ADB:Seidenstücker, Johann Heinrich Philipp

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Artikel „Seidenstücker, Johann Heinrich Philipp“ von Paul Zimmermann in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 33 (1891), S. 630–632, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Seidenst%C3%BCcker,_Johann_Heinrich_Philipp&oldid=- (Version vom 23. Oktober 2019, 11:04 Uhr UTC)
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Seidenstücker: Joh. Heinr. Phil. S., Schulmann, wurde geboren am 21. August 1765 zu Haynroda, einem Dorfe im jetzigen preußischen Kreise Worbis, das damals zum Fürstenthume Schwarzburg-Sondershausen gehörte. Er war von niederem Herkommen, ein Sohn Joh. Phil. Seidenstücker’s, der eine Wirthschaft und Metzgerei betrieb, zugleich aber, da er für seine Verhältnisse ein unterrichteter Mann war, das Amt eines Dorfrichters versah. Mit dem vierzehnten Jahre kam S. auf die lateinische Schule zu Gandersheim, wo er trotz des schlechten Unterrichts, den er erhielt, überraschende Fortschritte machte. Er ging dann auf das Martineum in Braunschweig über und bezog am 9. Februar 1785 die Universität Helmstedt, um sich dem Studium der Theologie und Philologie zu widmen. In nahe Beziehungen trat er sogleich zu dem Professor Friedr. Aug. Wiedeburg, der ihn sehr bald in das von ihm geleitete philologisch-pädagogische Seminar aufnahm, das sich damals einer großen Blüthe erfreute. Als Mitglied desselben wirkte S. schon seit Michaelis 1785 als Lehrer an dem mit jenem verknüpften Pädagogium, wo er im Griechischen, Lateinischen und Hebräischen unterrichtete und später in die zweite Lehrerstelle, die des Collaborators, aufrückte. Am 19. Juni 1786 wurde er auch bereits als ordentliches Mitglied in die Herzogliche deutsche Gesellschaft aufgenommen, zu deren Aufseher er 1793 erwählt wurde. Am 9. Januar 1789 wurde er zum zweiten Custos der Universitätsbibliothek ernannt und am 18. Juli 1789 zum Doctor der Philosophie promovirt. Seine Dissertation, die er „mit auszeichnender [631] Fertigkeit“ vertheidigte, handelte „de excolenda triplici memoriae forma“. Im folgenden Jahre erhielt er auch die Erlaubniß, an der Universität Vorlesungen zu halten und am 2. August 1791 ward er auf die lebhafte Befürwortung der philosophischen Facultät, deren Professoren sich auf das günstigste über ihn aussprachen, zum Adjuncten derselben ernannt. Gern hätte sich S. ganz der akademischen Laufbahn gewidmet, vor allem aber wünschte er die Verschiedenartigkeit seiner dreifachen Thätigkeit, die in Vorträgen an der Universität, im Unterricht am Pädagogium und in bibliothekarischen Arbeiten bestand und seine Weiterbildung gefährdete, aufzugeben und sich mit voller Kraft einem Fache zuzuwenden. Die Universität wünschte sehr, ihm eine sorgenfreie Stellung zu verschaffen und unterstützte im October 1794 seine Bitte, ihm eine außerordentliche philosophische Professur nebst Gehalt zu verleihen. Da man sich jedoch in den maßgebenden Kreisen zu dieser Zeit mit allerhand Reformen der Hochschule trug, deren Ausführung die Zeitverhältnisse und die finanzielle Lage des Landes hinderten, so zog sich die Erfüllung der Wünsche Seidenstücker’s in die Länge. Als ihm daher das Rectorat in Lippstadt angeboten wurde, folgte er diesem Rufe; unterm 8. Juli 1796 erhielt er in Helmstedt seinen Abschied. Die Verhältnisse, unter denen S. sein Amt in Lippstadt antrat, waren nicht leicht und sein im Eifer für die Sache oft rücksichtsloses Wesen, sowie seine scharfe Feder waren nicht dazu angethan, solcher Schwierigkeiten auf friedliche Weise Herr zu werden. Er gerieth bald mit einigen Geistlichen, die unzufrieden waren, daß er die vier Betstunden auf eine beschränkt und an den Sonntagnachmittagen in dem Gymnasiumssaale eine „Gottesverehrung“ eingerichtet hatte, bald mit Magistratspersonen u. A. in Streit, der z. Th. in Druckschriften fortgesetzt wurde. In Briefen an seinen Lehrer, den Abt Henke in Helmstedt, dem er auch in der Ferne große Anhänglichkeit bewahrte, spricht er sich oft bitter über die Lippstädter Zustände aus; gern wäre er in das Braunschweiger Land zurückgekommen; zweimal (1798 und 1802) meldete er sich vergeblich für eine erledigte Schulstelle in Holzminden. Die Zeitumstände, die Nähe anderer Schulen waren dem Lippstädter Gymnasium nicht günstig; die Schülerzahl ging zurück. So kam es, daß man das Gymnasium unter Belassung des Namens thatsächlich in eine höhere Bürgerschule mit gebotener Gelegenheit zu gymnasialen Studien umwandelte. Im Jahre 1805 entwickelte S. in einem Programm den Plan, die getrennten Schulanstalten Lippstadts zu einem Ganzen zu vereinigen, konnte jedoch mit ihm nicht durchdringen. Dabei hatte er u. A. die für ihn charakteristischen Vorschläge gemacht, den Unterricht im Französischen vor dem im Lateinischen zu beginnen, nicht nur die Schulen, sondern sogar die Religionslehre confessionslos zu gestalten u. s. w. Zu Michaelis 1810 verließ S. Lippstadt, wo nach seinem Fortgange die Ausbildung von Abiturienten ganz aufhörte, und ging nach Soest; am 8. October 1810 wurde er hier als Rector des Archigymnasiums eingeführt. Er hat diesen Wechsel niemals zu bereuen gehabt, da er in Soest in dienstlicher und geselliger Hinsicht eine sehr angenehme Stellung erhielt und sich wegen seiner Tüchtigkeit, sowie der Geradheit und Liebenswürdigkeit seines Charakters des allgemeinen Ansehens erfreute. Um seine Schule hat er sich große Verdienste erworben. Er suchte den Lehrerstand durch Verbesserung der Besoldung, Gründung einer Gymnasialbibliothek (wie vordem in Lippstadt) u. a. mit Erfolg zu heben; er führte im Lehrplane statt des Classensystems das Fachsystem durch und verstand es in gleicher Weise, volle Eintracht im Lehrercollegium zu erhalten, wie die Liebe seiner Schüler sich zu erringen. Als er einen ehrenvollen Ruf nach Bremen abgelehnt hatte, erhielt er 1815 den Titel eines Schuldirectors. Wenige Jahre darauf ist er am 26. Mai 1817 einem Nervenfieber erlegen. Seidenstücker’s Bedeutung auf dem Gebiete des Schulwesens [632] liegt neben seiner praktischen Ausübung des Lehrberufs in seiner darauf bezüglichen schriftstellerischen Thätigkeit. Er verfaßte eine Reihe von Schulbüchern, die sich noch lange Jahre nach seinem Tode im Gebrauche erhielten. So erschien die erste Abtheilung seines Elementarbuches der französischen Sprache, die 1811 zuerst herauskam, 1830 in siebenter Auflage, die zweite Abtheilung (zuerst 1814) 1828 in vierter. Aehnlich seine Elementarbücher der lateinischen und der griechischen Sprache. Auch die pädagogischen Fragen der Zeit, sowie die deutsche Sprache zog er in den Bereich seiner litterarischen Arbeiten. Seine Schrift: „Ueber Schulinspection oder Beweis, wie nachtheilig es sei, solche den Predigern zu überlassen“ (Lippst., 1797) ist wohl wesentlich durch seine Lippstädter Erfahrungen veranlaßt worden. – Seit dem 9. August 1796 war S. mit Sophie Auguste Ottmer, einer Tochter des Priors und Predigers Aug. Wilhelm O. zu Marienthal bei Helmstedt, verheirathet; er hinterließ sie als Wittwe († 1851) mit fünf Söhnen und zwei Töchtern in sehr beschränkten Verhältnissen. Der älteste Sohn Wilhelm (geb. 1797), der beim Tode des Vaters noch auf der Universität Göttingen war, wurde nun sogleich als Gymnasiallehrer in Soest angestellt; er hat in aufopferungsvollster Weise zum Unterhalte der Familie beigetragen und vier Brüdern das Studieren ermöglicht.

Vgl. Standrede am Sarge D. Joh. H. Ph. Seidenstückers von Bertling, Conrector. Soest (1817). – Hesselbarth, Aus der Geschichte des alten Lippstädter Gymnasiums (Lippst. Programm 1889). – Briefl. Mittheilungen des Herrn Gymnasiallehrers und Stadtarchivars E. Vogeler und des Herrn Pastors Frahme in Soest, des Herrn Amtsgerichtsraths Seidenstücker in Unna und der Frau B. Kunz geb. Seidenstücker in Mühlheim a. Rh.; Seidenstücker’s Briefe an Henke in der Herzogl. Bibliothek zu Wolfenbüttel; Akten des Herzogl. Landeshauptarchivs zu Wolfenb. Der Plan Fr. Kapp’s und W. Seidenstücker’s „Leben und Wirken, Vermischte Schriften und ungedruckten Nachlaß“ von S. herauszugeben, der in der Beilage zu Nr. 48 des Rhein.-Westfäl. Anzeigers von 1822 unter Aufführung seiner zahlreichen Schriften angekündigt worden ist, scheint niemals zur Ausführung gebracht worden zu sein.