ADB:Schneidewin, Friedrich Wilhelm

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Artikel „Schneidewin, Friedrich Wilhelm“ von August Baumeister in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 32 (1891), S. 150–153, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Schneidewin,_Friedrich_Wilhelm&oldid=- (Version vom 25. Mai 2019, 23:56 Uhr UTC)
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Schneidewin: Friedrich Wilhelm S., namhafter Philologe. Er wurde am 6. Juni 1810 zu Helmstedt geboren, wo sein Vater ein wohlhabender Kaufmann war. Das Geschäft desselben ging aber bald schlecht, schwindelhafte Unternehmungen verschlangen sein ganzes Vermögen, er selbst starb 1825 und hinterließ die Frau mit vier Kindern in drückender Armuth. Diese Wendung machte auf S., den älteren Sohn, der in seinen Knabenjahren leichtsinnig und flatterhaft gewesen war, auch für einen flüchtigen und trägen Schüler gegolten hatte, plötzlich den tiefsten Eindruck, wozu die ernste Ermahnung seines trefflichen Lehrers in der Tertia, J. G. Schedel, nicht wenig beitrug. Der angehende Jüngling ward von Stunde an ein ebenso lernbegieriger wie musterhafter Schüler, dessen bedeutende Gaben und philologische Neigungen sich nun sofort offenbarten. Schon als Secundaner lieferte er umfangreiche und von selbständiger Beobachtung zeugende Interpretationsarbeiten; bei seinem starken Gedächtniß gelang ihm das Retrovertiren in ungewöhnlichem Maaße, er lernte auch Homer und Cicero mit Leichtigkeit auswendig. Als Primaner führte ihn der Director Ph. Heß in das gelehrte philologische Studium ein, bei dem Wolfenbüttler Bibliothekar Schönemann lernte er Handschriften collationiren, und durch Schiller’s Gedicht angeregt, begann er die Fragmente des Ibykos zu sammeln. Im Herbst 1829 absolvirte er die Schule, deren Zeugniß ihn schon als fertigen, freilich auch einseitigen Philologen charakterisirt: in Geschichte, Deutsch und Französisch leistete er wenig, Mathematik interessirte ihn gar nicht. Bei seiner Dürftigkeit hatte er schon manche Privatstunde gegeben und Correcturen gelesen, auch, um durch den Verdienst Mutter und Schwestern zu unterstützen, denn er war ein trefflicher Sohn und überhaupt weichen und dankbaren Gemüthes. Als der erwähnte Lehrer Schedel versetzt wurde und S. als Primus der Schule bei einer Fackelmusik eine Ansprache an denselben hielt, sank er ihm mit heftigem Weinen in die Arme, eingedenk seiner bedeutsamen Mahnungen. Der überall beliebte Jüngling konnte jetzt die Universität beziehen, da ihm in der Vaterstadt und auch durch auswärtige Wohlthäter mancherlei Unterstützungen zu Theil wurden. In Göttingen fand er sich unter den Professoren, obwohl er auch Dissen hörte, vornehmlich angezogen von K. Otfr. Müller, dieser ward Schneidewin’s eigentlicher und fast einziger Lehrer, dem er mit Begeisterung anhing, obwohl er nicht dessen universeller Richtung folgte, sondern sich auf Kritik und Exegese der Classiker, vornehmlich der Dichter, und auf Litteraturgeschichte beschränkte. Seine nächsten Freunde wurden v. Leutsch und sein Landsmann F. H. L. Ahrens. In angestrengter Arbeit und reger Theilnahme an der von O. Müller gestifteten „Fragmenten-Societät“ gingen die Semester dahin, die Ferien wurden meist zu Handschriftencollationen benutzt. Im Herbst 1832 promovirte S. mit einer Dissertation über ein Müller’sches Thema („De Diana Phacelitide et Oreste apud Rheginos et Siculos“), ließ aber bald darauf seine eigenste Erstlingsleistung („Ibyci Rhegini reliquiae“, 1833) drucken. In Helmstedt fand er die gewünschte Lehrstellung nicht; dagegen wurde er in Braunschweig von Ostern 1833 ab provisorisch am Gymnasium beschäftigt, meist mit Vertretungsstunden, bis er 1835 eine feste Anstellung als Collaborator mit 250 Thalern Gehalt erhielt. Nebenher gab er stets Privatunterricht und nahm einen Pensionär, um Mutter und Schwestern bei sich erhalten zu können. Eine sehr scharfe Recension [151] seines Ibykus durch Gottfr. Hermann traf ihn zuerst wie ein Donnerschlag; doch ward er allmählich selbst inne, daß er noch nicht auf der Höhe der schneidigen Leipziger Kritik stehe, und lernte mit Eifer von dem großen Gegner, dem er später mit Achtung und Freundschaft näher trat. Förderlich zu dieser Selbstergänzung war vor allem ein Schüler Hermann’s, Adolf Emperius, Professor am Collegium Carolinum (s. A. D. B. VI, 93), mit dem er bald das engste Freundschaftsbündniß schloß. Schon 1835 gab er dann „Simonidis Cei reliquiae“ heraus, ein glänzendes Zeugniß seines geschärften Blickes und unermüdlichen Fleißes, wobei die ihm eigene divinatorische[WS 1] Gabe stark hervortrat; daneben gingen Programme und kleinere Arbeiten her. Auf Otfr. Müller’s Antrieb verließ er aber nach dem Tode der Mutter um Ostern 1836 Braunschweig und habilitirte sich als Privatdocent in Göttingen, da er eine jährliche Remuneration, die seinem Gehalte gleichkam, von der Regierung zugesichert erhielt. Seine mit Beifall aufgenommenen Vorlesungen an der Göttinger Universität erstreckten sich zunächst auf Homer, Aristophanes, Platon, Plautus, Horaz, lateinische und griechische Grammatik. Schon nach Jahresfrist wurde er zum außerordentlichen Professor ernannt; nach Dissen’s Tode (Herbst 1837) zum Mitleiter des philologischen Seminars. Bei dem bekannten politischen Protest der Göttinger Sieben betheiligte er sich nachträglich mit fünf anderen in jugendlichem Feuer und verdarb es dadurch mit der Regierung. Mehrfach standen auswärtige Berufungen in Aussicht, doch machte er Göttingen gerade jetzt zu seinem Familiensitze durch die Verheirathung, April 1838, mit Auguste Baumgarten, Tochter eines Braunschweiger Predigers. Zugleich ließ er seinen „Delectus poesis Graecorum elegiacae, iambicae, melicae,“ Gott. 1838/39 drucken, in welchem er die Frucht seiner bis dahin auf dem Felde der griechischen Lyrik gemachten Studien zusammenfaßte und jene kostbaren Ueberreste zum ersten Male in handlicher Form darbot. Das Buch fand sehr günstige Aufnahme und brachte dem Verfasser das gewünschte Ansehen zu rechter Zeit. Daneben liefen kleinere Arbeiten her, die sich auf demselben Felde bewegten, auch die größere, mit v. Leutsch zusammen veranstaltete Ausgabe der „Paroemiographi Graeci“. Mitten in dies rege Schaffen fiel der plötzliche Tod Otfr. Müller’s (1. August 1840), an dem S. mit ganzer Seele hing; im Winter darauf traf ihn selbst eine schwere Erkrankung, deren Folgen nie ganz überwunden wurden und sich in einer ungemeinen Reizbarkeit zeigten. Die Besetzung des Müller’schen Lehrstuhls mit K. Fr. Hermann (Herbst 1842), der einen weit größeren Studienkreis umfaßte und sein innerliches Wohlwollen nicht immer in die passenden Formen kleidete, brachte eine dauernde Verstimmung in das amtliche Verhältniß, obwohl Hermann die Beförderung Schneidewin’s und v. Leutsch’s zu ordentlichen Professoren als Bedingung seines Kommens durchgesetzt hatte. Eine Reise mit v. Leutsch nach Avranches in der Normandie, wo eine vollständige Handschrift von Cicero de Oratore sein sollte, gab S. einige Erfrischung, die Besorgung der neuen Auflage von Dissen’s Pindar noch mehr Anregung; dagegen wurden die Poetae lyrici Graeci des früher befreundeten Bergk Veranlassung zu einem unerquicklichen Streite und dauernder Befeindung. Gegen Ende 1846 gründete S. die gelehrte Zeitschrift „Philologus“ dem Gedächtnisse Otfr. Müller’s gewidmet, welche bald eine bedeutende Stellung gewann und von dem Herausgeber mit rastlosem Eifer und bedeutendem Aufwande an Zeit geführt wurde. Fast gleichzeitig übernahm er in der Haupt-Sauppe’schen Sammlung von Schulausgaben den Sophokles, dessen kritische Bearbeitung durch ihn epochemachend geworden ist. Seine Vorlesungen über diesen Dichter und über Aeschylos gehören zu seinen vorzüglichsten Leistungen, an die Jeder, der ihnen beiwohnte, mit Genuß zurückdenken wird. Mit melodischer Stimme trug er im rhythmischen Tonfall die Chöre vor (auch [152] den Plautus verstand er declamatorisch vorzuführen); in der Erläuterung verband er Schärfe der Kritik mit abgerundeter Darlegung des Zusammenhanges und Gedankenganges in sehr gefälliger Form. In den deutsch geschriebenen Einleitungen und Anmerkungen zu den einzelnen Stücken, die es ihm leider nur einmal vergönnt war herauszugeben, hat er zuerst mit feinem Tact auch der ästhetischen Seite der Erläuterung wieder die gebührende Stelle eingeräumt und damit den Grund zu derjenigen Erklärungsweise gelegt, welche seitdem in Schulausgaben griechischer Dichter mit Recht maßgebend geworden ist. – Als eigentlicher Lehrer stand S. in dieser Zeit unter den Göttinger Philologen ohne Zweifel obenan. Im Seminar wußte er auch stumpfere Naturen durch Humor oder leise Ironie anzuregen, den Blick der strebsamen zu erweitern und dem Fleiße Ziele zu weisen. Die lateinischen Schreibübungen pflegte er mit besonderer Vorliebe, umsomehr, als sein eigener Stil der Naturfrische und Eleganz nicht entbehrte, sein mündlicher Ausdruck sehr fertig und geschmackvoll war. Vor allem trat seine Lehrbegabung in der privaten Societät hervor, deren Mitglieder, etwa ein Dutzend, bei ihm einmal in jeder Woche zusammenkamen, um über kritische Arbeiten zu disputiren. Hier war er auch gewohnt, Novitäten vorzulegen und daran allerlei belehrende Excurse zu knüpfen, Fragen und Aufgaben zu stellen, sowie selber Auskunft jeder Art aus seinem Bereiche zu ertheilen. Die natürliche Liebenswürdigkeit seines Umganges und die Weichheit seines Wesens zeigte sich ganz besonders auf einzelnen von dieser Societät unternommenen Abendspaziergängen, wo er sich in ungezwungener Jovialität auch dem Naturgenuß hingab. Als er in den letzten Jahren augenleidend ward, beeiferten sich Nähertretende, ihm griechische Dichter an Winterabenden vorzulesen und mußten dabei sein Gedächtniß bewundern, womit er im Stande war, aus Homer und den Tragikern fast jede angefangene Stelle fortfahrend sicher zu recitiren, oft mit Angabe der Handschriftenvarianten. Die Ausgabe des Sophokles war im Anfange der 50er Jahre seine Hauptarbeit; die Auflagen folgten rasch auf einander; der Erfolg war sichtbar und steigerte seine Freudigkeit. Daneben hatte er schon viele Jahre lang das handschriftliche Material zu „Martialis“ gesammelt, der 1853 erschien. Die neugefundenen Fabeln des Babrias wetteiferte er mit Anderen zu verbessern; ebenso die Fragmente des Redners Hyperides. Den Kirchenschriftsteller Hippolytos gab er in Verbindung mit Prof. Duncker gründlich revidirt mit lateinischer Uebersetzung (ein sehr schweres Stück!) heraus 1854. Gleichzeitig bereitete er Ausgaben der griechischen Anthologie, sowie auch der Homerischen Hymnen vor und ließ Aeschylos’ Agamemnon mit deutschem Commentar drucken, welcher aber erst nach seinem Tode erschien. Denn unerwartet erlag er am 11. Januar 1856 einem nervösen Fieber und schloß damit ein Leben voll angestrengter Arbeit. – S. war von mittlerer Statur, schmächtig und blaß; ein kranker Zug lag nicht bloß in seinem Antlitze, sondern durchzog auch in den letzten Jahren sein ganzes Wesen, hervorgerufen und genährt durch die stete Mühsal des Daseins und durch Ueberarbeitung. Sein Professorengehalt betrug 600 Thaler; erst im letzten Lebensjahre wurde er bedeutend besser gestellt. Seine Begabung und Neigung beschränkte ihn auf ein verhältnißmäßig enges Feld, das er jedoch für den Mittelpunkt des Ganzen ansah und mit Begeisterung pflegte. Ein starkes Gedächtniß und große Schärfe der Auffassung nebst feinem poetischen Sinn und Formengewandtheit bildeten die Instrumente seiner Geistesthätigkeit; geschichtliche Forschung und philosophische Betrachtung zog ihn weniger an. Gegen politisches Treiben war er geradezu verbittert, dem größeren Weltverkehr, von dem er wenig wußte, abgeneigt; selbst die allgemeinen Interessen der Litteratur, Kunst und des modernen Geisteslebens ließen ihn kalt; er lebte für den eigensten Kreis seines Schaffens und derer, die gleich dachten. Er war [153] ein vortrefflicher Gatte und liebevoller Hausvater, freundlich und gefällig gegen Jedermann, herzlich und offen gegen die sich näher anschließenden Schüler, den Freunden innig treu und warm gesinnt. Die Widrigkeiten seiner Existenz empfand er um so tiefer, als ein gewisser Ehrgeiz ihn beseelte; vermeintliche Zurücksetzung versetzte ihn momentan in herbe Stimmung. Doch führte ihn sein stilles innerliches Gottvertrauen mit den Jahren immer mehr zu demüthiger Hingebung; er lebte und starb als einfach gläubiger Christ.

Das Leben erzählt E. v. Leutsch im Philologus X, 744–768. – M. Lechner in: Erinnerungen an K. F. Hermann, F. W. Schneidewin u. s. w. Berlin 1864.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: dinivatorisch