ADB:Sauppe, Hermann

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Artikel „Sauppe, Hermann“ von Erich Ziebarth in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 55 (1910), S. 146–158, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Sauppe,_Hermann&oldid=2112835 (Version vom 27. Februar 2015, 22:36 Uhr UTC)
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Band 55 (1910), S. 146–158. (Quelle)
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Sauppe *): Hermann S., Philologe, geboren am 9. December 1809, † am 15. September 1893.

In dem Dorfe Wesenstein bei Dresden steht noch heute das alte kleine steinerne Pfarrhaus mit der Inschrift über dem Eingang: „Hier wurde 1809 am 9ten December Hermann Sauppe geboren.“ Sein Vater, Friedrich Hermann S., war vom Baron v. Uckermann dorthin 1808 als Pfarrer berufen, seine Mutter Auguste Clementine stammte aus der alten angesehenen Dresdener Familie Croll, in welcher sich verschiedene Generationen hindurch das Amt des Münzmeisters, mit der Dienstwohnung in der alten Münze bei der Frauenkirche, vererbt hatte. Das junge Paar fing auf das bescheidenste an, und der junge Hermann mußte in seinen ersten Jahren alle Schrecken der napoleonischen Zeit mit ihren Truppendurchzügen und Plünderungen erleben. Noch spät erinnerte er sich, wie er einmal in eine Decke gewickelt und in einen Tragkorb gepackt eine Nacht im Walde zubringen mußte. Ein anderes Mal sah der Knabe die Wohnstube voll von wilden Männern (Kosaken). Einer drohte dem Vater mit dem Säbel, die Mutter lag weinend vor dem Soldaten auf den Knien. Da stürzte ein weißbärtiger Kosak herein, riß die Hand mit dem Säbel zurück und rief: „Der Pope, der Pope!“ Er rettete so den Vater, der das Versteck der Kirchengeräthe nicht hatte angeben wollen. 1817 wurde der junge Pfarrer in die große Gemeinde von Burckhardtswalde berufen. Dort verlebte Hermann glücklichere Kinderjahre, da auch Landwirthschaft zu der Pfarre gehörte. Dort genoß er den ersten Unterricht bei seinem Vater, der selbst wissenschaftlich rege thätig war und 1819 ein Buch veröffentlichte „Ueber die Tendenz unseres Zeitalters zum Materialismus und die Richtung, die dadurch dem Prediger ertheilt wird“. Er machte den kränklichen Hermann schon in seinem zehnten Jahre zu einem tüchtigen Griechen, wollte ihn aber erst mit vierzehn Jahren auf das Gymnasium schicken. Aber der plötzliche Tod des geliebten Vaters im Juni 1820 zerstörte das Glück von Hermann’s Kinderjahren. Die junge Wittwe, die mit drei Kindern mittellos dastand, kehrte mit der jüngsten Tochter zu ihrer Mutter zurück, die damals auf einem Gütchen in Seifersdorf lebte. Die ältere Tochter fand bei ihrer Tante eine Heimath, und Hermann kam zu seinem Onkel väterlicher Seite, der in Naumburg Küster an St. Othmar war. Der Onkel war nicht verheirathet und lebte mit einer Schwester zusammen. Sie thaten, was in ihren Kräften stand, für den Knaben, und er hat den Onkel wie einen zweiten Vater verehrt. Seit August 1820 besuchte Hermann das Domgymnasium zu Naumburg und gewann bald an dem Rector desselben, Gregor Gottlieb Wernsdorf, einen väterlichen Freund, in dessen Hause er seine schönsten Stunden verlebte. Von seinem Unterricht rühmt S. in seiner lateinischen Vita vom Jahre 1829, daß er ein leichtes und elegantes Latein sprach und daß er jedem grammatischen Gesetz auf den Grund ging und seine Schüler gewöhnte, erst zum vollen Verständniß durchzudringen, ehe sie etwas dem Gedächtniß einprägten. Von den anderen Lehrern verdankte er besonders viel dem Mathematikus Müller, der ihn in privaten Stunden auch in die höhere Mathematik einführte und das Interesse für die griechische Mathematik in ihm erweckte. Neben den Schularbeiten half S. seinem Onkel im Hause, schnitt Federn für seine Schüler und schrieb ihm mit seiner deutlichen, regelmäßigen Handschrift vieles Geschäftliche ab. Aus dieser Zeit stammen auch seine ersten Gedichte und seine ersten Collectaneen. Er gab auch viele Nachhülfestunden und las einem alten Domherrn regelmäßig vor. Trotzdem hatte er bereits [147] mit sechzehn Jahren alle Classen des Gymnasiums durchlaufen, blieb aber freiwillig ein zweites Jahr in Oberprima und verließ im Frühjahr 1827 nach glänzend bestandener Prüfung die Schule, um in Leipzig zu studiren. Er hatte sich durch das Stundengeben einiges Geld erspart, dazu bekam er einen Freitisch im Convict, bald aber gelang es ihm, sich eigene Einnahmen zu verschaffen, da mehrere Verlagsbuchhandlungen ihm das Correcturenlesen übertrugen. Vor allen Dingen stellte er sich Gottfried Hermann vor und hatte die Freude, schon nach einem Jahre in die griechische Gesellschaft aufgenommen zu werden. Gar bald wurde er hier ein führendes Mitglied neben Männern wie Moritz Haupt, Karl Scheibe, Herm. Funkhänel, Ed. Putsche, Rud. Stürenburg, und der strenge Meister hatte seine Freude an ihm.

Vielerlei ließe sich von dem Leipziger Studentenleben erzählen, von dem lebhaften Verkehr mit Studiengenossen, von dem Leben in der Burschenschaft, wo S. bald großen Einfluß gewann und als Sprecher z. B. die flüchtigen Polen im Namen der Studenten begrüßte und viel mit ihnen verkehrte, von den politischen Debatten beim Conditor Felsche, wo die neuesten Zeitungen mit den Nachrichten von der Pariser Revolution von einem der Studenten, der auf einem Tische stand, vorgelesen wurden. Reiche gesellschaftliche Anregung brachte das Haus von Salomon Hirzel, in dem S. freundschaftlich verkehrte, wie er denn von jener Zeit an der Weidmann’schen Buchhandlung stets nahe stand. Eine unerwünschte Unterbrechung des Studiums brachte eine schwere Krankheit, von der sich S. erst im Pfarrhaus zu Langenbernsdorf, bei seiner geliebten Tante, und auf der von dort unternommenen Fußtour nach Teplitz, wo Hirzel zur Cur weilte, völlig erholte. Dort verlebte S. glücklichste, angeregteste Tage mit dem Freunde, eigentlich zum ersten Male in schöner Natur schwelgend.

Ueber seinen Studiengang aber schreibt S. selbst im J. 1832:

„Nach Hermann’s Rath und Führung suchte ich mir zunächst gründliche, auf fester Grundlage sicher erbaute Kenntniß der griechischen Sprache, ihrer Etymologie, Syntax und Metrik dadurch zu verschaffen, daß ich Homer, Hesiod, Theognis, Herodot, die Tragiker, Aristophanes, Thukydides, Xenophon, Platon, die attischen Redner mit möglichster Genauigkeit studirte. Hiermit verband ich das Studium der lateinischen Sprache und wandte mich, nachdem ich Cicero aufmerksam gelesen, besonders zu den Schriftstellern des silbernen Zeitalters, von ihnen vertrauteste Kenntniß zu erlangen. Wer die Sprache eines Volkes studirt, dem ist die Geschichte desselben unentbehrlich, und so waren griechische und römische Alterthümer, griechische und römische Geschichte nothwendig besonderes Augenmerk meiner Studien. Aber heute soll der Mensch von heute wirken, Kenntniß alten Lebens und alter Sprache soll er anwenden, gestaltend und fortbildend im Leben seiner Zeit zu denken und zu handeln; französische, italienische, spanische und englische Sprache und Litteratur lernte ich daher kürzer (?), während Denken und Handeln des deutschen Volkes, seine Geschichte und seine Sprache in der Gesammtheit ihrer Erscheinungen auf das gründlichste zu erfassen mir als heilige Pflicht gegen das Vaterland galt. Der Philosophie alter und neuer Zeit nicht fremd zu bleiben, gebot mir verehrende Liebe zu Platon, so der Drang, der jeden nach dem Höchsten strebenden Menschen beseelt, zu ergründen das innerste Wesen seines und des gesammten Lebens. Durch solche Bestrebungen, die festzuhalten das Glück meines Lebens seyn wird, suchte ich mich der Stellung würdig zu machen, in der ich als Lehrer der Jugend für das Wohl der Menschheit wirken zu können hoffe.“

Als seine ersten Schriften, die er drucken lassen wollte, nennt er Quaestiones Taciteae, die zugleich eine genauere „Erkenntniß der bis jetzt zu [148] sehr vernachlässigten silbernen Latinität bezwecken“, ferner „Geschichtliche Einleitung in das Studium Platons, eine allseitige Erörterung des politischen und wissenschaftlichen Lebens in Griechenland und besonders in Athen vor und zu Platon’s Zeit und seine Beziehung zu demselben“. Auch Collectanea critica in oratores Graecos beschäftigen ihn, und an einer kritischen Ausgabe des Sextus Empiricus wurde 1832 gedruckt, sie ist aber unseres Wissens nie erschienen. Wirklich zum Druck gelangt sind schon 1832 vier zusammenhängende Recensionen über die neueste Literatur über Isokrates. Die Dissertation aber, mit welcher er nach dem Zeugniß G. Hermann’s (30. Nov. 1832) in Halle die Doctorwürde erlangte, ist nach damaligem Brauch nicht gedruckt worden. Wichtiger aber als erste Druckschrift und Doctordiplom – auch das Staatsexamen hatte er in Halle bestanden – war die warme Empfehlung G. Hermann’s auf eine Anfrage von Orelli. Sie verschaffte ihm seine Ernennung zum Lehrer der lateinischen Sprache an dem Ostern 1833 neu gegründeten Gymnasium zu Zürich, wo er gleichzeitig als Privatdocent an der Universität auftrat. Zugleich mit dem Anstellungsdecret kam der Auftrag des Züricher Erziehungsrathes, auf der Reise die Einrichtung verschiedener Gymnasien zu besichtigen. Sein Reisetagebuch berichtet besonders von Nürnberg und Augsburg, Von dem gewaltigen Eindruck, welchen der Rheinfall von Schaffhausen auf sein naturfrohes Gemüth machte, ein Reisebericht an die Mutter.

In Zürich begann ein neues Leben, reich an Arbeit jeder Art. In der Kantonschule hingen bald seine Schüler mit ungewöhnlicher Liebe an ihm. Als S. nach vielen Jahren wieder einmal nach Zürich zurückkehrte, strömten aus dem ganzen Kanton die nun ältere Männer gewordenen Schüler herbei, um den unvergessenen Lehrer zu feiern. Anerkannt wurde seine Thätigkeit durch seine Wahl zum Conrector des unteren Gymnasiums, die 1838 durch seine Collegen erfolgte. In demselben Jahre lehnte er einen Ruf, das Directorat des Gymnasiums zu Schaffhausen zu übernehmen, auf dringenden Wunsch des Züricher Erziehungsrathes ab.

Neben der Schule mit 21 Schulstunden wirkte er mit immer wachsendem Erfolg an der Universität und wurde 1838 zum außerordentlichen Professor ohne Gehalt ernannt. Er scheute keine Mühe bei der Ausarbeitung der Hefte besonders für die systematischen Collegien (griechisches Staatsrecht, Geschichte der griechischen Beredsamkeit, Encyklopädie der Philologie), den einzigen, die an der Universität überhaupt über philologische Gegenstände gelesen wurden.

Neue und ungewohnte Arbeit brachte weiter die Einrichtung der Kantonsbibliothek von 25000 Bänden, die S. ebenfalls übertragen wurde. Nicht bloß die Bestellung der Bücherballen aus Leipzig und die umständliche Bezahlung durch Wechsel lag S. ob, sondern besonders die Beschaffung der nöthigen Geldmittel. Wieviele Gönner der Anstalt mußten gebeten werden, ihr Scherflein beizusteuern, wie oft mußte S. von neuem den alten Züricher Kaufherren seinen Plan auseinandersetzen und lieb machen! Dabei lernten dann die Herren den jungen deutschen Gelehrten kennen und fanden ihn nicht so toll, wie sie gedacht hatten. Der Kreis der jungen Leute, die an die Universität berufen waren, pflegte bald einen lebhaften Verkehr, aber zum Schrecken der Bürger fand man sich, da tüchtig gearbeitet wurde, erst Abends um 10 Uhr im Wirthshaus ein. Die deutschen Flüchtlinge von 1830 kamen auch, und die Unterhaltung berührte natürlich neben der Wissenschaft stark die Politik. Traf doch S. öfter im Hause des Naturforschers Oken einen interessanten Gast, Louis Napoleon, der von Arenenberg oder Bern häufig nach Zürich herüberkam und den S. damals gern sagen hörte: „Sie werden sehen, meine Herren, Frankreich [149] gehört den Napoleoniden!“ Es war eine Gesellschaft, wie sie selten sich findet, von Dichtern (Herwegh, Follen, Gottfried Keller), Gelehrten (u. a. Jakob Henle), Buchhändlern, alles bedeutende junge Männer. Der Redekampf wurde hitzig, das Gelächter homerisch, der Lärm entsetzte den Kreis der Philister. Mitunter wurden Ausflüge gemacht, nach Glarus, um die gefrorenen Wasserfälle zu sehen, und sonst in die herrlichen Schweizer Berge. 1838 aber verheirathete sich S. mit Emilie Nüscheler, der Tochter des Stadtschreibers von Zürich, in dessen herrlicher Dienstwohnung im Stadthause unmittelbar am See S. Wohnung gefunden hatte. Damals mußte er das Schweizer Bürgerrecht erwerben und wählte dazu die bescheidenste Gemeinde des Kantons, Schottikon, der wohl noch nie ein gelehrter Mitbürger einen Bürgerschmaus gegeben hatte.

In eifriger Arbeit flossen glückliche Jahre dahin. Die Heimath durfte S., abgesehen von einem vierzehntägigen Aufenthalt in München im April 1842, den er zum Abschreiben der Demosthenes-Scholien benutzte, 1844 wiedersehen, wo er sich den Fachgenossen auf der Philologenversammlung zu Dresden zu Beginn seines Vortrages „Andeutungen zur Geschichte der attischen Beredtsamkeit“ wie ein aus weiter Ferne Zurückgekehrter vorstellte. In derselben Stimmung schrieb er von Dresden aus: „Meine Thätigkeit wird in Zürich anerkannt, aber der Deutsche bleibt dort immer ein Fremder. Sehnsucht daher, nach Deutschland zurückzukehren und meine geringe Kraft zum Wohl des geliebten Vaterlandes gebrauchen zu können, verbunden mit dem vergeblichen Wunsche, vom Elementarunterricht endlich frei zu werden, veranlaßt mich, eine andere Stellung zu suchen.“ Die Reise, welche ihn auch nach Berlin führte, gab reiche Gelegenheit, mit Universitätslehrern und Schulmännern neue enge Fühlung zu gewinnen. Ihr Ergebniß war, nachdem er andere Stellen, u. a. eine Professur in Bern, abgelehnt hatte, die Berufung nach Weimar als Gymnasialdirector, der S. im October 1845 folgte, nachdem die ganze Einrichtung bis auf das geliebte Stehpult wegen der Schwierigkeit des Transportes in Zürich verkauft war.

In Weimar fand S. bald einen angenehmen und reichen Wirkungskreis. Vor allem fesselte der Lehrer durch die geistvolle Art seines Unterrichts (s. Lothholz, Pädagogik der Neuzeit in Lebensbildern, S. 437 f.). Nicht mehr lateinisch, wie bisher, sondern in gutem Deutsch wurden die Classiker erklärt. Die Schüler wurden zu selbständiger Arbeit erzogen durch Einführung von freien Vorträgen in der Prima. Von dem Geiste, der in der Anstalt herrschte, zeugen die schönen und gehaltvollen Abschiedsreden, mit denen S. die Abiturienten entließ, und die er bei seinem Scheiden von Weimar unter dem Titel: „Weimarische Schulreden“ (1856) im Druck erscheinen ließ. Im Gymnasium war Vieles umzugestalten. Besonders beklagten sich die Lehrer über ihre untergeordnete Stellung. In dem kleinen Staate glaubte nur der Geltung zu haben, der am Hofe erscheinen durfte. Als S. dies Recht für seine Gymnasialprofessoren erstritten hatte, und sie zum ersten Male im grünen Frack, den Degen an der Seite, den Dreimaster auf dem Kopfe, zur Cour wanderten, gingen sie von da an für ihn durchs Feuer. Bei den sonnabendlichen Spaziergängen nach Belvedere hätte nie einer gefehlt. Auch als Stadtverordneter war S. bald thätig, und im J. 1848 wurde er als Officier in der Bürgerwehr bald sehr populär und litt noch lange an den vielen Pathenkindern, die man ihm damals aufgehalst hatte. Namentlich aber in geselliger Beziehung bot das Weimar jener Tage Sauppe reiche Anregung und Genuß. Es fand sich damals in Weimar ein Kreis von Männern zusammen, welche die Traditionen der Glanzzeit der [150] Stadt lebendig erhielten. Durch seine Stellung gehörte S. dem Hofrathskreise von Ludwig Preller, Adolf Schöll, Kirchenrath Dittenbeger, Dr. Froriep, Dr. Stichling u. A. an, welchen im Sommer gemeinsame Ausflüge per Leiterwagen, im Winter ein Lesekränzchen oder musikalische Aufführungen vereinigten. Das war besonders in den Wintern der Fall, wo Peter Cornelius und H. v. Bronsart regelmäßige Gäste waren. Sie waren als Schüler Liszt’s in Weimar, der damals auf der Altenburg mit der Fürstin Wittgenstein wohnte. Auf der Altenburg war auch S. ein gern gesehener Gast. Schon die gemeinsamen Arbeiten bei der Goethefeier 1849 hatten die beiden Männer oft zusammengeführt, gar oft stürzte auch später Liszt die zwei engen Treppen zu Sauppe’s Studirzimmer hinauf. Durch ihn sind alle die Wagner’schen Operntexte, noch ehe sie in die Oeffentlichkeit kamen, zu S. gewandert. S. gegenüber aber wohnte Andersen und las oft abends seine Märchen vor und widmete den Kindern seine Märchenbücher. Auch Hoffmann von Fallersleben verkehrte im Hause und sandte noch nach Göttingen seine „Kinderlieder“ mit freundlicher Widmung. Nicht minder kam Gustav Freytag und die Leipziger Freunde; auch zum Fürsten Pückler, zu Lewes, G. Elliot und David Strauß unterhielt S. freundschaftliche Beziehungen, kurz sein Leben hatte reichsten geistigen Inhalt, zumal auch die wissenschaftliche Arbeit trotz der enormen Anforderungen, die das Weimarer Leben an seine Zeit und Kraft stellte, durchaus nicht ruhte.

In den ersten Weimarer Jahren ließ sich S. durch Reimer für ein außerordentlich verdienstvolles Unternehmen gewinnen, die Herausgabe der Sammlung griechischer und lateinischer Schriftsteller mit deutschen Anmerkungen, welche den Schülern der Gymnasien die schwergelehrten Ausgaben mit lateinischen wissenschaftlichen Anmerkungen ersetzen sollte, mit denen sie sich bis dahin hatten quälen müssen. Da Moritz Haupt, der mit S. die Sammlung herausgab, den speciellen Bedürfnissen der Schule ferner stand und sich meist auf ganz kurze Briefe mit Gutachten über die einzelnen Mitarbeiter und Ausgaben beschränkte, so ruhte die Hauptlast der Herausgeberthätigkeit auf Sauppe’s Schultern. Und sie war wahrlich nicht gering! Wer heute die stattliche Sammlung überblickt, ahnt nicht leicht, welche Mühe es gemacht hat, die Mitarbeiter anzuwerben, unerwünschte Mitarbeiter, die sich zahlreich anboten, abzuwehren, endlich mit eigenliebigen Verfassern immer wieder über Aenderung des Manuscriptes nach den festen Grundsätzen der ganzen Sammlung zu verhandeln. „Wie viel Bogen lange Briefe und wieder Briefe, wie viele epistulae et exegeticae hab’ ich geschrieben, ohne daß man etwas davon hört und merkt. Indessen ich fühle mich glücklich in dem Bewußtsein, daß etwas daraus geworden ist, und der Verborgenheit freue ich mich doppelt, da ich mir dadurch wirkliche Liebe zur Wissenschaft ohne Seitenblick auf Ruhm und Geld beweisen darf.“ Freilich hatte er auch die Freude, von seinen Mitarbeitern oft und freudig seine Thätigkeit anerkannt zu sehen. „Wenn dieser Lysias“, so schreibt Rauchenstein einmal an S., „Gutes stiftet, so gebührt Ihnen, ich sage nicht zu viel, wenigstens die Hälfte des Verdienstes.“ Und schon 1853 konnte S. mit Genugthuung feststellen: „In der Meinung des Publicums steigt sie [die Sammlung] fortwährend, sodaß auch die schwachen Leistungen getragen werden und Absatz finden.“ Wie umfassend aber der ganze Plan war, wird man daraus erkennen, daß als Hülfsbücher zu dieser Sammlung ursprünglich gedacht waren Curtius’ griechische, Mommsen’s Römische Geschichte, dazu Bergk’s griechische Litteraturgeschichte, Lange’s Alterthümer, zu denen noch ein Handbuch der Archäologie von Otto Jahn und eine römische Litteraturgeschichte von Leutsch kommen sollte. S. selbst schrieb für [151] die Sammlung 1857 Platon’s Protagoras, während der Gorgias erst 1897 von A. Gerke nach seinem unvollendeten Manuscript herausgegeben wurde.

So hatte S. in Weimar eine Stellung erreicht, welche der Höhepunkt seines Lebens hätte scheinen können, hochgeachtet in der wissenschaftlichen Welt, im öffentlichen Leben Weimars und an seinem Fürstenhofe gern gesehen und vielfach ausgezeichnet, besonders 1853, wo die Großfürstin, seine besondere Gönnerin, dem von längerer Krankheit Wiederhergestellten die Mittel zu einer Badereise nach Ostende aus ihrer Privatschatulle schenkte. In dem Comité zur Errichtung des Goethe-Schiller-Denkmals führte er den Vorsitz, und die Correspondenz mit Rietschel, dem Schöpfer des Werkes, fiel ihm zu. Noch 1854 lehnte er einen Ruf nach Lübeck, um das Directorat des Katharineums zu übernehmen, ohne Bedenken ab. Als aber 1855 von Göttingen aus an ihn der langersehnte Ruf erging, als Nachfolger Schneidewin’s an die Universität überzugehen, da zögerte er keinen Augenblick, das geliebte Weimar zu verlassen, wo er über elf glückliche Jahre verlebt hatte.

Nun erst im reifen Mannesalter war das Ziel erreicht, nach dem S. unablässig gestrebt hatte, getreu seinem Lieblingsspruch, der in seinen Familienbriefen wie in den Schulreden oft wiederkehrt: „Liegt Dir gestern klar und offen, Wirkst Du heute kräftig, frei, Darfst auch auf ein Morgen hoffen, Das nicht minder glücklich sei.“ Nun erst konnte der Mann, der von sich 1848 schrieb: „Wenn ich mich nicht in meiner Wissenschaft selbständig beschäftigen kann, wenn ich nur meinem Schulamt leben muß, kann ich nicht zu geistigem Behagen kommen“, sich seiner Lieblingsarbeit widmen. „Arbeit ist ein Segen, ohne den mir das Leben schal und öde wäre. Gott sei Dank ist die Arbeitslust mir auch in das 76. Lebensjahr als treue Gefährtin gefolgt“, schreibt er an seinen Sohn Heinrich 1884. Arbeit genug brachte auch die neue Göttinger Thätigkeit mit sich, aber die Berufung dorthin war auch die schönste Anerkennung seiner wissenschaftlichen Thätigkeit, die er neben dem Schulamt von Anfang an mit allem Nachdruck betrieben hatte.

Schon in Zürich beschäftigten S. eine Fülle von Plänen für große philologische Unternehmungen. Sehr bald aber concentrirte sich seine Forscherthätigkeit auf ein erstes großes Ziel, die Neubearbeitung des Textes der griechischen Redner. Es traf sich glücklich, daß er zu diesem Plane in Johann Georg Baiter einen Freund und Mitarbeiter fand. So erschien denn schon 1834 als Vorläufer der Oratores Attici der Lykurg, von Beiden bearbeitet, und von 1838 an die Lieferungen der großen Ausgabe der Redner. Was S. für den Text geleistet hat und leisten wollte, das hat er dann im Laufe der Arbeit selbst in programmatischer Weise dargelegt in einer Schrift, die als schätzbarer Commentar und nothwendige Zugabe zu der Züricher Ausgabe der Oratores Attici sowohl die Wort- und Textkritik als auch die allgemeinen Grundsätze und ihre Anwendung im einzelnen behandelte und mit Recht ein kleines methodisches Handbuch der diplomatischen und Conjecturalkritik genannt worden ist, in der Epistola critica ad Godofredum Hermannum (1841), die seinen philologischen Ruhm fest und dauernd begründet hat. Von dieser grundlegenden und methodisch bedeutsamen Schrift gilt noch heute, was der Meister G. Hermann am 13. Mai 1841 an S. schrieb: „Sie ist so reich an gründlichen Untersuchungen, so voll trefflicher Emendationen und so schön und anmuthig geschrieben … Ich kann Ihnen nicht sagen, welche Freude es mir macht, zu sehen, wie Sie überall mit sorgfältiger Prüfung, mit sicherem Urtheil und, was ich in allen Dingen ganz besonders und um so mehr hochschätze, weil es immer seltener zu werden scheint, mit gesundem Sinn verfahren. Gesunder Menschenverstand ist doch eine wahre Gottesgabe, welche manchem [152] entweder nicht zu Theil geworden ist, oder sie haben sie verstudirt, was noch mehr zu beklagen ist.“

So konnte es denn nicht ausbleiben, daß Sauppe’s so bewährte philologische Leistungskraft auch weiterhin umfassenden wissenschaftlichen Unternehmungen dienstbar gemacht werden sollte. Schon 1842 wurde er von Didot in Paris gewonnen als Herausgeber der rhetorischen Schriften des Dionysios von Halikarnaß und des Aristoteles. Leider ist es zur Ausführung dieses Planes nie gekommen, wenn auch die Vorarbeiten durch Beschaffung von Collationen rüstig begonnen wurden, und die kritische Durcharbeitung des Textes in Sauppe’s Handexemplar schon tüchtige Fortschritte gemacht hatte (vgl. Philologus 1895, S. 429 f.). Auch eine Geschichte der Philologie übernahm er im Auftrage der historischen Commission zu München zu schreiben, ist aber zur Ausführung nicht gekommen.

In Zürich begann S. schließlich seine Studien nach der Richtung auszudehnen, aus der sie in seinem späteren Leben den reichsten Ertrag gewinnen sollten, auf die griechischen Alterthümer und die Epigraphik im weitesten Sinne. Einen Anfang hierzu werden wir schon in dem ersten Colleg erkennen „Griechisches Staatsrecht“, mit dem der junge Docent 1837 seine akademische Wirksamkeit eröffnete. Genaue Aufklärung aber über die mindestens seit 1834 eifrig verfolgten epigraphischen Studien geben Sauppe’s epigraphische Collektaneen, jetzt auf der Göttinger Bibliothek, in denen u. a. eine umfassende epigraphische Bibliographie von 1834 bis etwa 1890 zu lesen ist. Nicht geringe Anregung in dieser Richtung brachte die Freundschaft von Ludwig Roß, der z. B. 1842 einige Tage in Zürich bei S. verweilte und ihm den neugefundenen Isis-Hymnus von Andros mitbrachte, an dem S. alsbald seinen Scharfsinn versuchte. Auch später hat Roß mehrfach neue epigraphische Texte geschickt. Auch die Uebersetzung von Leake’s Topographie Athens, die S. mit Baiter 1844 erscheinen ließ, ist eine Frucht dieser Studien. Von dieser Zeit an ließ S. keine Gelegenheit vorübergehen, um eine in Griechenland neugefundene Urkunde zu besprechen, zu ergänzen und dadurch auch in Deutschland bekannt zu machen. Boten die Weimarer Schulprogramme noch unausgenutzte Seiten, gleich druckte er einige neue Inschriften ab, niemals ohne Förderung des Textes (z. B. Programm Weimar 1856). Und später, als in Göttingen die Verpflichtung zur Abfassung des Universitätsprogramms immer wieder an ihn herantrat, da boten grade seine epigraphischen Sammlungen einen stets sich erneuernden Schatz von werthvollem Material, dem er so manches Cabinetstück der Behandlung von Inschriften entnommen hat (zuerst Programm Göttingen Sommer 1856 „De inscriptione panathenaica“). Von programmatischer Bedeutung war in dieser Richtung die zweite Vorlesung, die er als neuer Professor in Göttingen 1857 ankündigte „Cultus, Recht und Sitte der Athener“. Zu ihr fügte er zuerst 1860 die Vorlesung „Griechische und römische Epigraphik“ und er war einer der ersten, wenn nicht der erste akademische Lehrer, welcher den Inschriften ein besonderes großes Colleg widmete. Grade dieses mehrfach neu ausgearbeitete Colleg war stets sein Stolz, und er pflegte zu sagen, daß aus diesem Colleg zuerst Ulrich Koehler, dann Wilhelm Dittenberger die entscheidende Studienrichtung empfangen hätten, die beide, wie auch ihre Briefe beweisen, S. stets als ihren Lehrer hoch verehrten. So wurde Göttingen um 1860 ein Mittelpunkt der epigraphischen Studien, was sich besonders darin äußerte, daß oft griechische Studenten unter Sauppe’s Hörern saßen. Sie zeigten sich dann dadurch dankbar, daß sie aus Athen Zeitungen mit neugefundenen Inschriften an S. sandten. So konnte S. als erster in Deutschland die berühmte Mysterieninschrift von Andania mit umfassendem [153] Commentar mittheilen (1859). So hat er später in zahlreichen Aufsätzen neues epigraphisches Material den deutschen Fachgenossen zugänglich gemacht. Was Alexander Conze auf Lesbos fand, was später Ulrich Koehler aus Athen nach Göttingen mittheilte, Alles fand an S. den fachkundigen Bearbeiter, der sich die umfassendsten epigraphischen Kenntnisse erwarb, lange bevor er selbst Gelegenheit hatte, mit den griechischen Steinen in unmittelbare Berührung zu treten. Freilich ist Sauppe’s Bedeutung für die Epigraphik lange verkannt worden, weil seine werthvollsten Arbeiten in Schul- und Universitätsprogrammen sich verbargen, und schon 1883 suchte deshalb W. Dittenberger von S. die Erlaubniß zu erlangen, eine Sammlung seiner Opuscula zu veranstalten. Doch sollte dieser Plan erst nach Sauppe’s Tode zur Ausführung gelangen. Wer aber die Briefe seines pietätvollsten Schülers, W. Dittenberger’s, an S. liest, der erkennt, wie groß Sauppe’s Einwirkung auf seine Schüler war. Und grade die Einführung in die Epigraphik war damals noch besonders erschwert durch den völligen Mangel an litterarischen Hülfsmitteln. Da ließ es sich denn S. nicht verdrießen, durch mühsames Abschreiben zur mechanischen Vervielfältigung seinen Hörern zahlreiche griechische und lateinische Inschriften zu erklären und mitzugeben, sie auch an den beiden griechischen Originalinschriften, die ihm gehörten, im Anfertigen von Abklatschen und im Lesen der zahlreichen Abklatsche in seinem Besitze zu üben.

Wer aber die Fülle von Sauppe’s Einzelabhandlungen überschaut, der staunt nicht so sehr über ihre Anzahl als über die Reichhaltigkeit der behandelten Gegenstände. Denn S. war noch einer von den alten Philologen, die, wie R. Hirzel es einmal von ihm rühmt, keinen Theil der Wissenschaft, auch den entlegensten nicht, unbearbeitet ließen. So hat er auch auf Schiller und Goethe seine bewährte philologische Methode angewendet, und von seiner Ausgabe des Don Carlos schreibt Goedeke 1867, „daß … die Arbeit wahre Freude macht und in der Reihe der Bände [der Schillerausgabe] einen, vielmehr den Ehrenplatz einnehmen wird“. Gerade darin aber beruht der dauernde Werth zahlreicher Arbeiten Sauppe’s, daß jeder ordentliche Philologe, nach einem Worte von U. v. Wilamowitz-Moellendorff, dem verehrten Manne mehr verdankt als bloß Belehrung in tausend Einzelheiten, daß er ihm ein wesentliches Stück methodischer Schulung verdankt.

Wir haben damit schon die akademische Lehrthätigkeit berührt, die S. in den letzten 36 Jahren seines überaus reichen Lebens ausgeübt hat. Sie gestaltete sich von Anfang an glänzend und erfolgreich. Sauppe’s Name bedeutete für Göttingen ein Programm. Hervorgegangen aus der streng grammatischen Schule Gottfried Hermann’s hatte er ganz merklich die Consequenzen gezogen aus den reichen epigraphischen Funden der vierziger Jahre und konnte bereits als ein erfolgreicher Vertreter auch der Sachphilologie gelten. Er vereinte in sich auf das glücklichste die alte und die neue Richtung in der Philologie. In Göttingen galt es freilich zunächst die sprachliche und kritische Schulung der Studenten. Ihr galten seine immer wiederkehrenden Vorlesungen über lateinischen Stil mit oft über hundert Hörern und über Hermeneutik und Kritik. Ihr galt seine eigenste Einwirkung auf die Hörer in Seminar und Uebungen. Versucht man mit kurzen Worten die Eigenart seines Unterrichts zu schildern, so war der Haupteindruck wohl der einer imponirenden Klarheit und Umsicht in allem, was er den Zuhörern bot. „Jede auch völlig freie Darlegung streng auf das Ziel gerichtet, nichts Wesentliches bei Seite lassend, aber auch nie durch Abschweifungen abgelenkt. Der Vortrag frisch, klar und kräftig, doch auch an der rechten Stelle des Schwunges nicht entbehrend. Ein Meister in gewandter Handhabung mündlicher und schriftlicher lateinscher [154] Darstellung. Demgemäß bestrebt, diese Fähigkeit auch bei den Studirenden zu fördern, betrachtete er die Seminararbeiten mit hingebendem Fleiße auch nach der Seite der Form. Diese Hingebung kam in ganz besonderem Maße zum Ausdruck bei den mit der ‚Theorie des lateinischen Stils‘ verbundenen Uebungen, in denen er Stücke unserer Classiker (z. B. Schiller über naive und sentimentalische Dichtung, später auch Moltke’s Reichstagsreden) übertragen ließ. Die Ausarbeitungen verbesserte er mit der größten Sauberkeit, Gründlichkeit und Genauigkeit, der Auffassung jedes Einzelnen nachgehend und aus derselben das dem lateinischen Idiom Entsprechende herstellend. Welche Arbeit für ihn darin steckte, konnte besonders die Vergleichung der verbesserten Einzelübertragung mit seiner zum Schluß gegebenen Musterübersetzung zeigen … Ueberall aber hierbei frei von jeder Pedanterie, bei Besprechung der Mängel der Ausarbeitungen nicht ohne Humor, überall bei völliger Gründlichkeit mit liberaler Schonung. In der Verbesserung der Ausarbeitungen unterstützt durch seine ächt classische in Flüssigkeit und Schönheit unvergleichliche Handschrift, die nicht nur am schwarzen Brette eine Zierde unter den Ankündigungen war, sondern auch das Wesen des Mannes erkennen ließ“ (Aus einem Briefe von Professor Dr. Renner-Göttingen, Sauppe’s Hörer 1864–65).

Besonders eindrucksvoll wirkte auf die Hörer der hohe sittliche Ernst und die unbestechliche wissenschaftliche Treue und Wahrheitsliebe, mit der S. alles nur Halbwahre, alles nur Gleißende und Verführerische abwies. (Nach L. Gurlitt, Der Deutsche und seine Schule.) „Seine Gelehrsamkeit war schier unergründlich und ging ebensosehr in die Breite wie in die Tiefe. Er war einer der Letzten, die ein lebendiges und dabei so künstlerisch empfundenes Latein sprachen und schrieben … Sein Vortrag war von schlichter Klarheit und Anspruchslosigkeit. Selbst Anfänger konnten ihm mühelos folgen. Dabei führte er seine Hörer in die schwersten Probleme seiner Wissenschaft ein. Mit scharfem Striche bezeichnete er die Grenze, wie weit die sichere Erkenntniß reiche, und formulirte dann klar das Wesen und die Schwierigkeit der noch ausstehenden Lösung, die zu suchen er uns mit freundlichem Lächeln allen Ernstes ohne jede Geringschätzung einlud. So blieb er geistig jung bis ins hohe Greisenalter und lebte mit seinen Studenten bis zum letzten Athemzuge im lebendigen Gedankenaustausche“ (L. Gurlitt).

Noch bleibt eine Seite von Sauppe’s akademischer Thätigkeit zu erwähnen, welche für ihn besonders charakteristisch war, die Leitung des pädagogischen Seminars. S. hatte in seiner reichen Schulerfahrung einen offenen Blick für die Bedürfnisse der Schule und des höheren Lehrerstandes gewonnen. Darum empfand er bei Antritt seines akademischen Lehramts die Verpflichtung, auch seine pädagogische Erfahrung seinen Schülern mitzutheilen. Hatte er doch in erster Linie die künftigen Gymnasiallehrer des damaligen Königreichs Hannover zu unterrichten. Darum begründete er das pädagogische Seminar, in welchem er es sich zur Aufgabe machte, seinen reiferen Schülern, wie sie selbst aus Anlaß seines fünfzigjährigen Amtsjubiläums von ihm rühmen, im Hinblick auf die höchsten Aufgaben der Erziehung und des Unterrichts Liebe zur Jugend und Lust zu treuer Pflichterfüllung ans Herz zu legen, damit sie als Lehrer an ihrem Theil zur Wohlfahrt unseres Vaterlandes nach Kräften beitragen möchten, und ihnen zur Erreichung dieses erhabenen Zieles aus dem Schutze seiner reichen Kenntnisse und seiner langjährigen praktischen Erfahrung bewährte Rathschläge zu spenden und so Lehrer heranzubilden, die in seinem Geiste zu wirken entschlossen sind. Wie stattlich die Zahl der Männer ist, die durch dieses pädagogische Seminar, das nur sechs ordentliche Mitglieder gleichzeitig aufnahm, gegangen sind, kann das kostbare Album mit den [155] Photographien von 152 Mitgliedern lehren, welches die Seminarmitglieder 1883 ihrem Lehrer darbrachten, und welches unter den Acten dieses Seminars, das jetzt längst mit dem pädagogischen Seminar am Gymnasium zu Göttingen vereinigt ist, auf der Universitätsbibliothek zu Göttingen aufbewahrt wird. Rechnen wir zu diesen 152 Namen noch die etwa 46 Mitglieder hinzu, die ihre Photographie damals nicht einsenden konnten, sowie die weiteren etwa 46 Mitglieder des Seminars von 1883–1890, so haben wir mit 244 näheren Schülern einen natürlich noch viel zu niedrig gegriffenen Maßstab von Sauppe’s akademischer Lehrthätigkeit. In der That dürfte es zur Zeit kaum ein Gymnasium in der Provinz Hannover, im Herzogthum Braunschweig, in Hamburg, Lübeck, Bremen geben, an dem nicht Schüler von S. lehrten.

So war also seine akademische Wirksamkeit eine umfangreiche und gesegnete. Zahlreiche Schüler haben ihm oft einen Tribut ihrer Dankbarkeit abgestattet, niemals glänzender als in der „Satura Philologa“, die zu seinem siebzigsten Geburtstage 1879 erschien. Sie vereinigt Beiträge von den beiden früheren Göttinger Collegen E. Curtius und C. Wachsmuth und den Schülern F. Blaß, W. Gurlitt, R. Hirzel, W. Dittenberger, E. Hiller, U. Koehler, R. Schöll. Neben ihnen sind noch eine große Menge klangvoller Namen im Reiche der Wissenschaft zu nennen, die Sauppe’s Schüler waren.

Ueber den äußeren Verlauf dieser letzten und reichsten Periode von Sauppe’s Leben müssen hier wenige Andeutungen genügen. Es war das stille Gelehrtenleben eines unendlich fleißigen Mannes, der einmal von sich sagt: „Darum hasse ich alles Schönthun mit Worten und äußerem Treiben und erscheine deshalb häufig viel kälter und theilnahmloser, als ich im Inneren es bin. Grade wo ich wirklich empfinde und von einem Gefühle erfüllt bin, denk’ ich, brauche es der äußeren Zeichen nicht, es werde sich schon in seinen Wirkungen von selbst zeigen.“

Die akademischen Ehren wurden ihm bald und reichlich zu Theil, drei Mal war er Prorector, 1859/60, 1860/61, 1873, bei der Eröffnung der Universität Straßburg, bei dem Universitätsjubiläum in Zürich, bei der goldenen Hochzeit Kaiser Wilhelm’s I. vertrat er als Deputirter die Georgia Augusta.

Auch als guter Bürger im griechischen Sinne des Wortes erwies er sich jederzeit. Schon in der Schweiz hatte er an dem lebhaft bewegten politischen Leben jener Tage Antheil genommen, in Weimar war er als Stadtverordneter thätig gewesen, in Göttingen fehlte er niemals, wo es galt, der nationaldeutschen Hoffnung Ausdruck zu verleihen. Als 1866 die kleine Universitätsstadt im Centrum der weltgeschichtlichen Ereignisse stand, die eine letzte Etappe auf dem Wege zur deutschen Einheit bedeuteten, da ist er nicht müde geworden, an seinem Theile mitzuarbeiten, um die Noth jener Kriegszeit seinen Studenten tragen zu helfen. Als aber Göttingen dann eine preußische Stadt geworden war und infolge davon die gesellschaftlichen Beziehungen unter den Professoren völlig zerrüttet waren, da war S. einer der Führer derer, die jene Ereignisse hoffnungsfreudig begrüßten und 1873 das Mittwoch-Kränzchen begründeten, in dem S. nicht weniger als 34 Vorträge gehalten hat. Und als dann 1870 der große Krieg begann zur Krönung des deutschen Einheitswerkes, das S. sein langes Leben hindurch ersehnt hatte, da sandte auch er seinen Sohn in das Feld und sollte ihn schon Ende October schwer verwundet in den Schlachten vor Metz wiedersehen. Wie ein Wunder erschien es, als es der Kunst der Aerzte gelang, ihn wiederherzustellen und ihm den Gebrauch der Beine wiederzugeben.

Kleinere Reisen unterbrachen später alljährlich die Semesterarbeit. Sie galten dem Besuch des Sohnes in Schlesien, kleineren Ausflügen zum Rhein oder zu [156] den Philologenversammlungen. 1862 sah S. zum ersten Mal die alte Heimath Zürich wieder, regelmäßig suchte er später die Alpen auf und kehrte viele Jahre als Curgast in Tarasp wieder. Nach Florenz und Rom führte ein Osterausflug 1868.

Eine wahrhaft große Freude und Erhebung aber war dem Vierundsechzigjährigen beschieden, als er, begleitet von dem Schüler und Freunde Rudolf Schöll, am 10. März 1875 seinen Fuß im Peiräeus auf griechischen Boden setzen durfte. „Früh auf der Akropolis“, so schreibt er am 10. April, „getheilt zwischen Abdrücken von Inschriften … und der Bewunderung der gewaltigen, doch zur Schönheit bezwungenen Masse des Parthenons, dessen Größe und wahrhaft riesenhafte Conception man erst in der Nähe faßt und durch Vergleichung mit dem an und für sich großen Erechtheum begreift. Der Gedanke des Pheidias ungeheuer, der Eindruck viel großartiger, als der der Peterskirche in Rom. Aussicht auf das dunkelblaue Meer köstlich“, und wieder „Immer wieder zog uns ein Blick auf Meer, Himmel und Berge in Bewunderung und Entzücken von der Kunst in die Natur. Die Lage der Akropolis ist einzig in ihrer Art, wie eine stolze Herrscherin überblickt sie in einsamer Schönheit Berge um sich, Städte und Fluthen, Inseln, die sich bis weithin zum Peloponnes erstrecken.“ „Ein lebendiges Bild [von Athen] beginnt sich in mir zu gestalten.“ „Eigenthümlich war für mich auch die Empfindung fast bei jedem näheren Zusehen irgend einen alten Bekannten von Inschriftsteinen zu erblicken [auf der Akropolis] und so sich heimisch zu fühlen unter den Zeugen jener fernen Zeiten.“ So schreibt hochbeglückt der Mann, der schon 1844 Leake’s Topographie von Athen übersetzt und 1846 die grundlegende Abhandlung über die städtischen Demen Athens geschrieben hatte! Unter Führung von R. Schöll, O. Lüders, C. Robert und seiner griechischen Schüler Mylonas und Pantazides studirte S. unermüdlich Athen und seine Umgebung, kletterte auf das Pentelikon hinauf, besuchte Mykene, Tiryns und Argos. Die Reisebriefe an die Gattin sind voll von den gewaltigen Eindrücken dieser Reise.

Besonders schön aber sind die Worte, mit denen S. bald nach seiner Rückkehr in seiner akademischen Festrede zur Preisvertheilung im Juni Zeugniß ablegte von der erhabenen Schönheit des Parthenon und von dem Fortschritt rein menschlicher Entwicklung in der Geschichte Athens.

Er stand auf der Höhe seiner akademischen Wirksamkeit. Freilich häufte sich auch die Arbeit in Sitzungen und Ausschüssen jeder Art, in der Redaction der Göttingischen gelehrten Anzeigen, in dem Vorsitz der Gesellschaft der Wissenschaften (seit Wöhler’s Tod 1883). Immer neue Generationen von Schülern sah er an sich vorüberziehen, die Zeit schien spurlos vorüberzugehen an diesem seltenen Manne. Auch in seiner Familie war ihm nach schwerem Leid vergangener Jahre nun vergönnt viel Freude zu erleben. Sein Sohn Heinrich gründete sich nach seiner Genesung von den Wunden ein eigenes Heim in Schlesien, wo er auf den Besitzungen der Großherzogin von Weimar einen schönen Wirkungskreis gefunden hatte. Der erste Schwiegersohn und frühere Schüler von Weimar, der Geologe C. v. Seebach wirkte in Göttingen, bis ihn die tückische Krankheit 1880 zu früh den Seinen entriß. 1886 war die Hochzeit der jüngsten Tochter mit dem Mathematiker H. v. Mangoldt, jetzt in Danzig. Dann kamen die Ehrentage, wie sie ein langes Leben mit sich bringt, das fünfzigjährige Doctorjubiläum, die goldene Hochzeit 1888, gefeiert durch ein großes Fest, zu dem U. v. Wilamowitz-Moellendorff und G. Roethe das Festspiel gedichtet hatten, gerade so wie einst zur silbernen Hochzeit E. Curtius („Die Epheben von Eleusis“ mit Chören von Ph. Spitta).

[157] Damals schrieb R. v. Ihering die schönen Worte an S.: „Sie sind mir stets als das Muster eines ächten Gelehrten, pflichttreuen Lehrers und ganzen Mannes erschienen … Wo es in Göttingen gemeinnützige Unternehmungen und edle, humane Zwecke galt, habe ich den Namen Sauppe stets in erster Linie gefunden.“

Auch nach dem achtzigsten Geburtstag dachte S. nicht daran, die akademische Lehrthätigkeit aufzugeben. Kaum häufiger als sonst erschien am schwarzen Brett der wohlbekannte lateinische Anschlag, daß er durch die pituita molesta gezwungen sei, eine Stunde auszusetzen.

Den vollen Eindruck seiner liebenswürdigen Persönlichkeit und seines umfassenden Wissens empfingen besonders vertraute gereiftere Schüler, die er etwa in Form eines philologischen Kränzchens um sich versammelte, wie im Sommer 1862, wo W. Dittenberger an der Spitze eines Kränzchens stand, an dem R. Schöll, O. v. Bamberg u. A. theilnahmen.

Der Zugang zu seiner Studirstube stand nach wie vor vom frühen Morgen an jedem Schüler offen, und keiner verließ das trauliche Zimmer mit seinen werthvollen Bücherschätzen, die nun längst den philologischen Grundstock der Universitätsbibliothek von Bryn-Mawr bilden, ohne Rath und Ermunterung in allen wissenschaftlichen Fragen erhalten zu haben. Ja selbst die persönlichen Angelegenheiten und Sorgen durften gar viele dem verehrten Lehrer vortragen und fanden bei ihm stets freundliches Gehör. Diese außeramtliche Thätigkeit als Freund und Berather seiner Hörer nahm mit der Zeit einen solchen Umfang an, daß viele nach bestandenem Examen von S. eine vorläufige Versorgung oder Anstellung als Hauslehrer erbaten und oft erhielten, wie denn Sauppe’s gewichtige Empfehlung so bekannt und gesucht wurde, daß von weit her Fürsten und Grafen, Erziehungsinstitute und staatliche Schulbehörden sich an den Göttinger Professor wandten mit Anfragen nach geeigneten Lehrkräften. Für diese Extrathätigkeit hätte S. sich wirklich oft einen Secretär halten können! Auch sie aber ist ein Zeugniß von der allgemeinen Werthschätzung, deren sich S. auch als Menschenkenner erfreute. Berühmt war in dieser Beziehung Sauppe’s Gedächtniß für die große Zahl seiner ehemaligen Schüler, von dem Karl Dilthey einmal mit Bezug auf einen Examenscandidaten schreibt: „Oder wissen Sie mit Ihrem Feldherrngedächtniß für die Leute, die Ihnen einmal vor die Augen gekommen, etwas von ihm?“

Wer ihn aber gekannt hat, den freundlichen kleinen Mann am Stehpult, wie er unermüdlich war im Eingehen auf jede Frage des rathsuchenden Seminarmitglieds, wer seine Handexemplare durchblättert hat mit den feinen Notizen, dem Ertrage von mehr als fünfzigjährigen täglichen Studien, wer ihn in Gesellschaft gesehen hat, die er so liebte, und hörte, wie er voll Interesse für Jeden das rechte Wort hatte, für die junge Balldame wie für den gelehrten Collegen; der wird ihn niemals vergessen, der glaubt seine freundliche Stimme noch zu hören! Sein Name wird nach seinem friedlichen Heimgange am 15. September 1893 – die Gattin war ihm nur wenige Wochen vorausgegangen – auch äußerlich mit der Georgia Augusta fortleben durch die Sauppe-Stiftung, die aus Anlaß seines fünfzigjährigen Doctorjubiläums geschaffen wurde von Schülern, Freunden und Verehrern, und ihren besonderen Zweck und ihre Statuten empfangen hat nach Hermann Sauppe’s Angaben. Sie dient, wie das ganze Leben des Mannes, dessen Namen sie trägt, dazu, dem Studium der classischen Alterthumswissenschaft zu Göttingen immer neue Belebung zu schaffen durch Verleihung von Reisestipendien zum Besuche des classischen Südens.

[158] U. v. Wilamowitz-Moellendorff, Gedächtnißrede auf Hermann Sauppe, Nachr. der kgl. Gesellsch. der Wissensch., Göttingen 1894. – G. Lothholz, Pädagogik der Neuzeit in Lebensbildern. Gütersloh 1897, S. 433 ff. – Das werthvollste biographische Material verdanke ich Fräulein Hedwig Sauppe in Göttingen, welche als die vertraute Gehülfin ihres Vaters ihm in ganz einziger Weise nahe stand und mir sowohl ihre eigenen ausführlichen biographischen Aufzeichnungen über Sauppe’s Leben, die ich oft wörtlich benutzte, als auch zahlreiche Papiere und Briefe Sauppe’s anvertraut hat. Den wissenschaftlichen Nachlaß durfte ich auf der Universitätsbibliothek zu Göttingen benutzen; er ist katalogisirt von W. Meyer, Katalog der Handschriften des preußischen Staates, Bd. II. – H. Sauppe’s Ausgewählte Schriften erschienen Berlin 1896 gesammelt von Konrad Trieber, der S. S29 f. auch ein annähernd vollständiges Verzeichniß der gesammten Schriften gab.
Erich Ziebarth.

[146] *) Zu Bd. LIII, S. 720.