ADB:Sturz, Helfrich Peter

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Sturz, Helferich Peter“ von Max Koch in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 37 (1894), S. 59–61, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Sturz,_Helfrich_Peter&oldid=- (Version vom 26. Juni 2019, 20:33 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
Nächster>>>
Sturz, Johann Jakob
Band 37 (1894), S. 59–61 (Quelle).
Wikisource-logo.png Helfrich Peter Sturz bei Wikisource
Wikipedia-logo-v2.svg Helfrich Peter Sturz in der Wikipedia
GND-Nummer 118619756
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|37|59|61|Sturz, Helferich Peter|Max Koch|ADB:Sturz, Helfrich Peter}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=118619756}}    

Sturz: Helferich Peter St., geboren zu Darmstadt am 16. Febr. 1736 als ältestes Kind des fürstl. Cabinetscassiers Johann Peter Friedrich St., † zu Bremen am 12. Nov. 1779. Nach dem Besuche des Darmstädter Gymnasiums bezog Stürz, wie die Jenaische und Gießener Matrikel ihn nennt, im Mai 1753 die Universität Jena, wo er Freimaurer wurde; am 20. März 1755 wurde er als stud. jur. in Göttingen, am 19. Mai 1756 auf der Landesuniversität Gießen immatriculirt, wie Düntzer in Seuffert’s Vierteljahrschr. V, 490 nachgewiesen hat. In Gießen traf er wieder mit seinem Jugendfreunde Joh. Heinr. Merck (s. A. D. B. XXI, 400), zusammen. Eine leidenschaftliche Liebesneigung mußte wegen der Vermögenslosigkeit des Bewerbers mit Entsagung enden, und die von Fr. K. v. Moser gewünschte Berufung zum Erzieher des Erbprinzen Louis scheiterte am Widerspruche des Landgrafen. St. fand 1759 in München Stellung als Secretär des bei mehreren kleinen Höfen beglaubigten kaiserl. Gesandten Freiherrn v. Widmann, s. v. Wurzbach, biogr. Lexikon LIV, 248. Seine dienstlichen Reisen führten den scharf beobachtenden jungen Diplomaten unter andern auch ins Feldlager des Marschall Contades, aber schon 1760 trat er als Privatsecretär in die Dienste des Kanzlers Adolf Gottlob v. Eyben in Glückstadt über, der ihn zweimal in Geschäften nach Wien und ans Reichsgericht nach Wetzlar sandte. Die zweite Wiener Reise verschaffte ihm 1762 den Titel eines fürstl. bernburgischen Rathes. Dem Prinzen Friedrich Albert von Bernburg verdankte er die Bekanntschaft mit dem einflußreichen dänischen Grafen Rantzau, durch dessen Gunst er Anfang 1764 seine erste feste Anstellung, den Posten eines Secretärs im Departement für auswärtige Angelegenheiten in Kopenhagen erlangte. Unter Beibehaltung dieses staatlichen Amtes, in dem er am 30. März 1765 zum Wirklichen Kanzleirath vorrückte, wurde er bald Privatsecretär, Hausgenosse und bevorzugter Günstling des leitenden Ministers v. Bernstorff, dem er später (Leipzig 1777) in den „Erinnerungen aus dem Leben des Grafen Joh. Hartwig Ernst v. Bernstorf“ ein pietätvolles Denkmal widmete. Durch den Eintritt in Bernstorff’s Haus war zugleich der Eintritt in den um Klopstock gescharten deutsch-nordischen Litteraturkreis gewonnen, der 1766 in Gerstenberg’s Schleswig’schen Litteraturbriefen (vgl. v. Weilen’s Einleitung zu ihrem Neudruck in Heft 29/30 der deutschen Litteraturdenkmale, Stuttgart 1890), einen neuen und erfolgreichen Anlauf nahm zu der bereits 1758 in Cramer’s Nordischem Aufseher versuchten Gründung einer selbständigen Partei im litterarischen Treiben Deutschlands. Vielleicht hängt mit diesen Bestrebungen auch Sturz’ eigene Zeitschrift „Der nordische Sittenfreund“, Kopenhagen 1767, zusammen, dem er wegen Bekämpfung von Brednig’s gleichnamiger schlechten dänischen Wochenschrift den Titel „Die Menechmen“ gab. Von dem innigen und ungetrübt freundschaftlichen Verkehr mit Klopstock hat er in der anschaulichen Charakteristik „Klopstock“ noch 1777 ein lebendiges Bild gegeben. Im Frühjahr 1767 veröffentlichte St. in Prosa „Julie, ein bürgerliches Trauerspiel in 5 Aufzügen, mit einem Briefe über das deutsche Theater an die Freunde und Beschützer desselben in Hamburg“. Das dem Roman Julie Mandeville (London 1768) von Francis Brook folgende bürgerliche Trauerspiel fehlt in der Sammlung der Schriften von 1786, mit Weglassung des Briefes ist es 1768 in den 6. Band des Theaters der Deutschen aufgenommen worden; vgl. Quellen und Forschungen, Heft 30, S. 88–109. [60] Von einem Trauerspiel „Medea“ hat der Nachlaß nur ein paar Scenen aufbewahrt, wie er auch die paar bekannten Gedichte von St. ([[|Kürschner’s Nationallit., Bd. 135 I, 208) nur um drei weitere vermehrte, so das für seine Beurtheilung als Dichter die unter den besseren Nachahmungen der Sara Sampson einzureihende Julie fast allein in Betracht kommt. Viel bedeutender als das Trauerspiel ist der über äußere Theatereinrichtungen wie über die Aufgaben des deutschen Dramas sich äußernde Begleitbrief, der, Anregungen von Joh. Elias Schlegel (s. A. D. B. XXXI, 383) weiterführend, als ein bedeutsamer zeitgenössischer Beitrag zu Lessing’s Dramaturgie betrachtet werden darf. Gleich Lessing und unabhängig von ihm wünscht St. für das deutsche Drama ein Mittel zwischen der Kühnheit des englischen und Furchtsamkeit des französischen, gleich Herder fordert er zur dramatischen Bearbeitung deutscher Geschichtsstoffe, Heinrich IV., Konradin, Otto III., also gerade der später so vielfach behandelten Kaisergeschichten auf. Mit Lessing selbst traf St. im Sommer 1767 in Hamburg zusammen; daß beide sofort einander nahe traten, beweist Sturz’ große briefliche Kritik des Laokoon, die er am 23. September dem neugewonnenen Freunde sandte. Am 17. August 1768 wurde St., im Reisegefolge König Christian’s VII., zum Legationsrath befördert; die Reise, von der in Sturz’ Papieren ein kurz gehaltenes deutsches Journal und eine officielle französische Relation vorhanden ist, führte ihn nach England und Frankreich, und überall knüpfte er freundschaftliche Beziehungen an, in London mit Angelika Kaufmann und Garrick, in Paris mit Grimm, Helvetius, Riccoboni, Mad. Necker. Mit diesen blieb er im Briefwechsel und Merck fand noch nach einigen Jahren St. in den Pariser Salons in guter Erinnerung. Er selbst gab in den „Briefen eines Reisenden vom Jahre 1768“ neun Jahre später im Deutschen Museum Schilderungen von Garrick’s Spiel, von der Pariser Gesellschaft und dem französischen Theater, die mit Recht als classische Muster gerühmt wurden. Nach der Rückkehr nach Kopenhagen ward St. unter Belassung seiner diplomatischen Stellung zum Director des Generalpostamts ernannt. Im Herbst 1770 erhielt Graf Bernstorff seinen Abschied. Der neue Machthaber, Struensee, war während der Reise Sturz’ Wagengenosse gewesen, allein das Verhältniß zwischen beiden hatte sich eher unfreundlich gestaltet. St. war bereit, seinem alten Gönner in die Verbannung zu folgen, dieser aber wünschte seine Anhänger und ihren Einfluß so viel wie möglich in ihren Aemtern zu erhalten. Da St. sich mit der Tochter des Majors Mazar de la Garde vermählen wollte, war ihm an der Erhaltung seiner Stellung gelegen, und so nahm er nicht offen gegen Struensee Partei, obwohl ihn dieser aus dem Departement der auswärtigen Angelegenheiten entfernte. Da er aber wegen seiner Kunst im Porträtmalen den Auftrag erhielt, die Königin zu malen, kam er öfters in ihre und Struensee’s Gesellschaft, und da die Bewegung gegen Struensee überhaupt die erste Regung einer dänischen Nationalpartei gegen die eingewanderten Deutschen war, so wurde auch St. am 20. Jan. 1772 entlassen, am 22. im Hause seiner Braut verhaftet und erst nach vier Monaten freigelassen, aber aus Kopenhagen verwiesen. Mehr als „unkluges Benehmen“ konnten ihm selbst seine Richter nicht vorwerfen, er hatte aber einstens durch den Uebergang zu Bernstorff sich den jetzt allmächtigen Rantzau zum Feinde gemacht, und bei den Anhängern Bernstorff’s, wie es scheint, während der Herrschaft Struensee’s doch Anstoß erregt. So blieben in der Folge alle seine Versuche wieder nach Kopenhagen zu kommen fruchtlos, und er mußte noch froh sein am 2. März 1773 Rath an der oldenburgischen Regierung zu werden. Er konnte nun heirathen, aber der Lebensmuth des sonst so heiteren Gesellschafters war durch die Verfolgungen in Hypochondrie verkehrt, seine Gesundheit durch die Gefängnißhaft und Kummer gebrochen; in die engen oldenburgischen Verhältnisse konnte er sich, obwohl er auch dort [61] an Stolberg, Halem, Gramberg anregende Freunde fand, nicht finden. Schon kränkelnd besuchte er einen Freund in Bremen, in dessen Hause er starb.

Gerade die trüben Jahre in Oldenburg aber bildeten St. zum Schriftsteller aus. Auf einer Reise nach Gotha im Sommer 1776 hatte er unter andern auch Chr. Heinr. Boie (s. A. D. B. III, 85) kennen gelernt, der ihn zum Mitarbeiter am Deutschen Museum gewann, in dem fast alle Aufsätze zuerst erschienen sind, von denen er selbst noch einen Theil in der ersten Sammlung seiner „Schriften“, Leipzig, Weidmann und Reich, 1779, zusammenstellte; die zweite Sammlung besorgte Boie 1782; beide Bände kamen in neuer verbesserter Auflage 1786 und von 1779–1819 in verschiedenen Nachdrucken heraus. Es sind formvollendete Essays über die verschiedensten Gegenstände, in denen sich ein durch Leben und Bücher gereifter Geist ausspricht. Das Urtheil ist stets selbständig und sicher, überall durch den Schein auf das Wesen dringend, wie denn St. vielleicht als der erste in Deutschland die Echtheit von Macpherson’s Ossian anzweifelte. Das politische Interesse war bei ihm reger als bei andern seiner Zeitgenossen; eine satirische Ader zeigt Verwandtschaft mit Lichtenberg. Durch Klopstock war das Vaterlandsgefühl und das Interesse für die ältere deutsche Litteratur in St. geweckt worden. In England copirte er für Klopstock die Heliandhandschrift; Bruchstücke einer Eddaübersetzung finden sich im Nachlasse, über ältere Handschriften gab er Berichte, zog Chroniken aus und plante eine „Geschichte deutscher Sitten und Wissenschaften im 12. Jahrhundert“. Durch seine Mittheilung der „Denkwürdigkeiten von Jean Jaques Rousseau“ hat er Schiller zuerst auf den Fiesco aufmerksam gemacht, in dem Streit über Lavater’s Physiognomik hat er parteilos Kritik geübt, in die ästhetischen Fragen durch das „Fragment über die Schönheit“ fördernd eingegriffen. Seine Kunstkenntnisse und Kunstausübung hat ein so scharfer Kritiker wie Merck im Vorbericht zur zweiten Sammlung in einem Briefe an Lichtenberg gewürdigt. Mit diesen beiden Darmstädtern wäre St. zu vergleichen auch hinsichtlich seiner halb ablehnenden, halb freundlichen Stellung zu den gegen Regel und Form anstürmenden Genies, die ihn ihrerseits ebenso ehrend anerkannten, wie Lessing und Klopstock den Menschen und Schriftsteller liebten und ehrten.

Biograph. Nachrichten über St. von Gramberg u. Merck 1782 im Vorbericht zur zweiten Sammlung der Schriften die auch Sturz’ Bildniß enthält. – Jördens’ Lexikon V, 744–754. – G. Jansen, Aus vergangenen Tagen. Oldenburgs litterarische und gesellschaftliche Zustände während des Zeitraums von 1779–1811. Oldenburg 1877. – Biographie mit Briefen von Theodor Merzdorf in Schnorr’s Archiv für Litteraturgesch. 1878. VII, 33–92. – Max Koch, H. P. Sturz, mit Benützung handschriftlicher Quellen. München 1879; daraus gab Zimmermann in den Preuß. Jahrh. 1881. XXXII, 273 und Litterarischer Mercur 1887, Nr. 3 „Ein Publicist des vorigen Jahrhunderts“ nur Auszüge ohne Quellenangabe. – Paul Döring, Der nordische Dichterkreis und die Schleswig’schen Litteraturbriefe. Dornburg 1880. – Goedeke’s Grundriß IV2, 244. – L. Bobé, Neue Beiträge zu H. P. Sturz Lebensgeschichte, Seuffert’s Vierteljahrschrift 1891. IV, 450–465. – E. Guglia, Sturz als Kunstschriftsteller, Allgemeine Kunstchronik 1886, Nr. 16.