ADB:Wernsdorf

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Artikel „Wernsdorf“ von Paul Bahlmann, Georg Müller, Friedrich Koldewey in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 42 (1897), S. 95–101, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Wernsdorf&oldid=3051032 (Version vom 20. Juni 2018, 03:59 Uhr UTC)
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Wernsdorf: eine adelige Familie aus Böhmen, die der Religion wegen nach Sachsen zog. Angehörige derselben waren protestantische Prediger in Chemnitz und Schönewalde in Kursachsen. An letzterem Orte wurde Gottlieb W. (4) geboren, von dessen sechs Söhnen hier Erwähnung verdienen: I. Gottlieb (5), Vater von Gottlieb (6) und Christian Friedrich (1); II. Ernst Friedrich (3), Vater von Gregor Gottlieb (7); III. Johann Christian (8), Vater von Christian Gottlieb (2).

Christian Friedrich (1), geboren zu Danzig am 26. April 1751, studirte zu Danzig und Leipzig, wurde daselbst 1775 Baccalaureus der Theologie, 1776 Candidat des geistlichen Ministeriums, 1785 Pfarrer zu Großzünder im Danziger Werder und starb am 27. Januar 1795.

Vgl. J. G. Meusel, Lexikon Bd. 15 (1816), S. 35.

Christian Gottlieb (2), geboren zu Helmstedt 1762, Magister und seit 1787 außerordentlicher Professor der Philosophie an der Universität Helmstedt, der er bis zu ihrer Auflösung, Ostern 1810, angehörte. Er starb am 29. Juni 1822.

Ein Verzeichniß seiner Schriften gibt Hamberger-Meusel’s Gelehrt. [96] Teutschland Bd. VIII (1800) S. 461, XVI (1812) S. 202, XXI (1827) S. 506.

Ernst Friedrich (3), geboren zu Wittenberg am 18. December 1718, studierte in Schulpforta und seit 1736 zu Leipzig, erwarb hier 1742 den Titel eines Magisters der Philosophie und das Recht, Vorlesungen zu halten. 1746 ebenda außerordentlicher Professor der Philosophie geworden; erhielt er 1750 das theologische Baccalaureat, 1752 die ordentliche Professur der christlichen Archäologie und 1756, bevor er einem Rufe als ordentlicher Professor der Theologie nach Wittenberg Folge leistete, die theologische Doctorwürde. Seine Wittenberger Stelle bekleidete er bis zu seinem am 7. Mai 1782 erfolgten Tode, noch lange überlebt von seiner Frau Eleonore Elisabeth geb. Nitzsch.

Vgl. Neues gel. Europa. Th. XII, S. 1030–1040; XIX, S. 740–754. – Meusel’s Lexikon Bd. XV, S. 35–37.

Gottlieb (4), geboren zu Schönewalde am 25. Februar 1668, bezog trotz seiner großen Armuth, die ihn nicht einmal den geringen Preis für das Convictorium entrichten ließ, die Universität Wittenberg. Hier erwarb er sich das Wohlwollen des bejahrten Professors Kaspar Löscher, der ihn als Informator seiner Kinder annahm und dadurch einige Jahre lang dem drückendsten Mangel entzog. Bereits 1689 zum Magister creirt, las er später vor zahlreichen Zuhörern über Logik, Moral und Geschichte, ergriff aber, da ihm der Oberhofprediger Carpzov eine außerordentliche theologische Professur in Aussicht stellte, plötzlich dies Studium und vertheidigte 1698 die Abhandlung de autoriate librorum symbolicorum, wurde professor theologiae extraordinarius und im Jahre 1700 Doctor der Theologie. Nach dem Ableben des ordentlichen Professors Hanneken (1706) trat er an dessen Stelle in die Facultät ein, erhielt 1710 die Propstei an der Schloßkirche, bald darauf die Generalsuperintendentur der Diöcese Wittenberg und von dem Herzog von Weißenfels den Charakter als Kirchenrath. Auch seine Ehe mit Margaretha Nitzsch (geb. 1673, † 1744), der Tochter des Geheimraths und Kanzlers des Bischofs von Lübeck, war eine äußerst glückliche zu nennen. Bei seinen Zuhörern, die ihn nur noch „Vater Wernsdorf“ nannten, war er ungemein beliebt; sie gestatteten ihm sogar, jede von den Studierenden begangene Leichtfertigkeit in der nächsten Vorlesung zu rügen. Besonders zog sie die Klarheit und Eleganz seiner Rede an, die sie mitunter freilich auch für eine weniger gründliche Behandlung der Sache selbst entschädigen mußte. Als er am 11. Juli 1729 starb, war die Trauer um ihn eine allgemeine: außer sämmtlichen Studenten mit Trauermantel und Degen gab ihm die ganze Bürgerschaft das letzte Geleite. – Seine litterarischen Verdienste würdigte schon 1719 J. Chr. Colerus (s. A. D. B. IV, 403) in besonderer Schrift und eine Ausgabe seiner „Disputationes academicae“ mit Anmerkungen, Vorrede und Biographie des Verfassers veranstaltete 1790 in zwei starken Quartbänden der Wittenberger Theologe Chr. Heinr. Zeibich. Diese Schriften behandeln größtentheils die brennenden Streitfragen der Zeit – die Controverse mit den Mystikern und Hallensern, mit dem Unglauben und Indifferentismus – mit schätzenswerther Ruhe und Rücksichtnahme auf die Gegner und sind zum Theil heute noch nicht ohne Bedeutung.

Vgl. A. Tholuck, der Geist der luth. Theologen Wittenbergs. Hamb. u. Gotha 1852. S. 295 ff.

Gottlieb (5) war am 8. August 1717 zu Wittenberg geboren. Nachdem er dort und in Merseburg studiert, wurde er 1738 in Wittenberg Magister der Philosophie und Beisitzer der philosophischen Facultät. Im J. 1743 als Professor der orientalischen Sprachen an das akademische Gymnasium zu Danzig berufen, erhielt er daselbst 1748 auch die Professur der Beredsamkeit und Dichtkunst [97] und betheiligte sich lebhaft an den zur Hebung der Anstalt unternommenen Bemühungen. Unvergeßlich hat er seinen Namen durch viele die alte griechische und römische Litteratur fördernde Schriften gemacht, von denen besonders seine kritischen Ausgaben der griechischen Gedichte des Manuel Philes (Leipzig 1768 u. Danzig 1773) und der Reden des Sophisten Himerios (aus d. Nachlasse herausgeg. von s. Bruder Joh. Christian, Göttingen 1790) hervorzuheben sind. Aber nicht zufrieden damit, selbst den Wissenschaften zu dienen, suchte er die Liebe zu ihnen auch in Anderen auf alle Weise zu erwecken. So regte er 1754 in Danzig die Actus solennes wieder an, die derart in Vergessenheit gerathen waren, daß er die Feierlichkeiten derselben erst in einem Programme genau beschreiben mußte, und hielt seinen Pensionären, wie den Frauen und Kindern seiner Collegen an Winterabenden geographische Vorlesungen. Sein Tod, der am 22. Januar 1774 erfolgte, wurde besonders von der Anstalt hart empfunden.

Vgl. Himerii Sophistae Eclogae et declamationes rec. Gottl. Wernsdorfius (cum Joa. Chr. Wernsd. narratione de vita, studio ac moribus Gottl. W.), auch Wernsdorf’s Porträt enthaltend. – Theod. Hirsch, Gesch. des acad. Gymnasiums in Danzig (Progr.) 1837 S. 55 u. 1858 S. 11. – Meusel’s Lexikon Bd. 15, S. 37–40.

Gottlieb (6), am 10. April 1747 zu Danzig geboren, besuchte bis zu seinem 18. Jahre das Gymnasium seiner Vaterstadt, an Vater und Mutter (einer geb. Verpoorten) rege Theilnehmer und Förderer seiner Studien findend. 1765 ging er nach Wittenberg, um sich der Jurisprudenz zu widmen, aber auch in den Sprachen, der Geschichte, Naturwissenschaft und Philosophie seine Kenntnisse zu vermehren. Seit 1769 hielt er dort Vorlesungen über Rechtsgeschichte und juristische Praxis, wurde 1771 Advocat, 1772 Protonotar der Akademie und Hofmeister bei dem Sohne des damaligen Cabinetsministers Freiherrn v. Ende, 1773 Doctor der Rechte, 1774 Hofadvocat, 1778 Magister, 1783 außerordentlicher Beisitzer der Juristenfacultät, 1788 öffentlicher Lehrer des Lehnrechts, 1790 der Institutionen, dann Assessor des Schöppenstuhls und der kursächsischen Hofgerichte und rückte schließlich in seiner Facultät bis zum Professor Digesti veteris vor; einen Ruf an das Appellationsgericht zu Dresden hatte er abgelehnt. Die schnell einander folgenden Beförderungen hatte er nicht nur dem geachteten Namen und den Verbindungen seiner Familie, sondern auch seiner eigenen Tüchtigkeit und Liebenswürdigkeit im Umgange zu verdanken. Kurz nach der 300jährigen Jubelfeier der Universität, an der er noch theilgenommen, entriß ihn ein hitziges Fieber am 11. November 1802 ganz unerwartet seinen Freunden, nachdem er ein Jahr vorher auch die letzte noch lebende Tochter – er war seit 1774 mit Christane Elisabeth Strauß verheirathet – verloren hatte. Seine Schriften, juristische Dissertationen und Programme, sind in Hamberger-Meusel’s gel. Teutschland Bd. VIII (1800) S. 462 u. X (1803) S. 829 verzeichnet.

Vgl. Friedr. Schlichtegroll, Nekrolog der Teutschen. Bd. 3. Gotha 1805, S. 57–62.

Gregor Gottlieb (7), angesehener sächsischer Schulmann im Anfange des 19. Jahrhunderts, stammte aus einer Gelehrtenfamilie, die im 16. Jahrhundert in Chemnitz angesessen, im Anfange des vorigen Jahrhunderts durch den Wittenberger Professor der Theologie Gottlieb W. (1668–1729) (s. Nr. 4) zu Ansehen gelangte. Dieser hatte drei Söhne: 1. der gelehrteste war der jüngste, Johann Christian (s. Nr. 8), der in Schulpforta und Wittenberg gebildet, 1752 bis 1793 Professor der Rhetorik und Poesie in Helmstedt war und die [98] Poetae latini minores (Altenburg 1780 ff., 6 Bde.) herausgab. 2. Sein ältester Bruder war Gottlieb W. (s. Nr. 5) (1717–1774), Professor der Rhetorik und Poesie am akad. Gymnasium zu Danzig. Von ihm sind zwei Söhne bekannt: Christian Friedrich (s. Nr. 1), der als Pfarrer in seiner Heimath 1795 starb und Gottlieb (s. Nr. 6), der bis 1802 ordentlicher Professor der Rechtswissenschaft und Consistorialassessor zu Wittenberg war. 3. Der mittlere Bruder war Ernst Friedrich (s. Nr. 3), seit 1746 Professor der Philosophie in Leipzig, seit 1756 der Theologie in Wittenberg. Dessen Sohn war Gregor Gottlieb W. Am 9. November 1776 zu Wittenberg geboren, hier und in Halle bei F. A. Wolf gebildet, wurde er 1800 nach Naumburg a. S. als Substitut des dortigen Domschulrectors berufen und übernahm 1801 die selbständige Leitung der Anstalt. Er starb am 31. Mai 1834.

Ueber Schriften und Litteratur vgl. F. A. Eckstein, Nomenclator Philologorum. Leipzig 1871, S. 613. – Pierer, Universal-Lexikon. 26. Band. Altenburg 1836, S. 44 f. – Allgem. Deutsche Real-Encyklopädie f. die gebildeten Stände. Conversations-Lexikon. 9. Orig.-Aufl. 15. Bd., S. 232 f. – E. M. Oettinger, Moniteur des Dates. Dresde 1858. Tome V, p. 187c; Tome IX. Tome deuxième du supplément par H. Schramm-Macdonald. Leipzig 1880, p. 181a.– A. H. Kreyßig. Album d. evang.-luth. Geistlichen im Königreiche Sachsen. Dresden 1883, S. 66, 476. – M. Hofmann, Pförtner-Album. Berlin 1893, S. 330. – F. Koldewey, Gesch. d. klass. Philologie auf der Universität Helmstedt. Braunschweig 1895. – Himerii Sophistae quae reperiri potuerunt … recensuit … Gottlieb Wernsdorfius. Gottingae 1790, S. 11–50: De vita, studiis ac moribus Gottlieb Wernsdorfii von Jo. Chr. Wernsdorf mit Nachrichten über die Familie.
Georg Müller.

Johann Christian (8) entstammte der Familie, der Deutschland außer ihm noch verschiedene andere tüchtige Gelehrte zu verdanken hat (s. o.). Sein Vater, Gottlieb (s. Nr. 4) (vgl. Jöcher, Gel.-Lex., IV, 1904–1906; Hirsching-Ernesti, Hist.-litter. Handbuch, XVI, I, 220–229), der 1729 zu Wittenberg als Senior der theologischen Facultät und Generalsuperintendent des sächsischen Kurkreises gestorben ist, stand bei den Zeitgenossen in hohem Ansehen und galt für eine der vorzüglichsten Stützen der lutherischen Orthodoxie. Von den sechs Söhnen, die dieser hinterließ – einer war schon vor ihm gestorben – bekleidete der älteste, der gleichfalls den Vornamen Gottlieb führte (s. Nr. 5), am akademischen Gymnasium zu Danzig seit 1743 die Professur der hebräischen und griechischen Sprache, von 1748 bis zu seinem Tode im J. 1774 die der Eloquenz und Poesie (vgl. Meusel, Gel.-Lex., XV, 37–40). Der zweite, Ernst Friedrich (s. Nr. 3), ist 1782 in seinem Geburtsorte als Nachfolger seines Vaters auf dem theologischen Lehrstuhle aus dem Leben geschieden (vgl. Hirsching-Ernesti a. a. O., XVI, 1, 216–220; Meusel a. a. O., XV, 35–37). Beide haben sich, wie in ihrer amtlichen Thätigkeit, so auch als Schriftsteller vortheilhaft bekannt gemacht. Auch auf Gregor Gottlieb W., von dem bereits oben (s. Nr. 7) des näheren die Rede gewesen ist, hat sich die virtus patrum wie ein kostbares Erbtheil übertragen. Von allen Mitgliedern der Familie W. verdient aber nicht zum wenigsten der vierte Sohn des anfangs erwähnten Generalsuperintendenten W., der, dem dieser Artikel insonderheit gewidmet ist, daß sein Name wegen seiner gründlichen und umfassenden Gelehrsamkeit bei der Nachwelt rühmend erwähnt wird.

Johann Christian W. wurde zu Wittenberg, nicht, wie fast überall irrthümlich berichtet wird, am 11., sondern nach Ausweis des Kirchenbuchs der dortigen Pfarrkirche am 6. November 1723 geboren. Nach dem frühen Tode des Vaters fand der noch nicht Sechsjährige an seiner Mutter, Margaretha Katharina geb. [99] Nitzsch, eine ebenso liebevolle wie strenge und sorgfältige Erzieherin. Seinen ersten Unterricht erhielt er durch Privatlehrer, seine fernere Schulbildung auf der Wittenberger Lateinschule sowie in Schulpforte, wo er die Zeit von 1735 bis 1741 als Schüler und Hausgenosse des Rectors Friedrich Gotthilf Freitag (s. A. D. B. VII, 350) zubrachte. Dieser ausgezeichnete Gelehrte, dessen auch Joh. August Ernesti als seines Lehrers dankbar gedenkt (Narratio de Gesnero in den Opusc. orat., p. 308), verstand es, den befähigten Jüngling nicht sowol durch seine Unterrichtsstunden, die wegen allzugroßer Weitschweifigkeit nicht zu fesseln vermochten, als vielmehr durch sein Beispiel und durch geschickte Ermunterungen zu einer eifrigen Beschäftigung mit den griechischen und römischen Schriftstellern anzuspornen. Was diesen besonders anzog, waren die Dichter, wie er denn selbst schon als Schüler sich nicht bloß in der Handhabung der lateinischen Prosa, sondern auch im Bau lateinischer Verse eine seltene Fertigkeit erwarb. Daß er daneben auch für die deutsche Poesie Interesse gewann und später Ehrenmitglied des Bremischen Dichterbundes (societatis teutonicae Bremensis collega honorarius) wurde, ist vor allem dem Umstande zuzuschreiben, daß gleichzeitig mit ihm u. a. Joh. Andreas Cramer (s. A. D. B. IV, 550 f.), die beiden Brüder Joh. Elias und Joh. Adolf Schlegel (s. A. D. B. XXXI, 378–384; 385–387), zuletzt auch Klopstock (s. A. D. B. XVI, 211–226), der alten berühmten Fürstenschule im Thale der Saale als Schüler angehört haben. Im September 1741 begab sich W. nach Wittenberg zurück und widmete auf der dortigen Hochschule seine Zeit anfangs theologischen und philosophischen, bald aber fast ausschließlich humanistischen Studien. Im J. 1744 wurde er zum Baccalaureus der Philosophie ernannt, erwarb 1747 die venia legendi, ließ die Gelegenheit, am Wittenberger Gymnasium eine Lehrerstelle zu erhalten, unbenutzt und trat 1748 in die philosophische Facultät als Adjunctus ein. Schon dachte man in den maßgebenden Kreisen daran, ihm eine außerordentliche Professur zu übertragen. als ihm auf Betrieb des Abts Carpzov (s. A. D. B. IV, 22 f.; Koldewey, Gesch. der Philologie auf der Universität Helmstedt, S. 165 ff.) von Herzog Karl I. von Braunschweig an der Helmstedter Hochschule die erledigte Professur der Eloquenz und Poesie angeboten wurde. W. folgte dem Rufe und eröffnete seine Thätigkeit an der Julia Carolina im Herbst 1752 mit einem Programme „de vestigiis rhetoricis in poetis veteris Latii satiricis“. Er verblieb an seinem neuen Wohnorte bis zu seinem Tode am 25. August 1793. Dreizehn Jahre vorher hatte ihm sein Landesherr den damals noch seltenen und sehr ehrenvollen Charakter eines braunschweig-lüneburgischen Hofraths verliehen. Seit 1779 war er Mitglied der herzoglichen Schulcommission, der die Aufsicht über das in dem genannten Jahre von Fr. Aug. Wiedeburg begründete Philologisch-pädagogische Seminar und das damit verbundene Pädagogium oblag (vgl. Koldewey a. a. O., S. 154).

Das Arbeitsfeld, das sich in Helmstedt vor W. aufthat, war von vornherein nicht günstig. Die dortige Universität hatte unter dem heftigen und niemals ganz überwundenen Schlage, der ihr durch die Errichtung der Georgia Augusta in dem benachbarten Göttingen versetzt worden war, schwer zu leiden. Ihre Einkünfte waren geschmälert, die Zahl der Studirenden in bedenklicher Weise verringert. Dazu kam, daß die Alterthumsstudien um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, wie überall in Deutschland, so auch im Braunschweigischen tief darniederlagen. Der Professor des Griechischen fand in der Regel nur Zuhörer, wenn er in seinen Vorlesungen für Theologen die neutestamentlichen Schriften behandelte; dem Lateinischen aber, das ja gerade W. zu vertreten hatte, war von der allgemeinen Werthschätzung, deren es sich früher zu erfreuen gehabt hatte, nur noch ein nicht allzu großer Rest geblieben. Im Verkehr der Staatsmänner [100] hatte es der Sprache Ludwig’s XIV. Platz machen müssen; auf den akademischen Lehrstühlen und in den Schriften der Gelehrten trat es mehr und mehr zurück; die alte Bestimmung, wonach jeder Studirende vor seinem Eintritte in eine der drei oberen Facultäten sich noch eine Zeit lang mit den einzelnen Zweigen der philosophischen oder Artistenfacultät, vor allem auch mit der lateinischen Sprache und Litteratur beschäftigen sollte, war längst vergessen; seine Latinität und kunstvolle Versification gereichten zwar immer noch zur Zierde, aber von den äußeren Vortheilen, die sie einstmals den Humanisten gebracht hatten, war kaum noch ein Schatten zu bemerken; nur für die Theologen, namentlich für solche, die sich vor Erlangung eines kirchlichen Amtes dem Lehrberufe zu widmen gedachten, bildeten gute lateinische Kenntnisse noch einen werthvollen Besitz, aber auch hier waren die meisten der Ansicht, daß das, was sie von der Schule mitgebracht hatten, einer weitern Vervollkommnung nicht bedürfe; ein besonderer Stand der Gymnasiallehrer endlich, dem die Pflege der Alterthumswissenschaft als Lebensberuf obgelegen hätte, war noch nicht vorhanden. Unter diesen Umständen würde auch der geschickteste Docent als Lehrer der Philologie in Helmstedt einen schweren Stand gehabt haben. Unglücklicherweise aber fehlte W. die Gabe, die reichen Schätze seines Wissens in einer anziehenden und fesselnden Form darzulegen. Sein Auftreten war befangen und zaghaft, sein Vortrag stockend und ungelenk, zuweilen bis zu einem Grade, daß er bei den Zuhörern einen beängstigenden Eindruck hervorrief. So kam es, daß seine Vorlesungen, in denen er außer der Rhetorik, der lateinischen Stilistik, der Interpretation römischer Dichter und Prosaiker, den römischen Alterthümern und der römischen Litteraturgeschichte auch Numismatik, griechische Schriftsteller, ältere Kirchengeschichte und Patristik behandelte, bei der akademischen Jugend keinswegs den Beifall fanden, den sie wegen ihres echt wissenschaftlichen Charakters verdient hätten. Auch bei den lateinischen Reden, die W. als Professor der Eloquenz öffentlich zu halten hatte, kam der werthvolle Inhalt, der kunstvolle Aufbau, der sorgfältig gefeilte Ausdruck infolge der angedeuteten Eigenthümlichkeiten nicht zu rechter Geltung. Dagegen blieb seinen Schriften das Lob und die Anerkennung der Zeitgenossen nicht versagt. Vor allem schätzte man die erstaunliche Belesenheit, die darin hervortritt. Ihre Zahl ist sehr bedeutend. Außer den kurzen Abhandlungen, mit denen er vier Jahrzehnte lang von Semester zu Semester die Helmstedter Vorlesungsverzeichnisse begleitete, sind es meist Reden, Gedichte und Dissertationen. Sein Hauptwerk ist eine Ausgabe der „Poetae latini minores“, von denen der sechste Band erst nach seinem Tode von seinem Sohne, Christian Gottlieb W., herausgegeben, der siebente und letzte aber ungedruckt geblieben ist (Theil I bis V, 1, Altenb. 1780–1788; Th. V, 2 bis VI, Helmst. 1791–1799). Von den kleineren Werken haben besonders seine vier Abhandlungen über die alexandrinische Lehrerin der Philosophie Hypatia (Wittenb. 1747–1748) Beachtung gefunden.

In seinem Privatleben zeigte sich W. als ehrenwerther und rechtschaffener Charakter; aber Argwohn und eine weitgehende Empfindlichkeit hinderten ihn, mit seinen Schülern und Amtsgenossen in einen näheren geselligen Verkehr zu treten. Verheirathet war er mit der Wittwe eines früheren Collegen, des Professors der Medicin Hofrath Gerike zu Helmstedt, einer Tochter des Superintendenten Förster zu Neustadt im Hannöverschen. Von seinen beiden Kindern, einem Sohne und einer Tochter, besaß jener, der schon erwähnte Christian Gottlieb W. (vgl. Koldewey a. a. O., S. 174 f.), wie der Vater ausgezeichnete philologische Kenntnisse; aber die akademische Wirksamkeit, die er auf der Julia Carolina bis zu deren Auflösung im J. 1810 als außerordentliches Mitglied der philosophischen Facultät entwickelte, wurde durch bedauerliche Eigenthümlichkeiten, [101] Jähzorn, Mißtrauen und Schwermuth, in hohem Maße beeinträchtigt. Er ist 1822 zu Helmstedt als Privatmann gestorben. Die Tochter war mit dem Wittenberger Professor der Theologie und Generalsuperintendenten Ludwig Nitzsch verheirathet, der nicht bloß wegen seiner eigenen Gelehrsamkeit, sondern auch als Vater seiner drei gelehrten Söhne, des Zoologen Christian Ludwig, des Theologen Karl Immanuel und des Philologen Gregor Wilhelm Nitzsch, sowie als Großvater des Historikers Karl Wilhelm Nitzsch, in den Blättern der Litteraturgeschichte auf das ehrenvollste verzeichnet steht (s. A. D. B. XXIII, 718–742).

Vgl. Harles, Vitae philolog. III, 116–145. – Friedr. Aug. Wiedeburg, Oratio qua Jo. Christ. Wernsdorfii memoriam concioni funebri commendavit, Helmst. 1793. Auch abgedr. in Wiedeburg’s Philolog.-Pädag. Magazin II (Humanist. Mag. V), 291–312. – Schlichtegroll, Nekrolog auf das Jahr 1793, S. 245–267. – Bruns, Verdienste der Professoren zu Helmstedt um die Gelehrsamkeit, S. 66 f. – Hirsching-Ernesti, Hist.-litter. Handbuch, XVI, 1, 229–240. – Meusel, Lexikon der von 1750 bis 1800 verstorbenen teutschen Schriftsteller, XV, 40–46. – Koldewey, Gesch. der classischen Philologie auf der Univers. Helmstedt, S. 147–151.
Friedrich Koldewey.