ADB:Starhemberg, Guidobald Graf von

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Artikel „Starhemberg, Guidobald Graf von“ von Alfred Ritter von Arneth in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 35 (1893), S. 473–480, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Starhemberg,_Guidobald_Graf_von&oldid=- (Version vom 26. Juni 2019, 00:36 Uhr UTC)
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Starhemberg: Guidobald oder Guido Graf v. St. ist ohne Zweifel eine der markantesten Persönlichkeiten aus der ruhmvollsten Zeit des österreichischen Heeres. Am 11. November 1657 zu Graz als der zweitgeborene Sohn des Grafen Bartholomäus St. und der Freiin Esther von Windischgrätz geboren, gehörte er der jüngeren, sogenannten Henricianischen Linie seines altberühmten Hauses an und wendete sich, vermögenslos wie er war, bald dem Kriegsdienste zu. Als Hauptmann nahm er 1683 an der Vertheidigung Wiens gegen die Türken thatkräftigen Antheil und rettete durch seine kaltblütige Unerschrockenheit die Stadt vor der Gefahr, daß die Pulvervorräthe in die Luft gesprengt wurden; hier empfing er auch seine erste schwere Verwundung. Schon im folgenden Jahre, während dessen er in Ungarn wider die Türken stritt, traf ihn neuerdings zweimal das gleiche Schicksal. Zu Schiff nach Wien gebracht, lag er daselbst so schwer leidend darnieder, daß sein Oheim, der Vertheidiger Wiens, Graf Ernst Rüdiger St. in einem Briefe die Besorgniß aussprach, Guido werde seine Verwundungen nicht lange überleben. Aber diese Furcht erwies sich glücklicherweise als irrig. Schon im folgenden Jahre finden wir ihn, wenn auch [474] noch nicht vollends wieder hergestellt, so doch neuerdings auf dem Kriegsschauplatze in Ungarn, und 1686 betheiligte er sich wieder mit bewunderungswürdiger Tapferkeit, aber auch mit nicht geringerem persönlichen Mißgeschick an den Stürmen auf Ofen. Bei einem derselben wurde er von einem Pfeile an der linken Schulter schwer getroffen, von einer Janitscharenkugel am Fuße verwundet und durch mehrere Steinwürfe arg verletzt. Zum Obersten und im folgenden Jahre nach der Besetzung Siebenbürgens durch die kaiserlichen Truppen zum Commandanten von Clausenburg ernannt, verließ er nach der Eröffnung des Feldzuges von 1688 diese Stadt, um sich den Belagerern Belgrads zuzugesellen. Am 4. September gelang es den Türken, eine Bombe auf den am weitesten vorgeschobenen Posten des Belagerungsheeres zu werien, welcher eben eifrigst mit dem Graben und Füllen einer Mine beschäftigt war. Der dort befindliche Pulvervorrath wurde entzündet, die Laufgräben aber und mit ihnen St. nebst einem Theile der Seinigen verschüttet. Ganz in Erde, Steinen und Mauertrümmern begraben, wurde er bereits todt geglaubt, aber durch die schnelle Hülfe seiner von der Explosion verschont gebliebenen Soldaten vom Schutte befreit und aus der Gefahr, lebendig begraben zu werden, gerettet. Mit Staub und Blut bedeckt und durch das entzündete Pulver bis zur Unkenntlichkeit verbrannt und geschwärzt, arbeitete sich St. hervor, von seinen Kriegern mit jubelnder Freude als vom Tode erstanden begrüßt. Nach dem Falle Belgrads wurde er zum Commandanten dieses Platzes ernannt und schritt allsogleich an die Wiederherstellung seiner Befestigungswerke, welche er mit so großem Eifer durchführte, daß ihm der Oberbefehlshaber Markgraf Ludwig von Baden (A. D. B. XIX, 485) die wärmsten Lobsprüche zu Theil werden ließ. Aber er wollte ihn auch während des bevorstehenden Feldzuges nicht an seiner Seite missen und zog ihn daher wieder zur Armee. In der siegreichen Schlacht bei Nisch zeichnete sich St. neuerdings aus. Zur Belohnung hiefür zum Generalfeldwachtmeister ernannt, wurde er bei dem Sturme auf Widdin, jedoch diesmal nicht gefährlich verwundet.

Die Eroberung Widdins war vor der Hand das letzte glückliche Ereigniß in dem Kampfe gegen die Pforte, welcher nun eine recht ungünstige Wendung nahm. Zum Commandanten von Nisch eingesetzt, vertheidigte St. diesen schwach befestigten Platz mit gewohnter Tapferkeit gegen den Ansturm der Türken; er erhielt jedoch die Mittheilung, er dürfe auf keinen Entsatz hoffen, und den Befehl, es ja nicht auf den Verlust der Garnison ankommen zu lassen. Nach einundzwanzigtägiger Vertheidigung mußte daher St. den Platz gegen freien Abzug der Besatzung übergeben, mit der er nun einen äußerst mühevollen, vom Feinde vielfach behelligten Rückmarsch nach Belgrad antrat. Seine Ernennung zum Befehlshaber des kaiserlichen Armeecorps an der Save und zum Commandanten von Esseck ersparte ihm die Schmach, Zeuge des Verlustes von Belgrad an die Türken zu sein. Durch diesen glänzenden Erfolg berauscht, zogen die Letzteren vor Esseck, von wo sie jedoch durch St. wieder zurückgetrieben wurden. Auch jetzt wieder benutzte St. die Winterszeit zur Verstärkung des ihm anvertrauten Platzes, an dem nächsten Feldzuge aber und insbesondere an dem glanzvollen Siege des Markgrafen Ludwig von Baden bei Szlankament nahm er neuerdings ruhmreichen Antheil, freilich nicht ohne ihn auch jetzt wieder mit seinem Blute zu bezahlen, denn er wurde durch einen türkischen Pfeilschuß sehr schwer verwundet. Dennoch unternahm er schon kaum zwei Monate später gemeinschaftlich mit dem brandenburgischen General v. Barfuß (A. D. B. II, 60) die Belagerung von Großwardein, dessen Citadelle sich übrigens so mannhaft vertheidigte, daß sie erst im folgenden Jahre eingenommen wurde. Zum Feldmarschalllieutenant befördert, wurde St. im Winter von 1692–93 nach Coblenz entsendet,[WS 1] [475] um dem Kurfürsten von Trier als Commandant seiner von den Franzosen bedrohten Festungen zu Diensten zu stehen. Kaum glaubte man jedoch die Gefahr für dieselben verschwunden, so wurde auch schon St. nach Ungarn zurückbeordert; aber leider vermochte er mit seiner Anwesenheit nicht, dem Gange der dortigen Kriegsereignisse eine bessere Wendung zu geben. Die Belagerung von Belgrad mißlang auch jetzt wieder, und ebenso nahmen die Feldzüge von 1694 bis 1696 keinen günstigeren Verlauf, bis endlich im folgenden Jahre das Feldherrngenie und das Kriegsglück des Prinzen Eugen von Savoyen (A. D. B. VI, 406) denselben bei Zenta jenen herrlichen Sieg erfechten ließen, der den Frieden von Carlowitz und durch ihn die fast gänzliche Verdrängung der Türken von dem Boden Ungarns herbeiführte. Als Commandant des linken Flügels des kaiserlichen Heeres hatte St., inzwischen Feldzeugmeister geworden, einen ruhmvollen Antheil an der Zentaer Schlacht genommen, nach welcher er Eugen auf dessen Streifzuge nach Bosnien begleitete. Und schon früher Mitglied des deutschen Ritterordens geworden, erhielt er im Jahre 1700 die Commende Laibach, in deren Besitze er nun durch 18 Jahre blieb und in welcher er sich mit ganz besonderer Vorliebe von den Anstrengungen eines rastlosen Kriegerlebens erholte. Aber lange sollte er sich dieser Muße nicht erfreuen, denn gar bald rief ihn der Ausbruch des spanischen Successionskrieges wieder ins Feld. In Tirol sammelte er die kaiserlichen Truppen, welche hierauf Eugen auf seinem berühmt gewordenen Zuge über unwegsames Gebirg nach Italien führte. Mit seinem Oberfeldherrn theilte nun St. alle Wechselfälle des dortigen Krieges; mit ihm wohnte er dem schließlich mißglückten Ueberfalle auf Cremona sowie der unentschieden bleibenden Schlacht von Luzzara bei, in der er wieder den linken Flügel befehligte. Seine bewunderungswürdige Haltung in derselben wird von dem Prinzen in den wärmsten Ausdrücken belobt. Und als er den Entschluß faßte, sich nach Wien zu begeben, um dort eine Verstärkung und bessere Ausrüstung seines von dem Kaiserhofe völlig vernachlässigten Heeres zu erwirken, übertrug er St. den Oberbefehl über dasselbe.

Die Absicht, welche Eugen zu dieser Reise veranlaßte, blieb jedoch wenigstens vor der Hand unerfüllt. So groß war die Bedrängniß des Wiener Hofes zu jener Zeit, so unglaublich der Geldmangel, in dem er sich befand, so lähmend die Unentschlossenheit des Kaisers Leopold I. (A. D. B. XVIII, 316), daß die bittersten Beschwerden Starhemberg’s über seine drängende Nothlage keine Abhülfe zu erzielen vermochten. Auch als Eugen zum Präsidenten des Hofkriegsrathes ernannt worden war, trat hierin keine Aenderung ein, und wirklich herzbewegend lauten die Klagen, in denen er sich gegen St. über sein Unvermögen ergeht, ihm zu helfen. Aber so verbitternd wirkte auf St. das Gefühl, daß jede seiner Vorstellungen, daß all sein Bitten und Flehen um jede, wenn auch noch so geringe Hülfe umsonst sei, daß ihn dies sogar ungerecht gegen Eugen machte und den Keim zu einer Abneigung wider den Prinzen legte, welche später manchmal recht unverholen bemerkbar wurde. Ganz auf sich selbst angewiesen, fand St. übrigens auch in sich selbst, in seinem unermüdlichen Pflichteifer, in seiner unerschöpflichen Thatkraft die Mittel, seiner überaus schwierigen Aufgabe gerecht zu werden. Er wußte sich nicht nur einem der besten französischen Feldherren, dem Herzog von Vendome und dessen überlegenen Streitkräften gegenüber in Italien zu behaupten, sondern auch zur Vereitlung der Verbindung, welche derselbe durch Tirol mit dem Kurfürsten von Baiern herzustellen sich bemühte, beizutragen, und ihm endlich noch außerdem manchen recht empfindlichen Nachtheil zuzufügen. Ja als der mächtigste der Verbündeten Frankreichs, der Herzog Victor Amadeus von Savoyen sich mit Ludwig XIV. entzweit und St. um bewaffneten Beistand angegangen hatte, sandte ihm derselbe vorerst eine Abtheilung Cavallerie zu und [476] brach dann bald darauf selbst mit der größeren Hälfte seines freilich schon arg zusammengeschmolzenen Heeres nach Piemont auf. „Aut Caesar, aut nihil“, schrieb er kurz vorher an Eugen, „wenn wir bleiben, müssen wir unfehlbar Hungers sterben, und wenn wir vorrücken, wagen wir Alles. Ich glaube aber, daß es besser ist, Alles aufs Spiel zu setzen, als elend zu Grund zu gehen. Man bitte inzwischen Gott andächtigst um seinen Beistand, denn es wird tapfer gekämpft werden müssen. Leben oder sterben! Wenn ich mit dem Leben davonkomme, ist es nicht, um mich nach Wien zu begeben“; mit diesen Worten endigt er sein Schreiben nicht ohne bittere Anspielung auf des Prinzen fortgesetztes Verweilen am Hofe.

Obgleich der Durchbruch nach Piemont „gegen alle Kriegsregel und ein glücklicher Erfolg kaum denkbar sei“, setzte er ihn dennoch ins Werk und führte ihn, allen feindlichen Unternehmungen und der Ungunst der Jahreszeit zum Trotze, in der Zeit vom 25. December 1703 bis zum 13. Januar 1704 in wahrhaft bewunderungswürdiger Weise durch; an dem letzteren Tage vereinigte er sich mit dem Herzoge von Savoyen bei Asti. Die Ernennung zum Feldmarschall war Starhemberg’s Belohnung für seine glorreiche That. Die Folgen derselben waren jedoch minder günstige, als man vielleicht gehofft haben mochte. Denn auch nach ihrer Vereinigung waren die österreichischen und piemontesischen Streitkräfte den französischen bei weitem nicht gewachsen, indem ihre Anzahl sich zu derjenigen der Feinde etwa wie drei zu fünf verhielt. Darum vermochten es auch weder der Herzog noch St. zu verhindern, daß sich eine Reihe piemontesischer Festungen, wie Vercelli, Susa und Ivrea nach einander ergaben. Bei Beiden machte sich eine tiefe Mißstimmung über diese Ereignisse geltend, welche nicht nur ihre frühere Einigkeit in allmählich immer stärkeren Zwiespalt verwandelte, sondern auch noch außerdem von St. um so bitterer empfunden werden mußte, indem er sie mit den glorreichen Waffenthaten verglich, welche Eugen gleichzeitig in Deutschland zu verrichten gegönnt war. Deßhalb wurde auch seine Sprache gegen den Prinzen immer verletzender, und es kam soweit, daß derselbe ernstlich daran dachte, St. durch einen Anderen zu ersetzen, aber er wußte Keinen, der die zur Führung eines so schwierigen Commandos erforderlichen Eigenschaften besaß. Als schließlich auch Verrua nach langer und tapferster Vertheidigung gefallen war, und St. neuerdings in drängenden Worten auf die Wahrscheinlichkeit aufmerksam gemacht hatte, der Herzog von Savoyen könne, aufs äußerste getrieben, sich wieder in die Arme Frankreichs werfen, da raffte man sich endlich auch in Wien zu Anstrengungen empor, welche die Rückkehr Eugen’s nach Italien und die Uebernahme des Oberbefehls über die dortigen kaiserlichen Truppen durch ihn nach sich zogen. Damit wurde denn auch dem Verbleiben Starhemberg’s, dessen Mißhelligkeiten mit Victor Amadeus immer mehr angewachsen waren, ein Ende gemacht. Kaiser Joseph I. (A. D. B. XIV, 534), welcher sehr große Stücke auf St. hielt, entschloß sich schon bald nach seiner Thronbesteigung, ihn aus Piemont abzurufen und an die Spitze seiner gegen den Rakoczy’schen Aufstand in Ungarn kämpfenden Truppen zu stellen. Und dabei blieb es denn auch, obwol St. dringend gewünscht hatte, sich wenigstens für einige Zeit ganz vom activen Kriegsdienste zurückziehen zu dürfen, und der Herzog von Savoyen in grellem Widerspruch zu seinem bisherigen Benehmen gegen St. erklärte, der Augenblick der Abreise desselben aus Piemont würde auch der seines eigenen Abfalles von der Allianz mit dem Kaiser sein. Zuletzt blieb St. nichts übrig, als ein völliges Zerwürfniß mit dem Herzoge herbeizuführen und dadurch dessen Zustimmung zu seiner Entfernung zu erzwingen. Im December 1705 traf er in Wien ein, vor allem auf Wiederherstellung seiner Gesundheit, vollständige Heilung seiner zahlreichen Wunden und insbesondere auch auf Befreiung [477] von den unsäglichen Schmerzen bedacht, welche ihm die seit fast zwanzig Jahren noch immer in seiner Schulter steckende türkische Pfeilspitze verursachte, die ihn während des Sturmes auf Ofen getroffen hatte. Er unterzog sich deßhalb in der zweiten Hälfte des Monats Februar 1706 einer ebenso schmerzhaften als gefährlichen Operation, bei welcher es gelang, das mehrere Zoll lange Eisen aus der Schulter zu entfernen. Es befindet sich noch heut zu Tage im Besitze der Familie St. und bildet einen sehr bemerkenswerthen Bestandtheil des Heeresmuseums in Wien.

Es kann nicht gesagt werden, daß es St. gelang, während seines zweijährigen Commandos in Ungarn entscheidende Schläge gegen die Insurgenten zu führen. Aber er brachte die dortige Kriegführung in ein System, welches dem Feinde gefährlicher zu sein schien, als eine von ihm verlorene Schlacht. Rakoczy selbst sagte von St., daß, wenn sein Plan befolgt werden würde, der Krieg nach drei Feldzügen zu Ende sein müsse, und daß es für ihn, wenn er auf dem Wege der Unterhandlungen nichts erreichen sollte, hoch an der Zeit wäre, seine letzte Kraft aufzubieten. Denn durch Starhemberg’s feste Stellung an der Waag sah sich Rakoczy gehindert, seine verheerenden Streifzüge nach Mähren und nach Oesterreich auszudehnen. Durch den Ernst und die Würde, die Menschenfreundlichkeit und die Milde seines Benehmens aber gelang es St., den Ungarn wieder Zutrauen zu den Deutschen einzuflößen, denn die Vergleiche, welche sie zwischen ihm und seinen Gegnern anstellten, fielen stets zum Vorthei1e des kaiserlichen Feldherrn aus. So bereitete sich der erst im folgenden Jahre erfolgende Abfall hervorragender Führer der Insurgenten und dadurch ihr völliges Unterliegen vor, welches freilich erst drei Jahre nach der Entfernung Starhemberg’s aus Ungarn sich durch den Abschluß des Friedens von Szathmar vollzog. Wenn aber St. überhaupt aus Ungarn zurückberufen wurde, so war es ein Umstand von der höchsten Bedeutung für den ganzen Gang des Successionskrieges, welcher hiezu die Veranlassung gab. Seit fast fünf Jahren befand sich der Erzherzog Karl (A. D. B. XV, 206), für welchen um die Nachfolge auf den spanischen Königsthrone gestritten wurde, fern von Wien, und nachdem er mehr als ein Jahr hindurch auf portugiesischem Boden verweilt, schiffte er sich nach Barcelona ein und bemächtigte sich im October 1705 dieser Stadt, in der er nun seine Residenz aufschlug. Aber auf anfängliches Kriegsglück folgte entschiedenes Mißgeschick, und nach der Niederlage bei Almanza schien es fraglich, ob Karl sich noch überhaupt in Spanien werde halten können. Seine Vertreibung von dort wäre jedoch von dem Kaiser und dessen Alliirten als ein so vernichtender Schlag empfunden worden, daß ihm um jeden Preis vorgebeugt werden mußte. Als ausgiebigstes Mittel hiezu sah man die Absendung kaiserlicher Regimenter sowie eines Heerführers ersten Ranges nach Spanien an, welchem sich die Commandanten der dort befindlichen, bunt durcheinander gemengten Hülfstruppen unbedingt unterordnen müßten. Flehentlich bat Karl seinen Bruder und kategorisch forderten die Verbündeten des Kaisers von ihm, er möge Eugen zur Uebernahme des Obercommandos nach Barcelona delegiren. Aber einerseits schien der Prinz selbst diese neue Bestimmung nicht zu wünschen, und andererseits lagen für den Kaiser gewichtige Gründe genug vor, ihn nicht so sehr weit von sich zu entfernen. Nach längerem Schwanken faßte Joseph den Entschluß, nicht Eugen, sondern seinen besten General nach ihm, Guido St. nach Spanien zu entsenden. Nach einigem Widerspruche gaben sich sowohl Karl als die Alliirten damit zufrieden, und am 30. April 1708 traf St. in Barcelona ein, wo er mit Sehnsucht erwartet, mit Jubel empfangen wurde.

Es war aber auch wirklich schon sehr an der Zeit, daß endlich ein Mann auftrat, von hohem militärischen Rufe, voll Ansehen und Kraft, von unbescholtenstem [478] Namen, der mit starker Hand eingriff in das kleinliche Getriebe der am Hofe zu Barcelona und bei dem dortigen Heere der Verbündeten sich fortwährend befehdenden Privatinteressen. Ein solcher Mann war St., aber freilich konnten die wohlthätigen Wirkungen seiner Anwesenheit nur nach und nach, und anfangs noch nicht in sehr merkbarer Weise zur Geltung gelangen. Ja er vermochte nicht einmal zu hindern, daß der Herzog von Orleans Tortosa, einen der stärksten Plätze Cataloniens wegnahm. Dennoch erreichte er es, noch fernere Fortschritte des Feindes in dieser Provinz zu hemmen und dessen Plan auf ihre vollständige Eroberung zu nichte zu machen. Hatte sich St. bis dahin auf die Defensive beschränken müssen, so ergriff er 1709 mit der Eroberung von Balaguer die Offensive, welche er im folgenden Jahre aufs kräftigste fortsetzte. Bei Almenara schlug er den Gegenkönig Philipp in die Flucht und rückte ihm nach Aragonien nach. Bei Saragossa kam es neuerdings zur Schlacht, in welcher St. in noch glänzenderer Weise Sieger blieb. Freiwillig öffnete diese Hauptstadt Aragoniens ihm ihre Thore, und Karl, der sich beim Heere Starhemberg’s befand, hielt seinen Einzug in dieselbe. Leider erhob sich nun im Hauptquartiere ein erbitterter Streit über das was fürder geschehen solle. Der ungestüme Führer der englischen Hülfstruppen, Stanhope, drang auf raschen Zug nach Madrid und er wurde hierin sowol von den portugiesischen Officieren, welche vor Begierde brannten, in den Besitz der Hauptstadt Spaniens zu gelangen, als von den in Karl’s Lager befindlichen spanischen Granden, größtentheils Cataloniern und Aragoniern, welche sich darnach sehnten, daß der verheerende Kriegsschauplatz aus ihren Ländern in das ihnen verhaßte Castilien verlegt werde, eifrigst unterstützt. St. hingegen wollte seinem ursprünglichen Feldzugsplane treu bleiben, sich in Aragonien ausbreiten und den Ebro entlang nach Navarra vordringen, wohin die Trümmer des spanischen Heeres geflohen waren. Diese seien vor allem, so meinte er, zu vernichten und die Verbindungen Frankreichs mit Spanien abzuschneiden, dann werde es noch am ehesten gelingen, den letzten Zweck der Kriegführung zu erreichen. Man möge sich doch stets den Grundsatz vor Augen halten, daß Eroberungen nur Schritt vor Schritt, nicht aber in Sprüngen gemacht werden könnten.

Obgleich Karl selbst der Meinung Starhemberg’s in Allem und Jedem beipflichtete, setzte doch Stanhope durch die kategorische Erklärung, er sei fest entschlossen, mit seinen Truppen keine andere Straße als die nach Madrid einzuschlagen, ja sie eher nach Barcelona und von da nach England zurück als nach Navarra zu führen, seinen Willen durch. Widerwillig und nur durch Stanhope’s Starrsinn aufs äußerste getrieben, gaben Karl und St. nach, aber der unglückliche Ausgang dieser Unternehmung rechtfertigte ihre Befürchtungen in ausgedehntestem Maße. Zwar erreichten sie Madrid, aber die Abneigung, ja der unverkennbare Haß, welchen nicht nur die Bevölkerung der Hauptstadt, sondern diejenige ganz Castiliens gegen die Streitkräfte der Verbündeten an den Tag legte, lähmte jede fernere Unternehmung, und schließlich zwang der Mangel, welcher durch die vollständige Hemmung jeglicher Zufuhr herbeigeführt wurde, unter den ungünstigsten Umständen zum Rückzuge. Während desselben wurde Stanhope in Brihuega umschlossen und nach tapferster Gegenwehr mit all seinen Truppen gefangen. Auf die erste Nachricht von Stanhope’s Bedrängung eilte St. herbei, ihn zu retten, aber er kam zu spät und es entspann sich nun zwischen ihm und dem Herzoge von Vendome am 10. Dec. 1710 eine mörderische Schlacht, welche in der Kriegsgeschichte die von Villaviciosa genannt wird. „Es wäre unmöglich“, sagt ein berühmter englischer Geschichtsschreiber, „den Feldmarschall in der Geschicklichkeit, mit welcher er seine Aufstellung wählte, oder in dem Muthe zu übertreffen, mit dem er sie vertheidigte. Mitten im Schlachtgetümmel, in [479] welchem St. sich seiner Gewohnheit nach wieder der äußersten Gefahr so sehr aussetzte daß ihm ein Pferd unter dem Leibe getödtet und sein Rock von siebzehn Kugeln durchlöchert wurde, hielt er die Ordnung aufrecht. Immer wieder wurde der anstürmende Feind zurückgeworfen und das Schlachtfeld unerschütterlich behauptet, bis endlich die tiefe Nacht dem Kampfe ein Ende machte.“ Kann somit dem österreichischen Feldherrn die Ehre des Sieges nicht streitig gemacht werden, so waren doch die Folgen der Schlacht von Villaviciosa denen einer Niederlage vergleichbar. War Starhemberg’s Verlust nicht so bedeutend wie der seiner Gegner, so vermochte er denselben doch weit weniger zu ertragen als sie. Die Unmöglichkeit einsehend, sich in Castilien länger zu halten, trat er in bester Ordnung und alle Angriffe des Feindes abwehrend, den Rückmarsch nach Saragossa an. Aber auch dort vermochte er sich nicht zu behaupten und am 5. Januar 1711 traf er wieder zu Balaguer auf catalonischem Boden ein, wo er seine Truppen in Cantonnirungen verlegte. Er selbst eilte nach Barcelona, von wo aus er nun, aufs tiefste verstimmt über den unglücklichen Ausgang des unter den glänzendsten Auspicien begonnenen Feldzuges, in drängendster Weise seine Abberufung verlangte. Nach nichts sehnte er sich so sehr, als in seiner geliebten Commende Laibach den Rest seiner Tage in Ruhe zu verleben. Hievon wollten jedoch weder Kaiser Joseph I. noch dessen Verbündete etwas hören. „Wenn Ihr meinen Bruder verlassen würdet“, schrieb ihm der Kaiser mit eigener Hand, „so wäre er verloren“. Diese und ähnliche Worte Joseph’s sowie die Uebersendung seines Bildnisses rührten den Feldmarschall tief und bewogen ihn zu noch längerem Ausharren. Eifrig beschäftigte er sich mit den erforderlichen Vorkehrungen, der Kriegführung in Spanien wieder aufzuhelfen, aber ein in Wien urplötzlich eintretendes Ereigniß machte alle diese Bemühungen zu nichte. Am 17. April 1711 starb Joseph I. und sein Bruder Karl war nunmehr der einzige männliche Sprößling des Hauses Habsburg. Was jetzt noch geschah, um für ihn die spanische Königskrone zu erstreiten, erwies sich trotz aller Anstrengungen schließlich doch als fruchtlos. Den aus Wien fortwährend an ihn gelangenden Bitten und Beschwörungen höchst ungern weichend, verließ Karl am 27. September Barcelona, wo er seine Gemahlin Elisabeth (A. D. B. VI, 11) unter dem Schutze Starhemberg’s als Regentin zurückließ. Der Königin wahrhaft ergeben, erwiderte der Feldmarschall ihre huldvollen Gesinnungen mit der innigsten Anhänglichkeit. Unermüdlich war er in Vorkehrungen, um die Fortschritte des Feindes zu hemmen, aber der Abfall Englands von der Allianz machte die Fortführung des Krieges unmöglich. Es blieb Karl am Ende nichts übrig, als seine Gemahlin aus Barcelona abzurufen und St., den er schon früher mit der Abschließung eines Räumungsvertrages betraut hatte, bis zu dessen Vollziehung zum Generalstatthalter zu ernennen. Da aber ein solcher Tractat in Barcelona nicht zu Stande gebracht wurde, ließ ihn Karl selbst am 14. März 1713 in Utrecht schließen. Infolge dessen schied St. am 26. Juni von Barcelona und allmählich folgten ihm auch seine Truppen, von denen die letzten am 2. September den Boden Spaniens verließen, um denselben nie wieder zu betreten. St. verfügte sich direct nach Laibach, wo er nun mehrere Jahre hindurch ungestört in tiefster Zurückgezogenheit lebte. Bei dem Wiederausbruche des Türkenkrieges lehnte er jede Aufforderung zur Theilnahme an demselben ab, doch versicherte er, daß seiner Weigerung nichts Anderes zu Grunde liege, als daß er „alt, ausgearbeitet und unvermögend sei“. Im Jahre 1717 vertauschte er den Aufenthalt zu Laibach mit dem von Wien, wo er von nun an das dortige Ordenshaus bewohnte. Im Jahre 1720 wurde er Landcomthur der Balley Oesterreich und bald darauf Großcomthur. In seinem achtzigsten Lebensjahre [480] starb er am 7. März 1737, und in der Kirche seines Ordens, in der man noch heute sein Grabmal sieht, wurde er zur Ruhe bestattet.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Im Original: ent endet