ADB:Schmidt von Werneuchen, Friedrich Wilhelm August

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Artikel „Schmidt, Friedrich Wilhelm August, genannt Schmidt von Werneuchen“ von Heinrich Pröhle in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 32 (1891), S. 24–26, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Schmidt_von_Werneuchen,_Friedrich_Wilhelm_August&oldid=- (Version vom 14. Oktober 2019, 11:46 Uhr UTC)
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Band 32 (1891), S. 24–26 (Quelle).
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Schmidt: Friedrich Wilhelm August S., genannt Schmidt von Werneuchen, märkischer Naturschilderer. Er wurde geboren am 23. März (nicht Mai) 1764 in dem Dorfe Fahrland bei Potsdam. Vielleicht sein schönstes Gedicht hat er sehnsuchtsvoll diesem märkischen Dorfe gewidmet, insbesondere dem Pfarrhause, in welchem er geboren war. Unter den zahlreichen Gedichten, die wir von Voß, Clamor Schmidt und Rückert auf evangelische Pfarrhäuser besitzen, ist, wenn wir nicht Mörike’s Gedicht vom alten Thurmhahn mitrechnen, keines so individuell und zugleich so stimmungsvoll als das Fahrlandsche, in welchem S. von sich selbst singt:

Froher alsdann als der Sperling im Dach, dem von hinten die Federn
Ueber’s Köpfchen der Sturmwind blies, unterhielt ich so gerne
In dem rothen Kamin die Gluth mit knisternden Spänen.

Elf Jahre alt aber kam der Knabe auf das Schindler’sche Waisenhaus in Berlin, welchem mit ihm zusammen auch Stägemann angehörte. In der Mitte der achtziger Jahre ging er als Studiosus der Theologie nach Halle und zu Anfang der neunziger Jahre wurde er Prediger am Invalidenhause zu Berlin. Hier verheirathete er sich 1795 mit seiner vielbesungenen Henriette, mit welcher er 1796 die Pfarre zu Werneuchen zwischen Berlin und Eberswalde bezog. Nach [25] geraumer Zeit erschütterte ihn der Tod Henriettens und eines ihrer Söhne, den er Uleken (Ulrich) nannte, tief. In einem Sonettenbande flocht er nun reichliche Todtenkränze. Nur diesmal zeigte sich der Dichter auch als eigentlichen Geistlichen. Der zweiten Gattin konnte er für die lange übrige Lebenszeit zwar nicht entbehren, doch verlief die Ehe mit ihr durchaus gewöhnlich bis zu seinem erst am 26. April 1838 erfolgten Tode. Er hatte ein Alter von 74 Jahren erreicht. Ueberlebt hatte er sich nur insofern nicht, als er in der Art wie Langbein, der altmärkische Dialektdichter Bornemann und Andere das Publicum durch einige damals noch unvergessene Schwänke, namentlich das bekannte „Zum fernen Liebchen ritt ich einst“ unterhielt. In den Schulen wurde das „Liebchen“ in einen „Freund“ verwandelt. Das unschuldige Gedicht erzählt die Geschichte eines Amtmanns, der während eines Gewitters im Walde seinen Pudel und seine Mütze verliert. Als er am gewohnten Ziele angelangt ist, zeigt sich der Pudel vor der Thür und hat die Mütze apportirt. Zum Dichter wirklich gesungener beliebter Lieder wurde S. jedenfalls weniger als der mit ihm litterarisch eng verbundene Pfarrer Bindemann, dessen Gedicht „Wir fuhren mit Fischergeräthe“ allbekannt ist. Vielleicht waren es auch gerade die Schwänke und die Bürger nachgeahmten Balladen, deren wegen Schmidt’s Gedichte dreißig Jahre vor seinem Tode die kostbare Ausstattung durch Chodowiecki’sche Bilder erhalten hatten. Was uns an S. jetzt interessirt, ist lediglich seine Naturschilderung. Auch hier lehnt er sich an Bürger in dessen gelungensten Momenten an, z. B. wenn er erzählt, wie der Herbstwind im Busche die Blätter von den Schlehen wäscht. Obgleich er nun auch in diesem wirksamen Tone, der ja von Bürger selbst selten angeschlagen wird, nur selten lange fortfährt, so gewinnt er als unverwüstlicher Reimer doch auch unsere Nachsicht, wenn er gewöhnlich mehr in Vossens ruhiger Weise die Mark schildert. Aber nicht Werneuchen, sondern Berlin war es, wo nicht bloß die märkische Naturschilderung von Wilibald Alexis und Theodor Fontane, sondern auch die von S. geblüht hat. Der Norden und Westen Berlins, wo er wohnte, mit Tegel und der Jungfernheide regten ihn an. Es sind nicht die Charakterzüge von Werneuchen, sondern von Berlin und Potsdam, wo schon Kleist’s Frühling zu Hause war, die seine Gedichte werthvoll machen. Zu seinen besten Gedichten gehört die Beschreibung einer Reise nach Tegel mit einem reichen Berliner Freunde. Man kann nun allerdings auch mit Rücksicht auf dies Gedicht sagen, daß die bloße Beschreibung noch keine Poesie ist. Indessen liegt den Schilderungen Schmidt’s von Werneuchen doch immerhin eine sehr gesunde Sinnlichkeit zu Grunde. Sie unterscheiden sich dadurch sehr zu ihrem Vortheile von den Idyllen Clamor Schmidt’s. Was vielleicht bei geringeren Anlagen S. doch zum Dichter machen half, war auch, daß er seine erste Liebe (Henriette) heimführte. Nahm nun auch seine Phantasie im Pfarrhause zu Werneuchen keine solchen seelenvollen Bilder mehr auf wie die aus dem Pfarrhause zu Fahrland, so gelang es ihm doch, an der Seite der Geliebten in nicht gewöhnlicher Weise auch die Landschaft von Werneuchen zu schildern, indem er um das Pfarrhaus her auch den Garten und den Wald vor unseren Augen entstehen läßt. Es war damals die Zeit, da nicht allein im Gegensatze zu der französischen Revolution, sondern auch zu dem unsittlichen aus Frankreich gekommenen Hofleben die Verherrlichung der Familie, des Landlebens, des „Hüttchens“ und des evangelischen Pfarrhauses in der Litteratur an der Tagesordnung war. Man sollte glauben, daß ein Dichter wie S. auch dem preußischen Hofe hätte werth werden können, da doch Lafontaine’s Romane trotz ihrer Unbedeutendheit dort werth gehalten wurden. Doch scheint die lyrische Gattung dort weniger Zutritt gefunden zu haben. S. gehörte der älteren Richtung in der Poesie an und leitete eher zu den Realisten hinüber, als daß er mit Tieck’s mondbeglänzter Zauberpoesie harmonirt hätte. So fein [26] empfindende Dichter wie die Romantiker erkannten jedoch leicht, daß der Pfarrer von Werneuchen oft die seltsamsten Dinge in seinen Beschreibungen miteinander verband. Seine sonderbaren Verse „Die Frösche laichen In Kalmusteichen“ sind zur Beschreibung der Mark ganz dienlich, aber doch insofern sinnlos, als ein Teich mit Kalmus zum Laichen der Frösche nicht nöthig ist. Eine Kritik Tieck’s über den „Almanach der Musen und Grazien in der Mark“ scheint Goethe’s bekanntes Spottgedicht auf S. veranlaßt zu haben. Wir haben gefunden, daß ihm Sinnlichkeit nicht abgeht. Darauf beruht nach unserer Meinung der Werth der Dichtungen, die er unter immer wieder neuen Titeln herausgab. Die Leidenschaft freilich fehlt bei aller Sinnlichkeit in den Gedichten Schmidt’s und das konnte ihm ein Lyriker von Goethe’s Schwunge schwer verzeihen. Hat doch Goethe selbst in seinen Idyllen die leidenschaftliche Liebe noch mehr zum Mittelpunkte gemacht als dies im Epos und im εἰδύλλιον der Alten, die doch noch auf andere Zwecke hinauslaufen, der Fall war. Auch legte Goethe in sein Spottgedicht auf die Mark 1797 wohl noch etwas von der sehr gerechtfertigten Unzufriedenheit mit seiner Reise nach Berlin und Potsdam nieder. Die spitzen Kirchthürme und das saure Bier in den Wirthshäusern, welches Goethe der Mark vorwirft, haben jedoch nicht gehindert, daß die Hauptstädte der Mark, Berlin und Potsdam, kaum 100 Jahre später auch die Hauptstädte von Deutschland waren. Die Gedichte Schmidt’s von Werneuchen, die sich auf die Gegend von Potsdam beziehen, haben daher einen historischen Werth. Wenn Klamer Schmidt’s Geständniß, daß manches alemannische Gedicht von Johann Peter Hebel mehr werth sei, als ein ganzer Band von Clamor Schmidt’s Gedichten, auch auf S. von Werneuchens märkische Gedichte angewandt werden könnte, so wären wir doch zur Anlegung dieses rein ästhetischen Maßstabes wegen ihrer culturhistorischen Bedeutung nicht voll berechtigt. – Ein Sohn Schmidt’s von Werneuchen war Vorsteher einer Privatschule in Berlin und zog sich vor 30 Jahren nach dem Muster des Vaters auf ein Landgut zurück.

Hauptquelle über S. von Werneuchen sind Fontane’s Wanderungen durch die Mark Brandenburg I, 2. Aufl., wo S. 382–403 „Werneuchen“ überschrieben ist. Fontane wurde bei der Arbeit unterstützt von dem Schulvorsteher Schmidt und Gymnasialdirector W. Schwartz, welcher letztere auch mir noch eine Mittheilung machte. Erinnerungen in einem späteren Jahrgange des Morgenblattes schilderten die Gastfreundschaft, welche die Nachkommen der Karschin und andere schriftstellerische Persönlichkeiten in Werneuchen genossen. – H. Pröhle, Abhandlungen S. 73–84, 242–246 enthält „Goethe in Berlin und Potsdam“, S. 81–83 handelt von F. W. A. Schmidt und Bindemann, über welchen letzteren hier vorläufig auf Petrich verwiesen wird. Schmidt von Werneuchen ist auch bereits in den Neudrucken berücksichtigt, die L. Geiger von Berliner Schriftstellern herausgibt.