ADB:Schlemm, Friedrich

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Artikel „Schlemm, Friedrich“ von Nikolaus Rüdinger in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 31 (1890), S. 462–464, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Schlemm,_Friedrich&oldid=- (Version vom 7. Juli 2020, 13:28 Uhr UTC)
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Band 31 (1890), S. 462–464 (Quelle).
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Schlemm: Friedrich S., Professor der Anatomie zu Berlin, ein Hannoveraner, geboren am 11. December 1795 zu Gitter am Berge (bei Salzgitter), war ein self made man im wahren Sinn des Wortes. Als ganz unbemittelter 17jähriger Junge wendete sich S. nach Braunschweig, trat bei einem Barbier in Condition und erwarb sich so die Mittel zu seinem Unterhalt und Studium an der anatomisch-chirurgischen Lehranstalt. Schon im darauffolgenden Jahre wurde S. vom Prosector Berger als Amanuensis aufgenommen, mußte aber bald Braunschweig verlassen, weil er für Prosector Berger einer Leiche den Kehlkopf herausnahm, ohne von den Angehörigen die Erlaubniß zur Section erhalten zu haben. Dieses Vorgehen mußte S. mit Gefängnißstrafe büßen und aus derselben entlassen, wanderte er, weil mittellos, zu Fuß nach Berlin, um seine Studien dort fortsetzen zu können. Die vollständige Mittellosigkeit Schlemm’s nöthigte ihn, als „Compagnie-Chirurgus“ bei den Gardeschützen mit einem Gehalt von 10 Thalern monatlich einzutreten. In dieser Stellung erhielt S. die Erlaubniß, an der Universität Vorlesungen zu hören und fand dort einen liebevollen, vorurtheilsfreien Gönner an dem vortrefflichen Physiologen Rudolphi, welcher Schlemm’s specifische Begabung kennen lernte und dessen seltene Geschicklichkeit in der Anfertigung anatomischer Präparate zu würdigen verstand. Rudolphi unterstützte ihn denn auch bei dem Bestreben, Gehülfe am anatomischen [463] Institut in Berlin zu werden. Für die weitere Ausbildung Schlemm’s war eines der größten Hindernisse der Mangel an humanistischen Studien. Die Begeisterung für seine Disciplin half S. auch über diese Schwierigkeit hinweg, indem er mit unermüdlichem Fleiße und seltener Ausdauer auch diese Lücke ausfüllte. Er bereitete sich für das Maturitätsexamen vor und bestand dasselbe mit gutem Erfolg, so daß er im Jahre 1821 in die Lage versetzt war, mit der Dissertation: De arteriarum faciei anastomosibus als Doctor der Medicin, Chirurgie und Geburtshülfe zu promoviren. Wie groß muß die Liebe zur Wissenschaft, der Ehrgeiz für Erreichung eines höheren wissenschaftlichen Zieles und eine geachtetere Stellung in S. gewesen sein, um Aufgaben in verhältnißmäßig kurzer Zeit zu bewältigen, die bei vieljähriger Arbeit von Knaben auf der Schulbank regelrecht und vielfach ohne besondere Mühe vollbracht werden. – Heute noch wird das werthvolle Kopfarterien-Präparat pietätvoll in dem Berliner anatomischen Museum aufbewahrt, welches die Grundlage für die Dissertation Schlemm’s bildete. Zum ersten Male wurden von S. an demselben die vielen makroskopischen Anastomosen der Arterieen des Gesichts, deren Existenz und Kenntniß für die plastischen Operationen an den Lippen, der Nase und den Augenlidern so bedeutungsvoll sind, für die Demonstration herausgearbeitet. Nachdem alle vorgeschriebenen Bedingungen für die Universitätscarriere von S. erfüllt waren, habilitirte er sich im J. 1823 als Privatdocent für Anatomie, wendete sich vorwiegend der vergleichenden descriptiven und angewandten Anatomie mit sehr gutem Lehrerfolge zu, der ihm sehr erleichtert wurde in seiner Stellung als Prosector. Eine Reihe von anatomischen und vergleichend-anatomischen Abhandlungen, wie jene über das Blutgefäßsystem der Schlangen („Anatomische Beschreibung des Blutgefäßsystems der Schlangen“ in Tiedemann’s Zeitschrift für Physiologie 1826) und „Das Nervensystem der Fische“, letztere gemeinsam bearbeitet mit d’Alton, wurde mit dem Cuvier’schen Preis der Akademie der Wissenschaften zu Paris gekrönt. Schon vor der Vollendung dieser Arbeit wurde S. 1829 zum Professor extraordinarius und 1833 zum Professor ordinarius für Anatomie befördert. Auch nach der Berufung des genialen Joh. Müller nach Berlin hat S. eine fruchtbare Lehrthätigkeit entfaltet, mehrere angiologische und neurologische Abhandlungen verfaßt, Aufsätze für das Berliner encyklopädische Wörterbuch der medicinischen Wissenschaften und Rust’s Handbuch der Chirurgie geliefert. Neben dem nobel denkenden Joh. Müller, mit welchem S. in sehr guten Beziehungen lebte, galt S. in Berlin als vorzüglicher akademischer Lehrer, und Referent erinnert sich noch an die auf den deutschen Universitäten bei den Medicinern vorhandene Tradition, welche dahin lautete, daß man in Berlin bei Professor S. sich vorzüglich, sogar zur Ferienzeit, in chirurgischen Operationen ausbilden könne. Die Operationscurse sollen in dem vierten und fünften Decennium unseres Jahrhundert die einzigen in Berlin gewesen sein. Fr. Ravoth gab im J. 1845 Schlemm’s „Operationsübungen am Cadaver“, als Leitfaden für dieselben bearbeitet, heraus, eine Schrift, die Referent während seiner Studienzeit sehr genau kennen lernte und die viele Auflagen erlebt hat. Nachdem S. in seinem höheren Alter mit dem Titel eines Geh. Medicinalrathes ausgezeichnet worden war, starb er in Berlin am 27. Mai 1859 im 63. Lebensjahre. S. war bewunderungswürdig durch den geheimnißvollen Zug individueller Selbständigkeit, die Mittel und Wege ohne äußere Beeinflussung sucht und findet, um höhere Ziele und wissenschaftliche Befriedigung zu gewinnen. Gehörte auch S. nicht zu den ersten wissenschaftlichen Größen auf dem Gebiete der Morphologie, ist er auch nicht zu vergleichen mit jenen Forschern, die wie Schwann und Henle, Schüler von Joh. Müller, gleichzeitig neben ihm epochemachende Leistungen vollbrachten, so muß derselbe doch als eine hochachtbare, selbständige Individualität von hohem Ansehen in der Geschichte seiner Disciplin [464] verzeichnet bleiben. An der am Ende des zweiten und Anfang des dritten Decenniums unseres Jahrhunderts gewonnenen neuen Richtung in der Histologie und Entwickelungsgeschichte, die von Joh. Müller die intensivsten Anstöße empfing, hatte S. minder Antheil als Henle und Schwann, welche für die neuere histologische Forschung die richtigen Wege gebahnt haben.