ADB:Schack, Adolf Graf von

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Artikel „Schack, Adolf Friedrich Graf von“ von Max Koch in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 55 (1910), S. 158–163, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Schack,_Adolf_Graf_von&oldid=2513241 (Version vom 24. September 2017, 01:25 Uhr UTC)
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Schack *): Adolf Friedrich Graf von Sch., Dichter, Uebersetzer, Historiker und Kunstsammler, geboren am 2. August 1815 auf dem Familienmajoratsgute in Brüsewitz in Mecklenburg, unvermählt gestorben zu Rom am 14. April 1894.

Das freie Aufwachsen des Knaben auf dem einsamen Landsitz in Feld und Wald entwickelte früh seinen lebhaften Natursinn, der durch den ersten Hauslehrer bald auch nach der naturwissenschaftlichen Seite hin gelenkt wurde. Den wichtigsten Einfluß jedoch schreibt Sch. selber der Erzieherin seiner beiden ungefähr gleichaltrigen Schwestern – die dritte und ein Bruder kamen erst viel später zur Welt – zu, Hedwig Dragendorff. Durch die Widmung seines poetischen Hauptwerkes, der „Nächte des Orients“, hat Sch. noch 1874 der treuen Freundin gedankt, die den Knaben zuerst in die Welt der Märchen und Sagen eingeführt, mit weisen Lehren den jungen Geist genährt und, indem sie seinen angeborenen dichterischen Sinn stärkte, doch auch dessen Ueberschwang auf das richtige Maß zurückzuführen verstanden habe. Hedwig Dragendorff „vereinigte Liebe zur Musik und bildenden Kunst, besonders der Malerei, mit einem gleich eingehenden Verständnisse der Poesie und der Litteratur im allgemeinen“. Besonders an Homer, Schiller’s „Räubern“ und Jugendgedichten, Goethe’s „Götz von Berlichingen“ und „Werthers Leiden“ begeisterte sich der Knabe, der schon von seinem zehnten Jahre an Trauerspiele und Epen auszuarbeiten begann. Stolberg’s Beschreibung seiner italienischen Reise erweckte dagegen zuerst des eifrigen jungen Lesers Sehnsucht, fremde Länder zu sehen. Die Eltern waren weder von dieser Reiselust, noch von den poetischen Neigungen ihres Sohnes sehr erbaut. Als der Vater mecklenburgischer Bundestagsgesandter in Frankfurt a. M. wurde, brachte er seinen Sohn auf das berühmte hallesche Pädagogium. Aber dieser fühlte sich in der frommen Anstalt höchst unbehaglich und war froh, als er seine Gymnasialstudien in Frankfurt fortsetzen und dort 1834 beenden durfte. Da die Eltern seinen Eintritt in den Staatsdienst wünschten, mußte er Jurisprudenz studiren. Aber wenn er auch erst in Bonn, dann in Heidelberg und Berlin juristische Vorlesungen belegte, so trieb er doch eifrig seine Lieblingsstudien, Geschichte und Sprachen. 1838 trat er als Referendar beim Kammergericht in Berlin ein. Nach dieser Vorbereitungszeit eröffnete sich ihm die diplomatische Laufbahn. Wenn der Dienst als Attaché der mecklenburgischen Gesandtschaft erst in Frankfurt, dann in Berlin wenig Anregung bot, so gewährte die amtliche Theilnahme bei den Unionsverhandlungen in Erfurt 1850 doch [159] schmerzlich lehrreichen Einblick in die Stürme und Schwierigkeiten der deutschen Einheitsbestrebungen. Nach dem Tode des Vaters schied Sch. aus dem Amte aus, um als Legationsrath a. D. und mecklenburgischer Kammerherr nun völlig frei seinen künstlerischen und wissenschaftlichen Neigungen zu leben.

Schon gleich nach dem Abiturium hatte er das erste Mal das ersehnte Italien schauen dürfen; weitere Reisen nach Paris, Südfrankreich, Italien folgten. An eine 1839 unternommene Mittelmeer- und Orientreise schloß sich ein anderthalbjähriger Aufenthalt in Spanien an, während dessen er sich mit den älteren spanischen Dramen vertraut zu machen begann. Auf der Heimkehr wurde zum ersten Male England besucht. Wieder kam er zu längerem Aufenthalt 1865 nach Spanien und als kundiger Reisebegleiter seines jungen Landesherrn, des Großherzogs Friedrich Franz von Mecklenburg-Schwerin 1871 in den Orient. Schack’s Wunsch, Indien zu sehen, blieb unerfüllt, aber wiederholt hat er Palästina und Aegypten, Sicilien, Spanien und Portugal wie England besucht; Deutschland durchquerte er von einem Ende zum andern. Ueberall verband er mit dem eifrigen Studium der Museen, Bibliotheken und Archive die Bekanntschaft bedeutender Männer, nicht bloß die von Malern, Dichtern und Gelehrten, sondern auch von politischen Führern. Seiner Freundschaft mit Mazzini, dessen Charakter er warm verehrte, hat er in einem eigenen Buche „Joseph Mazzini und die italienische Einheit“ (1891) ein Denkmal gesetzt. Von Garibaldi’s heroischer Vertheidigung im J. 1849 konnte er als bewundernder Augenzeuge berichten. Sch. pries es als höchste Schicksalsgunst, daß er die erfolgreichen Kämpfe um die Einheit Italiens und Deutschlands mit erlebt habe. In den „Plejaden“, wie in „Lothar“ und „Durch alle Wetter“ feierte er das Ringen um die Verwirklichung des deutschen Einheitsgedankens. Seine schwärmerische Liebe für Hellas und Indien, für alles Große und Schöne der Vergangenheit hielt ihn niemals ab, mit voller Seele sich für die Errungenschaften der modernen Naturwissenschaft und alle Fortschritte der Mechanik zu begeistern. Auf politischem und noch mehr auf religiösem Gebiete war der 1876 von Kaiser Wilhelm I. in den Grafenstand erhobene mecklenburgische Junker jederzeit durchaus freiheitlich gesinnt. Seine Vertiefung in die Religionsgeschichte der Hellenen, Inder, Perser, Araber und die Religionskriege der christlichen Confessionen machten ihn zum entschiedenen Gegner aller kirchlichen Dogmen. In einem seiner gedankenreichsten Gedichte klagte er den Apostel Paulus als den Verderber von Jesus’ Heilslehre an.

Wenn Sch. trotz seiner Freiheitsliebe der Einladung König Maximilian’s II. von Baiern nach München folgte, so hat wohl die Erinnerung an die kunstverschönten Fürstenhöfe der Renaissance ihn zu dem Entschlusse mitbestimmt. Außer manchen anderen Umständen war es vor allem der Gesundheitszustand des edlen Fürsten, welcher die Erfüllung der auf dessen geistige Tafelrunde gesetzten Hoffnungen vereitelte. Sch. aber schlug, wie sehr er auch nach wie vor seiner Reiselust nachgab, doch von 1858 an in München seinen dauernden Wohnsitz auf. Durch den genialen Architekten Gedon ließ er sich in der äußeren Briennerstraße im Renaissancestil das Haus für seine Gemäldesammlung bauen. Ihre Geschichte hat er 1881 (7. Aufl. 1894) selbst beschrieben. Als 1864 Richard Wagner sein Nachbar wurde, hat Sch. allein und im Gegensatze zu dem ganzen von König Maximilian hinterlassenen Kreise dem angefeindeten und verfolgten Meister bewunderndes Verständniß entgegengebracht.

Aber auch S. selber fühlte sich öfters im Gegensatz zu manchen Erscheinungen des Münchner Lebens und mit Recht beleidigt durch das taktlose Benehmen, mit dem die königliche Intendanz des Hoftheaters Schack’s und Heyse’s mannhaftes [160] Eintreten für die Verleihung des Maximiliansordens an Anzengruber zu strafen suchte. Die Folge dieser Verstimmungen war Schack’s Testament, in dem er seine Gemäldesammlung Kaiser Wilhelm II. vermachte. Zwar hat der Kaiser die Galerie, Schack’s Absicht entgegen, in München gelassen, aber leider wurde sie 1909 von ihrer historischen Stätte entfernt, um die prunkenden Festräume des neuen preußischen Gesandtschaftsgebäudes in der Prinzregentenstraße zu zieren.

Wenn zunehmende Augenschwäche dem Grafen selber in seinem letzten Jahrzehnt den Genuß der erworbenen Bilderschätze beeinträchtigte, so hat es nach seinem Tode nicht an Angriffen auf den Sammler Sch. gefehlt. Am schärfsten haben diese in Adolf Wilbrandt’s Roman „Hermann Iffinger“ und in Franz v. Lenbach’s „Gesprächen und Erinnerungen“ (mitgetheilt von W. Wyl Stuttgart 1904) Ausdruck gefunden. Aber auch Schack’s eigene Briefe an die Mutter Anselm Feuerbach’s stellen ihrem Schreiber kein günstiges Zeugniß aus. Allein wenn Sch. auch die Nothlage junger Künstler ausgenützt, in seinem Mäcenatenthum sich manche Blößen gegeben haben mag, so darf man deshalb sein Verdienst nicht gering einschätzen. Er hat für die Kunst und die deutschen Künstler mehr gethan als von seinen sämmtlichen deutschen Standesgenossen in Jahrhunderten geschehen ist und die reich gewordene Bourgeoisie bis jetzt in Deutschland gethan hat. Schack’s Bewunderung für die großen Meister der Renaissance, die ihn zum Erwerb von Copien anspornte, hat ihn keineswegs zu einer oft geübten gelehrten Verkennung der Gegenwart verführt. Die Schätzung des Alten hat ihn nicht abgehalten, Genelli’s, Feuerbach’s , Böcklin’s Werke anzukaufen zu einer Zeit, in der Niemand etwas von den heute Gefeierten wissen wollte. Der Dichter-Componist Cornelius hat in seiner Charakteristik Bonaventura Genelli’s das Wort seines großen Oheims Peter Cornelius überliefert: „Wir Künstler alle können dem Baron Schack nicht genug dankbar sein für das, was er an Genelli thut!“ Und der Neffe fügt hinzu, jene Dankbarkeit solle ein Segment in dem Gesinnungs- und Anschauungskreise aller Gebildeten werden. Der Gemäldebestand der Schackgalerie spricht entschiedener und dauernder zu Gunsten des Sammlers, als alle Vorwürfe aus Künstlerkreisen gegen die Art, wie Sch. gesammelt hat, beweisen können. Aber auch Schack’s Dichtungen und Aufsätze thun dar, daß seine Liebe zur bildenden Kunst von echter Kennerschaft begleitet war.

In den drei Sammlungen „Pandora“ (1889), „Mosaik“ (1891), „Perspektiven“ (2 Bde. 1894) hat Sch. seine kleineren litterargeschichtlichen und geschichtsphilosophischen Studien vereint. Die drei Bände seines wissenschaftlichen Hauptwerkes „Geschichte des spanischen Dramas und Theaters“ sind schon 1845/46 (Berlin) erschienen, in der zweiten Ausgabe unter dem Titel „Geschichte der dramatischen Litteratur und Kunst in Spanien“ (Frankfurt a. M. 1854/55). In den Vorreden zu einer dreibändigen Auswahl aus Calderon’s Werken und zur Neuausgabe seines „eigenen spanischen Theaters“ (1845, 2 Bde.) hat er 1886 nochmals Gelegenheit genommen, sein revidirtes Urtheil über das in der Jugend überschwänglich bewunderte Drama der Spanier darzulegen. Aber schon zur Zeit der Abfassung des auf ausgedehnter Quellenforschung vortrefflich aufgebauten großen Werkes hatte er eine ebenso gründliche Geschichte des englischen Dramas und Theaters zur Vergleichung und Kritik des spanischen geplant. Als Ersatz für dies nicht ausgeführte zweite Werk gab er 1893 verdeutschte Bruchstücke aus „den englischen Dramatikern vor, neben und nach Shakespeare“.

Wenn Sch. im Drama die Blüthe der christlichen Dichtung Spaniens [161] sah, so hatte doch schon der erste Besuch der Alhambra ihn mit Liebe für das Spanien der Mauren erfüllt. Aus gründlichen Studien arabischer Dichter und Historiker gingen 1865 die zwei Bände „Poesie und Kunst der Araber in Spanien und Sicilien“ (2. Aufl. 1877) hervor, denen sich 1889 die zweibändige „Geschichte der Normannen in Sicilien“ anreihte. 1888 hatte Sch. seine Autobiographie „Ein halbes Jahrhundert; Erinnerungen und Aufzeichnungen“ (3 Bde.) veröffentlicht, die allerdings mehr glänzende Reiseschilderungen als Berichte über des Dichters inneres Leben und seine Entwicklung enthielten. Zu den den Prosaschriften eingereihten Uebersetzungen und den dramatischen Uebertragungen gesellt sich die lange Reihe selbständiger Verdeutschungen von Dichtungen. Als Hauptarbeit ist die meisterhafte Nachbildung der „Heldensagen und epischen Dichtungen von Firdusi“ zu rühmen (1851/52, 3. Aufl. 1877). Dem persischen Epos reiht sich die Verdeutschung indischer Sagen („Stimmen vom Ganges“, 2. Aufl. 1877) und der „Strophen des Omar Chijam“ (1878) an. Die Sammlung „Orient und Occident“ (1890) enthält im ersten und dritten Bande das persische Epos „Medschnun und Leila“ und das indische „Raghuvansa“, im mittleren ein modernes portugiesisches Epos. Einen „Romanzero der Spanier und Portugiesen“ hatte Sch. bereits 1860 im Verein mit Geibel verdeutscht. In den beiden Bänden der „Anthologie“ (1893) gab er Nachbildungen arabischer, italienischer, englisch-amerikanischer, französischer und spanisch-portugiesischer Lyrik.

Wenn Rückert neben den von Sch. beherrschten orientalischen Sprachen: Arabisch, Persisch, Sanskrit, auch noch aus dem Chinesischen übersetzte, so hat Sch. dafür auch aus allen westeuropäischen Sprachen und aus dem Griechischen übertragen. Kein Dichter irgend einer Litteratur hat als Uebersetzer gleich weite Gebiete beherrscht. Wenn Sch. trotz seiner Vorliebe für Platen orientalische Versformen vermied, so geschah es nicht wegen der formalen Schwierigkeiten, sondern zur Vermeidung des Fremdartigen (vgl. Hubert Tschersig, Das Gasel in der deutschen Dichtung, Leipzig 1907: Breslauer Beiträge zur Litteratur-Geschichte XI, 208 f.; Artur Remy, The Influence of India and Persia on the Poetry of Germany, New-York 1901: Columbia University Germanic Studies I, IV, 74 f.). Schack’s Firdusi-Nachbildung steht als eine Meisterleistung unserer Uebersetzungeskunst neben Voß’ Homer und Schlegel’s Shakespeare. Von Schack’s Stellung zum Orient unterrichtet am besten seine Studie „Die erste und die zweite Renaissance“ in der „Pandora“, Vielleicht die tiefgreifendste seiner geschichtsphilosophischen Betrachtungen. Wie Sch. von der hohen Warte seiner universellen Bildung aus die Entwicklung der Menschheit in Kunst und Denken, religiöser und politischer Freiheit voll leidenschaftlicher Theilnahme als Geschichtskundiger stets vor Augen hat, das spiegelt sich in seinen Dichtungen wie in seinen Prosaschriften fortwährend wieder. Aber wenn einerseits die hohe persönliche Cultur des Dichters fast allen seinen Dichtungen werthvollen Gehalt verleiht, so birgt diese innige Vertrautheit mit allem Großen der Weltlitteratur und bildenden Kunst doch auch eine Gefahr für das eigene dichterische Schaffen. Schack’s Aufsatz „Ein Wort über die Lyrik“ zeigt, wie hoch er die Gedankenlyrik über das einfach empfindende Lied stellte.

Sch. hat sowohl seine Dichtungen wie Uebersetzungen lange zurückgehalten und umgearbeitet, ehe er an die Veröffentlichung ging. So kam es, daß, nachdem 1866 die erste Gedichtsammlung vorangegangen war, von 1869 an eine große Anzahl Werke rasch nacheinander erschienen. 1882 hat er seine „Gesammelten Werke“ in sechs Bänden zusammengestellt, wozu schon 1884 zwei [162] weitere sich gesellten. Die dritte Auflage von 1897/99 umfaßt zehn Bände. Die unverdiente Gleichgültigkeit, welche Leser und Bühnen längere Zeit gegen seine Werke zeigten, hat der Dichter aufs schmerzlichste empfunden und seinen bitteren Unmuth darüber geäußert. Von seinen Dramen haben „Die Pisaner“ – der Stoff von Dante’s „Ugolino“ – (1872) und „Timandra“ (Untergang des Sparterkönigs Pausanias, 1880) sich als durchaus bühnenwirksam erwiesen. Seine „Lustspiele“ (1891) würden die Probe wohl kaum bestehen. Als Lesedramen bedeutend erschienen dagegen seine beiden „Politischen Lustspiele“ (1873), in denen er die gescheiterten Einheitsbewegungen von 1848/49 – „Der Kaiserbote“ – und den Sturz des französischen Empire nach Sedan – „Cancan“ – nach dem Vorbilde von Aristophanes und Graf Platen in Ernst und Scherz behandelte (vgl. Kurt Hille, Die deutsche Komödie unter der Einwirkung des Aristophanes, Leipzig 1907: Breslauer Beiträge zur Litteratur-Geschichte XII, 108 f.). Auch im Epos hat Sch. sowohl die heitere („Romane in Versen“) wie die ernste Gattung gepflegt. Während „Durch alle Wetter“ (1870) mit köstlichem Humor und beinahe beispielloser Reimgewandtheit das Muster eines modernen komischen Epos schuf, muß das 1876 folgende „Ebenbürtig“ als mißlungen bezeichnet werden. Das Werthvollste hat Sch. jedenfalls im ernsten Epos geleistet. „Lothar“, der Erlebnisse eines in der Reactionszeit verfolgten Burschenschafters mit autobiographischen Reiseerinnerungen bringt (1872), war eine besondere Lieblingsarbeit des Dichters. In der Schilderung des Freiheitskampfes der Hellenen gegen die Perser ist ihm unter dem frischen Eindruck des deutsch-französischen Krieges in den „Plejaden“ (1881) ein Meisterstück von unübertrefflicher reiner Schönheit gelungen. In den großartigen „Nächten des Orients“ aber hat er 1874 seine eigene geschichtsphilosophische Anschauung und seinen siegesfrohen Glauben an ein Fortschreiten der Menschheit in einem traumhaften Miterleben der verschiedenen Weltalter in glänzenden Bildern vorgeführt. Zu diesem größeren Epos gesellen sich die kleineren Culturbilder in Versen, wie sie in den „Episoden“ (1869) und „Tag- und Nachtstücken“ (1884) des Dichters warme Theilnahme an Künstlern und Helden, Forschern und gelegentlich auch an den Leiden und Freuden gewöhnlicher Sterblicher zeigen.

Auf die ganze Dichtung Schack’s haben seine Reisen und seine Leidenschaft für die Malkunst bestimmend eingewirkt. Den ausgeprägten Formsinn brauchte er nicht erst von dem durch Geibel geleiteten Münchner Dichterkreise zu empfangen; er hatte ihn schon vorher von seinem Liebling Platen und durch die großen romanischen Meister gelernt. In Verwendung geschichtlicher Stoffe berührt er sich wohl gelegentlich mit einem Mitgliede des Geibel’schen Kreis, mit Hermann Lingg; als Gesammterscheinung wäre er eher mit dem französischen Grafen Gobineau als mit irgend einem deutschen Dichter zu vergleichen. Gedankenreif und formvollendet, leidenschaftlich für alles Schöne und Große in Vergangenheit und Gegenwart begeistert, ein Kämpfer für geistige Freiheit und nationale Einheit, unablässig an der eigenen Bildung arbeitend, so hat der gelehrte Dichter in Uebersetzungen und freien Schöpfungen dauernd Werthvolles gerade in jenen Jahrzehnten veröffentlicht, in denen sonst ein Ermatten der deutschen Litteratur beklagt wird. Ein warmer Freund der classischen Dichtung hat er doch der modernen Strömung so volles Verständniß entgegengebracht, daß gerade Führer der jüngsten Litteraturgeschichte die rühmendste und beste Charakteristik seines Schaffens zugegeben haben.

Heinrich und Julius Hart, Graf Schack als Dichter: Kritische Waffengänge, 5. Heft. Leipzig 1883. – Aus der übrigen Litteratur seien noch angeführt: Josef Bendel, Graf v. Schack: Zeitgenössische Dichter. Stuttgart [163] 1882. – Max Koch, Graf Schack: Sievers’ Akademische Blätter. 1884. – F. W. Rogge, Schack. Eine litterarische Skizze. Berlin 1885. – Emil Brenning, Graf v. Schack. Ein litterarischer Essay. Bremen 1885. – Hans Lambel, Schack: Wiener Presse, 2. Aug. 1885. – W. J. Manssen, Schack. Ein patriotisches Charakterbild. Aus der holländischen Zeitschrift De Gids (Febr. 1888) übersetzt. Stuttgart 1888. – K. v. Reinhardstöttner, Schack und die romanische Litteratur. Beilage zur Allg. Zeitung 1894, Nr. 190. – Ludwig Fulda, Schack: Sonntagsbeilage Nr. 17 (Nr. 198) der Vossischen Zeitung 1894. – Erich Walter, Schack als Uebersetzer (mit reichen Litteraturnachweisen). Leipzig 1907: Breslauer Beiträge zur Litteratur-Geschichte, X. Bd.

[158] *) Zu Bd. LIII, S. 728.