ADB:Schlosser, Gustav

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Artikel „Schlosser, Gustav“ von Hermann Dechent in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 31 (1890), S. 542–543, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Schlosser,_Gustav&oldid=- (Version vom 16. Oktober 2019, 20:11 Uhr UTC)
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Schlosser: Gustav S., lutherischer Theologe, † als Geistlicher des evangelischen Vereins für innere Mission zu Frankfurt a. M. am 1. Januar 1890, war geboren am 31. Januar 1826 zu Hungen im Großherzogthum Hessen, wo sein Vater Dr. Friedrich Gottlob S. die Stelle eines Solms-Braunfels’schen Kammerraths bekleidete. Mit 15 Jahren kam er in das Gymnasium zu Darmstadt, mit 18 Jahren zur Hochschule in Gießen, wo er 1843–47 dem Studium der Theologie oblag. Obwohl die Mehrzahl der theologischen Professoren der freisinnigen Richtung huldigte, zeigte S. schon frühe ein entschiedenes Interesse an dem lutherischen Bekenntnisse. Von 1847–48 besuchte er das Predigerseminar in Friedberg, von wo aus er lebhaften Antheil an den Bewegungen jenes stürmischen Jahres nahm, das er später in dem Buche: „Die Revolution von 1848“ (Gütersloh, Bertelsmann, 1883) an der Hand seiner eigenen Erlebnisse beschrieben hat. Im Herbst 1848 übernahm er die Leitung eines Knabeninstituts in Darmstadt. Schon damals trat er für die Sache der Inneren Mission ein, der er sich später völlig widmen sollte, indem er mit gleichgesinnten jüngern Freunden die von Wichern auf dem Wittenberger Kirchentage gegebenen Anregungen zu fördern suchte. In diesem Sinne wirkte er bei der Gründung des Rettungshauses zu Hähnlein, sowie des Darmstädter Diakonissenhauses mit. Zur Vertretung des conservativen Standpunkts in Staat und Kirche wurden damals die „kirchlich-politischen Blätter“ (seit 1850) ins Leben gerufen, deren Redaction meist in Schlosser’s Händen lag. Im J. 1852 trat er in die seelsorgerliche Thätigkeit ein, indem er zum ersten Verwalter der neugegründeten Diasporagemeinde Bensheim ernannt wurde. Seine Predigtgabe lenkte die Blicke des Grafen Ludwig von Erbach-Schönbach auf ihn, der ihn 1854 zum [543] Hofcaplan in Schönberg und 1864 zum Pfarrer in Reichenbach beförderte. In dieser Zeit betheiligte sich S. in hervorragender Weise an den kirchlichen Streitigkeiten, indem er gegen die vom Kirchenregiment vertretenen unionsfreundlichen Bestrebungen auftrat und die vielfach noch rationalistisch gefärbten Lehrbücher bekämpfte. Als Redacteur des 1855 gegründeten „Hessischen Kirchenblattes“, das er lange Jahre hindurch geleitet hat, führte er einen scharfen Kampf zu Gunsten des lutherischen Bekenntnisses. Er stand auch der Einführung einer Presbyterial- und Synodalverfassung lange mit Besorgniß gegenüber, ohne doch schließlich mit andern Gesinnungsgenossen auf die Seite der renitenten Lutheraner zu treten. In mehreren Streitschriften behandelte er die Lage der evangelischen Kirche im Großherzogthum Hessen. 1873 verließ er den hessischen Kirchendienst, um Vereinsgeistlicher in Frankfurt zu werden. Hier hatte er vortreffliche Gelegenheit, seine in der Stille gesammelten und durch Reisen bereicherten Erfahrungen auf dem Gebiete der Inneren Mission zu verwerthen. Er entfaltete in dieser Stellung eine bedeutende Arbeitskraft, indem er theils die bereits in Frankfurt bestehenden christlichen Vereine förderte, theils neue Anstalten mit in das Leben rief. Unter seiner Leitung entstand die Herberge zur Heimath, das Magdalenum, sowie das Vorasyl zur vorübergehenden Unterbringung gefallener Mädchen; auch wurde eine Stadtmission mit berufsmäßigen Pflegern durch ihn in Frankfurt begründet. Durch Bibelstunden und Vorträge suchte er christliche Erkenntniß zu verbreiten. Eine größere Anzahl seiner Vorträge, in welchen er übrigens die verschiedensten Gebiete des Menschenlebens in das Licht christlicher Weltanschauung zu stellen suchte, ist im Drucke erschienen. In gleichem Geiste wirkte er auch seit 1879 als Herausgeber des „Christlichen Bücherschatzes“ (anfangs zu Frankfurt, nachmals zu Karlsruhe erschienen), sowie seit 1880 als Mitredacteur der „Zeitfragen des christlichen Volkslebens“ (Heilbronn, Henninger). Vielfach wurde er auch auswärts zu Festpredigten und Vorträgen begehrt. Seine „Reden im Freien“ (6 Hefte, erschienen 1881 und 1882 in der Schriftenniederlage zu Frankfurt, 2. Aufl. 1887 bei Drescher) enthalten mustergültige Proben einer originellen volksthümlichen Beredtsamkeit, die überall an das Nächstliegende anzuknüpfen weiß. Auf vielen Generalversammlungen und Conferenzen hat er über Fragen der Inneren Mission und der Erziehung (über die Fürsorge für die confirmirte weibliche Jugend des Arbeiterstandes, berufsmäßige Armenpflege, Vagabundennoth, Magdalenensache, Pflicht der Verantwortung der Eltern in betreff der Erziehung ihrer Kinder u. s. f.) Referate übernommen, die von großer Sachkenntniß Zeugniß ablegten. Viele kleinere Aufsätze erschienen in Blättern von conservativer kirchlicher und politischer Haltung, wie Kreuzzeitung, Reichsbote, lutherische Kirchenzeitung, conservative Monatsschrift. In den letzten Tagen des Jahres 1889 erkrankte er an der Influenza und wurde bereits am Neujahrstage 1890 abgerufen. Seine umfassende Thätigkeit auf dem Gebiete des praktischen Christenthums, sowie die unbedingte Ueberzeugungstreue und Mannhaftigkeit wurden auch von solchen anerkannt, die in kirchenpolitischen oder dogmatischen Fragen einen andern Standpunkt einnahmen.

Vgl. die Schrift seines Freundes und Mitstreiters Chr. W. Stromberger, Gustav Schlosser, Mittheilungen über dessen Leben und Wirken, Karlsruhe 1890, worin auch die Arbeiten Schlosser’s fast vollständig verzeichnet sind.