schöpfung zum Betriebe fertiggestellt war, raffte der Tod den unermüdlichen und thatkräftigen, mit seltener Speculationsgabe ausgerüsteten Geschäftsmann dahin, der nach Schweizer Art auch der Vaterstadt als Mitglied des Stadtraths, dem Kanton Zürich als Mitgliedes des großen Raths seine Dienste zur Verfügung gestellt hatte. Zum Glück für sein Haus stand dem Verstorbenen schon seit einer Reihe von Jahren ein ebenbürtiger Sohn zur Seite, Heinrich Rieter, geboren am 13. März 1788, der sich ganz besonders für die technische Seite des Geschäftsbetriebs ausgebildet hatte. Nicht daß die damaligen Schulen seiner Vaterstadt oder auch diejenigen des [595] benachbarten Zürich ihm Gelegenheit dazu geboten hätten; an beiden Orten stand noch für jede höhere Ausbildung das Latein zuvorderst. Durch Privatunterricht mußte sich R. erst im reiferen Mannesalter die ihm fehlenden mathematischen Kenntnisse nachholen und that dies mit solchem Erfolg, daß er sich nicht allein der Leitung der Spinnerei Buchenthal bei St. Gallen durchaus gewachsen zeigte, sondern daß auch die Pläne zu den neuen Anlagen in Töß wesentlich sein Werk waren. Durch weitere rastlose Arbeit und Selbstbildung gelang es ihm sodann, die bescheidenen Anfänge in Nieder-Töß im Laufe eines Vierteljahrhunderts einerseits zur besten Feinspinnerei der Schweiz und damit des Continents zu entwickeln, anderseits zu einer der bedeutendsten Maschinenwerkstätten von Weltruf, für welche unter seinem Nachfolger die weiten Räume des einstigen Frauenklosters in Ober-Töß von Grund aus umgebaut wurden. Besonders die Spinnereieinrichtungen haben der Firma J. J. R. & Cp. die mannigfaltigsten Verbesserungen zu verdanken; denn was die mechanische Werkstätte auf diesem Gebiete Neues schuf, das kam zuerst in der eigenen Spinnerei zur sorgfältigen Probe, ehe es an andere hinausgegeben wurde. Freilich nahm die rasche Ausdehnung seines Etablissements die Kräfte von H. R. dermaßen in Anspruch, daß er sich dem öffentlichen Leben nach kurzer Theilnahme als Mitglied des großen Raths in dem bewegten Jahre 1831 wieder entziehen mußte. Als Geschäfts- und Privatmann aber gehörte er, wie sein Vater, jenem Geschlechte von Männern an, denen Winterthur seinen guten Ruf und seine Wohlfahrt und die Schweiz ihren ehrenvollen Platz unter den Industriestaaten vor allem verdankt. R. starb am 1. August 1851 und hinterließ seine Schöpfungen wohlgeborgen in den Händen eines gleichnamigen Sohnes.