ADB:Schubert, Theodor Friedrich von

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Schubert, Theodor von“ von Viktor Hantzsch in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 54 (1908), S. 231–234, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Schubert,_Theodor_Friedrich_von&oldid=- (Version vom 18. Oktober 2019, 05:01 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
Nächster>>>
Schuch, Franziskus
Band 54 (1908), S. 231–234 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Friedrich Theodor Schubert in der Wikipedia
GND-Nummer 101531834
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|54|231|234|Schubert, Theodor von|Viktor Hantzsch|ADB:Schubert, Theodor Friedrich von}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=101531834}}    

Schubert: Theodor Friedrich von Sch., Militärgeograph, Kartograph und Geodät, kaiserl. russ. General der Infanterie, wurde als Sohn des namhaften Astronomen und Mathematikers Friedrich Theodor Sch. (s. A. D. B. XXXII, 628 ff.), der aus Helmstedt stammte und 1783 nach Rußland ausgewandert war, 1789 zu St. Petersburg geboren. Er empfing den ersten Unterricht im elterlichen Hause und trat dann in das Cadettencorps ein, um sich für den Officiersberuf vorzubereiten. Außerdem führte ihn der Vater persönlich in seine Specialwissenschaften ein, sodaß er schon frühzeitig in diesen Gebieten ausgezeichnete Kenntnisse und Fertigkeiten gewann. Als der Vater 1805 eine russische Gesandtschaft nach China als Mitglied der wissenschaftlichen Abtheilung begleitete, erhielt er die Erlaubniß, seinen jugendlichen Sohn mitzunehmen. Beide führten unterwegs gemeinsam eine Anzahl astronomischer Positionsbestimmungen sowie geographische und meteorologische Beobachtungen aus, und es gelang ihnen, die Karte Sibiriens in mancherlei Einzelheiten zu [232] verbessern. Ihren Wunsch, auch in China Vermessungen anzustellen und so weit als möglich in das Innere des himmlischen Reiches Vorzudringen, konnten sie nicht verwirklichen, da die Gesandtschaft nicht bis Peking gelangte, sondern nach langwierigen Streitigkeiten mit den chinesischen Grenzbehörden bereits in der Mongolei wieder umkehrte. Nach Ablauf der Reise wurde Sch. trotz seiner Jugend als Officier in den Generalstab aufgenommen und in den nächsten Jahren mit topographischen Aufnahmen und Recognoscirungen in verschiedenen Theilen des weiten Reiches beschäftigt. Auch nahm er vorübergehend an den Kriegen gegen die Türkei (1807–12), Schweden (1808–9) und Frankreich (1812–15) Theil. Als 1815 das durch den Wiener Congreß neu geschaffene Königreich der Niederlande eine amtliche Landesvermessung im großen Stil begann und auch von auswärts tüchtige Kräfte für dieses Werk heranzog, wurde er von seiner Regierung dem Unternehmen zur Verfügung gestellt und erhielt den Auftrag, einen Theil Belgiens, namentlich die Landschaften an den Flüssen Maas und Schelde, zu bearbeiten. 1818 kehrte er nach Rußland zurück, wo man ihn 1820 zum Chef der trigonometrischen Aufnahme des Petersburger Gouvernements und 1822 zum Director des auf seinen Antrag neubegründeten und von ihm selbst organisirten Militär-Topographencorps ernannte. 1828 wurde er dann zum Vorsteher der Topographischen Abtheilung des kaiserlichen Generalstabs befördert und gleichzeitig mit der Leitung des Hydrographischen Depots der Marine beauftragt. In dieser Stellung hat er fast drei Jahrzehnte hindurch die großartige geodätische Vermessung des weiten russischen Reiches geleitet und trotz aller Hindernisse, welche die Größe der Entfernungen, die Ungunst des Klimas und die Mangelhaftigkeit der Verkehrsmittel verursachten, eine Reihe von Kartenwerken geschaffen, die als die Hauptquellen der meisten gleichzeitigen und späteren kartographischen Arbeiten dienten. Seine Triangulationen und topographischen Aufnahmen umfaßten zunächst in den Jahren 1820–32 die Gouvernements St. Petersburg, Pskow, Witebsk und den nördlichen Theil von Nowgorod, dann 1833–39 Moskau, Smolensk und Mohilew, 1836–38 die Halbinsel Krim, 1840–44 Twer und den südlichen Theil von Nowgorod, außerdem während der Jahre 1828 bis 38 den Finnischen und einen Theil des Bottnischen Meerbusens. Um die wichtigsten Punkte der russischen Ostseeküste schärfer als bisher zu bestimmen, führte er überdies 1833 zum ersten Male für Rußland eine in jeder Hinsicht vorzüglich vorbereitete und gelungene größere chronometrische Expedition auf dem Kriegsschiffe „Hercules“ aus, über deren Verlauf und Ergebnisse er einen ausführlichen Bericht abstattete (St. Petersburg 1836, in russischer Sprache). Von seinen Kartenwerken ist in erster Linie zu erwähnen die in den Jahren 1821–39 erschienene, 59 Blatt und eine Uebersichtstafel umfassende „Specialkarte des westlichen Theils des Russischen Reiches 1 : 420 000″ in Bonne’scher Projection und wie alle seine Karten mit russischer Namengebung. Eine neue revidirte Ausgabe des Originals folgte 1844–56. Ein unvollendet gebliebener Nachstich mit französischem Text wurde während des Krimkrieges vom französischen Dépôt de la guerre veranstaltet (Paris 1855–56). 1827 veröffentlichte er einen Leitfaden zur Berechnung trigonometrischer Vermessungen. Im folgenden Jahre ließ er anläßlich der Kriege gegen Persien und die Türkei durch seine Topographen im Rücken der russischen Heere Aufnahmen und Mappirungen in Armenien, den Donaufürstenthümern und Bulgarien vornehmen. 1829 gab er eine „Kriegs-Straßenkarte eines Theils von Rußland 1 : 1 680 000″ in 8 Bl. heraus, die später durch den österreichischen General-Quartiermeisterstab vergrößert und mit deutschem Text versehen wurde (16 Bl. 1 : 1 400 000, Wien 1837). 1830 publicirte er eine viel gebrauchte und [233] wiederholt verbesserte „Postkarte des europäischen Theils des Russischen Kaiserreichs und der Kaukasischen Länder 1 : 2 520 000″ in 9 Bl. 1834 war die große „Topographische Karte des St. Petersburger Gouvernements 1 : 210 000″ in 8 Bl. vollendet, der in den nächsten Jahren noch ähnliche Karten der Gouvernements Pskow und Witebsk nachfolgten. Den Abschluß seiner kartographischen Thätigkeit bildete eine „Topographische Karte der Umgebung von Moskau 1 : 42 000″ in 6 Bl. (1852) und eine „Topographische Karte der Umgebung von St. Petersburg 1 : 84 000″ in 8 Bl. (1855). Bald nachher trat er in den wohlverdienten Ruhestand. Seitdem widmete er sich lediglich dem litterarischen Schaffen und verfaßte mehrere umfangreiche Bücher von dauerndem Werthe. Zunächst gab er einen zusammenfassenden Ueberblick über seine gesamte wissenschaftliche und praktische Lebensarbeit in dem bedeutsamen dreibändigen Werke „Exposé des travaux astronomiques et géodésiques exécutés en Russie dans un but géographique jusqu’à l’année 1855, avec un atlas et un supplément“ (St.-Petersbourg 1858–62), das die Geschichte der Landesaufnahmen in Rußland behandelt und nicht weniger als 14 531 nach der geographischen Breite geordnete genaue Positionsbestimmungen verzeichnet. Dieses grundlegende, auf Kosten der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften gedruckte Werk ermöglichte es den westeuropäischen Gelehrten, sich in bequemer Weise über die Ergebnisse der höchst bedeutsamen Leistungen Rußlands auf astronomischem und geodätischem Gebiete während des letzten Jahrhunderts zu orientiren, was bisher wegen der Zerstreutheit der Einzelarbeiten in den Archiven und in schwer zugänglichen amtlichen Publicationen der verschiedenen Ministerien und Militärbehörden oder in wenig verbreiteten russischen Akademie-, Gesellschafts- und Zeitschriften kaum möglich gewesen war. Daran schloß sich noch eine kurze, aber interessante und ergebnißreiche theoretische Untersuchung „Essai d’une détermination de la véritable figure de la terre“ in den Mémoires de l’ Académie impériale des sciences de St-Pétersbourg, Serie 7, Bd. 1, Nr. 6 (St. Petersburg 1859) durch die er nachweisen wollte, daß die Meridiane untereinander nicht gleich, sondern Ellipsen verschiedenen Umfangs seien, daß ebenso der Aequator eine Ellipse darstelle und daß die Gestalt der Erde zahlreiche noch näher zu untersuchende Unregelmäßigkeiten aufweisen müsse.

Sch. war aber nicht nur ein Gelehrter von Weltruf, sondern auch Kunstfreund und Sammler. Als solcher wendete er seine Aufmerksamkeit vor allem den russischen Münzen und Medaillen zu. Von diesen brachte er eine bedeutende Collection zusammen, die er in einem Katalog in russischer Sprache (St. Petersburg 1843) und außerdem in zwei umfangreichen französischen Prachtwerken sachverständig beschrieben hat: „Monnaies russes des derniers trois siècles 1547–1855, avec un atlas“ (Leipzig 1857) und „Monnaies et médailles russes d’après l’état donné par le cabinet de l’auteur“ (Leipzig 1858). Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er meist auf Reisen, zum Theil in Deutschland, das er als die Heimath seiner Väter liebte. Hier ist er auch am 17. November 1865 hochbetagt in Stuttgart gestorben. Sein Leben war reich an Arbeit, aber auch an Ehrungen und Anerkennungen. Er besaß eine ungewöhnlich große Zahl von Orden und Auszeichnungen aller Art und war Ehrenmitglied der Petersburger Akademie der Wissenschaften und anderer gelehrter Gesellschaften. Außer seinen großen kartographischen und litterarischen Werken hat er noch zahlreiche kleinere Abhandlungen verfaßt, die in russischen Fachzeitschriften, namentlich in den von ihm herausgegebenen Memoiren des Topographischen Kriegs-Depots und des Hydrographischen Depots der Marine zerstreut sind.

[234] Petermann’s Mittheilungen 1857, S. 1 ff.; 1859, S. 212 ff.; 1867, S. 36 f; 1902, S. 226 ff. – P. Schellwitz, Uebersicht der russischen Landesaufnahmen bis 1885: Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin XXII (1887), S. 104–143, 387–420, 479–494. – S. Truck, Die Entwicklung der russischen Militär-Kartographie vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart: Mittheilungen des K. und K. Militärgeographischen Instituts XVIII (1898), S. 169–224; XIX (1899), S. 233–256.