ADB:Sturz, Johann Jakob

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Artikel „Sturz, Johann Jakob“ von Hugo Schramm-Macdonald in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 37 (1894), S. 61–68, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Sturz,_Johann_Jakob&oldid=- (Version vom 22. Oktober 2019, 06:36 Uhr UTC)
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Sturz: Johann Jakob St., Colonialpolitiker und Menschenfreund, wurde als jüngster von 12 Söhnen eines bairischen Landesdirectionsraths am 7. December 1800 zu Frankfurt a. M. im alten Kaiserpalast geboren. Auch noch nach dem frühen Tode seines Vaters verkehrten im elterlichen Hause geistig bedeutende Männer, so insbesondere der Geograph Karl Ritter, welcher den Knaben unterrichtete und viel zur Erweckung seiner kühnen Unternehmungs- und Reiselust [62] beitrug. Zuerst widmete sich St. dem Kaufmannsstande, und machte infolge von geschäftlichen Aufträgen als junger Mensch eine Reise nach Mexiko, wo er bei verschiedenen Gelegenheiten bereits zeigte, welch rasche Entschlossenheit und Thatkraft in ihm wohnte. Nach Europa zurückgekehrt, studirte er in England die Technik des Bergbaues und das Maschinenwesen. Dann bereiste er Brasilien und trat 1830 an die Spitze eines großen mexikanischen Silberbergbaubetriebes. Bald darauf gewann ihn aber eine Londoner Gesellschaft für ihre Goldminen in Brasilien. Hier war seine Stellung zwar eine sehr günstige, doch gab sie St. trotzdem nach zwei Jahren auf, weil er mit dem ersten Verwalter, einem früheren englischen Obersten, wegen der grausamen Behandlung und schlechten Verpflegung der in den Minen beschäftigten Sklaven in steten Mißhelligkeiten lebte. Nun richtete er sein Streben darauf, Brasilien für den Völkerverkehr zu gewinnen, da nur von dessen Wirkung zu hoffen war, daß Land und Volk dem Zustande der Halbbarbarei entrissen wurde. Mit unendlicher Mühe und großen Geldopfern brachte es St. 1838 endlich dahin, daß eine englische Dampfschifffahrtsgesellschaft die Erlaubniß zum Befahren mehrerer Flüsse und Baien, besonders aber den Postdienst auf dem Amazonenstrome erhielt. Um dieselbe Zeit begann er, wie gefahrvoll dies auch für ihn war, nicht bloß für eine Erschwerung der Sklaveneinfuhr zu wirken, sondern auch die Sklaverei selbst zu bekämpfen und eine freie Einwanderung aus Europa zu befürworten. Der fanatische Widerstand, der ihm hierbei namentlich von den Großgrundbesitzern entgegengesetzt wurde, ließ ihn nach einigen Jahren, trotz seines inzwischen hoch gestiegenen Einflusses, der bis ins Parlament und Ministerium, ja bis in die kaiserliche Familie reichte, an allem Erfolge verzweifeln, und, nachdem er, statt für sich etwas erübrigt zu haben, das Seinige eingebüßt hatte, wandte er sich 1841 nach England. Hier ward St. vielfach in der Sklavenfrage zu Rathe gezogen, so namentlich vom Lord Brougham, dem feurigen Vorkämpfer für die Abschaffung der Sklaverei; ihm lieferte St. den ausgiebigsten Stoff zu dessen glänzenden Reden wider die Sklaverei, und nachdem Brougham endlich die strengsten Maßregeln von seiten Englands zur Unterdrückung der Sklaveneinfuhr in Brasilien durchgesetzt hatte, durfte sich St. rühmen: „Ich bin mir bewußt, hierdurch Brasilien einen besseren Dienst erwiesen zu haben, als ihm je von einem oder selbst von Hunderten seiner trefflichsten Bürger geleistet worden ist.“ Inzwischen hatte man in Brasilien nothgedrungen den Beschluß gefaßt, die weiten Ländereien durch freie Einwanderer zu bevölkern. Und wohin hätte man dabei die Blicke mit größerer Aussicht richten können, als nach Deutschland, und wen hätte die brasilianische Regierung zur thatkräftigen Förderung dieses Planes geeigneter finden können, als unsern St.? So wurde St. 1843 brasilianischer Generalconsul für Preußen. Allein nicht im Sinne seiner menschenfreundlichen Bestrebungen, wie er gehofft, verlangte die brasilianische Regierung seine Dienste. Der arglose Mann sollte vielmehr für schlechte Zwecke zum deckenden Schilde gebraucht werden. St. gab sich von Berlin aus die größte Mühe, zunächst in Brasilien selbst solche Reformen anzubahnen, welche eine freie deutsche Einwanderung, und zwar nach den südlichen Provinzen mit gemäßigterem Klima ermöglichen sollten; die schlauen Portugiesen aber hatten für jeden seiner Vorschläge zwar eine höfliche Antwort, ließen sie aber im übrigen unberücksichtigt. Ja noch mehr: die brasilianische Regierung organisirte unter Leitung ihrer anderen Consuln und geheimer Agenten eine massenhafte Einfuhr armer Deutscher als weiße Sklaven, indem sie letzteren freie Ueberfahrt anbieten und durch einen sogenannten Parceriavertrag Landbesitz in Ausicht stellen ließ. („Parceria“ bedeutet in Brasilien eine Halbpacht, d. h. eine solche Pacht, bei der die Pächter von Ländereien den Besitzern die Hälfte des Ertrages abgeben.) In Wahrheit [63] schufen diese berüchtigten Verträge für den umgarnten deutschen Auswanderer Verhältnisse, die ihn völlig schutzlos dem willkürlichen Ermessen und dem Peitschenregiment des Plantagenbesitzers, welchem er sich verdungen hatte, preisgaben und thatsächlich den Sklaven gleichstellten. Die Unglücklichen, welche den Verlockungen folgten, gingen fast ausnahmslos auf den Pflanzungen des heißen nördlichen Brasiliens zu Grunde. Leider fanden sich auch in den freien Hansastädten Schiffsrheder, die den ruchlosen Absichten der brasilianischen Sklavenbarone dadurch den mächtigsten Vorschub leisteten, daß sie durch lügenhafte Berichte ihre armen Mitbürger ins Elend locken halfen. Ein Mann aber duldete es nicht, daß man die deutschen Auswanderer in der Schlinge der Parceriaverträge fing: das war St. Zuerst versuchte er, seine Regierung zu bewegen, daß sie dem schändlichen Treiben der Sklavenbarone ein Ziel setze. Allein diese hatten mittlerweile das Uebergewicht in der Regierung vollends erlangt und wußten seine Bemühungen zu vereiteln. Infolge dessen stand der Generalconsul mit einem Male vor der Wahl: entweder das nichtswürdige Treiben ungehindert seinen Lauf nehmen zu lassen und seine einträgliche Stellung zu behalten oder diese in die Schanze zu schlagen und sich gegen die von ihm vertretene Regierung zu Gunsten des Rechts und der Menschlichkeit aufzulehnen. St. zögerte keinen Augenblick, denn ihm ging die gerechte Sache über Alles. Er nahm sofort den Kampf gegen die Sklavenbarone auf, und die nächste Folge davon war, daß er von der brasilianischen Regierung der von ihm 16 Jahre lang bekleideten Stellung ohne jedes Ruhegehalt enthoben wurde. So verfuhr diese Regierung in ihrer Kurzsichtigkeit mit einem der aufrichtigsten Freunde und thatkräftigsten Wohlthäter Brasiliens, über welchen der um dieses Land gleichfalls hochverdiente Naturforscher v. Martius im J. 1852 an den damaligen brasilianischen Gesandten in London, Teixeira de Macedo, folgendes geschrieben hatte: „Herr Sturz ist für mich ein erstaunlicher Mann. Ich arbeite auch und kann arbeiten, aber eine Thätigkeit, wie sie dieser Mann entwickelt, überall, wo er nur vermuthen kann, daß er Brasilien nützlich zu sein vermag, ist wahrlich etwas Bewunderungswürdiges. Nach allen Seiten richtet er seine Blicke und wie ein Liebender bringt er alles, was er sieht und hört, in Beziehung zu seiner Vielgeliebten. So hofft er auch stets Vortheil zu ziehen von jeder Entdeckung, von jeder neuen Idee für sein neues Vaterland, dem er sich mit einer Hingebung weiht, die Viele erröthen machen sollte, die ihr eigenes Vaterland nicht zu lieben verstehen. Ich hege hohe Achtung für eine solche Geistesstimmung und glaube, daß auch die Herren Minister gewiß solchen Eifer zu schätzen wissen. Dabei ist Sturz von einer so edlen Uneigennützigkeit, daß er wohl als ein Beispiel hingestellt werden kann.“ (Vgl. das von mir verfaßte Lebens und Charakterbild von C. F. Ph. v. Martius [Leipzig 1869], in dessen zweitem Bande ich eine größere Anzahl von Briefen Martius’ veröffentlicht habe.) Der Kampf, auf den sich St. eingelassen, war ein verzweifelter. Er stand allein und verfügte nur über geringe Hülfsmittel. Ihm gegenüber stand ein Heer von gedungenen Preßagenten und anderen Werbern, die von Brasilien aufs freigebigste unterstützt wurden. St. aber zeigte, daß einem starken Herzen nichts unmöglich ist. In einer Unzahl von Zeitungsartikeln und Flugschriften deckte er die Lügen der brasilianischen Preßagenten auf, warnte in beredten Worten vor der entsetzlichen Gefahr, welche den deutschen Auswanderern durch den Parceriavertrag drohe, zählte die Auswanderer auf, die bereits in den Zucker- und Kaffeepflanzungen zu Grunde gegangen, und schreckte so Tausende vor einem Schritte zurück, der sie unfehlbar dem größten Elende und sicherem Untergange entgegengeführt hätte. In jener Zeit lernte ihn Julius Duboc, damals Mitredacteur der Nationalzeitung in Berlin, persönlich kennen. Dieser entwirft von St., dem er in seinen [64] Plaudereien und Mehr (Hamburg 1884) unter der Ueberschrift „Ein Vorkämpfer“ einen besonderen Artikel gewidmet hat (S. 182–209), folgende Schilderung: „Er war, obwohl nicht von sehr großem Körperbau, eine ungemein kräftige Erscheinung, voll ungebrochener Lebensfülle, von ungestüm-raschen Bewegungen, mit sprühenden Augen, die den Wechsel der Empfindungen, die sein Inneres durchflutheten, in beweglicher, lebhafter Weise widerspiegelten. Er imponirte und riß fort. Obwohl er das Deutsche etwas fremdartig und mit gelegentlicher Einmischung englischer Ausdrücke und Constructionen sprach, so lag doch eine gewaltige Kraft in seiner Rede, die ihre Wirkung theils durch die kunstlose Lebhaftigkeit des Vortrags, theils durch die Wärme der nach Ausdruck drängenden Ueberzeugung nicht verfehlte. Welch ein Mann! Er wurde Einem bald ehrwürdig, wenn man die Kraft der Aufopferung, die sein Leben täglich bezeugte, den felsenfesten Glauben an den Sieg des besseren Princips und den energischen Haß des Unrechts ins Auge faßte. Er erschien bedeutend durch den ungewöhnlichen Umfang seiner Kenntnisse, den weiten Blick für Land- und Völkerverhältnisse, den reichen Schatz an Urtheilskraft auf einem Gebiete – dem der Colonialpolitik –, wo den meisten deutschen höheren Beamten das Urtheilsvermögen ausgeht. Und dann mußte man über denselben Mann, an dem man so hoch hinaufzublicken hatte, wieder lächeln, denn mitten in all diese energischen Bethätigungen der vollen, gereiften, auf ein großes Ziel gerichteten Manneskraft spielte ein Etwas von Kindersinn hinein, von kindlich frischer Gläubigkeit und Phantasiekraft, ja von kindlicher Naivität, die mit dem Maaß der Verhältnisse noch nicht recht vertraut ist, die den Betrachter wundersam anmuthen mußte, um so wundersamer, je seltener gerade diese Gegensätze im Leben vereinigt vorzukommen pflegen. In seiner Werkstatt, einem sehr schmucklosen, wenn ich nicht irre, einfenstrigen Zimmer, stand als einziges Hauptmöbel ein Schreibpult, das über und über mit Actenstößen, Correspondenzen, Zeitungen, Zeitungssausschnitten und Manuscripten bedeckt war. In diesem Chaos wußte nur Einer Bescheid, und der kaum, der alte Consul, der mittels dieser Papierfetzen seine Gegner und die Gegner der guten Sache, für die er mit ungetheilter Hingebung in den Kampf gegangen war, zu zermalmen suchte. Zu zermalmen – und dafür kein anderes Werkzeug, kein anderes Mittel zu besitzen, als das eine: das geschriebene und gedruckte Wort, noch dazu ohne jede kunstgerechte Verwendung, ohne die Gewalt über die Form, die für sich allein eine Macht ist! Verzweiflungsvoll sprang der ungeduldige Mann oft von seinem Stuhle auf. Er rannte im Zimmer auf und ab, diejenigen mit heftigen Reden apostrophirend, die ihm eine besondere Züchtigung zu verdienen schienen. Dann vertiefte er sich wieder in seine kriegerischen Operationen, d. h. er schrieb, um Bundesgenossen anzuwerben und den Eifer lauer Freunde anzufachen, unzählige Briefe, von denen er sich im voraus sagen konnte, daß die meisten, flüchtig gelesen, unter Achselzucken dem Papierkorb übergeben werden würden; er bombardirte die Berliner Blätter und die übrigen größeren deutschen Zeitungen mit unaufhörlichen Zusendungen und Darlegungen über die Vorgänge in Brasilien, denen diese in den meisten Fällen völlig verständnißlos, theilweise auch nicht uninteressirt gegenüber standen; er schickte alles, was, zumeist durch ihn selbst veranlaßt, gegen die herrschende Partei in Brasilien und ihr Verfahren in der Auswanderungsfrage im Druck erschienen war, regelmäßig den nach Brasilien fahrenden Dampfern ballenweise zu; er verfolgte die brasilianischen Diplomaten und die zahlreichen erkauften deutschen Werbeagenten des brasilianischen Interesses mit kaum beachteten, höchstens durch die Wunderlichkeit ihrer Form auffallenden Inseraten; er lief unermüdlich und ohne sich durch die ablehnende Haltung, die ihm meistens entgegentrat, entmuthigen zu lassen, von einem Bureau, von einer Redaction, von einem Expeditionslocal [65] zum anderen, bald bei Zeitungsschriftstellern, bald bei niederen und höheren Diplomaten, bald bei Gelehrten und einflußreichen Volksvertretern antichambrirend, er kehrte müde, unverrichteter Dinge meistens, zornig und erschöpft des Abends nach Hause zurück, um – morgen denselben Tanz von neuem zu beginnen!“ Ganz war es aber doch nicht eine Sisyphusarbeit. Der glühende Eifer, von dem St. beseelt war, riß mit der Zeit auch andere mit fort, und schließlich trat auch die preußische Regierung für ihn ein: den brasilianischen Agenten wurde das Handwerk gelegt. Im J. 1863 eröffnete sich endlich für St. die Aussicht auf ein neues, ganz seinen Neigungen entsprechendes Amt: auf das Generalconsulat für Uruguay. Zugleich ward ihm ein noch viel vortheilhafterer Antrag für Canada gemacht; diesen aber lehnte er ohne Bedenken ab, weil er als Generalconsul für Uruguay längst gehegte Pläne zur Gründung deutscher, national segensreicher Ansiedlungen am La Plata verwirklichen zu können hoffte. Nachdem er aber mit dem ganzen energischen und feurigen Eifer seines Charakters, der ihn seine Leistung – und das war das Große und Bewundernswerthe an dem Manne – nie nach dem Kraft- und Kostenaufwand, den sie ihm verursachte, bemessen ließ, sondern nur nach dem Zwecke, dem sie dienen sollte, für Uruguay gewirkt, erntete er hier ebenfalls schlechten Lohn. Brasilien hatte aus Furcht vor den kräftigen deutschen Ansiedlungen in seiner Nähe alles daran gesetzt, die von St. verfolgten Pläne zu vereiteln, und wußte die Regierung Uruguays dahin zu beeinflussen, daß sie ihrem Generalconsul das ihm zugesicherte Gehalt von jährlich 2500 Thalern zurückhielt, ja, ihm nicht einmal die während einer zweijährigen Thätigkeit gemachten großen Auslagen erstattete. Dieser Schlag vollendete den Ruin des ehemals wohlhabenden Mannes, so daß St. nunmehr einen schweren Kampf auch gegen eigene Noth und Sorge zu kämpfen hatte. Da endlich kam die deutsche Nation zum Bewußtsein der außerordentlichen Verdienste dieses seltenen Menschenfreundes. Durch eine öffentliche Sammlung ward eine Summe aufgebracht, welche ihn und seine Familie vor Entbehrungen geschützt haben würde, wenn er dieses Ehrengeschenk für sich und die Seinen verwendet hätte. Daran aber dachte er zuletzt, vielmehr ging er in seinem unstillbaren Drange, dem allgemeinen Wohle zu dienen, so weit, daß er auch das für ihn gesammelte Geld benutzte, um für neue menschenfreundliche Zwecke zu wirken. Es würde den Raum eines ganzen Buches in Anspruch nehmen, sollten hier alle die Dinge, auf die er sein Augenmerk richtete, und alle die Aufgaben, für die er nach- und nebeneinander eine rastlose, oft geradezu fieberhafte Thätigkeit entwickelte, näher besprochen werden. Ich muß mich daher auf das Folgende beschränken. St. war es, der in Wort und Schrift auf die Lage der Strandbewohner an unserer Nordseeküste zuerst hinwies und praktische Vorschläge zu deren Abhülfe machte (s. insbesondere sein Schriftchen „Ueber den Fischfang auf hoher See“, 1862). Auf seine Anregung ergriff die Regierung Maßregeln, um die englischen und holländischen Fischer, die bisher das deutsche Fischereigebiet ausgebeutet hatten, von der Nordseeküste fern zu halten, und bewilligte der preußische Landtag die Mittel zur Anlegung von Austernbänken und zur Hebung der Fischzucht. Von St. gingen auch zuerst praktische Vorschläge aus zur Förderung der Versendung und des raschen Absatzes der Seefische, deren Verwirklichung jetzt den Fischern ebenso großen Nutzen bringt, wie den Bewohnern des Binnenlandes. Sein Unternehmungsgeist, sagt Duboc, mochte gelegentlich etwas Phantastisches haben, insofern er, hingerissen von dem Schwung der Phantasie für ein sich ihm in großartigen Verhältnissen aufbauendes Zukunftsbild, die Schwierigkeit des Zustandekommens der grundlegenden materiellen Bedingungen unterschätzte, immer aber waren seine vielfachen Vorschläge [66] und Projecte voll der fruchtbarsten Anregungen; ein Beispiel hierfür bietet seine 1865 erschienene Schrift „Ueber den Nord- und Ostseecanal durch Holstein, Deutschlands Doppelpforte, zu seinen Meeren und zum Weltmeer“. Unbeschadet seiner innigen Liebe zu seinem deutschen Vaterlande ein Weltbürger im besten Sinne, mahnte St. ferner aufs eindringlichste immer und immer wieder, daß die Völker, welche sich der Segnungen einer vorgeschrittenen Cultur erfreuten, die sittliche Verpflichtung hätten, denen beizuspringen, welche unter dem Fluche der Uncultur und widriger Verhältnisse seufzten. Ihm war es dabei gleichgültig, welcher Rasse die im Elend Schmachtenden angehörten; er wollte einfach, daß Jammer und Noth, soweit es möglich, aus der Welt geschafft würden. Von solchen edlen Anschauungen und warmherzigen Gesinnungen geleitet, nahm er sich auch jener unglücklichen Kulis an, die von gewinnsüchtigen Peruanern aus China und Indien geholt wurden, um durch die drückendste Sklavenarbeit und die roheste Behandlung zu Grunde gerichtet zu werden. St. spürte in Peru, auf Cuba und in den chinesischen Häfen alle Greuelthaten auf, welche an diesen armen Tagelöhnern begangen wurden, brandmarkte in Zeitungsartikeln und Flugschriften die Sklavenhändler, die sich durch den Schweiß und das Blut dieser Unglücklichen mästeten, und setzte alle Hebel in Bewegung, um dem schändlichen Handel ein Ende zu machen. Auch hatte er die Genugthuung, es noch zu erleben, daß der Kulihandel wirklich fast ganz unterdrückt wurde. Daher erhielt kurz nach Sturz’ Tode seine Wittwe von seiten des chinesischen Gesandten ein Schreiben, worin dieser mittheilte, daß der Minister Liu-Ta-Yen wisse, welche Verdienste St. um die Kulis sich erworben habe, daß er mit der ganzen Menschheit den Verlust eines so unermüdlichen und großmüthigen Bekämpfers der argen Mißbräuche, denen seine in Sklaverei gehaltenen chinesischen Landsleute ausgesetzt gewesen seien, beklage und daß er zur Errichtung eines Grabmals zu Ehren des verstorbenen Generalconsuls einen Beitrag von 200 Mark zur Verfügung stelle. Wenn weiter die 1876 auf Anregung des Königs der Belgier gegründete internationale Afrikanische Gesellschaft insbesondere die Unterdrückung des Sklavenhandels im „schwarzen“ Welttheil zu einer ihrer Aufgaben gemacht hat, so hat auch daran St. nicht geringen Antheil. War er es doch gewesen, der durch Wort und Schrift bei den europäischen Regierungen unablässig darauf gedrungen hatte, dem entsetzlichen Menschenraube und Menschenhandel in Afrika ein Ende zu machen, wie er früher auch für „die Beseitigung der Sklaverei in Nordamerika mit Heranbildung der Sklaven für die Freiheit und ohne Opfer der Herren“ (s. seine 1843 unter diesem Titel erschienene Schrift) praktische Vorschläge gemacht hatte. Die Beschlüsse der Brüsseler Conferenz erfüllten sein Herz mit solcher Freude, daß er dem König Leopold II. in warmen Worten für den Dienst dankte, den er der Humanität geleistet habe. Mit keiner Silbe gedachte er dabei des eigenen Verdienstes um die Sache, wie er ja überhaupt – so schrieb mir eine seiner Töchter kurz nach seinem Tode – nur selten und wenig über sich sprach. Noch vor jener Conferenz war übrigens St. in seiner Schrift „Der wiedergewonnene Welttheil“ mit Vorschlägen zu einem Unternehmen hervorgetreten, dessen Ziel nicht bloß die Unterdrückung des Menschenhandels, sondern auch die Gewinnung von Colonien in Afrika, eines Indiens für Deutschland, sein sollte; ja, er hatte sogar, trotz seiner 76 Jahre, die Absicht, persönlich an dem von ihm geplanten friedlichen Eroberungszuge nach Afrika theil zu nehmen. Somit war der alte Consul auch ein Vorkämpfer für unsere späteren Colonisationsbestrebungen. Die Großartigkeit und Vielseitigkeit seiner Entwürfe, denen er auch Form und Gestalt zu geben und Leben einzuhauchen wußte, bezeugen die Großartigkeit und Vielseitigkeit seines geistigen Vermögens. „Sein Herz“, meint Duboc mit Recht, „wird besser aus anderen Bethätigungen seiner mitleidigen [67] und jedem Hülfsbedürftigen bereitwillig zugeneigten Seele erkannt“, und von diesen Bethätigungen erscheint keine rührender, als der wahrhaft heldenmüthige Kampf, den St. in den letzten Jahren seines Lebens für das geknebelte und mißhandelte Schlachtvieh geführt hat. Es that ihm weh, wenn er in Berlin beobachten mußte, wie die Kälber von rohen Schlächtern geknebelt und dann, lebloser Waare gleich, auf den Karren geschleudert wurden, um hier während einer langen Fahrt die entsetzlichsten Qualen auszustehen. Nicht weniger empörte es sein Gefühl, daß das Schlachtvieh mit Hülfe kläffender und beißender Hunde durch die Straßen gehetzt wurde. Beim bloßen sittlichen Unmuth ließ er es aber nicht bewenden. Vielmehr schritt er auch mit all der ihn auszeichnenden Energie zur That, um solcher Brutalität zu steuern. Daß war freilich wieder nicht leicht. Hatten doch anfänglich sogar Mitglieder der Polizei und der Presse für das Unterfangen des alten Mannes nur ein mitleidiges, ja spöttisches Achselzucken. Dies konnte jedoch den Trefflichen nicht abhalten, das, was sein edles Herz einmal als recht und gut erkannt hatte, auch in diesem Falle mit zäher Ausdauer durchzusetzen. Dabei war auch die Wahl der Mittel charakteristisch für ihn. Zunächst appellirte er in zahllosen Zeitungsartikeln an das Gewissen aller derer, die es anging; sodann erließ er eine geharnischte Erklärung, nach welcher er als durch sein eigenes Gewissen bestallter öffentlicher Ankläger alle diejenigen bei Gericht anzeigen und verklagen werde, welche mit dem Schlachtvieh in so barbarischer Weise umgingen, daß ihr Verfahren sich als Thierquälerei darstelle, und endlich hielt er sich zu diesem Zwecke an bestimmten Tagen 7 bis 8 Stunden auf dem Viehhofe auf und nahm ein kleines Beobachtungscorps von Berliner Straßenjungen in seinen Sold, welches den Viehhof und die Schlachthäuser zu jeder Zeit überwachen mußte; erblickten seine kleinen Kundschafter einen Wagen mit geknebelten Kälbern, so riefen sie St. herbei, und dieser ließ dann die Namen der Thierquäler durch einen Schutzmann feststellen. Natürlich erregte St. durch solche Maßregeln den Zorn und die Wuth der Schlächter. Viele derselben gingen daher sogar zu Thätlichkeiten gegen ihn über, indem sie vom Wagen herab mit der Peitsche nach ihm schlugen oder auch wohl von ihren Fäusten Gebrauch machten. Selbst Mißhandlungen aber – und einmal war sogar sein Leben durch die aufs äußerste erbitterten rohen Fleischergesellen bedroht – ließen seinen Eifer nicht erkalten, im Gegentheil sie vergrößerten ihn noch, und seine Bemühungen hatten auch schließlich den gewünschten Erfolg: das Knebeln der Kälber wurde verboten und ihre Einfuhr nach Berlin sachgemäß und in humaner Weise geregelt. Der hochherzige Mann beschränkte sich übrigens als Thierfreund keineswegs auf das hier Mitgetheilte; er veranlaßte mich im J. 1872, mit ihm zusammen bei den spanischen Cortes die Abschaffung der Stiergefechte in Anregung zu bringen, und noch kurz vor seinem Tode verbreitete er auf seine Kosten in Hunderttausenden von Exemplaren ein kleines Bilderbuch („Des Kindes Gespielen“), welches den Kindern Liebe zu den Thieren einflößen und sie durch allerlei Sprüche zur Schonung derselben ermahnen sollte. Mit der Zeit war St. eine gewissermaßen populäre Berliner Gestalt geworden, wohlbekannt namentlich auf allen Zeitungsredactionen, von denen es kaum eine gab, die nicht mit ihm in persönliche Berührung gekommen wäre, und obgleich der feuereifrige Mann, ein geborener Agitator, gelegentlich den Zeitungsleitern recht viel Last machte, so hat sich unter diesen doch fast jeder gescheut, dem hochverdienten alten Herrn den Stuhl schnöde vor die Thür zu setzen. So besaß St. für die Berliner Presse eine sittliche Bedeutung. Gerade an seinem Geburtstage, am 7. December 1877, ward er in Friedenau bei Berlin, wo er zuletzt gewohnt, zu Grabe getragen. Noch bei seinem Tode hatte er, bis zuletzt ein Jüngling im Herzen, mit Eroberungsplänen sich beschäftigt, aber kein Eroberer [68] mit dem Schwerte war er, sondern ein Eroberer mit der Kraft selbstloser Menschenliebe und eines stürmischen Willens, nicht unterwerfen wollte er, sondern frei machen alle Unterdrückten; die Waffen, die er führte, bis seine Hand erschlaffte, führte er für die Ausbreitung der Gesittung. Treffend sagt Duboc, daß St. in das Ich jedes Du mit eingeschlossen und daß ihn niemals jene sonnenlose Stimmung freud- und liebloser Gleichgültigkeit angewandelt habe, die, auf das Weltganze angewandt, den Standpunkt des Pessimismus als praktische Consequenz ergibt. Er war aber auch kein Schwärmer, der unerreichbare Ziele verfolgt, sondern sah nur weiter, als gewöhnliche Sterbliche, und wußte, daß ohne Streben nach dem Höchsten nichts Großes im Leben erreicht wird. Wohlmeinend und warnend, hat St., ein Abbild des getreuen Eckart, allezeit im öffentlichen Leben gestanden als ein unerschrockener, unbeugsamer Anwalt jeder gerechten Sache.