ADB:Sturz, Friedrich Wilhelm

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Artikel „Sturz, Friedrich Wilhelm“ von Friedrich Koldewey in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 37 (1894), S. 56–59, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Sturz,_Friedrich_Wilhelm&oldid=- (Version vom 14. Dezember 2019, 20:59 Uhr UTC)
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Sturz: Friedrich Wilhelm St. wurde am 14. Mai 1762 zu Erbisdorf bei Freiberg im sächsischen Erzgebirge als der Sohn des dortigen Pastor prim. M. Friedr. Sam. St. geboren. Dieser hatte eine Abneigung gegen öffentliche Schulen und behielt daher den talentvollen und lernbegierigen Knaben bis zum 16. Lebensjahre bei sich zu Hause, ließ ihn längere Zeit durch Privatlehrer unterrichten, und als diese seinen Wünschen und Erwartungen nicht entsprachen, übernahm er selbst allein des Sohnes Erziehung und wissenschaftliche Ausbildung. Hierbei beobachtete er ein eigenartiges Verfahren. Da er nämlich durch seine Amtsgeschäfte vielfach von Hause fern gehalten und an einer regelmäßigen Stundenertheilung behindert wurde, so gab er dem Knaben Bücher, die seinem Alter und Fassungsvermögen angemessen waren, in die Hände und legte ihm auf, das Wichtigste daraus während seiner Abwesenheit zu excerpiren und auswendig zu lernen. Durch dieses Arbeits- und Lernsystem, dessen Durchführung der Vater mit unerbittlicher Strenge überwachte, wurde St., zum großen Vortheil für seine späteren Studien, von Jugend auf daran gewöhnt, aus allen Büchern, die er las, Auszüge zu machen. Im J. 1786 wurde er dann auf sein dringendes Bitten zu Verwandten nach Leipzig gebracht, um dort die Thomana zu besuchen, ohne daß ihm jedoch ein näherer Verkehr mit seinen Mitschülern gestattet worden wäre. Um so eifriger widmete sich der Jüngling, der von vornherein in die Prima aufgenommen wurde, unter der Leitung des gelehrten, aber strengen Rectors Joh. Friedr. Fischer († 1799) und des gleichfalls kenntnißreichen, aber milden und freundlichen Conrectors Karl August Thieme († 1795) seinen Studien und wurde insbesondere von dem Letztgenannten, der sich seiner mit wahrhaft väterlichem Wohlwollen annahm, mit einer unauslöschlichen Vorliebe für die griechischen Classiker, vor allem für Xenophon, erfüllt. Auf der Thomasschule verweilte St. drei Jahre und wendete sich dann der Leipziger Universität zu. Er hörte theologische Vorlesungen bei Körner (s. A. D. B. XVI, 713 f.), Schwarz, Morus (s. A. D. B. XXII, 342 ff.) und Pezold, philosophische bei Pezold, Caesar, Platner (s. A. D. B. XXVI, 258 f.) und Wieland, geschichtliche bei Burscher (s. A. D. B. III, 630 ff.), Wenk, Beck (s. A. D. B. II, 210 ff.) und Hilscher. Orientalische Sprachstudien betrieb er unter Schwarz, Dathe (s. A. D. B. IV, 764 ff.) und vor allen unter Joh. Friedr. Schleusner (s. A. D. B. XXXI, 474 ff.). In der altclassischen Philologie endlich, der sich St. bald ausschließlich widmete, waren seine Lehrer Morus, Reiz (s. A. D. B. XXVIII, 178 f.), Clodius (s. A. D. B. IV, 334) und der bereits unter den Historikern erwähnte Christian Daniel Beck. Der Letztgenannte, nur fünf Jahre älter als St., seit 1782 außerordentlicher, seit 1785 ordentlicher Professor, eröffnete eine philologische Societät, der St. als eins ihrer ersten Mitglieder bis 1786 unausgesetzt angehört hat. Mit welchem Eifer er aber Tag und Nacht seinen wissenschaftlichen Arbeiten oblag, bezeugt einer seiner Commilitonen, der [57] spätere berühmte Rector in Schulpforta Karl David Ilgen (s. A. D. B. XIV, 19 ff.), indem er ihn noch in hohem Alter im Hinblick auf die gemeinsam verlebte Studienzeit als ὁ ϕιλοπονώτατος bezeichnete.

Bereits 1785 gab St. als erste Frucht seiner philologischen Studien den Hymnus des Kleanthes auf Zeus heraus („Cleanthis Hymnum in Jovem Graece edidit notisque illustravit“, Lips. 1785, 8°) und wurde noch in demselben Jahre zum Doctor der Philosophie und Magister der freien Künste ernannt. Am 31. Mai 1786 erwarb er durch die Vertheidigung seiner Schrift über den alexandrinischen Dialekt („De dialecto Alexandrina, ratione simul habita versionis librorum V. T. Graecae, disp. I.“, Lips. 1786, 4°) – Opponent war Ilgen – an der Leipziger Universität die venia legendi. Nachdem er sodann im folgenden Jahre durch eine Ausgabe der Fragmente des Hellanikos von Lesbos noch mehr die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hatte, erhielt er einen Ruf als Professor der Eloquenz an das Gymnasium Rutheneum zu Gera und folgte demselben Ende Mai 1788. In dieser Stellung hat er 15 Jahre lang als geschickter und gewissenhafter Lehrer gewirkt und die ihm neben seiner Berufsthätigkeit übrig bleibende Zeit auf die Ausarbeitung und Herausgabe einer ansehnlichen Reihe philologischer Schriften verwendet. Hierdurch gewann sein Name einen so guten Klang, daß er 1802 zum Ehrenmitgliede der Lateinischen Gesellschaft zu Jena gewählt und um dieselbe Zeit vom sächsischen Consistorium als Rector an die Spitze der Landes- und Fürstenschule zu Grimma berufen wurde. Er nahm dieses Amt an und wurde am 25. Juni 1803 feierlich in dasselbe eingeführt. Damit aber trat er vor eine Aufgabe, der er, soweit Kenntnisse und Lehrgeschick in Frage kamen, in vollstem Maaße gewachsen war, für die es ihm jedoch an der unter den obwaltenden Verhältnissen unumgänglich nothwendigen Strenge und Festigkeit fehlte. Die Anstalt lag in tiefem Verfall, hauptsächlich infolge der widerwärtigen und unheilvollen Streitigkeiten, die zwischen seinem Amtsvorgänger Hofmann und dem Inspector der Schule, C. G. Sahrer von Sahr, schon seit Jahren geherrscht hatten. Zum Glück für St. starb sein Vorgesetzter, kurz nachdem derselbe auch mit ihm in Zwietracht und Hader gerathen war. Nun schien alles gut zu gehen. St. gewann durch sein bescheidenes und freundliches Auftreten die gute Meinung seines Lehrercollegiums, durch die Gründlichkeit und Feinheit seines Unterrichts, sowie durch seine Ruhe und Leutseligkeit in der Handhabung der Disciplin, die Liebe und Verehrung seiner Primaner. Der rohe und unbotmäßige Ton unter der Schuljugend begann zu schwinden; die vorher fast verödeten Classen fingen wiederum an sich zu füllen. Als aber im Laufe der nächsten Jahre die Weichheit und Nachgiebigkeit des neuen Rectors mehr und mehr hervortrat, wuchsen ihm Lehrer wie Schüler über den Kopf. Seit 1811 begannen dann schwere körperliche Leiden – heftige rheumatische Kopfschmerzen und ein unheilbares Geschwür an der linken Hand – den ohnehin schwächlichen Mann zu plagen und ihn zeitweise an der Erfüllung seiner Berufsthätigkeit völlig zu hindern, und um das Maaß voll zu machen, versuchte seine herrsch- und zanksüchtige Gattin, wie ihren Mann, so auch die Anstalt zu regieren. So kam es denn in der ehrwürdigen Fürstenschule am Ufer der Mulde zu so unleidlichen Zuständen, daß die Behörde sich genöthigt sah, St. 1819 einen Rector adjunctus an die Seite zu stellen und im Herbst 1823 ihn völlig in den Ruhestand zu versetzen. St. blieb in Grimma wohnen und verwendete den Abend seines Lebens auf die Vollendung der schon früher geplanten und in Angriff genommenen Schriften. Seine liebenswürdige und sanftmüthige Sinnesart machte es ihm möglich, mit seinem ungewünschten Amtsnachfolger August Weichert in ein freundliches Verhältniß zu treten. In den ersten Jahren seines Otiums hob sich auch sein Gesundheitszustand; dann aber nahmen seine Kräfte [58] ab, die Augen versagten ihren Dienst, gelinde Schlaganfälle stellten sich ein, und am 20. Mai 1832 entschlief er an allgemeiner Körperschwäche. Seine Gattin, Marianne Katharina geb. Wendlant, mit der er seit 1788 in kinderloser Ehe gelebt hatte, war ihm im März 1831 im Tode vorangegangen.

Die von St. herausgegebenen Schriften sind so zahlreich und dabei mit so hervorragender Gründlichkeit ausgearbeitet, daß ihre Herstellung durch einen einzelnen, überdies noch durch ausgedehnte Berufsgeschäfte in Anspruch genommenen Mann nur durch das vortreffliche Gedächtniß und den eisernen Fleiß des Verfassers, sowie durch dessen Fähigkeit, seine Zeit auf das sorgfältigste einzutheilen und auszunutzen, erklärlich wird. Sie bewegen sich fast ausschließlich auf dem Gebiete des griechischen Alterthums und behandeln mit Vorliebe das rein sprachliche Element. Mit Recht sagt sein Amtsnachfolger Weichert von ihm: „Erat ei ingenium non fervidum aut vehemens, sed sedatum et maxime aptum eis litterarum partibus vel percipiendis atque illustrandis vel excutiendis rimandisque, quae minutiores sunt et amoenitatis steriliores; proinde impigro studio maluit grammaticorum veterum senticeta perreptare, quam commorari in poetarum viretis“. Besonders werthvoll sind die Forschungen, die er den griechischen Dialekten zugewendet hat. Durch sie ist er ein Vorläufer von Heinrich Ludolf Ahrens geworden, dessen scharfsinniges Werk De Graecae linguae dialectis wenige Jahre nach Sturz’s Tode erschien (2 Bde., Göttingen 1839–1843). Seiner bereits erwähnten Habilitationsschrift über den alexandrinischen Dialekt vom Jahre 1786 ließ St. 1788, 1789 und 1794 noch drei andere, auf denselben Gegenstand bezügliche Abhandlungen folgen. Dreizehn Jahre später gab er dann das Werk des in England angesiedelten Franzosen Michel Maittaire, das unter dem Titel Graecae linguae dialecti zuerst 1706 zu London und in einer neuen Bearbeitung von Joh. Friedr. Reitz[WS 1] 1738 zu Haag erschienen war, mit zahlreichen Zusätzen und Berichtigungen heraus („Graecae linguae Dialecti recognitae opera Michael Maittaire post J. F. Reitzium, qui praefationem et excerpta Apollonii Dyscoli grammatica addiderat, totum opus recensuit, emendavot, auxit“, Lips. et Lond. 1807, 8°) und fügte im folgenden Jahre zur Vervollständigung noch eine Schrift „De dialecto Macedonica et Alexandrina“ (Lips. 1808, 8°) hinzu. Beachtung verdienen auch seine lexikalischen Arbeiten, vor allen das „Lexicon Xenophonteum“, das er unter Zuhülfenahme der Vorarbeiten seines ehemaligen Lehrers, des Conrectors Thieme, veröffentlicht hat (4 voll., Lips. 1801–1804, 8°). Ferner noch seine Ausgaben des „Etymologicum Graecae linguae Gudianum“ (Lips. 1818, 4°) und des „Etymologicum Orionis Thebani“ (Lips. 1820, 4°). Den in diesen beiden Werken anhangsweise enthaltenen Bemerkungen zu dem Etymologicum Magnum ließ er wenige Jahre vor seinem Tode noch „Novae annotationes ad Etymologicum M.“ (Lips. 1828, 4°) folgen. Von griechischen Schriftstellern hat er außer dem bereits erwähnten Hymnus des Kleanthes und den Fragmenten des Hellanikos von Lesbos (2. Ausg. Lips. 1828) herausgegeben: die Fragmente des Pherekydes (Gerae 1789, 8°; 2. Ausg. Lips. 1824, 8°), die früher vielfach in den Schulen gelesene Rede des Kirchenvaters Basilius Magnus πρὸς τοὺς νέους ὅπως ἂν ἐξ Ἑλληνιϰῶν ὠϕελοῖντο λόγων (Gerae 1791, 8°), die Fragmente der Dichtungen des Philosophen Empedokles (Lips. 1805, 8°), die römische Geschichte des Dio Cassius (8 Bde., Lips. 1824 u. 1825, 8°). Von seinen übrigen Schriften verdienen noch seine drei Abhandlungen „De vestigiis doctrinae de animi humani immortalitate in Homeri carminibus“ (Gerae 1795, 1796, 1797, 4°) hervorgehoben zu werden.

Vgl. den biographischen Nachruf, den der Rector Aug. Weichert seinem Amtsvorgänger in der Einladungsschrift zur 282. Stiftungsfeier der Fürstenschule [59] zu Grimma am 14. September 1832 (Grimae 1832, 4°) auf S. 21–33 gewidmet hat. Darin auf S. 30–31 ein Schriftenverzeichnis, nach dem die Verzeichnisse in Meusel’s Gel. Teutschland VII, 731 f., XV, 573 f., und XX, 699 zu vervollständigen sind. – K. J. Roeßler, Gesch. der Königl. S. Fürsten- u. Landesschule Grimma (Leipz. 1891), S. 162–164.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Sohn von Johann Heinrich Reitz