ADB:Müller, Adam von

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Artikel „Müller, Adam“ von Ernst Mischler in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 22 (1885), S. 501–511, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:M%C3%BCller,_Adam_von&oldid=2325618 (Version vom 28. April 2015, 05:40 Uhr UTC)
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Müller: Adam Heinrich M., Ritter von Nitterdorf, deutscher Publicist und Redner aus der romantischen Schule, geb. zu Berlin am 30. Juni 1779, † in Wien 17. Januar 1829. M., eine weiche, sanfte, liebebedürftige Natur von melancholischem Grundzuge, welche sich schnell und innig in Freundschaft und Liebe anschloß, stammte von protestantischen Eltern, wurde von seinem Großvater mütterlicherseits, dem als Orientalisten und Uebersetzer des Hiob und Josias bekannten Prediger Cube erzogen, und von diesem im Vereine mit Gedike, Wetzel, Spalding, Henndorf für das Studium der Theologie bestimmt und vorgebildet. Es war jedoch mehr das Studium der Philosophie, welches ihn schon in frühen Jahren beschäftigte und ihn von den positiven Wissenschaften sehr abzog, ein Umstand, welcher sich in der ganzen Anlage und Durchführung seiner Werke fühlbar machen sollte. Um jene Zeit machte M. die Bekanntschaft des um 15 Jahre älteren Gentz, welche auf seine innere Entwickelung und mehr noch auf seine äußeren Lebensschicksale von bestimmendem Einfluß wurde, und welche sich zu einer selten innigen fürs Leben währenden Freundschaft entwickelte. Diese Neigung führte ihn wieder von der Philosophie ab und mehr der Beschäftigung mit Tagespolitik und dem öffentlichen Leben zu. M. entsagte dem Studium der Theologie und befaßte sich während seiner höheren Studien an der Universität Göttingen, welche er mit 19 Jahren begann und die er 3 Jahre fortsetzte, mit den Rechtswissenschaften. Allerdings war es auch hier wieder besonders Hugo, der ihn, mehr als das formale römische Recht, mit seinen tiefen rechtsphilosophischen Ausführungen über den Urgrund des Rechtes und die Natur des Eigenthums insbesondere anzog. Diese Probleme [502] zu erfassen, wendete M. sich vor Allem dem deutschen nationalen privaten und Lehnsrechte zu und studirte eifrig das britische Privatrecht, insofern es mit dem Lehnsrechte im Zusammenhang steht. So von der mechanischen Auffassung des erstarrten römischen Rechtes frei geblieben, reiften seine Ideen über die Dreiheit des Eigenthums: Privateigenthum als Basis der bürgerlichen Gesetze; Familieneigenthum als Basis der adeligen oder Lehensgesetze; und corporatives Eigenthum als Basis der canonischen Gesetze. Hierin tritt bereits Müller’s Eigenthümlichkeit, das Streben nach dem organischen Zusammenhang hervor, welche er auf die Beurtheilung aller Lebenserscheinungen ausdehnte, stets Bedingtheit und Wechselwirkung abstracter Auffassung entgegenstellend. Dies Bestreben führte ihn dazu, die Rechtswissenschaften mehr bei Seite zu lassen, und sich nach seiner Rückkehr in die Vaterstadt Berlin nach Absolvirung der Universitätsstudien, den Naturwissenschaften zu widmen. – Müller’s Studiengang war also ein zerrissener, unstäter; wenn M. auch mit seinem offenen Blick und der großen Versatilität des sich bereits entfaltenden Genies überall bald heimisch zu werden und auch alles treffend an der Wurzel zu fassen vermochte, so gelang es ihm doch nicht, auf irgend einem Gebiete sich gründlich und eingehend zu orientiren. Dieser Mangel seines Studienganges erhöhte noch die Nachwirkung des obenbemerkten Fehlens positiven Wissens.

Ebenso unstät wie bisher der Studiengang, war Müller’s Leben während der nächsten zehn Jahre, welche für ihn eigentliche Wanderjahre bedeuteten. Wohl versuchte er es zunächst, um seine Existenz zu sichern, auf Gentz’ Antreiben mit dem Staatsdienste und trat bei der kurmärkischen Kammer als Referendar ein, aber diese Beschäftigung vermochte ihn nicht zu fesseln. Es zog ihn hinaus, die Welt zu besehen und er bereiste Dänemark und Schweden, worauf er sich nach Preußisch-Polen, dem damaligen Südpreußen, auf die Güter eines Freundes, des Generals Kurnatowsky begab. Dort gab er sich in ländlicher Abgeschiedenheit der Selbstschau hin, bemühte sich seine wissenschaftliche Bildung auszubauen und mit den tief in seiner innersten Natur wurzelnden religiösen Anschauungen in Uebereinstimmung zu bringen. Die angreifendste Speculation festigte wol seinen Charakter, jedoch litt sein Nervensystem unter derselben; seine sensible Natur wurde um vieles empfindsamer, und durch alle Briefe jener Zeit zieht sich die Klage über die mächtige Beinflußung durch die Phänomene des Wetters, ein Kennzeichen für Müller’s Naturell, und ziehen sich Klagen über seinen Gesundheitszustand: „Den ganzen Monat August hindurch, während der fürchterlichen Conjuncturen von Mond, Mars und Venus auch Jupiters habe ich viel gelitten … Unter allen diesen Schmerzen gediehen meine Ideen über die Astrologie und den Umgang der Planeten mit einander. Hiervon verstehe ich mehr als einer.“ Er schrieb auch thatsächlich über Wetterkunde. In dieser Zurückgezogenheit, welche übrigens von mancherlei Reisen, besonders nach Wien, Berlin, Dresden, oft um Gentz zu sprechen, unterbrochen war, reifte auch jener Entschluß, den er selbst „den glücklichsten seines Lebens“ nennt, der Uebertritt zur katholischen Kirche, welchen er am 31. April 1805 in Wien ausführte. Was diesen Entschluß hervorgerufen haben möge ist wol nicht festzustellen, wenigstens spricht sich M. nirgends direct darüber aus. Soviel jedoch dürfte feststehen, daß er sich aus seinem Naturell und seiner innersten Ueberzeugung als Herzensbedürfniß geltend machte; das scheint aus dem „Confession“ überschriebenen Bruchstücke aus seinem Nachlasse hervorzugehen, sowie sich seine Ansicht über sein früheres Bekenntniß wieder aus einer Stelle der seiner Zeit verboten gewesenen kleinen Schrift über ein Citat Goethe’s aus dem 2. Bd. der Italienischen Briefe erkennen läßt, wo er an Luther „die brausenden, verwegenen, stürmischen Eingriffe in die rechtmäßige Ordnung der Dinge“ beklagt und denen gegenüber die [503] katholischen Reformatoren preist. Auch meint er, daß die vielgerühmte lutheranische Denkfreiheit jedes Einzelnen es nie zu der Denkhöhe einer anderthalbtausendjährigen Kirche bringen könne. Keinesfalls aber waren beim Uebertritte etwa äußerliche Momente im Spiel; daß derselbe später, und zwar erst erheblich später, seinen Verkehr mit den maßgebenden Persönlichkeiten jener Zeit in Oesterreich ermöglichte, ist eine andere Sache. In jene Zeit fällt Müller’s erstes größeres, jedoch unvollendet gebliebenes Werk „Die Lehre vom Gegensatze“, in welchem die Quintessenz seiner Lebensanschauung niedergelegt ist, welcher er sein ganzes Leben treu blieb, und welche den Schlüssel zum Verständnisse aller seiner Schriften enthält. Es erschien datirt aus seinem Aufenthaltsorte Pozarowo im Februar 1804. Hatte M. sich während der Zeit der tiefsten Depression Deutschlands von allem Getriebe zurückgezogen, so waren die sich nunmehr regenden politischen Bewegungen doch zu mächtig, als daß sie ihn seinen Träumereien nicht entzogen hätten. In den Jahren 1806–1809 finden wir ihn in Dresden als Privatgelehrten und mit der Ausbildung eines sächsisch-weimarischen Prinzen beschäftigt, weshalb er auch von dessen Kleinstaate 1808 zum Hofrathe ernannt wurde, in lebhaftem Verkehr mit Gentz; 1809–1810 ruft ihn die sich später als trügerisch herausstellende Hoffnung einer Anstellung nach Berlin, wo er zwar Wartegeld und Versprechungen aber nichts mehr erlangte, und zwar wol deshalb, weil er sich durch seine Alliance mit der mit dem Fürsten Hardenberg und dessen Staatsreformen im Kampfe liegenden Junkerpartei, und seiner thätigen Antheilnahme an demselben in den öffentlichen Blättern unmöglich gemacht hatte; von Berlin ging er nach Wien, wo er im Hause des ihm wohlgesinnten Erzherzogs Maximilian von Oesterreich-Este Aufnahme fand. Hier lebte er in den Jahren 1811 und 1812 seinen Arbeiten, besorgte nebenbei politische Correspondenzen, und nahm lebhaften Antheil an der Gründung einer katholischen Erziehungsanstalt für vornehmlich adelige Knaben, welche P. Clemens Maria Hofbauer später im Vereine mit Friedrich von Klinkowström errichtete, und an welcher er, wozu es jedoch nicht mehr kam, die wissenschaftliche Ausbildung übernehmen sollte. Im nächsten Jahre endeten seine Wanderjahre durch Eintritt in den österreichischen Staatsdienst.

Diese Wanderzeit, besonders die Muße in Wien, zeitigten viele und bedeutende Werke. Wir können die vier Perioden derselben kurz so charakterisiren, daß wie den Aufenthalt in Polen die philosophisch-religiöse Zeit, die Dresdener Jahre die Zeit der Litteratur und Aesthetik, Berlin als die staatswissenschaftliche und Wien als die nationalökonomische Periode in Müller’s Leben bezeichnen. Allerdings ist dies nur in allgemeinen Umrissen gemeint, und der Umstand in Betracht gezogen, daß die „Elemente“ erst in Berlin erschienen; immerhin aber geht dadurch der Entwicklungsgang Müller’s deutlich hervor. Allen diesen Perioden ist jedoch gemeinsam die Vorliebe Müller’s zum mündlichen Vortrag, aus welchem die besten und meisten seiner Werke erst entstanden. Er hatte hierzu eine ganz besondere Anlage, welche sich schon frühzeitig, 1800 in Göttingen bethätigte, wo er, selbst noch Student, Reden gegen die französische Revolution und für die Beibehaltung der Ordnung hielt. Er meinte von sich selbst, er sei zum Reden geboren und nicht zum Schreiben, und in der That, nach dem Urtheile seines Zeitgenossen Gräffer, eines der Herausgeber der Oesterreichischen National-Encyclopädie, war es „ein Hochgenuß, diesen Mann reden zu hören, es sei über was immer. Leicht, blühend, scheinbar gewählt, und doch höchst populär; sicher, glücklich, effectvoll, nicht die entfernteste Spur oratorischer Absicht. So wie er sprach, so schrieb er. Er hatte mit Herder gemein, nichts auszubessern.“ So entstanden 1806 die „Vorlesungen über deutsche Wissenschaft und Litteratur“, welche nach Gervinus mehr als ein anderes Buch in sich den Geist der romantischen Schule vereinigen, 1807/8 die Vorlesungen „Von der [504] Idee der Schönheit“, welche die Bestimmung des menschlichen Geschlechtes geradezu in die Schönheit setzen, und jene über „die dramatische Kunst“; nebenbei gab er mit Kleist ein Journal für Kunst unter dem Titel „Phöbus“ heraus, welches aber nur einen Jahrgang erlebte. Endlich hielt er in Dresden noch vor einem illustren Kreise, in welchem sich auch der obengenannte sächsische Prinz befand, jene bedeutendsten 36 Vorträge, welche er in Berlin als „Elemente der Staatskunst“ veröffentlichte, und welche sein Hauptwerk sind. Die Vorträge, und die aus denselben oder unmittelbar entstandenen Schriften in der preußischen Hauptstadt sind mehr local gefärbt, und tragen, wie oben bemerkt, einen anderen Charakter. Hierher gehören die „Vorlesungen über Friedrich II. und die Natur, Würde und Bestimmung der preußischen Monarchie“, kleine Gelegenheitsschriften über den regierenden König und die verstorbene Königin, und eine „Vorlesung über die Idee des Staates und ihr Verhältniß zu den populären Staatstheorien“. Und in Wien, der Oekonomie zugewendet, veröffentlicht er die „Theorie der Staatshaushaltung und ihre Fortschritte in Deutschland und England seit Adam Smith“ und kleinere Arbeiten, wie die „Agronomischen Briefe“ u. dgl. Schnell mit den österreichischen Verhältnissen vertraut, bespricht er „die Vortheile der Errichtung einer Nationalbank in den österreichischen Staaten“ und macht seinen vortrefflichen Vorschlag über die „Idee eines staatswirthschaftlichen Seminares in den österreichischen Staaten“. Daneben werden frühere Arbeiten in den „Vermischten Schriften über Staat, Philosophie und Kunst“ gesammelt, „eine Schaar die vielleicht unvollkommen montirt, aber gut bewaffnet, wenigstens zeigen wird, daß der Geist eines und desselben Anführers sie beseelt (Vorr.); auch werden die schönen Künste nicht vernachlässigt, indem er „Zwölf Reden über die Beredsamkeit und deren Verfall in Deutschland“ hält.

Auch der von M. so sehr ersehnte Hafen eines Amtes sollte wenig Ruhe in sein bewegtes Leben bringen. Im J. 1813 wurde er k. k. österreichischer Landescommissär und Schützenmajor in Tirol, nahm als solcher Antheil an den Befreiungskämpfen dieses Landes, und wurde nach deren Beendigung als Regierungsrath und erster Referent mit Organisationsarbeiten für diese Provinz beschäftigt. Im Jahre 1815 berief ihn Fürst Metternich nach Wien, wo er als „Feder“ dem Feldhoflager des Kaisers zugetheilt, mit demselben nach Heidelberg und Paris zog. Nach Herstellung des Friedens wurde die Ausführung einer lange vorbereiteten Idee, die wirthschaftlichen Interessenvertretung im Auslande, in Oesterreich in Angriff genommen, und für M. die Stelle eines Generalconsuls in Leipzig geschaffen; mit dieser verband er den Posten eines Geschäftsträgers von einigen kleinen deutschen Fürstenhöfen. In dieser Stadt blieb M. zwölf Jahre, und bei seiner Vorliebe für ökonomische Dinge, seinem sich in den Berichten bethätigenden auch großen praktischen Talent und der Wichtigkeit der wirthschaftlichen Beziehungen hätte sich eine recht lebhafte Correspondenz mit Wien entwickeln können, wenn – ihm jemand geantwortet hätte. So klagt er und seine Berichte ruhen, anscheinend damals nicht mehr beachtet als heute, in den Archiven. Für seine Dienste in Leipzig wurde er auf des Fürsten Metternich Vorschlag im Jahre 1826 in den erbländischen Adelsstand erhoben und zwar mit der Motivirung, daß er sein „Talent als Schriftsteller in den letzten zwanzig Jahren für das Gute und Rechte, für das monarchische Princip und für die Religion in solchem Maße verwendete, daß, wenn dadurch auch nicht auf die große Masse des Volkes ein entschiedener Erfolg erreicht worden ist, doch mit Zuversicht behauptet werden kann, daß hierdurch mancher Wankende befestigt, mancher Verirrte zurückgeführt und wol auch mancher für die gute Sache gewonnen worden ist, der ohne das eindringende Wort der Wahrheit sich an die unermüdet thätige Partei der Neurer gehalten haben würde“. Aus diesem Vortrage des Fürsten Metternich [505] an den Kaiser geht deutlich die Art der Dienste hervor, die man von M. wünschte, und welche er auch leistete – freilich aus Ueberzeugung. Nachdem Müller’s Feder mittlerweile auch bei den Conferenzen in Karlsbad und Wien benützt worden war, wurde er über Betreiben Gentz’ und Vorschlag des Fürsten im Jahre 1827 in außerordentlichem Dienste zum Hofrathe in der k. k. Haus-, Hof- und Staatskanzlei ernannt. Dieser Stellung jedoch, welche ihn seinem Freunde Gentz nun dauernd nahe brachte und ihm wol erstrebenswerth erschien, sollte er sich nicht lange freuen und es sollte der Hafen des Amtes nicht länger gedauert haben, als seine Wanderjahre. Seine Gesundheit hatte sich bereits in Leipzig verschlimmert; betrachtet man die lange Reihe seiner Schriften, von denen hier nur die wichtigsten genannt sind, und besonders auch Müller’s rege Betheiligung an Journalen und Fachzeitschriften (z. B. Berliner Monatschrift, Abendzeitung, Hormayr’s Archiv, Schlegel’s Deutsches Museum, Concordia, Brockhaus’ Zeitgenossen, Zeitschrift für die elegante Welt, Oelzweige, Oesterr. Beobachter, Gräffer’s Wiener Conversationsblatt etc.), welche, da das letzte Decennium seines Lebens fast nicht mehr in Betracht kommt, während des kurzen Zeitraums von 15 Jahren aus seiner Feder flossen, daneben die Unsicherheit, Unstätigkeit seiner Lebensschickschale im Verein mit seiner sensiblen Natur, so liegt es klar zu Tage, daß er ein gebrochener Mann sein konnte, als er endlich nach Wien eintreffen sollte. Schon während der Uebersiedelung dahin traf ihn ein Schlaganfall, von dessen Folgen er sich jedoch zu erholen im Stande war. Dagegen ergriff ihn die Nachricht vom Ableben seines Freundes Schlegel so gewaltig, daß ihn ein zweiter Nervenschlag ereilte; er verschied kurz darauf, während ihm ein Billet von Gentz’ Hand, enthaltend die Nachricht vom Verscheiden der Fürstin Metternich verlesen wurde, in seines Freundes Klinkowström Armen. Er ruht, noch im Tode vereint mit Mehreren seiner Geistesrichtung, mit P. Clemens Hofbauer, Zacharias Werner, Joseph Anton v. Pilat, Friedr. v. Klinkowström im Friedhofe der Wallfahrtskirche Maria Enzersdorf, in der Nähe von Wien.

Auch während der ersten Hälfte der Amtszeit gönnte sich Müller’s rastloser Geist nicht Ruhe. Wenn ihm auch die Universalität der Anlage noch eigenthümlich bleibt, so tritt doch die Vorliebe für ökonomische Probleme nun entschieden in den Vordergrund. Er legt seine originellen aus seiner Grundanschauung hervorgehenden Ideen über das Geld in einem „Versuch einer neuen Theorie des Geldes“ nieder und führt seinen katholischen Standpunkt consequent in der Schrift „Von der Nothwendigkeit einer theologischen Grundlage der gesammten Staatswissenschaften und der Staatswirthschaft insbesondere“ durch. Speciellen Fragen der Oekonomie hatte er sich mit Ausnahme der oben genannten agronomischen Briefe und der Theorie des Geldes nie zugewandt, nur über die gleichfalls mit seinen feudalen Ansichten harmonirende „Gewerbepolizei insbesondere in Beziehung auf den Landbau“, spricht er sich in Ergänzung der eben genannten Schrift aus. So wie früher der „Phöbus“ hatten weder seine 1816 bis 1818 erschienenen und dann eingegangenen „Staatsanzeigen“, noch der ebenfalls in Leipzig redigirte in sehr scharfem Ton gehaltene „Unparteiische Litteratur- und Kirchencorrespondent“ einen Erfolg; sie entsprachen wenig den Ansichten der Zeit und zur Ausführung eines Lieblingsprojectes Müller’s, zur Herausgabe einer katholischen Zeitschrift kam es überhaupt nicht. Müller’s letzte in den letzten Lebenstagen herausgegebene Schrift „Vorschlag zu einem historischen Feriencursus“, welche Interesse für einen derartigen von ihm selbst zu haltenden erwecken sollte, hat viel beigetragen die Ansichten über ihn zu trüben. Sie ist extrem ultramontan gehalten wie keine seiner Schriften und versteigt sich in den oft citirten Schlußworten (S. 10) zu dem Passus: „Die moralische oder politische Kritik der Ereignisse hat der gewissenhafte Lehrer der Geschichte in einer katholischen [506] Schule ganz bey Seite zu setzen; nur Urtheile über Dinge und Menschen, die er aus den Händen der katholischen Kirche empfängt, sind unbestreitbar“. Hier war es bereits der Ueberreiz der Nerven, welcher seine unleugbare Grundanschauung zu forcirtem Ausdrucke brachte, wie aus der oben geschilderten Disposition Müller’s während des letzten Lebensjahres ersichtlich ist, in welcher dieser so oft tendenziös verwerthete „Feriencursus“ fällt. Der Grundgedanke der Schrift ist ähnlich vortrefflich wie sein Vorschlag zu einem „staatswirthschaftlichen Seminar“.

M. ist als Gelehrter, durchaus nicht etwa als Theologe aufzufassen, am allerwenigsten als Philosoph von mittelalterlichen Anschauungen, so sehr er in politischer Hinsicht sich dieser Zeitrichtung verwandt fühlt. Sein Gottesglaube drückt sich in den eigenen Worten aus: „Nennen Sie das eine höchste, das ich zu erschwingen im Stande bin, Gott, Schönheit, Leben, Liebe, Poesie, wie sie wollen – und ich würde den für keinen Irreligiösen halten, der sich dächte, die heilige, unendliche Bewegung der Welt, das sei mir Gott“; die Verkörperung dieses tief philosophischen Deismus war allerdings jene der katholischen Kirche. Jedoch bedauerte er in den späteren Lebensjahren diese Ansichten als pantheistische Verirrungen. Seine Anschauung aller Lebenserscheinungen war eine tief organische. Bewegung durchzieht das Weltall, wird diese nicht gedacht, tritt das Nichts ein, Bewegung ist Leben, Stillstand Tod. Sie ist aber nur möglich, wenn zwei Gedachte sich gegenüberstehen, zwei Kräfte, das Bewegende und Bewegte, jedes für sich beides – der Gegensatz. Diesen nennt er das ewige, von ihm vindicirte Gesetz aller Wissenschaften, das Fundament seiner Elemente und aller Arbeiten seines Lebens. Die Bewegung fügt alle Erscheinungen in Raum und in der Zeit in einander, und bringt jene große Einheit hervor, in welche sich das Menschengeschlecht durch die Bewegung im Zusammenhang der sich folgenden Geschlechter einreiht. Geographie, Geschichte, Genealogie sind somit die primärsten der Gesellschaftswissenschaften, innerhalb deren die Geschichte, auf deren Boden sich die Bewegung der Geschlechter vollzieht, die vornehmste. Daher Müller’s große Werthschätzung der Geschichte, wenn es ihm auch beim Mangel positiver Erfahrung mehr um die Idee der Geschichte, die Continuität, als um ihren concreten Inhalt zu thun ist. Der historische Feriencursus sollte den Studirenden eine feste geschichtliche Basis geben und M. trug sich selbst in seiner Jugend mit Vorliebe mit dem Plane, eine allgemeine Weltgeschichte zu verfassen. Edmund Burke war sein oft genanntes Vorbild eines bei seiner Abneigung gegen alle absolute Scheidung und dem großen Zug zur Einfachheit, Totalität, strebt er die beiden Säulen seines Wissens, Philosophie und Geschichte, zu vereinen; Geschichte ist ihm geradezu Philosophie, denn deren letzte Aufgabe ist die Bewegung zu ergründen und diese vollzieht sich in der Zeit: gewiß jene große und fruchtbare methodische Anschauung, die kurz nach seinem Tode eine Umwälzung in den Staatswissenschaften hervorbrachte, ohne daß der Zusammenhang mit ihm direct hergestellt oder nachgewiesen wäre. Weil ihm die Bewegung als Grundprincip gilt, faßt er alle Erscheinungen nur in der Flucht, in „der Idee“, auch im Gegensatz zum „Begriff“, dem Abstracten, der fixirten Erscheinungs-Erklärung; „für mich ist alle systematische, mechanische Form ein für allemal todte Form – d. h. Unform“, und die Definitionen nennt er das Gift der Wissenschaften. Seine Schriften sind der deutlichste Ausdruck dieser Anschauung. Jede Erscheinung sobald sie als das x und anti x, also im Gegensatz aufgefaßt wird, erscheint als Einfachheit, Einheit in der Idee und ist Domäne des Wissens, das Widerspiel des Gegensatzes aber, der Antigegensatz ist die Domäne des Glaubens. So war ihm die Grenze von Wissenschaft und Glaube gegeben, welche beide sich somit aufzuheben nie im Stande sein sollen. Der Gegensatz herrscht zwischen den beiden Geschlechtern, bildet die Familie, zwischen [507] Leib und Seele, Mensch und Nebenmensch, bildet den Staat, Mensch und Ding, bildet das Eigenthum, er herrscht zwischen den verschiedenen Arten der Güter und bildet deren Individualität, städtische, ländliche Güter, Landwirthschaft, Viehzucht, materielle und immaterielle Güter, endlich zwischen Natur und Antinatur, d. i. die Kunst. M. steht in stetem Kampf mit der atomistischen, materialistischen, überhaupt jeder einseitigen Weltansicht und erinnert hierdurch an sein Vorbild Schelling, sowie er deshalb gegen Fichte in starker Opposition stehen muß. Aus diesen philosophischen Elementen gehen nun sowol seine Staats- als seine ökonomischen Anschauungen hervor.

Das ganze Leben in der Gesellschaft ist von Recht und Gut beherrscht, zwischen welchen die Religion die Ausgleichung beibringt. Recht, Wirthschaft (Finanz) und Religion sind die drei großen Fragen aller seiner Werke. Das Leben der Gesellschaft ist nun bedroht von drei Feinden, dem römischen Rechte und seinem Begriffe des vollen Privateigenthums, von dem Begriffe des Privatnutzens und reinen Einkommens, und endlich von der durch die Reformation eingeführten Privatreligion; so sind Gesetzesformel und Geld die beiden Hauptgötzen der Zeit geworden. Gegen diese Ansichten seiner Zeit, insoweit sie sich auf Staat, Recht und Wirthschaft beziehen, wendet sich M. nun in folgender Weise.

Das eine Element seiner Staatsanschauung ist der griechische Staatsbegriff. Der Staat ist ihm die Totalität der menschlichen Angelegenheiten, ihrer Verbindung zu einem lebendigen Ganzen. Bitter ist Müller’s Spott über jene, welche den Staat als eine Manufactur, Maierei, Assecuranzanstalt und Handelsgesellschaft ansehen; der Staat sorgt nicht nur für die äußeren Bedürfnisse der Menschen, ja selbst die Wissenschaft geht in ihm auf. Ein vor- oder ohne-staatlicher Zustand ist undenkbar, sobald Mensch und Nebenmensch gegeben sind entwickelt sich das Recht und damit der Staat. Das innere Leben des Staates nun beruht auf dem steten Spiel von Kraft und Gegenkraft. Es darf nicht nur eine Organisation der Regierung, sondern muß auch eine solche des Volkes bestehen; Parlament und Ministerium (Ständeverfassung und Administration) müssen sich ergänzen. Der Staat ist zunächst dem Gegensatze der beiden Geschlechter analog, der Adel, (das unbewegliche Gut) ist das weibliche, der Bürgerstand (das bewegliche Gut) das männliche Element. So wie ferner die Familie neben diesen beiden Elementen auch noch die Idee der Jugend und des Alters charakterisirt, so muß auch im Staate Fortschritt und Hemmung zu finden sein und so entstehen die vier Stände im Staate: der Adel, das weibliche Element, das entsagende, die Verkörperung des Amtes, auch der Krieg ist dessen Aufgabe; der Bürgerstand (Gewerbe) ist das männliche, erzeugende Element der Arbeit, die Kaufmannschaft ist das fortschreitende, oft fortstürmende Element, das Treibende im Staatsleben; und der Clerus ist das hemmende, vereinigende, dem deshalb auch die höchste Function der allgemeinen Staatenvereinigung, die Diplomatie zugehört. Nur so kann das Gleichgewicht in der Idee des Staates erhalten und die Uebermacht des einen Bürgerstandes aufgehoben werden. Bei dieser Ausführung tritt das zweite Element in Müller’s Staatsanschauung, das mittelalterlich-föderale zu dem obigen hellenischen hinzu. M. will geradezu eine Wiedererweckung des Mittelalters mit seinem Lehensbesitz und Amtsadel, wenn auch nicht „handwerksmäßig“, sondern nur als ein Wiederaufleben von dessen Geist der Ausgleichung zwischen den Ständen und ihrer Einfügung in den Staat. Hiebei ist ihm allerdings der Bauernstand abhanden gekommen. Diese fortwährend wiederholten Ideen geben den Schriften Müller’s zu dem religiösen Ton noch den föderalen, und ihre forcirte Vertretung hat deren Verbreitung viel geschadet. Durch diese Organisation, welche aus den vier Ständen Corporationen schafft, die des Feudaladels und des Clerus, des zünftigen Gewerkes und des in Gilden und Glieder [508] geschlossenen Binnenhandels, wird die große Continuität des ganzen Volkes in seinen Gliedern hergestellt, jeder Mensch in die Mitte seiner Nation gestellt, verbunden sowol mit den verflossenen als auch mit den kommenden Generationen, und der immer weiter greifenden Isolirung und Atomisirung der Gesellschaft entgegengearbeitet. Daß M. somit gegen die Staatslehre der Aufklärungszeit und die französische Revolution von großer Abneigung erfüllt war, ergibt sich aus diesen Ausführungen von selbst. Er hat für diese Ideen nur den Namen: das „unsichtbare Rom“, welches seit drei Jahrhunderten alle Nationalexistenzen untergräbt, alle nationale Hoheit, alles Heilige, innere Lebensgefühl mit unwürdigen Waffen und mit den entweihten edlen Metallen verdrängt, den Regierungen der Völker allen alten Glanz, womit das Gefühl besserer Zeiten sie umgab, wegnimmt, sie mit bezahlter Pracht und mit einem bezahlten Gefolge umgibt, und sie in Finanz- und Industriebureaux, die Souveraine in große Manufacturen-Entrepreneurs verwandelt. Alles Privatleben nimmt dieselbe öde und gefühllose Gestalt an. Es entstehen genau abgezirkelte Grenzen zwischen den einzelnen Bürgern desselben Stammes; und die äußeren Grenzen der Vaterländer werden von Tag zu Tag offener. Keine großmüthige Empfindung, keine Hingebung, keine Aufopferung verwäscht die starren Abmarkungen wieder. Die Staatstheorien ermüden sich, zu beweisen, daß in der Aufrechterhaltung dieser Grenzen durch Schlösser, Riegel, Grenzsteine und Privatrechte und der eben so strengen Bestimmung alles Verkehres vermittels des nach Möglichkeit baaren und guten Metallgeldes, das ganze Wesen des Staates bestehe. – Im Gegensatz zur Abstraction des römischen Rechtes hat jede Rechtsbildung ein großes persönliches Moment in sich, nicht nur das eigentliche Personen- und Familien-, auch das Sachenrecht, und im Gegensatz zu dem Naturrechte der Aufklärungszeit entwickelt M. seine Ideen von der Philosophie des positiven Rechtes.

In der Oekonomie ist der Feind den M. vorwiegend bekämpft, weil er die Ideen seiner Zeit am vollständigsten in sich begreift, A. Smith, aber er bleibt nach M. selbst immer ein großer Feind. Alle bisherigen Theorien, Mercantilismus, Physiokratismus, Smithianismus sind einseitig für den Handel, Landbau oder das Handwerk, alle aber nur für materielle Güter berechnet, also Geldtheorien. Sie sind für die Wirthschaft, was das römische Recht für die Rechtsbildung, die Abstraction, die Erstarrung. Müller’s Polemik gegen Smith ist scharf und glücklich. Smith übersieht über den momentanen Verdienst das Moment der Dauer in der Volkswirthschaft, somit ihre Erhaltung. Die Arbeitstheilung leitet er aus der Anlage zum Tausche ab, während sie auf dem Capitale beruht, und sie ist nichts ohne die Arbeitsvereinigung. Sein Capital ist nur physisch, daneben behauptet aber doch auch das geistige Capital sein Recht, wie dort das Geld, ist hier die Sprache Mittel. Hat diese Lehre an sich schon die genannten Fehler, kommen andere hinzu, wenn man sie anwendet. Auf Englands Boden erstanden und aus seinen Sitten hervorgewachsen mag sie für dieses Land, nie aber für den Continent gelten; England ist gleichsam die Stadt Europas und der Continent das Land, dort kann die Arbeitstheilung gelten, hier nicht. England bewahrt sein Capital an geistigen Gütern, Rechtsbildung u. s. f. seit Jahrhunderten in organischer Entwicklung ganz im Gegensatz zum Continente. Eine derartige Kritik, heute wenig originell, bedeutete viel für die damalige Zeit. Müller’s eigene Ansichten über die Oekonomie sind nur in großen Zügen entworfen. Der Nationalreichthum besteht in allen Personen und Sachen mit ihren politischen und bürgerlichen Eigenschaften, ihrem individuellen (Gebrauchs-) und gesellschaftlichen (Tausch-)Werth, und ist vom Einkommen der Einzelnen ganz unabhängig. Die Eigenschaft, wodurch die Individuen, Personen und Sachen für die Gesellschaft Werth haben, nennt er Geld. Die ganze [509] dunkle Lehre von den Verhältnissen fügt sich einfach in diesen weitgespannten Rahmen. „Was eine Sache, ein Stück Land, ein Capital an sich bedeutet ist wenig; was es in Beziehung auf alle übrigen Sachen, Ländereien, Capitalien ist, beträgt mehr, und der Reichthum an Beziehungen ist abhängig von der nationalen Bewegung aller dieser Objecte, also der locale Preis der Dinge auch abhängig von der öffentlichen Meinung über diesen Verkehr, seine Lebhaftigkeit und Sicherheit“. Nationalcredit ist die Fähigkeit einer Regierung, im bedürftigen Augenblick das Nationalcapital für ihre Zwecke zu concentriren und diesen Zwecken gemäß zu realisiren: eine Consequenz der oben gedachten Erkennung der Gesellschaft stets im Zusammenhange mit den Vorfahren und den kommenden Geschlechtern. Die Production beruht auf Land und Arbeit, physischem und geistigem Capitale, jedoch auch die beiden ersten Elemente begleitet vom Capital: Das Land vom „Naturwissenschafts- oder Kraftcapital“, die Arbeit vom „Kunstwissenschafts- und Fertigkeits-Capital“ Werkzeug, Werkstatt, das physische Capital ist Erfahrung, Geld- und Creditcapital, und das geistige bilden Ideen und Kenntnisse. Zwischen Land und Arbeit wird die Ausgleichung durch das Capital hergestellt, da dieses: als physisches und geistiges in jedem der beiden Elemente Land und Arbeit herrscht, in jedem Fortschritt und Hemmung in steter Wechselwirkung hervorbringt. So kehren dieselben vier Stände als Lehr-, Wehr, Nähr- und Verkehrstand wieder, welchen wir bereits oben in der Staatslehre begegneten und es fügt sich Müller’s Oekonomik in seine Staatslehre organisch ein. Auch hier liegt wieder das Hauptgewicht auf dem Land, wie oben auf dem Adel und erklärt dies Müller’s Vorliebe für Beschäftigung mit agrarpolitischen Fragen. Gegenwärtig ist diese Harmonie durch das einseitige Herrschen des physischen Capitales gestört und an Stelle der früheren mit Rechten gepaarten Pflichten sind „Vorrechte“ getreten. Müller’s Auffassung über das Monopol ist eine würdige, er sieht im heutigen nur einseitigen Vorrecht eine Widernatürlichkeit, einen Mangel des Gegensatzes. Unleugbar ist Müller’s Verdienst für die Entwickelung der Nationalökonomik groß, viele seiner Ideen sind heute baare Münze, ohne daß sie das Merkmal seiner Prägung tragen würden; nicht nur die organische Auffassung, die physiologischen Analogien, sondern auch die Betonung der historischen Methode und den Zusammenhang aller Socialwissenschaften lernt man aus seinen Schriften kennen, und seine Kritik des Industriesystems erging zu einer Zeit, wo alles noch in deren Banne lag.

So sehen wir in M. einen der Hauptrepräsentanten der romantischen Schule, und wenn diese in Beziehung auf einzelne Zweige der Geistesthätigkeit in Anderen ungleich vollkommener hervortritt, so kommt er doch ungleich mehr in Betracht, wenn die Vollständigkeit der Bethätigung in den mannigfaltigsten disparaten Richtungen in Frage steht. „Wir gehen auf Totalität aus“ schreibt ihm Gentz „und begnügen uns mit nichts geringerem“, und M. selbst sagt, „meine Ansicht von der Welt ist eine ganze und vollständige; innerhalb meiner Ansicht und – was dasselbe ist – innerhalb meiner ist alles, wie Sie es nennen, idealisch, aber vollständig idealisch, was in der deutschen Philosophie vielleicht nicht vorgekommen ist“. Auf origineller philosophischer Basis stehend, wendet er sich der Betrachtung des Staates, Rechtes und der wirthschaftlichen Erscheinungen zu, spricht und schreibt über dies, wie über Litteratur und Aesthetik, ist thätiges Werkzeug der Reactionsbestrebungen in Oesterreich und wirkt in politischen wie commerciellen Staatsstellungen. Er ist so für die Kenntniß der ersten Decennien dieses Jahrhunderts ein nothwendiger Factor, und innige Bande verknüpften ihn mit den Mitstrebenden seiner Geistesrichtung. Ueberall durchweht derselbe Geist seine Werke, er hat „das treue Bestreben in der Wissenschaft wie in der Kunst und Lehre Einem Herrn zu dienen, in der Sprachverwirrung dieser Zeit Eine Sprache zu [510] reden“. Seine Diction ist glänzend, blendend, sprühend von Geistesfunken und er bewegt sich meist in der schwindelnden Höhe des Genies. So ist er eine universelle Verkörperung der romantischen Zeit, einer jener immer seltener werdenden Geister, für welche die Barrieren der Wissenschaften nicht bestehen. Und trotz aller dieser Eigenschaften vermochte M. keinen Einfluß auf die Zeitgenossen zu erlangen und auch direct auf die kommende Zeit nicht einzuwirken. Er schrieb nicht im Sinne der Zeit, obgleich von denselben Gefühlen für Großdeutschlands Ehren und Gedeihen beseelt, und sein Spott gegen die seichte Klugheit der Zeit, sein unbarmherziges Geißeln aller jener, welche das Vaterland für gerettet halten, wenn ihre eigenen kleinen Privatinteressen gerettet scheinen, gegen die Kleinstaaterei, war oft ätzend, hochfahrend und übermüthig. Er schrieb zu intensiv getränkt mit katholischen Ideen und sein Lob des Mittelalters und des Feudalismus kannte oft keine Grenzen. Die universelle Natur seines Geistes führte auf speciellerem Gebiete eine gewisse Leere in positiver Beziehung mit sich, sein Vortrag war oft system- und formlos; und nicht selten romantisch verschroben: ein ungeordnetes Heer geistessprühender Ideen, sein Stil mit Analogien spielend, dunkel und bilderreich. Er kritisirt sich selbst in dieser Richtung, wenn er schreibt: „Der Kenner wird sagen, wir deuten so viel an, versprechen so viel, aber, daß wir ein Recht haben, vieles anzudeuten, auch manches zu versprechen, daß wir auf dem rechten Wege sind und wissen, was wir wollen, wird der Kenner auch sagen“. Universalität und Genie sind seine Vorzüge, Mangel an Positivismus und Form, sowie der clerical-feudale Character seine Fehler, beides im Großen zu nehmen. Jedenfalls ist er ein Kind seiner Zeit; den Romantiker zeigen alle seine Fehler und das gewaltige Extrem, die französische Revolution mit ihrer Auflösung aller Bande des Staates und der Religion, sowie die verwandte materielle in der Smithischen Codificirung forderte gewaltige Gegenwehr. Großen Gegnern war er ein großer Gegner, und er ist wirklich, mit Gentz zu sprechen, „einer jener Geister, vor dem man das Gefühl der Superiorität jedoch auf einem falschen Wege empfindet“.

Müller’s Lebensbild bleibt unvollendet, wenn nicht seiner Freundschaft mit Gentz gedacht wird. Es war eine Freundschaft fürs Leben, welche diese beiden Männer von der Studienzeit Müller’s an bis zu seinem raschen Ende in Wien verband. Eigentlich in Wesen und Anschauung entgegengesetzt, zogen sie sich, vielleicht gerade deshalb, unaufhörlich wieder an; nichts war ihnen gemeinsam als – die meteorologische Sensibilität, und doch empfanden sie bei jeder Trennung die lebhafteste Sehnsucht nach einander, und die Verschiedenheit ihres Characters bot unerschöpflichen Stoff zu mündlichen und schriftlichen Disputen. Sie dienten beide derselben Sache, nur von verschiedenen Standpuncten, mit verschiedenen Absichten und Mitteln, sowie beider Anschauung über die Lage der öffentlichen Dinge auch eine ganz verschiedene war. M., ein Freund der regelmäßigen Continuität, in die Nothwendigkeit versetzt, mit der Revolution zu rechnen, suchte einen Anknüpfungspunct um das durch sie gesprengte Gewebe wieder zu verknüpfen und fand hierfür die Religion, „es wird kein neuer Zustand der Dinge kommen, aber neues und altes werden sich in einem echt katholischen Bunde vereinigen“. Er vertraute seiner Ansicht und reformirte in Gedanken und im Großen. Gentz dagegen erkannte die Unhaltbarkeit des Baues, welchen zu stützen er mühsam mitbemüht war, und fühlte sich befriedigt, falls es gelänge, das Leben des alternden Staatskörpers auch nur fortzufristen. Die entgegengesetzte Grundstimmung beider Freunde zeigt sich auch in dem Urtheile, welches sie über sich und über einander haben. M. stellte sich selbst sehr hoch und den zahlreichen Angriffen, denen er wegen seiner Richtung ausgesetzt war, begegnete er ruhig, „es giebt eine mittlere unsichtbare Meinung in der Welt, die nicht ausgesprochen [511] wird … die unendlich mehr bedeutet als die Summe der ausgesprochenen Meinungen, und wenn auch alle Einzelnen gefragt werden könnten“. Gentz dagegen drückt sich oft sehr unmuthig über seinen Freund aus: „was ich verstehe, befriedigt mich nicht; allenthalben eine stolze angreifende Polemik, aber nirgends ein reines bestimmtes Resultat. Es schwimmt mir alles wie in einem Nebel von hohen Worten gewebt, durch welchen keine Figur in festen Umrissen hervortritt. Ich werde höchstens gedemüthigt nicht belehrt“. Trotz alledem aber bewundert er ihn, besonders seine „Imagination“, nennt ihn treffend einen „Dichter, gepaart mit praktischen Anlagen und temperirt“. M. trat wie oben bemerkt, zur katholischen Kirche über, während Gentz sich nicht zu diesem „Aufsehen erregenden“ Schritte entschließen konnte, trotzdem er durch Müller’s Einwirkung oft dem Entschluße sehr nahe gebracht wurde. Gentz, an Jahren M. voraus, nahm auf Müller’s äußeres Geschick durchgehends tiefgreifenden Einfluß, während M. wiederum für die Innerlichkeit Gentzens Bedürfniß war. Daß somit nicht nur M. seinem Freunde tief verpflichtet, sondern dies wechselseitig der Fall war, zeige folgender Ausspruch Gentzens: „Ihnen ist offenbar Niemand so nützlich und so eigentlich nothwendig als ich; denn das Wenige, was Ihnen fehlt, finden Sie alles in mir concentrirt. Mir kann von allen jetzt lebenden Menschen keiner so zusagen wie Sie. Denn die wenigen Reinen, die ich außer Ihnen noch kenne, sind für mich nicht genialisch genug, und die übrigen Genialen sind alle unrein. Sie allein vereinigen alles in sich und in Ihnen wohnt überdies diese ewig erweckende Kraft, die bei meiner zunehmenden Steifigkeit, Erkaltung und Blasirtheit allein im Stande ist, mir eine immerwährende Jugend anzuwehen“. Ja der Freundschaftsbund war ein derartiger, daß er beiden Männern nicht nur für ihre innere Stimmung Bedürfniß war. sondern daß auch alle äußeren Erfolge die sie aufzuweisen hatten, in demselben ihre Wurzel fanden, wie dies die folgende Aeußerung des älteren Freundes beweist, mit dem wir die Citatenreihe aus dem Briefwechsel zwischen beiden beschließen: „Ich bin innig überzeugt, daß wir beide, um etwas Gutes zu wirken, mit einander leben müßen. Sie allein sind, bei aller ihrer eigenthümlichen Größe den äußeren Schwierigkeiten dieses harten Zeitalters nicht gewachsen, und ich muß schlechterdings etwas haben was mich unaufhörlich über das Zeitalter erhebt, wenn ich nicht endlich sinken soll“. – M. vermählte sich während seines Berliner Aufenthaltes mit Sophie von Taylor. Seine Tochter Cäcilia wurde die Gattin Prof. Stephan Endlicher’s; ihr Salon in Wien war bis zum unglücklichen Ende ihres Gemahles lange Zeit Sammelpunct der Freunde der schönen Künste und Wissenschaften.

Aufzählung der Nekrologe und Biographien sowie Bibliographie bei Wurzbach; hiezu Pierer, Lex., Wagener, Lex., Rosenthal, Convertitenbilder aus dem 19. Jahrhundert, Klinkowström, Fr. Aug. Klinkowström und seine Nachkommen, und der Briefwechsel Müller’s mit Gentz. Kritische Würdigungen von Müller’s Werken: für die litterarisch-ästhetischen Zimmermann, Aesthetik, M. Schasler, Kritische Geschichte der Aesthetik, Julian Schmidt, Geschichte der deutschen Litteratur; für die staatswissenschaftlichen und ökonomischen besond. Bluntschli, Geschichte, Mohl, Hildebrand, Nationalökonomie d. G. u. Z., Roscher und Kautz, Geschichte.
Mischler.