ADB:Wiedeburg, Friedrich August

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Artikel „Wiedeburg, Friedrich August“ von Wilhelm Stalmann, Friedrich Koldewey in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 42 (1897), S. 376–379, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Wiedeburg,_Friedrich_August&oldid=- (Version vom 22. November 2019, 22:32 Uhr UTC)
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Wiedeburg: Friedrich August W., Universitätsprofessor und Schulmann, geboren am 15. April 1751 in Querum bei Braunschweig, † am 13. August 1815 in Helmstedt, Enkel des 1717 ebenda gestorbenen Professors der Theologie und Mathematik Christoph Tobias W. Nach dem Besuche des Anna-Sophianeums in Schöningen ging W. zum Studium der Theologie nach Helmstedt und nach Jena, wo er nach seiner Promotion 1775 über lateinische und griechische Schriftsteller zu lesen begann. Als 1777 der Rector der Helmstedter Stadtschule, A. A. H. Lichtenstein, nach Hamburg berufen wurde (1799 kam er zurück als Generalsuperintendent; über dessen Sohn s. A. D. B. XVIII, 556), bewarb sich W. um das Rectorat und wurde 1778 durch den Generalsuperintendenten J. C. Velthusen eingeführt. Im gleichen Jahre noch bewarb er sich um eine außerordentliche Professur der Philosophie und äußerte in seinem Schreiben an den Minister v. Floegen den Wunsch, ein „philologisches Institut“ einzurichten, das „um so zweckmäßiger sein könnte, wenn solche Mitglieder, die sich zu künftigen Schullehrern bestimmten, in der hiesigen Schule zugleich Gelegenheit erhielten, dem Unterricht beizuwohnen und selbst Unterricht zu geben“. Ende des Jahres erfolgte Wiedeburg’s Ernennung zum Professor; auch die Neugestaltung des Schulwesens wurde nach seinem Plan durchgeführt. Die fünfclassige Stadtschule wurde in zwei völlig getrennte Anstalten auseinander gelegt; die drei untersten Classen bestanden allein als Stadtschule weiter, in der neben den Kenntnissen für das bürgerliche Leben die Anfangsgründe des Lateinischen gelehrt wurden. Die beiden obersten Classen wurden zu einer Gelehrtenschule umgestaltet, dem Pädagogium, das nur für solche bestimmt war, die studiren wollten. Dieses Pädagogium wurde mit einem philologischen Seminare, dem es als Uebungschule diente, unter einem Director vereinigt. Michaelis 1779 wurde das philologisch-pädagogische Institut unter Wiedeburg’s Leitung eröffnet.

Der Hauptzweck des neuen Instituts war, dem Mangel an tüchtigen Lehrern und Erziehern abzuhelfen. Die Zahl der ordentlichen Mitglieder sollte vier, die der außerordentlichen sechs nicht überschreiten. Die Bewerber mußten sich durch einen lateinischen Brief beim Director melden und dann einen lateinischen und deutschen Aufsatz einliefern. Der Studienplan umfaßte neben den eigentlichen Schulwissenschaften Philosophie, Erziehungslehre und encyklopädische Kenntnisse aller übrigen Wissenschaften. Ueber Pädagogik, Methodik und die classischen Schriftsteller hielt W. für die Seminaristen unentgeltliche Vorlesungen. Für die Seminarübungen waren wöchentlich zwei Stunden bestimmt: in der einen wurde ein classischer Schriftsteller erklärt, in der anderen wurden lateinische Aufsätze über pädagogische und philologische Fragen vorgetragen. Als W. in den achtziger Jahren Vorsteher der herzoglich deutschen Gesellschaft wurde, nahm das Seminar auch an deren Sitzungen theil, in denen zur Cultur der Muttersprache ein deutscher Aufsatz vorgelesen wurde. Die vier ordentlichen Mitglieder des Seminars waren ordentliche Lehrer am Pädagogium und gaben wöchentlich 12–14 Stunden; die übrigen erhielten soviel Stunden, als sie ohne Nachtheil ihrer meist noch nicht vollendeten Studien übernehmen konnten. Der Director besuchte die Unterrichtsstunden und leitete besonders die Anfänger an. Die beiden ersten Lehrer blieben wenigstens drei Jahre an der Anstalt.

Die Schüler des Pädagogiums konnten die Anstalt in 6–8 Jahren durchlaufen; bei der Aufnahme mußten sie 11–12 Jahr alt sein und einige lateinische Kenntnisse besitzen; gründliches Studium der classischen Sprachen war die Hauptsache. Für die Gesundheit wurde durch körperliche Bewegung gesorgt. Auswärtige Schüler konnten auf dem Pädagogium selbst oder in der Stadt unter [377] Aufsicht der Lehrer wohnen. Um die äußeren Angelegenheiten des Instituts zu besorgen, insbesondere die Seminaristen, die sich um eine ordentliche Lehrstelle bewarben, zu prüfen – es wurden ihnen nach einer pädagogischen Unterredung zwei classische Schriftsteller zur Uebersetzung vorgelegt –, setzte der Herzog eine besondere Commission ein.

In der Begründung des Seminars beruht Wiedeburg’s Verdienst; mit Recht durfte er schreiben, daß sein Institut das erste sei, das ein Seminar auf der Akademie mit einer Erziehungsanstalt verbinde. Von 1779–1810 haben 82 Seminaristen am Pädagogium unterrichtet, von denen viele später in hervorragende Stellungen gelangt sind; wir nennen u. a. Cunze, den letzten Rector des Anna-Sophianeums in Schöningen; Scheffler, den Director des Katharineums in Braunschweig; Wegscheider, den Dogmatiker; Seidenstücker (s. A. D. B. XXXIII, 630); Kunhardt (XVII, 378); Gesenius (IX, 89); Hase (X, 725); Ricklefs (XXVIII, 503). Gegen diese Erfolge des Seminars stehen die des Pädagogiums sehr zurück; bei der Jugendlichkeit und dem häufigen Wechsel der Lehrkräfte war es kaum anders zu erwarten. Auch war W. mehr Gelehrter wie Schulmann; es fehlte ihm das Frische einer thatkräftigen und anregenden Persönlichkeit. In dem Schulbetriebe macht sich eine gewisse Schlaffheit und Oberflächlichkeit bemerkbar; die Praxis entsprach nicht immer der Theorie. Darin könnte man sich fast an Resewitz (s. A. D. B. XXVIII, 241) erinnert fühlen, dem W. überhaupt mit seinen Ansichten über Erziehung und Unterricht sehr nahe stand. Die Gedanken der Philanthropen blieben auf W. nicht ohne Einfluß, doch konnten sie ihn in der unbedingten Werthschätzung der alten Sprachen als des vorzüglichsten Bildungsmittels nicht beirren; hier stand er ganz auf dem Boden des Neuhumanismus; umsomehr ist seine Pflege der Muttersprache, die er auch im Unterricht nicht vernachlässigte, anzuerkennen. Die akademischen Vorlesungen Wiedeburg’s standen in engem Zusammenhang mit seiner Thätigkeit im Seminar; er las über Logik und Metaphysik, Psychologie und Pädagogik, sowie über die hauptsächlichsten classischen Schulschriftsteller, von denen er die meisten auch im Seminar behandeln ließ. Doch ist seine Wirksamkeit als akademischer Lehrer nicht bedeutend gewesen. Mit dem Kirchenhistoriker Henke (s. A. D. B. XI, 754), seinem Collegen, verband ihn ein enges Freundschaftsverhältniß. Nachdem er 1783 ordentlicher Professor geworden war, folgte er 1793 dem älteren Wernsdorf im Amte als Professor der Beredtsamkeit und Dichtkunst; 1799 wurde er in Anerkennung seiner Verdienste zum Hofrath ernannt. Mit der Universität ging auch das Seminar zu Ende; das Pädagogium leitete W. bis zu seinem Tode; sein Lebensabend wurde durch Krankheit und harte Schicksalsschläge getrübt, auch der Krieg brachte vielfache Noth.

Für Wiedeburg’s Leben das Osterprogramm des Pädagogiums von 1816. – Für das Institut ein latein. Programm Wiedeburg’s von 1779 und zwei Schriften von 1781 und 1797: Grundsätze, Plan, Disciplin und Lehrmethode; und Verfassung und Methoden des philologisch-pädagogischen Instituts. – Außerdem Koldewey, braunschw. Schulordnungen; – derselbe, Geschichte der classischen Philologie auf der Universität zu Helmstedt. 1895.

Dem Hofrath Friedrich August W. waren von seiner ersten Gattin, Sophie geb. Rücker († 1804), der Tochter eines weimarischen Landgeistlichen, außer zwei Töchtern drei sehr begabte Söhne geboren, von denen aber die beiden jüngsten ihrem Vater im Tode vorangingen. Von diesen starb der ältere, Joh. Christoph Theodor W., noch ehe er sein 19. Lebensjahr vollendet hatte, am 13. April 1805 als Studiosus der Rechte. Der um zwei Jahr jüngere Karl Albrecht W., geboren am 9. October 1788, erweckte schon als Kind durch schnelle Fassungskraft [378] und rege Lernbegierde große Hoffnungen. In seinem 11. Jahre las er auf dem Pädagogium seines Vaters Homer und bethätigte schon damals die ihm innewohnende, fast leidenschaftliche Neigung zu den Naturwissenschaften durch die Anlegung eigener Sammlungen. Nachdem er eine Zeit lang noch das Collegium Carolinum in Braunschweig besucht und dort sich u. a. auch mit Anatomie beschäftigt hatte, verband er seit Ostern 1806 in Helmstedt mit dem Studium der Arzneiwissenschaften das der Philosophie, Philologie und Mathematik, wurde Mitglied des philologischen Seminars und der deutschen Gesellschaft, übernahm im November 1806, also erst achtzehnjährig, am Pädagogium die Stelle eines ordentlichen Lehrers und ertheilte als solcher Unterricht im Lateinischen, in Geographie und Naturgeschichte. Daneben setzte er seine akademischen Studien mit rastlosem Eifer fort, promovirte im Herbst 1809 zum Doctor der Medicin, bald auch zum Doctor der Philosophie, und begab sich sodann, vom westfälischen Unterrichtsminister, Baron v. Leist, dazu beurlaubt, zur Vertiefung seiner Kenntnisse noch für einige Zeit nach Göttingen. Nach seiner Rückkehr in die Vaterstadt nahm er seine Lehrthätigkeit am Pädagogium wieder auf, begann auch daneben die ärztliche Praxis zu betreiben. Im J. 1811 erhielt er dann auf Empfehlung seines Freundes, des Professors der Zoologie Lichtenstein zu Berlin (s. A. D. B. XVIII, 556 f.), und auf Grund eines höchst ehrenvollen Zeugnisses des berühmten Göttinger Naturforschers Blumenbach (s. A. D. B. II, 748) einen vortheilhaften Ruf als Professor der Naturgeschichte an das Lyceum zu Warschau, aber noch ehe er demselben zu folgen vermochte, erkrankte er und starb nach längerem Siechthum am 12. Januar 1812. Seine lateinische Uebersetzung der „Lettre critique à Mr. J. F. Boissonade“, worin der großherzoglich hessische Legationsrath Friedr. Jakob Bast die griechischen Schriftsteller Antoninus Liberalis, Parthenius und Aristänet einer textkritischen Untersuchung unterzogen hatte (Paris und Leipzig 1805), erschien zu Leipzig 1809.

Auch der älteste und zuletzt noch einzige Sohn des Hofraths W., der am 6. October 1782 geborene Justus Theodor W., zeichnete sich durch eine gründliche und umfassende Gelehrsamkeit aus. Nachdem er auf der Helmstedter Julia Carolina studirt und einige Jahre daneben am Pädagogium als Lehrer gewirkt hatte, übernahm er 1804 in Hamburg die Stelle eines Hofmeisters, trat Anfang 1805 am dortigen Johanneum als Hülfslehrer ein und wurde am 19. März 1805 an derselben Anstalt auf Johannis zum ordentl. Lehrer gewählt. Aber schon am 25. Juni desselben Jahres schied er wieder aus und begab sich nach Rußland, wo er anfangs in Smolensk, Grodno und St. Petersburg als Hofmeister wirkte, dann an dem pädagogischen Institute, das in St. Petersburg von 1804 bis 1858 bestand, eine Lehrerstelle erhielt, 1809 an der dortigen St. Petrischule als Lehrer der schönen Wissenschaften, Mythologie und Aesthetik angestellt wurde und späterhin an dieser Anstalt auch lateinischen Unterricht ertheilte. Aus dieser „ebenso ehrenvollen als angenehmen und vortheilhaften Lage“ kehrte er nach einem elfjährigen Aufenthalte in Rußland, hauptsächlich, wie er selbst angibt, von der Liebe zur Heimath getrieben, nach Helmstedt zurück und übernahm Ostern 1817 an dem inzwischen in ein Gymnasium verwandelten Pädagogium das durch den Tod seines Vaters erledigte Directorat. Die Anstalt war klein und mangelhaft organisirt. Ihr gründlich aufzuhelfen, wurde W. schon durch seine Kränklichkeit behindert, die bald in Auszehrung ausartete, ihn im November 1820 zur Einstellung seiner Amtsgeschäfte nöthigte und am 2. Februar 1822 seinen Tod herbeiführte. Immerhin ist es kein schlechtes Zeichen, daß zu den Schülern des Helmstedter Gymnasiums zu Wiedeburg’s Zeiten der Kirchenhistoriker Ernst Henke, Biograph des großen Theologen Georg Calixtus, und Heinrich Ludolf Ahrens, der Verfasser der scharfsinnigen und gründlichen Schrift [379] De graecae linguae dialectis gehört haben. – Kinder hat W., der sich erst in Helmstedt verheirathet hatte, nicht hinterlassen. Im Druck erschien von ihm in Helmstedt 1806 die lateinische Dissertation „De philosophia Euripidis morali“, zu St. Petersburg 1813 im Taschenbuche für Theater und Theaterfreunde, herausgeg. von Fr. Alb. Gerhard, eine „Apotheose“, ebendaselbst 1815 eine deutsche Bearbeitung der fünfactigen Tragödie „Dimitri Donsky“ von Oseroff. Das Helmstedter Programm von 1818 enthält von ihm „Epistolae XII Martini Lutheri ex autographis, quae in bibliotheca Helmstadiensi publica servantur, editae, praemisso illorum, quotquot sunt, catalogo et argumento“.

Ueber Karl Albrecht W.: Nachruf im Herbstprogramm des Helmstedter Pädagogiums vom Jahre 1812, verfaßt von dem Vater Friedr. Aug. W. – Ueber Justus Theodor W.: Verschiedene Helmstedter Programme; W. Knoch, Gesch. des Helmstedter Schulwesens; Abt. III, Progr. 1862; J. Iversen, Zur Gesch. der St. Petri-Schule zu St. Petersburg, 2. Teil, St. Petersburg 1887; Mittheilungen des Directors der St. Petri-Schule zu St. Petersburg, Herrn Wirkl. Staatsrath Dr. Friesendorff, und des Directors des Johanneums zu Hamburg, Herrn Prof. Dr. Schulteß.
Koldewey.