ADB:Dahlmann, Friedrich

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Artikel „Dahlmann, Friedrich Christoph“ von Anton Springer in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 4 (1876), S. 693–699, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Dahlmann,_Friedrich&oldid=2486886 (Version vom 26. März 2019, 07:08 Uhr UTC)
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Band 4 (1876), S. 693–699 (Quelle).
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Dahlmann. Als Unterthan der schwedischen Krone wurde Friedrich Christoph D. in Wismar am 13. Mai 1785 geboren, † 5. Dec. 1860. Sein deutscher Sinn [694] litt darunter keinen Abbruch, wol aber bewahrte er, ähnlich wie der alte Arndt, zeitlebens eine lebendige Anhänglichkeit an die skandinavischen Länder, welche der Glaube an die schwedische Abstammung seiner Vorfahren, so wenig begründet derselbe auch war, noch erhöhte. Das Dahlmann’sche Geschlecht zeigt sich in Wahrheit seit Menschengedenken in den Hansestädten der Ostsee heimisch und wurde hier wiederholt durch das Vertrauen der Mitbürger zur Verwaltung öffentlicher Aemter berufen. So stand auch Dahlmann’s Vater Johann Ehrenfried Jacob (geb. in Stralsund 1739) der Stadt Wismar als Syndicus und später als Bürgermeister vor. Dem Juristenstand, welcher auf solche städtische Aemter vorbereitete, widmeten sich zwei ältere Brüder Dahlmann’s, er selbst, von 11 Kindern das sechste, beschloß, durch die Lectüre Wyttenbach’s und Ruhnken’s angeeifert, die Gelehrtenlaufbahn zu versuchen. Die Anwesenheit einflußreicher Verwandter mütterlicherseits (Jensen) in Kopenhagen entschied, daß D. das Studium der Philologie an der Kopenhagener Universität unter Moldenhauer’s Leitung begann. Ohne sonderliche Früchte; wenigstens hat D. als seinen wahren Lehrer stets nur Friedrich August Wolf verehrt, und daß dessen Vorlesungen ihm den wissenschaftlichen Antrieb vorzugsweise gegeben, wiederholt betont. Auch Steffens und Schleiermacher zogen den jungen Studenten an; doch blieb er zu kurze Zeit (Ostern bis Weihnachten 1804) in Halle, um ihren unmittelbaren Einfluß stark zu empfinden. Wenn D. später sich gern auf Schleiermacher’s Lehre berief, überhaupt philosophischen Studien zugeneigt blieb, wie er denn nach Trendelenburg’s Zeugniß kein Jahr als reifer Mann vorübergehen ließ, ohne eine Schrift Kant’s zur Auferbauung des Geistes zu lesen, so dankt er dies, wie überhaupt seine ganze Bildung, dem Leseeifer, der ihn in Büchern finden ließ, was ihm die persönliche Unterweisung wegen seines unsteten Wanderlebens zu geben nicht vermochte. Die durch eine schwere Krankheit unterbrochenen Studien setzte er zuerst in Kopenhagen wieder fort. Die Noth der Heimath, welche nach der Aufrollung der preußischen Heere von französischen Truppen überfluthet wurde, führte ihn im November 1806 nach Wismar zurück, wo er zwei Jahre über litterarischen Versuchen brütend, in unfruchtbarem patriotischem Zorne sich verzehrend, zubrachte. Als Erlösung begrüßte D. eine im Januar 1809 unternommene Reise nach Dresden, wo ein lebhaftes politisch-litterarisches Treiben herrschte, zumal er die Hoffnung hegte, in dem von Adam Müller geleiteten Phöbus seine litterarischen Erstlinge (Uebersetzungen nach Aeschylus und Aristophanes) gedruckt zu sehen. Wie er hier mit Heinrich v. Kleist bekannt wird und mit dem rasch gewonnenen Freunde eine ziemlich abenteuerliche Wanderung nach Böhmen und Mähren bis auf das Schlachtfeld von Aspern (Mai 1809) wagt, hat D. selbst mit unvergleichlicher Anmuth erzählt. Der Ausgang des österreichisch-französischen Krieges zerschnitt grausam alle Pläne, welche die Freunde an den erneuerten Sieg der deutschen Waffen geknüpft hatten. Abermals kehrt D. nach Wismar zurück. Die Aussicht, auf deutschem Boden eine größere Wirksamkeit zu finden, schien gänzlich verfinstert. So wurde denn wieder der Noth- und Ausweg ergriffen und in Kopenhagen, dem Wohnorte einflußreicher Verwandten, der Anker ausgeworfen. Nachdem D. am 7. Januar 1810 in Wittenberg promovirt hatte, habilitirte er sich am 24. August 1811 an der Kopenhagener Universität als Docent der alten Litteratur und ihrer Geschichte. Die bei diesem Anlaß vertheidigte Dissertation: „Primordia et successus veteris comoediae Atheniensium cum tragoediae historia comparati“ besitzt noch heutigen Tages bei älteren Philologen einen guten Klang. Zum Heil für D. und zum Glück für die deutsche Wissenschaft, welche sonst einen ihrer tüchtigsten und vornehmsten Vertreter verloren hätte, durfte er schon nach Jahresfrist seine Schritte nach Deutschland zurücklenken. Durch Vermittlung seines Oheims Jensen empfing er 1812 einen Ruf [695] als Lehrer der Geschichte in Kiel an Stelle des verstorbenen Hegewisch und am 2. Juni 1813 nach vollendetem Probejahre die Bestallung als außerordentlicher Professor. D. spöttelte öfter in späteren Jahren: er sei Professor der Geschichte geworden, ohne daß er jemals ein historisches Colleg gehört, und ein Wort über Geschichte geschrieben hätte. Das erstere ist vollkommen richtig, das andere nur sofern wahr, als er bisher keine historische Schrift durch den Druck herausgegeben hatte. Außer seiner Dissertation war von ihm nur eine ästhetische Studie über Oehlenschläger[WS 1] in dänischer Sprache („Betragtninger over Oehlenschlager’s dramatiske Vaerker“) veröffentlicht worden. Auch als Professor der Geschichte mußte er noch ein Jahrzehnt vorübergehen lassen, ehe er sich in der Litteratur als Historiker („Forschungen auf dem Gebiete der Geschichte“ 1822) einführte. Denn neben der Professur bekleidete er noch ein Landesamt, welches Jahre lang seine Kraft vorzugsweise in Anspruch nahm. Die fortwährende Deputation der schleswig-holsteinischen Prälaten und Ritterschaft übertrug ihm die Stelle eines Secretärs. Als er das unerwartet ihm beschiedene Amt antrat, ahnte er nicht, daß er dadurch vor eine seiner wichtigsten Lebensaufgaben gestellt sei, als treuer Anwalt die Rechte des schleswig-holsteinischen Volkes zu vertheidigen. Zunächst galt es freilich nur, die Privilegien einer Corporation, des „Corps der Prälaten und Ritterschaft“ aufrecht zu halten. Aber diese Privilegien bargen als Kern kostbare Volksrechte und durften nicht preisgegeben werden, wollte man nicht auch die letzteren schädigen. Der nexus socialis der Ritterschaft zeigte im Hintergrund die Vereinigung Schleswig-Holsteins, die Aufnahme Schleswigs in den deutschen Bund, die Steuerbewilligungsrechte der privilegirten Stände konnten zu einem verfassungsmäßigen Volksrechte erweitert werden. Vorläufig sahen nur Wenige diese Perspective; man glaubte nicht, wie es bei dem politischen Kleinmuthe im damaligen Deutschland wol begreiflich war, an eine Entwicklung des ständischen Wesens in constitutioneller Richtung, und sah dem Kampfe der privilegirten Körperschaft mit der Regierung, der seit Dahlmann’s Uebernahme des Secretariats mit neuer Heftigkeit entbrannt war, ziemlich gleichgültig zu. Dahlmann’s Eifer ließ sich nicht durch die geringe Popularität der Sache, die er vertrat, eindämmen. Unerschütterlich wie seine Ueberzeugung war auch seine Energie in der Vertheidigung. Bis vor den Bundestag brachte er die Beschwerden der schleswig-holsteinischen Ritterschaft, für den Anschluß der Städte an die Forderungen der privilegirten Körperschaften setzte er seine ganze Kraft ein. Nach 10jährigem Kampfe mußte er bekennen, daß die von ihm vertretene Sache unterlegen sei: doch nur vorläufig. Allgemein wird anerkannt, daß Dahlmann’s Thätigkeit der Agitation Lorensen’s wirksam vorgearbeitet habe, und der Kampf der Ritterschaft den Keim der schleswig-holsteinischen Bewegung in sich barg. Im unmittelbaren Augenblicke wurde aber nur das Mißlingen aller politischen Pläne gefühlt, die Verstimmung und der Kleinmuth durch keinen Trost, kaum durch eine ferne Hoffnung gemildert. Zieht man die Summe aus Dahlmann’s Leben, so entdeckt man den großen persönlichen Gewinn, den er aus dieser kampfreichen Wirksamkeit zog. Seine politische Bildung kam hier erst zur vollen reifen Entwicklung und wenn D. bei aller Strenge der Grundsätze doch nie zum platten Doctrinär wurde, so dankt er dieses den in seiner Stellung als Secretär der Ritterschaft erworbenen Erfahrungen. Die „gegebenen Zustände“ blieben ihm fortan der einzig berechtigte Standpunkt des Politikers. In Kiel selbst aber kam dieser Gewinn nicht zum vollen Bewußtsein, hier fühlte vielmehr D. seine Thätigkeit in jeder Richtung gelähmt. Die Ungnade des Königs, welche der Secretär der Ritterschaft sich zugezogen, entlud sich über dem Haupte des Professors. Trotz seiner Lehrerfolge und seiner hochgepriesenen wissenschaftlichen Wirksamkeit (außer den schon erwähnten Forschungen gab er den „Neocorus“ 1827 heraus und nahm [696] regen Antheil an den Kieler Blättern und Kieler Beiträgen) blieb die längst verheißene und verdiente Beförderung zum Ordinarius aus. Auch sonst hatten sich die Verhältnisse in Kiel so gestaltet, daß er sich nicht mehr gegen einen Wechsel des Wohnortes unbedingt sträubte, vielmehr den festen Willen aussprach, einen ehrenvollen Ruf nach „Deutschland“, wie man vielfach in Holstein das Land südlich der Elbe nannte, anzunehmen. Einen solchen bot ihm durch Pertz’ Vermittlung, der wieder von Niebuhr und Stein angespornt wurde, die Universität Göttingen. Im Herbst 1829 trat er hier die Professur für Politik, Cameral- und Polizeiwissenschaft, sowie für deutsche Geschichte an und begann einen neuen Lebensabschnitt. Seine Lehrthätigkeit nahm erst jetzt den vollen Aufschwung und machte in wenigen Jahren seinen Namen zu einem der geachtetsten und bekanntesten in der deutschen Universitätswelt. Aber ebensowenig wie in Kiel war es ihm vergönnt, in stiller wissenschaftlicher Muße zu leben, auch hier drängten ihn die Ereignisse auf den politischen Schauplatz. D. war kaum in Göttingen eingebürgert, als die sogenannte Göttinger Revolution ausbrach, lächerlich in ihrem Verlaufe, aber bedeutsam für Hannover, indem sie zu einer Verfassungsreform mit den Anlaß gab, bedeutsam auch für D., welcher als Deputirter der Universität durch seinen klaren Blick und sein ruhiges Urtheil dem Generalgouverneur, Herzog von Cambridge, ein so großes Vertrauen einflößte, daß dieser ihn fortan zu allen wichtigen politischen Berathungen zog. Er nahm Theil an der Feststellung des Verfassungsentwurfes, welcher den Ständen sollte vorgelegt werden, und erhielt den Auftrag, ein neues Hausgesetz auszuarbeiten. Die natürliche Folge seiner hervorragenden politischen Action war seine Wahl in die zweite Kammer als Vertreter der Universität. Nach modernem parlamentarischen Sprachgebrauche würden wir D. zu der conservativen Partei rechnen, welche, ohne dem Ministerium unbedingt zu huldigen, doch fest daran hält, die Regierungsautorität unversehrt zu erhalten, eine damals doppelt schwierige Aufgabe, da die Masse der Liberalen jede Regierung vom Uebel zu halten geneigt war. In der That stieß auch D. durch seine Reden (über die Göttinger Revolution, über das Zweikammersystem, über die Judenemancipation und über die berüchtigten Bundestagsbeschlüsse vom 26. Juli 1832) wie durch seine Abstimmungen vielfach an und fand sich in der Kammer fast gänzlich isolirt. Aehnlich ging es ihm mit seiner journalistischen Thätigkeit. Beinahe jeder Artikel, welchen er in die von Pertz redigirte censurfreie Hannoversche Zeitung einschickte (insbesondere seine Rede eines Fürchtenden) hatte diplomatische Einsprache zur Folge. Dieses alles reifte seinen Entschluß, eine Neuwahl in die Kammer nicht anzunehmen, überhaupt jeder öffentlichen politischen Thätigkeit zu entsagen und sich auf sein Lehramt und die Wissenschaft zurückzuziehen. So gewann er die Muße, ein längst begonnenes Werk zu vollenden und andere ausgedehnte vorzubereiten. Sein Buch die „Politik auf den Grund und das Maß der gegebenen Zustände zurückgeführt“, welches auf die politischen Anschauungen einer ganzen Generation den größten Einfluß übte und lange Zeit ein wahrhaft canonisches Ansehen genoß, und seine „Geschichte Dänemarks“ verdanken der Göttinger Zeit ihr Dasein. Die Politik erschien zuerst 1835, die Geschichte Dänemarks wurde zwar mehrere Jahre später gedruckt, doch fällt die erste Anlage noch in die Göttinger Periode. Sehr gegen seinen Willen auf grausame Art sollte er aus seiner Muße gerissen und in den Streit des öffentlichen Lebens gerissen werden. Nach dem Tode König Wilhelms IV. von Großbritannien kam Hannover (1837) nach der braunschweigisch-lüneburgischen Erbfolgeordnung an den Herzog von Cumberland, Ernst August, dessen erste Regierungshandlung darin bestand, die zu Recht bestehende Verfassung aufzuheben und thatsächlich ein absolutistisches Regiment, welches aus den Staatsbeamten königliche Diener machte, [697] einzuführen. D. und mit ihm das ganze deutsche Volk, einige Fürsten und Diplomaten ausgenommen, sahen darin einen groben Rechtsbruch. Das deutsche Volk hatte für diese Ueberzeugung keine urkundliche Stütze, D. aber war sicher, die Papiere in den Händen gehalten zu haben, welche sein Verdammungsurtheil über den König und dessen Anhang rechtfertigten. Sichergestellt ist, daß der Prinz niemals einen öffentlichen, lauten Protest gegen das Hausgesetz und Staatsgrundgesetz ausgesprochen hatte, auch sichergestellt, daß die Minister 1834 D. schriftlich mitgetheilt, die Zustimmung zu dem Hausgesetze sei von den volljährigen königlichen Prinzen, also auch von dem Herzog von Cumberland erfolgt; leugnete jetzt der König diese Thatsache, so waren entweder die Minister oder durch diese D. getäuscht worden. Jedenfalls erschien D. in seinem unbedingten Rechte, wenn er die königlichen Patente vom 30. und 31. October 1837 als einen Staatsstreich betrachtete, welcher das Gewissen jedes ehrlichen Bürgers bis zur Unerträglichkeit belaste. Dieses auch auszusprechen, hielt er nach seiner ganzen Stellung als unabweisbare Pflicht, mit ihm noch sechs Göttinger Professoren, welche am 18. November 1837 den berühmten Protest dem Universitätscuratorium überreichten, welcher das Auftreten des Königs und das Verfahren der Regierung in vernichtender Weise geißelte. Dieser Schritt fand die allgemeinste Zustimmung im Geheimen, doch keine öffentliche Nachfolge. So wurde es dem Könige möglich, Rache an den wenigen pflichttreuen Männern zu üben. Die sieben Göttinger wurden ihrer Aemter entsetzt, D. überdies, auf dessen Haupte sich der königliche Zorn gesammelt hatte, mit Jakob Grimm und Gervinus des Landes verwiesen. Am 19. December wanderte er in die Verbannung. Fünf Jahre währte das Exil, welches D. mit seiner Familie theils in Leipzig, theils in Jena überstand. Die Sorge für die materielle Existenz nahm ihm der Göttinger Verein in Leipzig ab, welcher die eingezogenen Gehälter der sieben Professoren durch freiwillige Sammlung ersetzte. Doch fehlte längere Zeit die Muße zu wissenschaftlichen Arbeiten. Zunächst galt es die vollbrachte That in ihrer wahren Bedeutung weiteren Kreisen zu erklären und gegen erbärmliche von Hannover aus geschleuderte Anschuldigungen zu vertheidigen. D. schrieb das classische Pamphlet „Zur Verständigung“, er vermittelte ferner den Druck der Brochuren, welche die beiden Leidensgenossen Jakob Grimm und Ewald verfaßt hatten und begleitete das Gutachten deutscher Universitäten über den pommerschen[1] Verfassungsstreit mit kräftigen Worten. Erst als er von Leipzig nach Jena (1838) übersiedelte, gewann er die volle Ruhe zu wissenschaftlichen Arbeiten. Er nahm die Geschichte Dänemarks wieder vor, die zu den Perlen unserer historischen Litteratur gehört und daß sie im unvollendeten Zustand – sie reicht nur bis zur Reformation – blieb, noch immer bedauern läßt. Die Hauptschuld daran trägt der übrigens glückliche Wechsel seines Schicksals, der ihn in andere Kreise führte und neuen großen Interessen nahe brachte. Der Thronwechsel in Preußen gab endlich Hoffnung zur Rückkehr Dahlmann’s zu einer geordneten, öffentlichen Thätigkeit. Die Rehabilitationen des alten Arndt, die Wiederanstellung der eigenen Leidensgenossen ließ auch Dahlmann’s Berufung an eine Universität zuversichtlich erwarten. Sie wurde durch unklare Pläne verzögert, seine Kraft in Berlin selbst an der Spitze einer großen Zeitung, die man sich aber doch wieder nur kleinlich loyal, in ministeriellen Banden befangen denken konnte, zu verwerthen. So kam der Herbst 1842 herbei, ehe ihn der wirkliche Ruf an die Bonner Universität als Professor der deutschen Geschichte und der Staatswissenschaften erreichte. Wenn die Göttinger Jahre die wissenschaftlich tiefsten und fruchtbarsten waren, so bezeichnet die Bonner Periode bis 1848 die Zeit seines höchsten äußern Ruhmes. Sogar Popularität erwarb sich D., so wenig seine Natur sonst danach angelegt war, volksthümlich zu erscheinen. Der Schimmer des erlittenen Marterthums, [698] verbunden mit der vornehmen Ruhe seines Wesens, der Glaube an seine politische Weisheit, vereint mit der Ueberzeugung von seinem unbeugsamen Charakter, die sittliche Würde, die in jedem Worte, jeder Zeile, die er sprach und schrieb, sich offenbarte, verliehen seinen Vorlesungen damals die höchste Anziehungskraft und gewannen seinen jetzt veröffentlichten Schriften als nationalen Lesebüchern die weiteste Verbreitung. Seine „Geschichte der französischen Revolution“ folgte, half mit der neuen Auflage der Politik die öffentliche politische Meinung in Deutschland bilden und trug wesentlich dazu bei, daß maßvolle Anschauungen wenigstens in den mittleren Kreisen des Volkes die Herrschaft bewahrten.

Leichter und rascher als den meisten andern Männern, die sich mit dem Staat und dessen Verfassung beschäftigten, ward D., als der Revolutionssturm 1848 losbrach, seine Gedanken zu sammeln, seinen Wünschen eine klare Form zu geben und ein festes Reformprogramm aufzustellen. Die leitende Rolle Preußens im deutschen Staatswesen, die Nothwendigkeit einer bundesstaatlichen Einigung, waren in ihm seit Jahrzehnten festgewurzelte Grundsätze, die er mit der gleichen Energie jetzt gegen weiterstrebende Radicale vertheidigte, wie ehedem gegen ängstliche Conservative. Der Mittelpartei, welche den Staat nicht in eine bloße Assecuranzgesellschaft verwandlen, nicht mit dem bloßen schlechten Reste unveräußerlicher Volksrechte ausstatten wollte, die auch für nationale Anliegen Verständniß besaß, wurden Dahlmann’s Lehren eine feste Richtschnur; daß er auch als der persönliche Führer derselben aufgetreten wäre, verhinderte die geringe Beweglichkeit seines Wesens, seine Unfähigkeit augenblickliche Entschlüsse zu fassen, Gegenreden behend und rasch zu entwerfen. So kam es, daß seine Grundsätze triumphirten, seine Persönlichkeit dagegen verhältnißmäßig nur wenig in den Vordergrund trat. Die Mittelpartei, zu welcher die Mehrzahl unserer geistig hervorragendsten Männer gehörte, nannte sich nach Gagern, handelte aber in der Regel nach D. Seine Schicksale in den so bewegten Revolutionsjahren sind deshalb weniger mannigfach und dramatisch wechselvoll, als die Wichtigkeit seiner Stellung eigentlich erwarten läßt. Als die Bonner Universität in den Märztagen wie alle anderen Corporationen des Vaterlandes eine Adresse an den König zu richten beschloß, war es selbstverständlich D., der sie verfaßte. Als die preußische Regierung durch die Noth des Augenblicks gedrängt, um den Volkssturm abzuwehren und die Verfassungsreformen vorzubereiten, Vertrauensmänner in ihren Rath berief, fiel ihre Wahl natürlich auch auf D. Neben dem ordentlichen Gesandten vertrat D. die preußische Stimme im Bundestage, den Gesandtschaftsposten selbst anzunehmen weigerte er sich unerbittlich. Als Mitglied der „Siebzehner-Commission“ arbeitete er gemeinsam mit Albrecht den Verfassungsentwurf aus, von der zuversichtlichen Hoffnung erfüllt, daß derselbe einmüthig von den Fürsten und Vertretern des Volkes werde angenommen werden. Bekanntlich kam es anders. Die Nationalversammlung in dem berauschenden Vollgefühl ihrer jungen Souveränetät ging über die Arbeit, wie über den Bundestag selbst zur Tagesordnung über. Doch wurden Dahlmann’s Gedanken nicht vollständig begraben. Denn in dem Verfassungsausschusse des Parlamentes saß abermals D., welchen nicht Bonn, wie allgemein erwartet wurde, sondern aus alter Anhänglichkeit ein holsteinischer Wahlbezirk, Segeberg, in das Frankfurter Parlament gesendet hatte. Die Spuren seiner Wirksamkeit sind deutlicher in den Protocollen des Verfassungsausschusses ausgeprägt, als in den stenographischen Berichten der Nationalversammlung, in welcher er gewöhnlich nur als Referent des Ausschusses die Tribüne bestieg. Nicht immer zum Beifall der eigenen Partei. So schwamm er gleich in seiner ersten Rede gegen den Strom der Majorität, als er die Errichtung der Centralgewalt ausschließlich durch das Parlament, wie sie Gagern [699] in begeisternder Rede vorgeschlagen hatte, bekämpfte. Tadelte er diesmal Gagern’s „kühnen Griff“, so wagte er am 1. Sept. selbst einen solchen. Er setzte es durch, daß die Anerkennung des Malmöer Waffenstillstandes, wenn auch nicht gleich verweigert, doch aufgeschoben wurde. Die starke sittliche Empfindung überwog bei ihm alle politischen Erwägungen und ließ ihn die Verwirrung in der eigenen Partei, das bedenkliche Lob seiner bisherigen Feinde, die mögliche Schädigung der preußischen Macht, die doch unversehrt bleiben mußte, gering achten. Er machte aber bald die Erfahrung, daß die sittliche Empfindung allein ohne das Machtbewußtsein nicht ausreiche, um die politische Welt zu lenken. Das Ministerium trat nach der Annahme des Dahlmann’schen Antrages zurück, und D. wurde von dem Reichsverweser berufen, ein neues Ministerium zu bilden. Nach wenigen Tagen schon gab D. die Mission als unausführbar zurück. Unausführbar war aber auch die Politik, die D. empfohlen hatte. Er entzog sich dieser Einsicht nicht, brauchte aber doch längere Zeit, ehe er den vollen Gleichmuth wieder fand. Er zog sich seitdem noch mehr, als es früher seine Gewohnheit war, zurück und trat nur, wenn es sich um Principienfragen handelte, in den Vordergrund. Als Eckstein der Verfassung sah er den berühmten §. 2 an, welcher die Vereinigung deutscher Länder und nicht deutscher Länder verbot und gegen Oesterreich gerichtet war. D. hatte denselben gemeinschaftlich mit Droysen festgestellt. Ebenso hielt er ein Staatenhaus neben dem Volkshause, das absolute Veto und die Erblichkeit der Kaiserwürde für unentbehrlich in der Verfassung und vertheidigte diese Punkte öffentlich auf der Rednerbühne. Für die Übertragung der Kaiserwürde an die Preußenkönige stimmte er, obgleich er aus den mit König Friedrich Wilhelm IV. das Jahr zuvor gewechselten Briefen wußte, daß an eine Annahme derselben nicht zu denken war. Eben deshalb erschien ihm nicht die Weigerung des Königs für das Schicksal des Parlamentes, wie den meisten Gesinnungsgenossen, entscheidend. Er zögerte, den Gedanken von dem Austritt aus dem Parlamente zur That werden zu lassen, bis ihn endlich die Ueberzeugung, nichts Gedeihliches mehr wirken zu können, dazu bestimmte. Sein Name steht an der Spitze der 65 Abgeordneten, welche am 21. Mai 1849 den Austritt aus der Nationalversammlung ansagten. Er unterschrieb auch die Erklärung, welche im Juni von zahlreichen Parteigenossen in Gotha ausging und zwischen den Beschlüssen des Parlamentes und den Absichten der preußischen Regierung die Brücke schlagen wollte. Doch war er mit dem Wortlaut derselben keineswegs einverstanden, vielmehr einer schärferen, einschneidenderen Politik jetzt zugeneigt. Dies hinderte nicht, daß seine Persönlichkeit mit der Gothaer Partei identificirt wurde, gerade so, wie man die Heidelberger Deutsche Zeitung als sein Organ ansah, obschon er an der Gründung keinen Antheil hatte. Nur als Nachspiel seiner parlamentarischen Wirksamkeit kann seine Anwesenheit in der ersten Kammer in Berlin und im Erfurter Parlamente 1849–50 gelten. Pflichttreue lehrte ihn auszuharren, doch sein Muth und seine Zuversicht auf eine baldige Klärung der deutschen Staatsverhältnisse waren stark gesunken. Im Herbste 1850 kehrte er nach Bonn zurück, um fortan nur seinem akademischen Amt und seinen Freunden zu leben. Er fühlte sich, da diese alle vor ihm starben, allmählich allein und einsam in der Welt; auch die gelichtete Zuhörerschaft in seinen Vorlesungen wirkte auf die Stimmung nicht erfreulich. Diese hob sich erst am spätesten Lebensabende wieder und auch der gute Glaube an Deutschlands Zukunft kehrte zurück, als er die Wendung in Preußen zum Bessern erblickte. Er starb 75jährig am 5. December 1860.

A. Springer, Friedrich Christoph Dahlmann, mit Bildniß, 2 Bände, Leipzig 1870–72.

[Zusätze und Berichtigungen]

  1. S. 697. Z. 20 v. u. l.: hannoverschen (st. pommerschen). [Bd. 5, S. 795]

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Adam Gottlob Oehlenschläger (1779–1850), dänischer Nationaldichter der Romantik.