ADB:Severin der Heilige

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Artikel „Severin, der heilige“ von Alois Knöpfler in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 34 (1892), S. 74–76, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Severin_der_Heilige&oldid=2491987 (Version vom 22. November 2017, 07:24 Uhr UTC)
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Band 34 (1892), S. 74–76 (Quelle).
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Severin: der heilige S., Mönch in Ufernoricum (Erzherzogthum Oesterreich), wurde für die dortige römische Bevölkerung ein mächtiger Helfer und thatkräftiger Schützer in drangsalvoller Zeit. Eine der wunderbarsten Erscheinungen ist dieser ascetische Mann. Bald nach dem Tode Attila’s und der Auflösung seines mächtigen Reiches etwa 454 erschien S. an der Grenze von Pannonien und Ufernoricum, wo er vom heutigen Wien bis Passau und bis nach Salzburg hinein eine staunenerregende Thätigkeit entfaltete. Niemand kannte seine Herkunft, seine Heimath, sein Vaterland. Auf Befragen gab er scherzend die Antwort: „si fugitivum putas, para tibi pretium, quod pro me possis, cum fuero requisitus, offerre“; fügte aber dann ernst hinzu: „quid prodest servo dei significatio loci vel generis sui, cum possit id tacendo facilius vitare iactantiam“. Hieraus durfte wohl mit Grund geschlossen werden, daß er von vornehmer Familie abstammte. Betreffs seines Vaterlandes läßt sich nur soviel feststellen, daß seine eigenen Schüler ihn der Sprache nach für lateinischer Herkunft hielten (loquela ipsius manifestabat hominem omnino latinum), auch war ihnen bekannt, daß er sich aus Sehnsucht nach vollkommenem Leben in eine Wüste des Orients zurückgezogen, von wo er vom göttlichen Geist getrieben (divina compulsus revelatione), nach dem durch die Einfälle der Barbaren schwer bedrängten Ufernoricum kam, um der dortigen christlichen Bevölkerung Tröster und Helfer zu sein (Deus ipse, sagt er, me quoque periclitantibus his hominibus interesse praecepit). Das Wahrscheinlichste dürfte somit sein, daß S. aus vornehmer römischer oder besser italienischer Familie stammte, aus Liebe zu klösterlicher Einsamkeit nach Egypten oder Palästina ging, um dort das Mönchsleben an seiner Wiege kennen zu lernen, von wo er dann nach Ufernoricum kam. Dieses sein Vaterland dürfte er selbst verrathen haben, wenn er in der letzten Anordnung seinen Schülern mit Hinweis auf den Patriarchen Josef (1. Mos. 50, 23 u. 24) befiehlt, bei ihrem bald erfolgenden Wegzug nach Ialien seine Gebeine mitzunehmen. Fast 30 Jahre lang weilte S. in Ufernoricum, nicht als unthätiger Schwärmer, sondern als mächtiger Schützer und werkthätiger Helfer in jeder Noth. Er selbst lebte ein Leben strengster Ascese. Durch anhaltendes Fasten schien er gegen Hunger und Durst fast unempfindlich geworden; für sich fast keine Bedürfnisse fühlend, schien er nur durch die Noth seiner Mitmenschen die Entbehrung zu empfinden. Stets, auch bei strengster Winterkälte, ging er barfuß, in einfacher, ja ärmlicher Kleidung, sein Lager war eine härene [75] Decke (cilicium) auf dem Boden seiner Zelle. Dieser arme und wehrlose Mönch wurde gefürchteter Streiter für die Freiheit der ganzen Provinz, wie auch überreicher Wohlthäter für alle Bewohner derselben. Mit den Gaben der Prophetie und Wunder ausgerüstet, galt er allen fast für ein überweltliches Wesen und übte auf alle, selbst die rohesten Gemüther, eine fast magische Gewalt. Ueberall, wo er hinkam, mahnte er zu Gebet, Fasten und guten Werken. Durch seine vorsichtigen und eindringlichen Warnungen schützte er die Provinzialen wiederholentlich vor feindlichen Ueberfällen und ermuthigte sie zu tapferer, entschiedener Gegenwehr. Selbst den Königen der Rugier und Alamannen trat er mit achtunggebietender Entschlossenheit entgegen und hielt sie nicht selten von Gewaltthaten gegen die römische Bevölkerung zurück, ja bestimmte sie zur Freigabe der Gefangenen. So schreckte er einzig durch die Macht seines Wortes den Alamannenkönig Gibuld von einem Ueberfalle Passaus zurück und bestimmte ihn zur Freilassung aller Gefangenen. Die Rugierkönige Flaccitheus und Feletheus aber fügten sich nicht selten willig den Mahnungen Severin’s oder schreckten doch vor dessen ernsten Drohungen zurück; so bestimmte er des letztern wilde, arianische Gattin Giso von ihrem Vorhaben, die in ihre Macht gelangenden katholischen Christen umzutaufen, abzulassen und die zu Sklaven gemachten Römer freizugeben. Ja so groß war das Ansehen des einfachen Mönchs, daß er zur Loskaufung der Gefangenen und Sklaven, wie auch zur Unterstützung von Noth und Armuth förmliche Zehnten einfordern ließ, die auch willig selbst von entfernteren Orten geleistet wurden. So war es einzig das Verdienst Severin’s, wenn diese große und reiche Provinz gegen den Andrang der Barbaren noch für einige Decennien geschützt und gehalten wurde und die Bewohner sich vor gänzlicher Vernichtung noch rechtzeitig retten konnten. An mehreren Orten der Provinz, wo er sich öfter und längere Zeit aufhielt, so bei Passau und Faviana gründete S. klösterliche Niederlassungen, die aber nach Art des Morgenlandes nur aus kleineren Hütten bestanden. Die größte derartige Niederlassung hatte er in der Nähe von Faviana errichtet. Hier traten eines Tages einige Barbaren bei ihm ein, die wegen des großen Rufes des heiligen Mannes vor ihrer Reise nach Italien sich noch dessen Segen erbitten wollten. Unter ihnen befand sich auch Odoaker, ein Jüngling in ärmlicher Kleidung, aber von solch stattlicher Gestalt, daß er sich bücken mußte, um nicht das Dach der niedrigen Zelle zu berühren. S., der die Zukunft des Mannes erschaute, sagte zu ihm beim Abschied: „Ziehe fort nach Italien! jetzt noch in verächtliche Felle gehüllt, wirst du bald vielen reiche Gaben spenden.“ Als König erinnerte sich Odoaker dieser Weissagung und forderte Severin in einem freundlichen Schreiben auf, sich eine Gnade zu erbitten, worauf dieser die Begnadigung eines Verbannten, Namens Ambrosius, verlangte. Die ihm angebotene bischöfliche Würde wies S. ganz entschieden zurück mit der gemessenen Erklärung, er habe Opfer genug gebracht, daß er auf höhere Weisung die liebgewordene Einsamkeit verlassen, um hier unter tausend Wirrnissen zu leben. Nach einem langen. segens- und erfolgreichen Wirken verschied S., wie er es wiederholentlich voraus gesagt, am 8. Januar 482 in seiner Zelle bei Faviana. Trotz der drohenden Warnung und des feierlich gegebenen Versprechens fiel der Rugierkönig Federuchus sofort nach dem Hinscheiden Severin’s über dessen Kloster her und plünderte es vollständig aus. In dem sonst ärmlichen Kloster waren hauptsächlich die für Unterstützung der Armen und Gefangenen bestimmten Vorräthe aufbewahrt worden. Die angedrohte Strafe folgte auf dem Fuß, schon nach einem Monat wurde Federuchus von seinem Neffen ermordet. Nach sechs Jahren führte Odoaker die ganze römische Bevölkerung aus Noricum nach Italien; auch Severin’s Mönche folgten diesem Ruf und führten, der Weisung ihres Meisters folgend, [76] auch dessen irdische Ueberreste mit sich. Dieselben wurden schließlich im Castell Cucullanum bei Neapel in einem von einer frommen Matrone, Barbarina, errichteten Grabmal beigesetzt. Ueber demselben erhob sich alsbald ein Kloster der Mönche Severin’s, dessen Abt Eugippius, ein Schüler Severin’s, im J. 511 eine Vita des verehrten Meisters verfaßte. Diese Vita nun, der wir im Vorangehenden gefolgt, gibt uns neben der Lebensbeschreibung des merkwürdigen Mannes, von einem Augenzeugen in möglichst schmuckloser Form geschildert, ein treues, anschauliches Bild von dem Zustand jener Römerprovinz Germaniens unmittelbar vor ihrem völligen Untergang. Da sie das einzige derartige Denkmal ist, hat sie für uns unschätzbaren Werth. Ueber Namen und Lage mancher in der Vita erwähnten Orte, wie: Asturis, Comagenis, Favianae, Cucullis, Joviacum u. a. ist zwar schon viel verhandelt worden, aber ohne daß bis zur Stunde einwandfreie Resultate erzielt werden konnten.

Eugippii vita S. Severini. Ausgaben: AA. SS. Jan. I, 484. – Friedrich, Kirchengeschichte Deutschlands I, 432 ff. – Monum. Germ. Auct. ant. I, p. II. 1877. ed. Sauppe – Corps. SS. eccl. lat. vol. 9. Vindob. 1886 ed. Knöll. Uebers. von K. Rodenberg, Geschichtsschreiber der deutschen Vorzeit, Lief. 55, Leipzig 1878. – Rettberg, Kirchengeschichte Deutschlands, 1. Thl. – Wattenbach, Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter. 5. Aufl. Berlin 1885, S. 43. – Frey, Der heilige Severin, ein Lebensbild. Basel 1872. – Alois Sembera, Ueber die Lage der Wohnstätten des heil. Severin, Comageni, Astura und Faviana. Wien 1871. – Wien der Wohnsitz und Sterbeort des heil. Severin. Wien 1882.