ADB:Seemann, Berthold

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Artikel „Seemann, Berthold“ von Ernst Wunschmann in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 33 (1891), S. 581–584, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Seemann,_Berthold&oldid=- (Version vom 22. Oktober 2019, 06:15 Uhr UTC)
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Seemann: Berthold S., Botaniker, geb. am 28. Februar 1825 in Hannover † am 10. October 1872 in Javaly Mines in Nicaragua. Nach nur dreijährigem Besuche des Lyceums seiner Vaterstadt, trat S. 1839 als Gärtnerlehrling in den Dienst des königl. Gartens in Linden bei Hannover ein und wurde 1842 unter dem tüchtigen Gartenmeister Wendland Gehülfe im königl. Berggarten. Von hier kam er 1844, wol auf Veranlassung seines Chefs, als Gärtner nach Kew bei London, in welcher Stellung er sich die Gönnerschaft des einflußreichen William J. Hooker, des berühmten Leiters jenes ausgedehnten botanischen Instituts zu erwerben wußte. Dies hatte zur Folge, daß ihm 1846 die Theilnahme als Botaniker an der durch die englische Fregatte Herald begonnenen wissenschaftlichen Reise angetragen wurde, nachdem sein botanischer Vorgänger Thomas Edmonston durch einen unglücklichen Zufall sein Leben eingebüßt hatte. Das Schiff Herald unter Kapitän Kellett war 1845 von der englischen Regierung abgesandt worden, um die vom Kapitän Fitz-Roy begonnene und bis zur Bucht von Guayaquil vollendete Aufnahme der Westküste Amerika’s fortzuführen. S. reiste der Expedition im August 1846 nach und wartete bis Anfang 1847 in Panama auf deren Rückkehr von der Küste Südamerika’s, während welcher Zeit er Ausflüge in mehrere Districte Panama’s und Veragua’s machte, Pflanzen [582] sammelte und Felseninschriften aufnahm. Von 1847 begleitete er die Expedition bis zur Beendigung ihrer Reise im Jahre 1851. Im Laufe derselben machte Capitän Kellett im Auftrage seiner Regierung mehrere Vorstöße nach dem hohen Norden Amerika’s zur Aufsuchung John Franklin’s und seiner Gefährten, nach welchen vergeblichen Versuchen das Schiff im Herbste 1850 die Rückreise antrat, um, unter Berührung von Hongkong und Singapore, und nach Umseglung des Caps, St. Helena und Ascension anlaufend, nach einer Abwesenheit von 6 Jahren im Juni 1851 in England wieder einzutreffen. Die Erfahrungen, welche S. in dieser, einen großen Theil der westlichen und östlichen Erdhälfte umfassenden Reise machte, legte er in mehreren Publicationen nieder, die bald nach seiner Rückkehr im Druck erschienen. In Anerkennung derselben verlieh ihm 1853 die philosophische Facultät zu Göttingen die Würde eines Ehrendoctors, während ihn bald darauf die Leopoldinische Akademie, ungeachtet der kurzen Zeit seiner Mitgliedschaft, auf Veranlassung ihres Präsidenten Nees von Esenbeck zum Adjuncten ernannte. Bis 1860 lebte S. nun in seiner Vaterstadt Hannover als Redacteur der von ihm gegründeten botanischen Zeitschrift Bonplandia. Nur einmal wurde diese Thätigkeit unterbrochen, als er 1857 als officieller Vertreter der Londoner Linnean society zur Versammlung der American Association for the advancement of science zu Montreal nach Canada ging. Als aber 1859 die Viti-Inseln an England abgetreten wurden, begleitete S., wiederum auf Verwendung W. Hooker’s im Februar des folgenden Jahres den englischen Commissär Colonel Smythe, der mit der Uebernahme der Inseln beauftragt war. Eine Beschreibung dieser Reise und der während derselben gesammelten Pflanzen war die litterarische Frucht dieses Unternehmens. Von nun an führte S. ein stetiges Wanderleben. 1846[WS 1] ging er im Auftrage einer Amsterdamer Firma nach Venezuela, um über die Opportunität einer Niederlassung derselben am Tucuyo zu berichten. Auf Grund seines Berichtes scheiterte der Plan. Er selbst aber trat 1866 mit einer Goldgräbercompagnie, welche bei Chontales in Nicaragua Minen besaß, in geschäftliche Verbindung und wurde bald Mitglied des Directoriums, als welches er zeitweilig dort seinen Wohnsitz nehmen mußte, so daß nunmehr seine wissenschaftliche Thätigkeit vor den industriellen Interessen, die ihn beschäftigten, ganz zurücktrat. Während eines dieser gelegentlichen Besuche erlag er im achtundvierzigsten Lebensjahre einem Fieberanfalle.

S. hat die wissenschaftliche Botanik durch seine Sammlungen aus verschiedenen Vegetationsgebieten der Erde erfolgreich unterstützt, auch einige mit Geschick geschriebene Publicationen hinterlassen, doch fehlte ihm zu einer wissenschaftlichen Vertiefung die nöthige Vorbildung. Raschen Geistes, begabt mit großem Sprachtalent, das ihn die englische Sprache wie seine Muttersprache behandeln ließ, von umfassender Menschenkenntniß und wolbefähigt, diese für seine Zwecke zu benutzen, war er ein Meister in der Abfassung populärer Schriften, wie sie der Geschmack eines größeren Laienpublicums erforderte. Er schrieb viel und gern, nicht bloß auf botanischem Gebiete; auch politische, juristische, volkswirthschaftliche Themata beschäftigten ihn und selbst Romane und deutsche Bühnenstücke entstammen seiner Feder. Das litterarische Ergebniß der Herald-Expedition war zunächst die Veröffentlichung einer Reisebeschreibung, welche erst in englischer Sprache unter dem Titel „Narrative of the voyage of H. M. S. Herald etc.“ und dann in einer von dem Afrikareisenden Eduard Vogel besorgten deutschen Uebersetzung in zwei Bänden mit je zwei Lithographien in Tondruck 1853 herauskam. Von den mitgebrachten naturhistorischen Sammlungen wurde die botanische Ausbeute, die sich namentlich durch Reichthum an Farnen auszeichnete, von S. unter Beihülfe anderer Botaniker, wie Harvey, Wilson, Nees v. Esenbeck, Bentham, J. D. Hooker, J. Smith, Churchill u. a. bearbeitet in einem Werke, [583] welches in Quartformat unter dem Namen: „The Botany of the voyage of H. M. S. Herald etc.“ in den Jahren 1852–57 mit 100 von Fitsch gezeichneten Tafeln in Druck erschien. Das zu Grunde liegende Pflanzenmaterial ist, nach Floren gesondert, auf folgende Abschnitte vertheilt: 1) Flora des westlichen Eskimo-Landes; 2) Flora des Isthmus von Panama; 3) Flora des nordwestlichen Mexiko; 4) Flora der Insel Hongkong. Die zoologischen Sammlungen wurden von Professor Forbes bearbeitet. Gleichfalls ein Resultat dieser Reise war ein Versuch Seemann’s, die ihm bekannt gewordenen einheimischen Namen von Pflanzen aus verschiedenen Gegenden Amerikas nach Art eines Wörterbuchs zu sammeln und mit den entsprechenden wissenschaftlichen Bezeichnungen zusammenzustellen. So entstand die kleine Schrift: „Die Volksnamen der amerikanischen Pflanzen. The popular nomenclature of the american Flora.“ 1851, mit deutsch und englisch geschriebener Vorrede, seinem Freunde Karl Zeyher[WS 2] gewidmet, dem verdienstvollen Durchforscher Südafrikas. Als Erweiterung einer 1846 in den Verhandlungen der Wiener Gartenbaugesellschaft abgedruckten Aufzählung der in deutschen und englischen Gärten gezogenen Acacien, gab S., gestützt auf die Ergebnisse seiner Reise, 1852 ein mit 2 colorirten Tafeln versehenes Büchelchen: „Die in Europa eingeführten Acacien, mit Berücksichtigung der gärtnerischen Namen“ heraus, worin 148 Arten unter Angabe der specifischen Charaktere, der Synonyma und Standörter aufgezählt werden. Von größerem wissenschaftlichen Werth war eine, in erster Auflage 1856 erschienene: „Popular history of the Palms and their allies etc.“, ein Werk, das namentlich durch die treffliche deutsche Uebersetzung von Dr. Karl Bolle, die zuerst 1857 und dann in erweiterter zweiter Auflage mit 8 Tafeln in Steindruck 1863 herauskam, auch in weiteren Kreisen lebhafte Anerkennung gefunden hat. Die Resultate seiner Reise nach den Viti-Inseln verwerthete S. in zwei Arbeiten, einer 1862 erschienenen populär geschriebenen Reisebeschreibung: Viti: an account of a government mission to the Vitian or Fijian islands in the years 1860–66“ und in einer als Serienwerk mit Hülfe privater Subscription 1865–68 veröffentlichten „Flora Vitiensis“ von deren 10 Heften das letzte erst nach Seemann’s Tode in Druck kam. Nicht nur die von S. selbst gesammelten Pflanzen, sondern auch diejenigen anderer Reisenden, von Cook an, haben darin Berücksichtigung gefunden. Von Seemann’s sonstigen botanischen Arbeiten seien noch genannt: eine 1868 herausgekommene „Revision of the natural order of Hederaceae“, ein kleines, klar geschriebenes Werk mit Holzschnitten und 7 lithographirten Tafeln, ferner eine für Laien eingerichtete Bestimmungstabelle: „The british Ferns at one view“ 1860, enthaltend Beschreibungen der Ordnungen, Tribus und Gattungen der engl. Farne mit colorirten Figuren je einer Art und endlich ein Abdruck von drei in Otto’s Gartenzeitung schon früher veröffentlichten Vorträgen, die er 1862 als besonderes Büchlein mit dem Titel: „Hannoversche Sitten und Gebräuche in ihrer Beziehung zur Pflanzenwelt“ erscheinen ließ. Von 1858 an setzte S. Endlicher’s „Paradisus Vindobonensis“, eine Beschreibung von 84 in Farbendruck ausgeführten Pflanzen, mit deutschem und englischem Texte fort. Die von S. im Verein mit seinem Bruder Wilhelm gegründete und redigirte botanische Zeitschrift Bonplandia, ursprünglich „für angewandte Botanik“ bestimmt, dehnte später ihren Interessenkreis auf die gesammte Botanik aus und erlebte 10 Jahrgänge von 1853–62. Eine Reihe von Artikeln über Nutzpflanzen, über botanische Reisen und auch die zahlreichen persönlichen Mittheilungen, die sie gern brachte, haben einen willigen Leserkreis gefunden; ihre wissenschaftliche Bedeutung war aber nicht groß, obwohl sie später officielles Organ der Leopoldina wurde. Als Fortsetzung der Bonplandia kann das von 1863 an in London herausgegebene „Journal of Botany, british and foreign“ gelten, dessen Redaction [584] S. bis 1869 allein führte, weitere zwei Jahre dann unter Unterstützung von Henry Trimen und J. G. Baker, welche beiden mit dem zehnten Bande (New Series Vol. I von 1872 an die Geschäfte der Zeitung selbständig übernahmen. Die Zahl der Einzelaufsätze Seemann’s, zerstreut in verschiedenen Fachschriften, wie in der Flora, Hookers London Journ. of Bot. und seinen eigenen Zeitungen ist außerordentlich groß. Ein Verzeichniß derselben findet sich im Catalogue of scient. pap. V. 1871 u. VIII. 1879. – Bot. Zeitg. 1872. – Journal of Botany. 1872. – Pritzel, thes. lit. bot.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. soll wohl 1864 sein.
  2. Siehe den Artikel in der Wikipedia: Carl Ludwig Philipp Zeyher (* 2. August 1799 in Dillenburg; † 30. Dezember 1858 in Kapstadt), Gärtner und Pflanzensammler.