ADB:Schnabel, Joseph Ignaz

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Artikel „Schnabel, Joseph Ignaz“ von Robert Eitner in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 32 (1891), S. 79–81, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Schnabel,_Joseph_Ignaz&oldid=- (Version vom 17. Juli 2019, 10:57 Uhr UTC)
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Schnabel: Joseph Ignaz S., ein beliebter Kirchencomponist, geboren am 24. Mai 1767 zu Naumburg am Queis, wo sein Vater Cantor war, † am 16. Juni 1831 zu Breslau. Mit einer hübschen Stimme begabt, kam er schon als 8–9jähriger Knabe als Chorsänger an die Vincenzkirche nach Breslau und wurde Schüler des katholischen Gymnasiums. Er war zum Priester bestimmt, doch durch einen Unglücksfall hatte sein Gehör gelitten, so daß er das Gymnasium schon mit Sexta verließ und die Schullehrerlaufbahn einschlug. Im Dorfe Paritz angestellt, fand er besondere Lust daran, seine Schüler musikalisch anzulernen und mit ihnen Aufführungen zu veranstalten, die in der ganzen Umgegend Aufsehen erregten, und da er dabei auch als Componist auftrat, ohne jegliche Vorstudien, so nahm sich seiner der Cantor Scholz in Hohenstein an, der ihm die nöthigen theoretischen Begriffe beibrachte. Fleiß, Ausdauer und eine gewisse Begabung verhalfen ihm sehr bald zu einer Kunstfertigkeit, die ihn befähigte eine höhere Stellung einzunehmen. Am 5. März 1797 wurde er durch Vermittelung des Regens chori am Vincenzstifte in Breslau, Namens Steiner, zum Organisten an St. Klara erwählt und erhielt zugleich die Stelle eines ersten Violinisten am Orchester an St. Vincenz. Der Musikdirector Förster in Breslau nahm sich des strebsamen Mannes an und half überall nach, wo es noch fehlte. Im J. 1799 erschienen drei kleine Messen von ihm und in demselben Jahre führte er in der Maria Magdalenenkirche ein Oratorium seiner Composition auf. Um seinen geistlichen Compositionen schnelleren Eingang zu verschaffen, griff er zu dem sehr fraglichen Mittel, dieselben für Compositionen Mozart’s auszugeben und erst später, als sie allgemein bewundert wurden, trat er als der Verfasser hervor. Bei der damaligen naiven Kunstrichtung, die im Urtheilen noch ganz in den Kinderschuhen einherging, ließ sich ein solcher Betrug wohl leichter durchführen und wurde auch leichter verziehen, besonders schon deshalb, weil S. genau denselben heiteren, fast fröhlichen Ton traf, der auch in [80] dem größten Theile der Mozart’schen Kirchenmusik zum Ausdrucke gelangt und der sie den andern Kindern der Mozart’schen Muse kaum ebenbürtig erscheinen läßt. S. wurde auch am Stadttheater als erster Violinist angestellt und vertrat zeitweise den Capellmeister, bis er am 1. April 1805 zum Capellmeister am Dome in Breslau gewählt wurde. S. hatte einen unternehmenden Geist, der vor keiner Schwierigkeit zurückschreckte. Sowie er schon als Dorfschullehrer mit seinen Bauernjungen Mozart’sche Sinfonien aufführte, so wußte er auch in Breslau die musikalischen Kräfte zu vereinen, um die Schöpfung Haydn’s zur Aufführung zu bringen, die dann vom Jahre 1800 ab (am 19. März 1799 fand die erste Aufführung im Manuscript in Wien statt) alljährlich von ihm am grünen Donnerstage zu Gehör gebracht wurde. In damaliger Zeit, wo es weder Gesangvereine noch stehende Orchester gab, konnte man eine solche Aufführung wirklich ein kühnes Unternehmen nennen, und es ist mir heute noch unerklärbar, wie wir 9–12jährigen Schuljungen mit einer Anzahl jungfräulicher Dilettanten und älteren Tanten in den 40er Jahren alljährlich die Schöpfung bei zwei Proben, ohne umzuwerfen, unter dem Sohne dieses unseres S. zur Freude der Einwohner Breslaus am grünen Donnerstage zur Aufführung brachten, mit einem Orchester, welches ebenso aus theilweise sehr fraglichen Elementen zusammengestellt war. Die freudige Begeisterung und der kritiklose Genuß muß doch hierbei über alle Schwierigkeiten hinweggeholfen haben. – S. erhielt nach und nach über das ganze Musiktreiben Breslaus die Oberhand und leitete es zum besten des Kunstgeschmacks mit sicherer Hand. Mozart und Haydn wurden durch ihn bekannte und über alles geschätzte Meister, während sie an anderen Orten noch lange als unverständlich verschmäht wurden. Breslau hat lange das Glück gehabt, tüchtige Dirigenten zu besitzen. Der Nachfolger Schnabel’s, Jos. Franz Wolf, ein vorzüglicher praktischer Musiker, führte später Beethoven’s symphonische Werke mit Energie und Geschick ein, so daß sie Gemeingut der gebildeten Einwohner wurden, während man anderenorts immer noch vor ihnen zurückschreckte. 1812 wurde S. und der Organist Berner vom Ministerium beauftragt, die Berliner Singakademie und das königl. Institut für Kirchenmusik in Berlin kennen zu lernen, um in Breslau ähnliche Einrichtungen zu treffen. Beide gingen mit Eifer an die Ausführung ihrer Aufgaben, doch erst Mosewius glückte es, das Institut einer Singakademie ins Leben zu rufen, während das Kirchenmusikinstitut an der Universität gleich errichtet wurde. Auch am katholischen Seminar wurde S. Musiklehrer und übte dadurch auf die ganze Provinz seinen Einfluß aus. Letzteres Amt übertrug er aber 1831 auf seinen Sohn August, der zwar den Namen, aber nicht die Thatkraft seines Vaters geerbt hatte. Tief betrauert beschloß er kurz darauf sein der Kunst gewidmetes Leben. – Als Componist huldigte er nur allzusehr dem Zeitgeiste, der noch ganz in den Fesseln des 18. Jahrhunderts sich befand und mehr den melodisch-harmonischen Klangreiz, als die ernsten Seiten der Kunst berührte. Mozart’s und Haydn’s Kirchenmusik, die schwächste Seite beider Meister, bildete den Ausgangspunkt und das Ziel der Bestrebungen damaliger Componisten. Es war ein Mittelding zwischen Opern- und Kirchenmusik und huldigte nur allzusehr einem oberflächlichen Ohrenkitzel. S. stand eine leichte melodienreiche Erfindung zu Gebote und seine Messen, Offertorien, Vespern, Hymnen, Gradualien, Salve regina und vieles andere sind eingetaucht in den Wohllaut der Musiksprache. Alles fließt natürlich und ist logisch aufgebaut, doch was wir heute von der Kirchenmusik verlangen, fehlt ihr vollständig. Eine nur annähernd contrapunktische Arbeit sucht man vergeblich, Homophonie vom Anfang bis zum Ende ist ihr Charakter. Scheinbar fugirte Einsätze verlaufen sich schon nach der Einführung der zweiten Stimme in harmonisch melodischen Zusammenklang. Seine [81] Zeitgenossen urtheilten anders. Selbst der Aesthetiker und musikverständige Prof. Kahlert in Breslau, der in der Leipziger Musikzeitung von Breitkopf & Härtel 1831 Sp. 465 den Nekrolog über S. schreibt, preist seine Messen als unvergeßliche Werke und „als einen wahren Schatz für die Kirchenmusik“. Mir lagen auf der Berliner Bibliothek eine stattliche Reihe gedruckter und ungedruckter Werke Schnabel’s vor, doch der Zuschnitt und die musikalische Ausdrucksweise ist so gleichartig, daß man sehr bald Ueberdruß empfindet. Es erscheint gar nicht so wunderlich, daß diese Männer so massenhaft producirt haben. Sie hatten sich eine gewisse Fertigkeit in der Ausdrucksweise angewöhnt und wie ein gewandter Prediger nie in Verlegenheit kommt, sich in demselben Kreise Jahr aus Jahr ein herumzudrehen und stets Worte findet, immer dasselbe in anderer Form zu sagen, so beschrieben die Componisten des 18. und bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts ein Rieß Papier um das andere, ohne je etwas anderes zu sagen, als was sie schon so oft ausgedrückt hatten. Das angeborene Talent ließ die Quelle nie versiegen und raubte dem Ausdrucke nie die Frische der Empfindung.

Koßmaly u. Carlo, Schlesisches Tonkünstler-Lexicon, Breslau 1846.