ADB:Pilat, Joseph Edler von

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Artikel „Pilat, Joseph Edler von“ von Franz Ilwof in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 53 (1907), S. 59–61, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Pilat,_Joseph_Edler_von&oldid=- (Version vom 21. Juli 2019, 13:26 Uhr UTC)
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Pilat: Josef Anton Edler von P., Staatsbeamter und Publicist. Er wurde am 20. Februar 1782 zu Augsburg geboren, besuchte dort das Collegium ad Sanctum Salvatorem, studirte sodann die Rechte an der Universität zu Göttingen und trat 1803 als Privatsecretär in die Dienste des Grafen, späteren Fürsten, Metternich, damals österreichischen Gesandten in Berlin. Nachdem dieser 1806 Botschafter bei Napoleon I. in Paris geworden war, folgte ihm P. dorthin. In Paris war P. die Seele der deutschen Colonie, sprach sich in Gesellschaften freimüthig über politische Dinge und witzig sogar über den Bonapartismus aus. Als 1809 Oesterreich Napoleon [60] den Krieg erklärte, wurden Metternich in Paris, als Repressalie für die Internierung des französischen Botschafterpersonals in Ungarn, die Pässe verweigert und er wurde dort zurückgehalten; mit ihm P. und erst nach der Schlacht bei Aspern (21. und 22. Mai 1809) gelangten Beide unter militärischer Bedeckung in das von den Franzosen besetzte Wien.

Der für Oesterreich unglücklich verlaufenden Schlacht bei Wagram folgte der den Besiegten schwer drückende Schönbrunner Frieden (14. October); vorher jedoch war ein Ministerwechsel vor sich gegangen, indem Stadion zurücktrat und Metternich als k. k. Staats- und Conferenzminister (am 8. October) mit der Leitung der auswärtigen Angelegenheiten betraut wurde. Dadurch steigerte sich Pilat’s Einfluß und Bedeutung an seines Herrn Seite um ein beträchtliches.

Er begleitete ihn auch stets, so 1813 zum Prager Congresse und nach dem entscheidenden Wechsel der Dinge, als die Verbündeten aggressiv gegen Napoleon vorgingen, 1813–1814 bei der ersten Occupation Frankreichs nach Paris, wo es zum Abschlusse des ersten Pariser Friedens kam. In diesen Jahren waren P. im kaiserlichen Hauptquartiere die Direction der k. k. Felddruckerei, die Redaction der Armeeberichte und verschiedene schriftstellerische Arbeiten, die den Zwecken des Krieges galten, übertragen. 1818 wurde er zum wirklichen k. k. Hofsecretär, später zum Regierungsrath im außerordentlichen Dienste bei der Staatskanzlei ernannt, am 20. Juli 1831 in den österreichischen Adelstand erhoben, nachdem er schon vorher das von Kaiser Franz I. für in den Jahren 1813 und 1814 geleistete hervorragende Dienste gestiftete goldene Civil-Ehrenkreuz und mehrere ausländische Orden erhalten hatte.

In seinem ganzen Thun und Lassen, Denken und Wirken folgte er nicht nur ganz und gar der Politik seines Herrn und Meisters, Metternich, dessen getreuester Diener er war, er schloß sich auch vollständig der an allem Alten und Hergebrachten in Religion und staatlichen Fragen festhaltenden Partei an, welche jeden Fortschritt verabscheute und ihm entgegenzutreten bemüht war. Zu seinen innigsten Freunden gehörten Friedrich v. Gentz, der Dichter und Convertit Zacharias Werner, Friedrich v. Schlegel, Clemens Maria Hoffbauer, der erste deutsche Redemptorist und Generalvicar dieses Ordens diesseits der Alpen, Adam Müller, der Haller folgend, die Umkehr der Wissenschaft zu lehren versuchte, Klinkowström, Jarke, Baron Penkler u. A., von denen die meisten vom Protestantismus zum Katholicismus übergetreten waren. P. war nicht nur ein entschiedener, strenggläubiger Katholik, er war auch ein offener Vertreter und Anhänger der Jesuiten und Redemptoristen, hing treu und fest den Ansichten und Lehren dieser an, begünstigte und förderte nach Kräften deren Bestrebungen. Er war eine der vielgenannten Persönlichkeiten im Kreise der Vertrauenspersonen der k. k. Hof- und Staatskanzlei und der aristokratisch-klerikalen Gesellschaft des vormärzlichen Oesterreich.

Vom 1. Januar 1811 an wirkte er nach Friedrich v. Schlegel’s Rücktritt als Redacteur des „Oesterreichischen Beobachters“, des allseits bekannten (um nicht zu sagen berüchtigten) Leibblattes Metternich’s, des Organes, welches dessen Politik publicistisch vertreten und rechtfertigen sollte. Auch in dieser Stellung war P. ganz das Geschöpf des Fürsten-Staatskanzlers; jedes Blatt, bevor es gedruckt wurde, mußte diesem vorgelegt werden; er strich weg, setzte hinzu, änderte nach seinem Ermessen, schrieb auch wol sein Urtheil über das zur Veröffentlichung bestimmte an den Rand des Bürstenabzugs, und P. nahm in den „Beobachter“ all das pflichtschuldigst auf, was ihm aus der Kanzlei Metternich’s zukam, und es ist ihm viel zugekommen, was die freie Entwicklung des Geistes der Einzelnen und der Völker hinderte und für traurige [61] lange Jahre hinausschob, in Oesterreich, aber nicht in Oesterreich allein, denn Metternich’s Regierungsprincipien waren durch Jahrzehnte nicht bloß in dem Reiche, dessen Geschicke in seiner Hand lagen, sondern in den meisten Staaten des Continents maßgebend.

Außer seiner publicistischen Wirksamkeit war P. in verschiedenen Litteraturzweigen thätig. Er schrieb „Ueber Arme und Armenpflege“, Berlin 1804; „Betrachtungen eines Deutschen über die durch das Senatusconsult vom 16. November 1813 in Frankreich ausgeschriebene Conscription von 300 000 Mann“, Frankfurt a. M. 1813; aus dem Französischen übersetzte er de Pradt, „Geschichte der Botschaft im Herzogthume Warschau von 1812“, Wien 1814 f. und Karl Ludwig v. Haller’s, des bekannten Restaurators der Staatswissenschaften „Schreiben an seine Familie, um ihr seine Rückkehr zur römisch-katholischen Kirche zu eröffnen“ (Wien 1831, drei Auflagen), ferner verfaßte er zahlreiche Aufsätze für Hartleben’s „Justiz- und Polizeifama“, für die Berliner „Haude und Spener’sche Zeitung“, Gedichte und Uebersetzungen von Gedichten aus dem Griechischen und Lateinischen, welche in verschiedenen Taschenbüchern und Journalen erschienen sind, endlich gab er den „Briefwechsel zwischen Friedrich Gentz und Adam Müller 1800–1829“, Stuttgart 1857, heraus.

P. war mit einem Fräulein v. Mengershausen aus Hannover vermählt, lebte in glücklicher Ehe; zwei seiner Söhne bekleideten höhere Stellen im österreichischen Staatsdienst: Clemens im Ministerium des Aeußern, Friedrich als Geschäftsträger am großherzoglichen Hofe zu Karlsruhe, Alois war Notar zu Grein in Oberösterreich; zwei Töchter wurden Nonnen, die dritte war mit dem Freiherrn Alexander v. Hübner, 1853 bis 1859 österreichischen Botschafter in Paris, vermählt.

Als der Märzsturm des Jahres 1848 Metternich und sein System hinwegfegte, war ganz naturgemäß auch Pilat’s öffentliche Thätigkeit zu Ende; er diente noch einige Jahre im Ministerium des Aeußern, bis ihn die Last der Jahre nöthigte, in den Ruhestand zu treten; unbeachtet und ganz vergessen lebte er in Wien bis zu seinem am 2. Mai 1865 erfolgten Tode.

Wurzbach, Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich XXII, 281. – Herbst, Encyklopädie der neueren Geschichte (Gotha 1889) IV, 214. – Die in Wien bestehenden Zeitschriften historisch dargestellt seit ihrer Gründung. „Beobachter.“ In Pietznigg, Mittheilungen aus Wien, 1833, 2. Heft, S. 76–83. – Wiener Zeitung, 1865, Nr. 105, S. 485. – Presse (Wiener Journal) 1865, Nr. 121, 122, 124. – Neue Freie Presse (Wiener Journal) 1865, Nr. 243 und 253. – (Hoffinger) Oesterreichische Ehrenhalle III, 35. – (Gräffer und Czikann) Oesterreichische National-Encyklopädie IV, 222. – Vehse, Geschichte des österreichischen Hofs X, 58.