ADB:Marheineke, Philipp Conrad

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Artikel „Marheineke, Philipp Konrad“ von Julius August Wagenmann in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 20 (1884), S. 338–340, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Marheineke,_Philipp_Conrad&oldid=- (Version vom 22. April 2019, 00:56 Uhr UTC)
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Marheineke: Philipp Konrad M., protestantischer Theolog des 19. Jahrhunderts, geboren den 1. Mai 1780 in Hildesheim, † den 31. Mai 1846 in Berlin. Abstammend aus einer alten und angesehenen Bürgerfamilie, Sohn eines Gastwirths und Senators, hatte er vom Vater den praktisch-verständigen Sinn, von der Mutter die Tiefe des Gemüthes geerbt, zeigte frühe wissenschaftliche Begabung und Neigung zum Predigtamt, besuchte das Gymnasium Andreanum seiner Vaterstadt und bezog 1798 die Universität Göttingen zum Studium der Philosophie und Theologie, in der besonders Ammon, Planck und Stäudlin auf ihn Einfluß übten. Nach Absolvirung seiner Studien bekleidete er kurze Zeit eine Hauslehrerstelle im Mecklenburgischen, kehrte aber bald zur akademischen Laufbahn zurück, wurde 1803 Dr. phil. in Erlangen, 1804 theologischer Repetent in Göttingen, 1805 als außerordentlicher Professor der Theologie und Universitätsprediger nach Erlangen berufen. Hier schrieb er, nachdem er schon früher einige Predigten und kleinere Abhandlungen herausgegeben, den ersten Band einer (freilich unbeendet gebliebenen) Universalhistorie des Christenthums 1806, worin er den Versuch macht, die Ideen der Schellingischen Philosophie auf die Kirchengeschichte anzuwenden und diese darzustellen als einen Kampf gewaltiger Geistesströmungen, als einen Spiegel des göttlichen Weltplans; darauf folgte der erste Theil einer „Geschichte der christlichen Moral“, 1806, nebst einigen kleineren Arbeiten. Diese Leistungen verschafften ihm 1807 einen Ruf nach Heidelberg, wo er 1809 ordentlicher Professor der Theologie wurde, mit Männern wie Daub, Creuzer, de Wette, Schwarz, aber auch mit den Romantikern Brentano, Arnim, Görres etc. in Beziehung trat und neben anderen kleineren Arbeiten sein bedeutendstes Werk verfaßte: sein „System des Katholicismus in seiner symbolischen Entwickelung“, Heidelberg 1810–1813 in drei Bänden erschienen, ein Werk, das durch seine gründliche und objective Darstellung des katholischen Lehrsystems von grundlegender Bedeutung für die Wissenschaft der Symbolik geworden ist. Schon im Frühjahr 1811 aber folgte er, von der Heidelberger Facultät zum Dr. theol. creirt, einem Ruf an die neugegründete Universität [339] Berlin. Seine 35jährige Berliner Wirksamkeit als Professor an der Universität, später zugleich als Prediger an der Dreifaltigkeitskirche und als Konsistorialrath war für ihn eine Zeit reicher und fruchtbarer Arbeit, aber auch vielfacher Wandlungen und Kämpfe. Seine Vorlesungen umfaßten die verschiedensten theologischen Fächer: Kirchen- und Dogmengeschichte, später vorzugsweise die systematische Theologie, Dogmatik, Moral, Symbolik, aber auch praktische Theologie, Homiletik und Kirchenrecht. Von seinen literarischen Arbeiten aus der Berliner Zeit sind vor Allem zu nennen seine reformationsgeschichtlichen Werke, wozu die beiden Jubiläumsjahre 1817 und 1830 ihm den äußeren Anlaß boten: seine „Geschichte der teutschen Reformation,“ von der 1816 zunächst 2 Bände, 1831–1834 dann eine zweite Auflage und Fortsetzung in 4 Bänden erschien, ausgezeichnet durch objective Quellenmäßigkeit und kernhafte Darstellung; hieran schloß sich dann noch eine kurze Darstellung der deutschen Reformationsgeschichte (Berlin 1846). Fast möchte man bedauern, daß er sich in späteren Jahren mehr der Dogmatik zuwandte, die er in dreifacher Gestalt bearbeitet hat, zuerst nach Schelling’schen Prinzipien 1819 in seinen „Grundlehren der christlichen Dogmatik“, dann unter dem Einfluß der Hegel’schen Philosophie in den „Grundlehren der Dogmatik als Wissenschaft“ 1827 und in den nach seinem Tod herausgegebenen „Vorlesungen über das System der christlichen Dogmatik“ (Berlin 1847). In der Hegel’schen Philosophie glaubte er jetzt dasjenige philosophische System gefunden zu haben, welches die Wahrheit aller vorangegangenen Systeme in sich aufgehoben und aufbewahrt habe, und welches ebendarum auch das beste Mittel biete zum wahren Verständniß des Christenthums, zur richtigen Bestimmung des Verhältnisses von Glauben und Wissen wie von Kirche und Staat. Jahrzehnte lang galt M. geradezu als der Hauptvertreter der Hegel’schen Philosophie auf dem Gebiet der Theologie, als das eigentliche Haupt der sogenannten Hegel’schen Rechten, d. h. desjenigen Theiles der Schule, der die Vereinbarkeit dieser Philosophie mit dem positiven Christenthum behauptete. Wie hoch er Hegel persönlich gehalten, bezeugen seine an dessen Grab gesprochenen Worte (Berlin 1831), seine Betheiligung an der Herausgabe der Hegel’schen Werke, speziell der Vorlesungen über Religionsphilosophie (1832), seine Mitarbeit an den Berliner Jahrbüchern für wissenschaftliche Kritik, besonders aber seine 1835 und 1841/42 gehaltenen Vorlesungen über die Bedeutung der Hegel’schen Philosophie in der christlichen Theologie, von welchen er 1842 die Einleitung, 1843 den Schluß „Zur Kritik der Schelling’schen Offenbarungsphilosophie“ herausgab. Aber gerade sein Verhältniß zur Hegel’schen Schule war es auch, das ihm in den letzten Jahren seines Lebens noch mancherlei Kämpfe und Anfechtungen bereitete, zumal als einerseits innerhalb jener Schule die Spaltung in eine conservative und radicale Fraction, eine sogenannte Rechte und Linke, immer offener hervortrat und als andererseits die Hegel’sche Philosophie selbst ihre Herrschaft im preußischen Staat wie in der Wissenschaft mehr und mehr verlor. Einen Wendepunkt in Marheineke’s Wirken bezeichnet insbesondere das Jahr 1840, der Regierungsantritt König Friedrich Wilhelms IV. und der Eintritt Eichhorns in das preußische Unterrichtsministerium. So sehr aber auch seit dieser Zeit sein Einfluß zurücktrat, so hörte er doch nicht auf, an den Fragen des öffentlichen Lebens wie an den wissenschaftlichen Kämpfen sich zu betheiligen, die ihm verderblich scheinenden Richtungen eines modernen Pietismus und Orthodoxismus zu bekämpfen und insbesondere für die Forderung der akademischen Lehrfreiheit, wo ihm diese bedroht schien, wie für eine Reform der Kirche durch den Staat (1844) einzutreten. Mehr und mehr aber machten bei dem früher so kräftigen Manne die Gebrechen des Alters sich geltend: zunehmende Nervenschwäche hielt ihn zuerst längere Zeit von Katheder und Kanzel fern (1844) und als er im Frühjahr 1846 noch einmal neu gekräftigt zu der [340] alten Thätigkeit glaubte zurückkehren zu können, brachte ein plötzlicher Rückfall ihm den Tod – am Pfingstfest 1846. Aus seinem Nachlaß haben seine beiden Schüler St. Matthies und W. Vatke einen Theil seiner theologischen Vorlesungen in 4 Bänden herausgegeben (1. Moral 1847; 2. Dogmatik 1847; 3. Symbolik 1848; 4. Dogmengeschichte 1849); dem ersten Band ist eine Lebensskizze vorausgeschickt. Eine kurze treffende Schilderung von Marheineke’s Persönlichkeit hat kürzlich Martensen entworfen, der ihn 1834 in Berlin kennen lernte: „In seinem Aeußeren hatte er etwas Priesterliches oder Prälatenhaftes, das mit einer gewissen Grandezza verbunden war. Er machte nicht den Eindruck der Genialität, aber der Gediegenheit und Gründlichkeit. Seine Vorlesungen über Symbolik waren außerordentlich interessant und lehrreich. Alle kirchlichen Handlungen verrichtete er mit besonderer Würde. Seine Predigten hatten einen soliden Inhalt, entbehrten aber des Fesselnden wie des Erwärmenden.“

Außerdem vergleiche die Werke über neuere Kirchengeschichte und Geschichte der Theologie von Gieseler, Dorner, Gaß, Baur, Nippold, Landerer etc., eine französische Monographie von A. Weber, Straßburg 1857 und die beiden Artikel über ihn in der theol. Real-Enc. 1. und 2. Aufl., wo auch ein vollständiges Verzeichniß seiner Schriften.