ADB:Hirzel, Salomon (Verleger)

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Artikel „Hirzel, Salomon“ von Alfred Dove in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 12 (1880), S. 500–503, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Hirzel,_Salomon_(Verleger)&oldid=2499332 (Version vom 17. Dezember 2017, 00:28 Uhr UTC)
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Hirzel: Salomon H., hervorragender Verlagsbuchhändler, Kenner und Pfleger deutscher Litteratur; geb. am 13. Februar 1804 in Zürich, † in Halle am 8. Februar 1877. – Salomon H. war der jüngste Sohn des Theologen Heinrich H. (s. o. S. 493), der zuletzt als Chorherr und Professor der Philosophie am Carolinum in Zürich wirkte und auch als Schriftsteller durch den Roman „Eugenia’s Briefe an ihre Mutter“, sowie als Herausgeber der Briefe Goethe’s an Lavater Achtung erwarb. Im Vaterhause lebhaft angeregt, auf den heimischen Schulen philologisch gründlich vorgebildet, ging H. im Herbst 1823 nach Berlin, um bei G. A. Reimer die Buchhandlung zu erlernen. In jeder Hinsicht sah er hier seine Entwickelung glücklich gefördert. Außer einem gemüthvollen Familienleben fand er in Reimer’s Hause den kräftigen Patriotismus noch rege, aus dem die Wiedergeburt Preußens hervorgegangen; der bürgerliche Freimuth des jungen Schweizers ward so in größerem nationalen Sinne ausgebildet. Zugleich aber kam er mit den Männern der wissenschaftlichen und poetischen Production in persönliche Berührung; er lernte Schleiermacher, Arndt, Varnhagen, Chamisso kennen und gewann die Freundschaft Imm. Bekker’s, der ihm auf der Stube ein Colleg über Demosthenes las; wie denn auch sonst, sowol in Berlin als in Heidelberg, wo er 1827 in die Winter’sche Buchhandlung eintrat, Universitätsvorlesungen eifrig besuchte. 1830 vermählte er sich mit einer Tochter G. A. Reimer’s und übernahm gemeinsam mit seinem älteren Schwager Karl die seit Mitte vorigen Jahrhunderts in Leipzig blühende Weidmann’sche Buchhandlung. Als Leipziger Verleger ist er dann bis an sein Ende, 47 Jahre hindurch, unermüdlich thätig gewesen; seit Anfang 1853, wo die bisherigen Genossen sich trennten und Karl Reimer den Weidmann’schen Verlag nach Berlin übertrug, ganz selbständig unter eigenem Namen, den er als hochangesehene Firma dem Sohne vererbt hat.

Eine so lange frisch andauernde Bemühung ward durch reichen Erfolg belohnt; doch ist es nicht sowol der Umfang, als vielmehr die stets gleiche Höhe der Unternehmung und Leistung, was Hirzel’s Geschäftsbetrieb nach dem Urtheil von Berufsgenossen dem Ideal eines deutschen Verlags so ungewöhnlich nahe brachte. Zufall und Mittelmaß blieben ausgeschlossen, und durch das abgerundete [501] Ganze ging ein vornehmer Zug zum Gediegenen in Wissenschaft und Litteratur, der unmittelbar aus der persönlichen Haltung und Neigung des Mannes entsprang. Denn Hirzel’s ungemeine praktische Klugheit, schon an sich von der redlichen Art des soliden Züricher Patriciers, stand durchaus im Dienste wesentlicher geistiger Interessen. Selbst der politischen Forderung des Tages ist er nur soweit gefolgt, als er sie mit dem wahren Bildungsbedürfniß der Nation in Einklang wußte. In solchem Sinne bewog er bei einem Gastbesuch in Dahlmann’s Vorlesung in den vierziger Jahren den Bonner Historiker zur Ausführung seiner beiden, jene Zeit so eigen ansprechenden Revolutionsgeschichten. In gleicher Absicht ward von ihm ein Jahrzehnt darauf in der Periode ernster Ernüchterung die große Sammlung der Staatengeschichte der neuesten Zeit begründet, wovon er die wichtigen Arbeiten der Springer, Bernhardi, Baumgarten, Pauli noch selbst erlebt, die deutsche Geschichte von Treitschke wenigstens angeregt hat. Schon durch dessen historische und politische Aufsätze ward ihm inzwischen in den sechziger Jahren vergönnt, den neuen Aufschwung unseres vaterländischen Staatslebens mit begeisternder Rede zu beflügeln. Die Epoche der Erfüllung endlich begrüßte er durch die 1871 eröffnete Wochenschrikt „Im neuen Reich“, die jedoch von Haus aus keineswegs dem öffentlichen Leben allein gewidmet war. Die übrige, von jeder politischen Gelegenheit unabhängige Verlagsthätigkeit Hirzel’s erstreckte sich vorzüglich auf Philologie und Geschichte, Philosophie und Theologie, schöne Litteratur in Poesie und Prosa, wobei sein eigenes Verständniß und Bestreben unverkennbar mit den alten Weidmann’schen Traditionen zusammentraf. Nur einige der wichtigsten Erscheinungen dürfen hier hervorgehoben werden: Becker’s Handbuch der römischen Alterthümer nebst dessen Ergänzung und Neuschöpfung durch Marquardt und Mommsen, Haupt und Sauppe’s Sammlung griechischer und lateinischer Schriftsteller mit deutschen Anmerkungen, die Ausgaben mittelhochdeutscher Dichter von Haupt, das deutsche Wörterbuch der Gebrüder Grimm, dem sich zwei mittelhochdeutsche Lexika anreihen, die Chroniken der deutschen Städte, die Scriptores rerum Prussicarum, die exegetischen Handbücher zum alten und neuen Testament, Trendelenburg’s Hauptarbeiten, der deutsche Musenalmanach, der in den dreißiger Jahren die beste Lyrik in sich vereinigte, Graf Baudissin’s Moliére-Uebersetzung, endlich, was von allem die weiteste Verbreitung fand, Gustav Freytag’s zahlreiche poetische und prosaische Schriften. Von Autoren anderer, einzelner Bücher genügt es außer manchem schon genannten an Otto Jahn, Böcking, Lehrs, L. Friedlaender, Wattenbach, an David Strauß und Lotze, Anastasius Grün und Rückert zu erinnern; gesammelt wurden früher die Werke A. W. Schlegel’s, später Haupt’s Opuscula und Wackernagel’s kleinere Schriften, herausgegeben die Briefwechsel von Schelling und Caroline; der Beiträge zur Goethe-Litteratur haben wir noch besonders zu gedenken.

An gar vielen dieser Erzeugnisse seines Verlags hat nun aber H. erheblich größeren activen Antheil, als bei unseren Buchhändlern die Regel ist; denn mit dem Talent des rührigen Geschäftsmannes verband er den theoretischen Trieb des Gelehrten, wobei jede Seite seines Wesens der anderen zu statten kam. Tüchtige Männer und würdige Aufgaben vermochte er so mit gleichem Scharfblick zu erkennen und für einander zu bestimmen; wie er z. B. mit dem Schwager zusammen, nachdem sie den Göttinger Verein in Leipzig zum Besten der Sieben begründen helfen, alsbald den beiden Grimm den Plan zum Wörterbuch angetragen hat. Nicht minder jedoch, als aufzufordern und zu gewinnen, verstand er festzuhalten, fein zu mahnen, liebenswürdig zu ermuntem und war allezeit so bereit als fähig, seinem Autor nicht blos mit äußerer litterarischer Handreichung, [502] sondern auch mit innerer kritischer Theilnahme beizuspringen. Denn überall auf dem weiten Felde her deutschen Litteratur, wie es sich, zumal vom 16. Jahrhundert an, in seiner wohlgewählten Bibliothek deutlich abspiegelte, fühlte er sich heimisch durch umfassende Belesenheit und sicheres Urtheil, so daß insbesondere das für die Nation werthvollste Stück seines Verlags, das ihm selber vor allem am Herzen lag, das deutsche Wörterbuch, wie Jacob Grimm dankbar anerkannte, in keine treuer sorgsame, mitthätiger hülfreiche Hand hätte gerathen können. Die reinste und wärmste Liebe indeß wandte H. unserem größten Dichter zu, und hier in der Goethe-Kunde, im Centrum also unserer künftigen nationalen Litteraturwissenschaft, hat er sich als emsigster Forscher, glücklichster Sammler, genauester Kenner und zuverlässigster Wegweiser sein eigenthümlichstes Verdienst erworben. Ueber die unvergleichlichen Schätze an Drucken und Handschriften, die er allmählich an sich brachte, legte er in dem drei Mal (1848, 1862 und 1874) wiederholten „Verzeichniß einer Goethe-Bibliothek“ den Theilnehmenden offen Rechenschaft ab. Während er die nachlässig gefertigte Waare der privilegirten Klassikerfirma (im litterarischen Centralblatt 1850–52) nach Gebühr mit entrüstetem Spotte kennzeichnete, gewährte er jedem mit ernster Hingabe unternommenen Studium freundliche Unterstützung. Auf kleine Publicationen aus seinem Manuscriptenvorrath, wodurch er (1849–71) bei festlichen Anlässen einzelne Vertraute oder „die stille Gemeinde“ zu erfreuen pflegte, ließ er 1875, nachdem das Cotta’sche Monopol beseitigt worden, das dreibändige, von M. Bernays eingeleitete Werk „Der junge Goethe“ folgen, in welchem er die Briefe und Dichtungen seines Lieblings aus den J. 1764–76 in strenger Zeitordnung und ursprünglicher Lesart mit historischem Sinne versammelte. In seinem Testament endlich, das auch die neue Straßburger Bibliothek mit der willkommenen Gabe seiner merkwürdigen Reihe alter Zwinglidrucke bedachte, hat er jene ganze kostbare Goethesammlung zu allgemeinem Gebrauche der Leipziger Hochschule vermacht, die ihn 1865 zum hundertjährigen Gedächtniß der Immatrikulation des jungen Dichters mit dem philosophischen Doctortitel geehrt hatte.

Ward durch solche Auszeichnung nur die Thatsache bestätigt, daß unsere Gelehrtenwelt überhaupt in H. den geistig ebenbürtigen Gefährten sah, wie auch er wiederum in ihren Kreisen mit dem freiesten Behagen sein anmuthig schlichtes, schalkhaft lebendiges Wesen entfaltete, so fühlte er sich deshalb um nichts minder entschieden als Glied des großen buchhändlerischen Standes und Gewerbes. In ununterbrochener Arbeit hat er von 1840–76 dessen organisirter Gemeinschaft bedeutende Dienste geleistet; er gehörte mehrmals dem Börsenvorstande, fast regelmäßig einem der Ausschüsse an und fungirte jahrelang als Schriftführer der Leipziger Deputation; die scharfe und schlagende Petition um Censurfreiheit, 1843 an die zweite sächsische Ständekammer gerichtet, ist seiner Feder entflossen. Einsichtigen Rath, Anregung, Trost und Beistand verdankten ihm viele seiner Collegen. Zart und warm, fest und ehrlich, heiter und energisch in Haus und Freundschaft, Beruf und Welt, als Bürger und Patriot bewahrte er glücklichen Idealismus und jugendliche Rüstigkeit noch als Siebziger; nur das Augenlicht schwand zuletzt; an den Folgen einer Operation, die es herstellen sollte, verstarb er in der hallischen Klinik. Sein Porträt ließen die deutschen Buchhändler für den Kranz ihrer Vorbilder in der Börse zu Leipzig malen; noch rühmlicher dauert sein Andenken dort in dem von ihm gefüllten Goethesaal der Universitätsbibliothek: an dem philologischen Postament gleichsam, das in Zukunft die geistige Riesengestalt des Dichters in reinstem Umriß tragen soll, hat in bescheidenen Schriftzügen Salomon H. den eigenen Namen verewigt.

[503] Biogr. Artikel von G. Freytag in der Illustr. Zeitg., Bd. I. Nr. 1281 vom 18. Jan. 1868; Nekrolog von L. Hirzel im Anz. f. dtsch. Alterth., IV. S. 281 ff.; Gedächtnißrede von W. Hertz im Börsenblatt f. d. dtsch. Buchhandel, 1880, Nr. 115.