ADB:Ilgen, Karl David

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Artikel „Ilgen, Karl David“ von Heinrich Julius Kämmel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 14 (1881), S. 19–23, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Ilgen,_Karl_David&oldid=- (Version vom 15. Juni 2019, 18:22 Uhr UTC)
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Ilgen: Karl David I., der berühmte Rector der Schulpforte, geb. den 26. Februar 1763 in dem kleinen thüringischen Dorfe Sehna (bei Eckertsberga), † den 17. September 1834 in Berlin. Sohn eines in den beschränktesten Verhältnissen lebenden, zwar frommen und rechtschaffenen, aber auch harten und jähzornigen Schulmeisters, sah er sein Kindesalter durch die stille, arbeitsame, die Hitze des Vaters oft mäßigende Mutter über manches Trübe hinweggehoben. [20] Als der Vater Schulmeister in Burgholzhausen geworden war, überstand der kräftige Knabe die Blatternkrankheit, wie er späterhin auch von einem schweren Falle zum Erstaunen der Eltern sich erholte. Als er, 13 Jahre alt, bei einem benachbarten Pfarrer Aufnahme gefunden hatte, um die zum Schuldienste erforderliche Vorbildung zu gewinnen, betrieb er das Studium des Lateinischen, Griechischen und Hebräischen, wie der Geschichte und Geographie mit solcher Anstrengung, daß der Vater, obwol widerstrebend, sich entschloß, ihn in die wissenschaftliche Laufbahn eintreten zu lassen. Zunächst in der Stadtschule zu Naumburg niedriger gesetzt, als er verdient zu haben glaubte, trat er gleich nachher in die dortige Domschule (nach Ostern 1777) und entwickelte sich nun unter der Leitung tüchtiger Lehrer, vor allen des Rector Lobeck[WS 1], so schnell und entschieden, daß man sehr große Hoffnungen an ihn zu knüpfen begann. Obgleich er äußerlich fort und fort mit Noth zu kämpfen hatte, – er bewohnte ein dunkles Stübchen im Hause des Todtengräbers und hatte nur durch den Chordienst manche Erleichterung, – bewahrte er doch die ganze Heiterkeit des Gemüths im Umgange mit strebsamen Freunden, und seine Studien dehnten sich rasch über das ganze Gebiet der orientalischen Sprachen aus. Im J. 1783 bezog er die Universität Leipzig, um Theologie zu studiren. Daß auch hier seine Lage eine sehr drückende war, hinderte ihn wieder nicht an kräftigem Aufstreben. Er hörte die theologischen Vorlesungen von Morus, Buscher[WS 2], Dathe, die philologischen von Reiz, A. W. Ernesti und Beck, die philosophischen von Platner und Wieland[WS 3], die historischen von Wenck, die mathematischen von Gehler. Als Amanuensis[WS 4] des Orientalisten Dathe wurde er dessen Hausgenosse, was ihn auch wissenschaftlich förderte; in seinen philologischen Studien brachte ihn besonders die Verbindung mit Beck vorwärts, in dessen philologische Gesellschaft er 1785 eintrat. Bald auch zu kleinen litterarischen Leistungen ermuntert, – er schrieb 1785 „Poeseos Leontini Tarentini specimen“ und 1788 „De choro Graecorum tragico“ – erhielt er damals noch weitere Anregung durch den Unterricht, welchen er einem später zu höchstem Ruhme gelangten Schüler, Gottfried Hermann, zu ertheilen hatte. Magister geworden, sah er noch in seiner letzten akademischen Zeit durch schwere Krankheit sich gehemmt; doch schrieb er eben damals seine treffliche Abhandlung „De Jobi antiquissimi carminis Hebraici natura et virtutibus“ (1788). Im December 1789 übernahm er das Rectorat der Stadtschule in Naumburg, an welcher er als Schüler einen so unerfreulichen Anfang gehabt hatte. Er brachte alsbald neues Leben in den Unterricht dieser Anstalt und richtete die gesunkene Disciplin derselben kräftig auf; sein auch für Privatstunden in Anspruch genommener Fleiß war außerordentlich. Erst nach vier Jahren entschloß er sich zu einer Ehe, die ihn sehr beglücken sollte. Aber bereits 1794 wurde er als Nachfolger Eichhorn’s an die damals in hoher Blüthe stehende Universität Jena berufen, deren Leben dann in der wirksamsten Weise ihn erheben sollte, wie es ihn auch für die Kantische Philosophie gewann. Nachdem er durch die Dissertation „De notione tituli filii Dei Messiae hoc est uncto Jovae in libris sacris tributi“ in die Kreise der akademischen Lehrer sich eingeführt hatte, begann er eine überaus rege, obschon nicht durchweg fesselnde und Zuneigung zu ihm selbst weckende Thätigkeit: seine Vorlesungen richteten sich zwar zunächst auf die orientalischen Sprachen und die Erklärung des Pentateuch, der Psalmen, des Jesaja, der Apokryphen des Neuen Testaments; aber privatim erklärte er auch den Homer, Cicero’s Bücher de natura deorum, und privatissime gab er noch, und mit lohnendem Erfolge, zu Uebungen im Schreiben und Sprechen des Lateinischen Anleitung, namentlich den damals in großer Zahl nach Jena sich wendenden Ungarn. Gern las er gelegentlich auch über Geschichte der Philosophie. Auch seine schriftstellerische [21] Thätigkeit ging nach verschiedenen Seiten auseinander. Als Philolog erwarb er sich damals (1796) durch die Ausgabe der Homerischen Hymnen ein höheres Verdienst, das doch auch die strenge Kritik seines frei aufstrebenden Schülers Hermann (in der Jenaischen Litt.-Zeitung 1802) weder verdunkeln sollte noch konnte; bald darauf (1798) erschien seine Ausgabe der „Σκόλια Graecorum“; seine „Opuscula varia philologica“ aber (1797), vereinigten in der Hauptsache seine Jugendarbeiten. Als Theolog brachte er durch die Schrift „Die Urkunden des Jerusalemischen Tempelarchivs in ihrer Urgestalt“ (1. Theil 1798) in die wissenschaftliche Kritik des Alten Testaments eine ganz eigenthümliche Bewegung, während das Buch „Die Geschichte Tobi’s nach drei verschiedenen Originalen übersetzt und mit Anmerkungen, auch einer Einleitung versehen“ (1800) in anderer Beziehung Aufmerksamkeit erweckte. Als nun aber 1801 der Rector Heimbach in Pforta nach längerem Kränkeln gestorben war, erging an I. von der Regierung in Dresden, nach dem Rathe Hermann’s, der Ruf, die Leitung der berühmten Anstalt zu übernehmen. Und er that es mit Freuden, weil er fühlte, daß er für keinen Wirkungskreis so sehr berufen sei, als für den des Schulmanns. Er wurde am 31. Mai 1802 in sein Amt eingeführt, unter Verhältnissen, welche die Führung desselben doch sehr erschweren konnten. Die Bande der Schulzucht waren gelockert, der Fleiß der Schüler hatte sehr nachgelassen, und so waren gerade die Vorzüge, welche man so gern dieser geschlossenen Anstalt nachrühmte, im Schwinden begriffen. Da faßte I. die Dinge mit starker Hand an. Freilich erschwerten ihm mancherlei Schwächen der älteren und die unsichere Stellung der jüngeren Lehrer (Collaboratoren) sein Wirken zu Zeiten sehr, und seine Stellung zu den Amtsgenossen war niemals für diese eine solche, daß herzlicher Anschluß und festes Zusammenwirken ihnen leicht geworden wäre. Den Schülern gegenüber bewahrte er stets eine so ernste und würdevolle Haltung, daß dadurch allein schon vieles Ungehörige fern gehalten wurde. Doch hatte er unter Umständen auch gütige Worte für sie und konnte wol einmal einem recht tüchtigen Schüler sagen: „Das habe ich in Ihrem Alter noch nicht gewußt, was Sie wissen“ (Archiv für Sächs. Geschichte, VII. 9). In seinen Lectionen beschränkte er sich auf Horaz und die philosophischen Schriften Cicero’s, womit, wie von selbst, eine Geschichte der Philosophie in Verbindung trat, außerdem erklärte er die Psalmen. Vielleicht ging er in seinem Unterrichte etwas zu langsam vorwärts, vielleicht widmete er auch der Kritik zu viel Zeit; aber anregend und bildend wirkte sein Verfahren immer. Besonders förderlich war sein Verfahren bei den lateinischen Schreibübungen. Die schriftlichen Prüfungen erhielten durch ihn einen Charakter, bei der jede Kraft geweckt und zu freier Selbstthätigkeit gebracht werden konnte. Die Bibliothek der Anstalt wurde erst durch ihn in feste Ordnung gebracht und nach festem Plane erweitert. Daß auch die Administration der äußeren Verhältnisse, das Bauwesen, die Oekonomie, die Erweiterung des Besitzes, den unermüdlichen Mann fortwährend stark in Anspruch nahm, versteht sich von selbst. Der Sturm des Krieges von 1806 ging über die Pforta dahin, ohne bleibende Nachtheile zurückzulassen. Mit dem J. 1808 wurden in ihrem Unterrichte Reformen herbeigeführt, welche auch I. als nothwendig erkannte und, obschon die damit verbundenen Mühen seine Berufstreue auf harte Proben stellten, beharrlich durchzuführen strebte. Aber die mit dem J. 1812 gekommenen Kriegsereignisse, oft schwer beunruhigend für ihn, führten dann in eine Katastrophe hinein, die seinem Herzen tiefe Wunden schlug und die Fortführung seines Wirkens in der bisherigen Weise ihm bald unerträglich zu machen schien. Die Entscheidung des Wiener Congresses, welche Sachsen theilte, brachte auch Pforta unter preußische Regierung. Damit begann für I. eine Zeit großer Kämpfe und Sorgen. Die sehr rasch [22] beginnenden Neuerungen waren, obschon mit Schonung eingeleitet, zum Theil gar nicht in seinem Sinne, ja sie schienen ihm den soliden Bestand der so lange gepflegten und erprobten Einrichtungen ernstlich zu bedrohen. Freilich erkannte die preußische Regierung, die ihm damals auch die Würde eines Consistorialrathes verlieh, seine Tüchtigkeit und seine Verdienste völlig an und wußte es auch zu schätzen, daß er einen Ruf zur Leitung des Gymnasiums in Weimar ablehnte; aber sein entschiedenes, fast hartnäckiges Ankämpfen gegen Aenderungen, welche die Regierung als nothwendig erkannt hatte, brachte diese doch auf den Gedanken, ihn als Professor der Theologie an eine Universität (Halle oder Berlin) zu versetzen. Indeß schloß diese bange Uebergangszeit mit dem Jahre 1820, seit welchem er entschiedener in die neue Ordnung sich einlebte, und als im September 1824 der damalige Leiter des höheren Schulwesens in Preußen, Johannes Schulze, unter Ilgen’s treuer Mitwirkung, persönlich durchgreifende Veränderungen herbeiführte, gewann alles eine befriedigende Gestalt. Auch brachte in jenen Jahren der Eintritt neuer Lehrer, des Mathematikers Jacobi, des Philologen Neue[WS 5], des Litterarhistorikers Koberstein, frisches Leben in den Unterricht (vgl. Schönborn, Schulreden, 9 ff.). I. erlebte jetzt auch eine erfreuliche Vermehrung der Lehrmittel und wurde 1826 durch Verleihung des rothen Adlerordens ausgezeichnet. Die Beweise der Theilnahme und Dankbarkeit, zu denen im nächsten Jahre sein silbernes Rectorjubiläum auffordern konnte, hatte er fast ängstlich fern zu halten gesucht; um so größere Freude aber machte ihm dann doch der unerwartete Besuch seines berühmten Schülers Hermann. Bemerkenswerth kann es erscheinen, daß der sonst als Theolog und Philolog so thätige Mann in diesen späteren Jahren, die nur noch seine „Animadversiones ad Vergilii Copam“ brachten (1820), besonderen Fleiß der Erforschung der Landesgeschichte zuwandte, wie er denn zu den Gründern des thüringisch-sächsischen Alterthumsvereins gehörte. Aber auch numismatische Betrachtungen beschäftigten ihn damals, und gelegentlich unterhielt er sich auch mit dem Sammeln und Ordnen verschiedener Hölzer. Indeß seine körperliche Hinfälligkeit und besonders das Schwinden der Sehkraft bestimmten ihn, seine Entlassung aus dem mühevollen Wirkungskreise zu erbitten, und im April 1831 siedelte er nach Berlin über, wo sein einziger Sohn bereits seit Jahren als Lehrer thätig war. Der Umgang mit W. v. Humboldt, Neander, Marheineke, Böckh, Hufeland, die er zum Theil längst persönlich kannte, gab ihm vielfache Anregung und Erquickung, während die Kränklichkeit des Sohnes ihm bald ernste Sorge bereitete. Da erblich seine Sehkraft völlig; eine Operation, welcher er sich unterzog, ließ ihm nur kurze Hoffnung. Und in der Mitte des September 1834 traf ihn ein Schlaganfall, der schon am dritten Tage seinem Leben ein Ende machte. Die Nachricht von seinem Tode weckte in dem weiten Kreise seiner Freunde und Schüler lebhafte Trauer, die in mancherlei Veranstaltungen der Pietät sich kund gab. Sein häusliches Leben war nicht ohne schmerzliche Verluste geblieben; aber bis zuletzt hatte eine zärtliche Gattin hülfreich und tröstend ihm zur Seite gestanden. Seine Lebensgewohnheiten waren die eines schlichten Gelehrten gewesen, der in seiner Berufssphäre seine Welt erkannt; aber diese Sphäre hatte er doch auch wieder nach großen Gesichtspunkten und als ein durchaus charaktervoller Mann beherrscht.

J. C. Kraft[WS 6], Vita C. Dav. Ilgenii. Cum effigie. Altenburg 1837, 8. Stern, Narratio de C. D. Ilgenio. Hannover 1839. Kirchner, Die Landesschule Pforta in ihrer geschichtlichen Entwickelung seit dem Anfange des 19. Jahrhunderts (Naumburg 1843), S. 73 ff. K. Geo. Jacob, A. Glob. Lange’s vermischte Schriften und Reden, mit einer Biographie Lange’s, Leipz. 1832. In Ilgen’s Thätigkeit während der sächsischen Periode führt vortrefflich [23] ein die Schrift von Schmidt und Kraft, Die Landesschule Pforta ihrer gegenwärtigen und ehemaligen Verfassung nach dargestellt. Schleusingen 1814, 8.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vater des Philologen Christian August Lobeck (1781–1860).
  2. Gemeint ist Joh. Friedrich Burscher.
  3. Ernst Carl Wieland (1755–1828), Professor der Philosophie in Leipzig.
  4. Amanuensis: Sekretär (eines Gelehrten)
  5. Christian Friedrich Neue (1799–1886), seit 1824 Professor in Pforta, später dann in Dorpat.
  6. Gemeint ist Fridericus Carolus Kraft.