ADB:Otto III. (Kaiser)

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Artikel „Otto III., deutscher Kaiser“ von Ferdinand Gregorovius in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 24 (1887), S. 611–621, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Otto_III._(Kaiser)&oldid=2489449 (Version vom 17. Dezember 2018, 16:17 Uhr UTC)
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Otto III., deutscher Kaiser, Sohn Otto’s II. und der Byzantinerin Theophano, wurde im Juli 980 in der Silva Ketil, dem Kettelwalde geboren, welcher Ort bei Nymwegen gesucht werden muß. Nach achtjähriger Ehe, aus der nur Töchter entsprossen waren, beglückte den Kaiser die Geburt dieses ersehnten Erben. Nach dem gewaltigen Großvater nannte er ihn. Ein paar Monate war das Kind alt, als die Angelegenheiten des Reichs seinen Vater nach Italien riefen. Otto II. brach dorthin im September 980 auf, und Gemahlin und Sohn mußten ihn begleiten. Da hat das Kind zum ersten Mal die Waffen eines Romzuges blitzen gesehen, und den milden Hauch der Lüfte des ihm verhängnißvollen Landes empfangen.

In Pavia traf Otto II. mit seiner Mutter, der Kaiserinwittwe Adelheid zusammen, dann zog er über Ravenna nach Rom, und von hier nach Unteritalien. Seine Gemahlin war mit ihm. Wenn er sich, wie man annehmen darf, auch vom Sohne nicht trennte, so hat dieser seinen Vater nach der schrecklichen Niederlage bei Squillace als Flüchtling in Rossano erscheinen sehen, und er war im zarten Alter von drei Jahren Zeuge jener erschütternden Katastrophe. Im Juni 983 kam die kaiserliche Familie nach Verona, wohin Otto II. die Fürsten Deutschlands und Italiens zu einem Reichstage entboten hatte. Von den Anstrengungen seiner Feldzüge erschöpft, vielleicht schon den baldigen Tod ahnend, sicherte der Kaiser seinem Sohne die Nachfolge, indem er ihn auf jenem Reichstage zum Könige erwählen ließ und dann befahl, die Krönung des Kindes am Weihnachtsfest in Aachen zu vollziehen. Er selbst ging mit Theophano nach dem Süden zurück, während der Sohn den heimkehrenden deutschen Fürsten übergeben wurde.

Am 25. December 983 wurde Otto III. von den geistlichen Repräsentanten beider Länder, den Erzbischöfen Willigis von Mainz und Johannes von Ravenna unter dem Jubel der Großen und des Volkes gekrönt, und noch wußte man nicht, daß sein Vater schon im Grabe lag. Am 7. December war Otto II. in Rom gestorben und dann von seiner Gemahlin im S. Peter bestattet worden. Erst drei Jahre alt war sein Nachfolger, der König Deutschlands und Italiens, der Erbe des Kaiserthums. Seine Mutter war fern in Rom, seine Großmutter, die Statthalterin des lombardischen Königreichs, fern in Oberitalien; er selbst befand sich unter Fremden, in der Obhut des Erzbischofs Warin von Köln. Die alte Zwietracht der Deutschen erwachte, und Haß und Ehrgeiz regten jene Großen auf, welche Otto II. nur mit Mühe gebändigt hatte. Deutschland, augenblicklich ohne Regierung, spaltete sich in zwei Parteien, von denen die eine nicht dulden wollte, daß eine Fremde und Griechin als Vormünderin ihres Kindes das Reich verwalte, die andere aber ihre Rechte für legitim erkannte. Ein Jahr lang wurde um die Vormundschaft gestritten, so daß der Bau des ottonischen Staates den Zusammenbruch drohte und es zweifelhaft war, ob dem verlassenen Kinde die Krone der Väter verbleiben werde.

Zum Reichsregenten warf sich jener ruhelose Heinrich der Zänker auf, der ehemalige Herzog von Baiern, welchen Otto II. geächtet hatte, und den jetzt der Bischof Poppo aus der Haft in Utrecht entließ. Alsbald erschien er in Köln, und gewann für sich Warin, der ihm den Knaben überlieferte. Heinrich erklärte sich zu dessen rechtmäßigem Vormunde, und er strebte offen nach dem Königthum; als König begrüßte ihn seine Partei, uneingedenk des dem Kinde geleisteten Eides. Mit dem Usurpator hielten manche weltliche Große und die [612] Bischöfe Warin von Köln, Ekbert von Trier, Giseler von Magdeburg, Theodorich von Metz, endlich die Bischöfe Baierns. Ehrgeiz trieb ihn, selbst bei Polen und Böhmen Hilfe zu suchen, und den König Frankreichs, der sich jüngst für Otto III. erklärt hatte, durch das Versprechen der Abtretung Lothringens auf seine Seite zu ziehen. Allein die mächtigsten Fürsten, Bischöfe und Stämme Deutschlands retteten dem letzten der Ottonen das Reich. Die Herzöge Konrad von Schwaben, Bernhard von Sachsen, Heinrich der Jüngere von Baiern, der Erzkanzler Willigis blieben ihm treu, während in Lothringen seine Rechte von dem Grafen Gottfried und dessen Bruder Adalbero von Reims verfochten wurden. Diesem letzteren stand mit unermüdlichem Eifer zur Seite der genialste Mann der Zeit, Gerbert, ein Günstling Otto’s II. Das frevelhafte Spiel Heinrichs war schon verloren, als Theophano, von Willigis gerufen, mit der alten Kaiserin Adelheid in Deutschland erschien. Hier wurde auf dem Tage zu Rara am 29. Juni 984 der Zänker gezwungen, das königliche Kind jenen Kaiserinnen auszuliefern, und Theophano zur Vormünderin und Reichsregentin erklärt. Heinrich entsagte bald darauf seinen Ansprüchen; er erhielt Baiern zurück, während Heinrich der Jüngere mit dem davon abgetrennten Kärnthen und der Mark Verona entschädigt wurde.

Sieben Jahre lang führte die kluge Byzantinerin das Reichsregiment. Den Trotz der Herzöge zügelnd, die nach Selbständigkeit strebten, die Slaven von den Ostmarken abwehrend, hielt diese Griechin Deutschland zusammen, das Ottonische Reichsprincip aufrecht, und sie wahrte dem Sohne auch den ererbten Besitz Italiens. Der Knabe wuchs in der Pflege der Mutter und Großmutter auf. Die Laute dreier Sprachen drangen zu seinem Ohr, der deutschen, griechischen und romanischen; in seinen Adern mischte sich das Blut Griechenlands und Deutschlands. Zum Höchsten war er berufen, mit den Weltideen der Kirche und des Reichs war sein Leben von der Wiege an verknüpft, und seine lebhafte Phantasie erfüllten Bilder fremder Majestät und Herrlichkeit, des byzantinischen Orients, dem seine Mutter angehörte, und Roms, wo sein ruhmvoller Großvater die Krone Constantins für das Sachsenhaus erworben hatte, und sein eigner kaiserlicher Vater im Dom des Apostelfürsten in einem antiken Marmorsarkophag bestattet lag.

Den Unterricht des Knaben leiteten deutsche Cleriker, und ein calabresischer Grieche weihte ihn in das Studium des Griechischen ein. Dies war Johannes, welcher arm an den Hof Otto’s II. gekommen und ein so bevorzugter Günstling Theophano’s geworden war, daß er sogar Taufpathe ihres Sohnes sein durfte. Durch die Kaiserin erlangte er das Bisthum Piacenza. Als er deshalb im J. 988 ihren Hof verließ, empfahl Willigis zum Lehrer Otto’s den jungen Cleriker Bernward, und dieser blieb bei seinem Zöglinge bis 993, wo er Bischof von Hildesheim wurde. In den ritterlichen Künsten erzog Otto ein tapferer Sachse Hoiko. Den Deutschen darzuthun, daß sie den Sohn zur Mannhaftigkeit heranbilde, ließ Theophano den sechsjährigen Knaben mit dem thüringischen Heer gegen Boleslaw von Böhmen ausziehen. Der Erfolg dieses Krieges war die Sicherstellung der Mark Meißen, in welcher der mächtige Ekkard als Graf gebot. Auch später mußte der junge König die Kriegszüge gegen die Wenden begleiten. Es galt die Germanisirung des Oder- und Elbegebiets, wo die Slavenvölker unablässig einbrachen, während die Normannen und Dänen die Nordseeküsten heimsuchten. Nur mit Mühe konnte die deutsche Colonisation in den Ostmarken behauptet werden. Die Westgrenze bot keine Schwierigkeiten dar; dort aber vollzog sich der folgenschwere Wechsel der westfränkischen Dynastie, als Hugo Capet, nach dem Tode des letzten karolingischen Königs Ludwigs V. im Mai 987, die Krone erlangte und das neue französische Königreich stiftete.

So gesichert war das Regiment Theophano’s, daß die Reichsverweserin im [613] Winter 988 nach Rom gehen konnte, wohin sie der unfähige Papst Johann XV. rief; denn hier hatten die nach der städtischen Freiheit strebenden Römer Johannes Crescentius zum Patricius aufgestellt. Die unruhige Stadt nahm jedoch ohne Widerspruch die Regentin Theophano auf: sie schloß mit den Römern einen Vergleich, ließ dem Crescentius zwar das Amt des Patricius, brachte aber die Rechte ihres Sohnes zur Anerkennung, indem sie in Rom und Italien wie ein Kaiser waltend und gebietend auftrat. Erst im Sommer 990 kehrte sie heim. Prachtvoll feierte sie mit ihrem elfjährigen Sohne das Osterfest in Quedlinburg, dann starb diese kühne, ausgezeichnete Frau, noch nicht vierzig Jahre alt, am 15. Juni 991 zu Nymwegen. Mit ungewöhnlicher Klugheit und Kraft hatte sie, die Griechin, sich als Reichsverweserin behauptet, den Staatsgedanken Ottos des Großen fortgesetzt und ihrem Sohne die Herrschaft in Deutschland und Italien zu sichern vermocht. Die Vormundschaft über ihn übernahmen jetzt seine Großmutter Adelheid, die ehrwürdigste Frau ihrer Zeit, und der Erzkanzler Willigis mit einem Beirath der Reichsfürsten. Im Jahre 995 wurde der junge König mündig. Er war zu einem schönen, geistvollen Jünglinge herangewachsen, mit so viel Kenntnissen ausgerüstet, daß er den Sachsen schon damals als ein Wunder erschien. Fast in jedem Jahre hatte er die Kriegszüge gegen die Wenden mitgemacht, und auch an der Wiedereroberung Brandenburgs und Mecklenburgs theilgenommen. Das Kriegshandwerk war ihm nicht fremd, aber diese endlosen Kämpfe mit rohen Barbaren, die Märsche durch Sümpfe und Wälder, die Eroberung elender Dörfer und Burgen konnten keinen Reiz weder für die sensitive Seele, noch für den hochfliegenden Sinn eines Jünglings haben, welchem die Kaiserkrone in Rom winkte. Zum Kriegsfürsten war Otto III. nicht geboren, nur was mit Weltideen in Verbindung stand, hatte Werth für ihn. Die Aufgaben, zu denen er als Erbe des Reichs berufen war, steigerten seinen für alles Erhabene empfänglichen Geist zu den kühnsten Träumen künftiger Größe. Schon jetzt warb er, wie sein eigner Vater gethan hatte, um eine byzantinische Prinzessin, und ohne Zweifel hatte schon Theophano an die Fortsetzung der Verschwägerung mit Byzanz gedacht. Die Bischöfe Johannes von Piacenza und Bernward von Würzburg wurden als Brautwerber nach Constantinopel abgeschickt.

Der Erzkanzler aber stellte dem jungen Könige vor, daß es Zeit sei nach Rom zu ziehen, um die Kaiserkrone zu holen, und immer dringender forderte dies auch der von Crescentius tyrannisirte Papst. Das Sachsenhaus war durch Otto I. mit Italien und Rom unauflöslich verbunden; was seine Väter dort errungen, mußte auch Otto III. gewinnen und fortführen: die Kaiserkrone mußte bei Deutschland bleiben und der Einfluß der Reichsgewalt auf das Papstthum gesichert werden. Dieses selbst lag noch in tiefer Erniedrigung, aber geistliche Strömungen gaben überall Zeugniß von einem neuen religiösen Leben, welches die reformbedürftige Kirche durchdrang. Von Frankreich her wirkte mit steigender Macht der Orden der Cluniacenser; in Italien stifteten große Heilige, wie Sanct Nil in Calabrien, und Romuald in Ravenna Schulen einsiedlerischer Andacht: Ungarn und die Slavenländer boten der christlichen Mission ein weites Feld dar. Geistliche Elemente beherrschten auch den deutschen Hof, zumal unter der Regentschaft jener kaiserlichen Frauen; Bischöfe waren die Lehrer, die Freunde und Staatsmänner Otto’s III. Prinzessinnen seines königlichen Hauses trugen den Schleier. Seine Tante Mathilde war Aebtissin von Quedlinburg, und der feierlichen Einkleidung seiner Schwester Adelheid als Nonne wohnte er dort im J. 995 bei. Religiöse Schwärmerei erfüllte seine Seele seit der Kindheit; in einer von Weihrauchwolken der Klöster durchzogenen Atmosphäre war er herangewachsen. Reich und Kirche bildeten naturgemäß die Pole, in denen seine [614] Weltanschauung gipfelte, aber wenn Ruhmsucht ihn trieb nach fürstlichem Glanz zu streben, so lehrte ihn zugleich die Religion der Mönche, daß der höchste Triumph des Christen die Selbsterniedrigung sei. Zwischen den beiden Extremen der Weltgröße und der Weltentsagung hat die idealistische Natur Ottos III. beständig geschwankt. Nach einem Wendenkriege, wozu die Herzöge Polens und Böhmens als Vasallen Heeresfolge leisteten, und nach der nothdürftigen Beruhigung der Nordostmarken, vereinigte Otto im Februar 996 bei Regensburg frohlockend sein Heer zur Romfahrt. Glänzende Ritterschaaren zogen ihm zu, und mächtige Bischöfe, an ihrer Spitze der Erzkanzler Willigis, umgaben ihn. Der Zug ging über den Brenner nach Verona, wo der junge Sohn des Dogen Venedigs den König begrüßte. Das Osterfest wurde in Pavia gefeiert, und hier huldigten ihm die italienischen Fürsten. Hier aber vernahm er den Tod des Papstes. Johann XV., durch Nepotismus und Habsucht den Römern verhaßt, war schon im vorigen Jahre von Crescentius vertrieben worden und hatte sich zum Markgrafen Hugo von Tuscien geflüchtet, dem treuesten Anhänger Deutschlands; dann aber war er unter dem Eindruck des nahenden Romzuges Otto’s in die Stadt zurückgerufen worden, wo er, seinem Befreier entgegensehend, vor Ostern 996 starb. In Ravenna empfing Otto unterwürfige Boten des römischen Volks, die ihn aufforderten, der Christenheit einen neuen Papst zu geben. Auch dies war die Wirkung seines Romzuges. Crescentius und seine Faction wagten es nicht, das Recht der Papstwahl zurückzufordern, welches Otto I. den Römern genommen und an die deutsche Krone gebracht hatte.

Die Besetzung des heiligen Stuhls war die erste weltgeschichtliche Handlung, wozu sich der junge König berufen sah, ehe er selbst noch die Kaiserkrone genommen hatte; er bestimmte zum Papst seinen eigenen Vetter, den Caplan Bruno, den Sohn des Markgrafen Otto von Verona. Bruno war erst 24 Jahre alt, ein wohlgebildeter Mann von feurigem Temperament. Willigis und Hildebald von Worms führten ihn alsbald nach Rom, und ohne Widerspruch bestieg der erste Papst deutscher Nation am 3. Mai 997 den heiligen Stuhl. So war auch das Papstthum an das Sachsenhaus gebracht. Nicht nur die Deutschen jauchzten diesem großen Ereigniß zu, auch in Frankreich und Italien hofften die Frommen, vor allen die Cluniacenser auf die baldige Erhebung der Kirche aus ihrem tiefen Verfall.

Am 21. Mai setzte Gregor V. seinem Verwandten die Kaiserkrone auf’s Haupt. Dann versammelten beide am 25. eine Synode, um die Rebellen, welche zuvor Johann XV. vertrieben hatten, zu richten. Crescentius und andere Große wurden mit dem Exil bestraft, doch Gregor V. wollte seine Herrschaft mit Milde beginnen, und so ward jenen verziehen. Crescentius schwur den Treueid und blieb unangefochten in Rom. Der Anblick der „goldenen Roma“ mit den gewaltigen Ruinen des großen Alterthums begeisterte die Phantasie des jungen Kaisers, während zugleich die Kirchen und Märtyrergrüfte ihn zur Andacht riefen. Er lernte damals im Kloster S. Bonifazio auf dem Aventin Adalbert kennen. Dieser fahrende Slave, seit 983 Bischof von Prag, hatte seinen Sitz schon zweimal verlassen, um in jenem Kloster als Mönch zu leben. Der Böhmenherzog forderte ihn jetzt zum zweiten Mal zurück, und Willigis wie Gregor V. nöthigten ihn dem Rufe zu folgen. Es war damals, daß der böhmische Schwärmer einen tiefen Eindruck auf die Seele des jungen Kaisers machte, und dieser eine enthusiastische Zuneigung zu ihm faßte. So groß auch der Zauber war, welchen Rom schon jetzt auf ihn ausübte, so war er doch noch nicht stark genug, ihn hier festzuhalten. Vielmehr trat Otto nach einem nur dreiwöchentlichen Aufenthalte in der ewigen Stadt die Heimfahrt an. Ueber Foligno und Arezzo ging er nach Pavia, und am 15. September befand er sich [615] in Ingelheim. Die Fürsten und Völker Deutschlands jubelten dem kaiserlichen Jünglinge zu, der, ohne nur das Schwert zu ziehen, so große Erfolge davon getragen, die Kaiserkrone erlangt, den Papst eingesetzt, die Huldigung Roms und Italiens empfangen hatte. So viel Glanz mußte einen unreifen Jüngling blenden und seine überspannte Phantasie in’s Schrankenlose ziehn.

Ein Jahr lang blieb er in Deutschland, Hof haltend in Aachen, Magdeburg, Mainz. Seinen geistlichen Freund Adalbert raubte ihm bald der Tod, denn dieser Bischof war, statt in dem ihm verhaßten Prag seinen Sitz zu nehmen, als Apostel in das Preußenland gezogen und dort am 23. April 997 zum Märtyrer geworden. Seither weihte ihm Otto einen Cultus fast göttlicher Verehrung. Der Einfluß dieses böhmischen Heiligen auf ihn war nur religiöser Natur gewesen, aber bald nahm ein anderer fremdländischer Rathgeber und Freund seinen ganzen Geist gefangen. Dies war der ränkevolle, vielgewandte Franzose Gerbert, der ehemalige Mönch des Klosters Aurillac, dessen Genie, Beredsamkeit und Wissenschaft in der classischen Litteratur und Mathematik schon die Bewunderung Otto’s I. erregt hatte. Otto II. hatte ihm die Abtei Bobbio verliehen, von wo ihn jedoch unerträgliche Verfolgungen nach Reims trieben. Im Vormundschaftsstreite hatte er die Sache Otto’s III. mit Wort und Schrift vertheidigt, dann aber sich dem französischen Hofe zugewendet. Die Gunst Hugo Capets, dessen Sohn Robert er erzog, erhob ihn im J. 991 auf den ersten Bischofsitz Frankreichs, den in Reims, von welchem Arnulf durch die französischen Bischöfe abgesetzt worden war. Gerbert führte jetzt deren heftige Opposition gegen den Primat des Papsts, doch von diesem und auch von Deutschland nicht als rechtmäßiger reimser Metropolit anerkannt, mußte er dieses Processes wegen nach Rom gehen, wo er Otto III. durch seinen Geist bezauberte. Der Kaiser lud ihn nach seiner Rückkehr an seinen Hof in Magdeburg, und hier ließ er sich von ihm im Griechischen und der Mathematik unterrichten. Gerbert befriedigte den Wissensdurst des jungen Monarchen und steigerte zugleich seine Vorstellungen von der Größe, zu der er als Grieche und Römer berufen sei. Diese unklaren Ideen waren auf die Erneuerung des römischen Weltreichs gerichtet, und sie ließen den Jüngling in seinem noch culturlosen Vaterlande unter den „rohen Sachsen“ nicht mehr heimisch werden.

Es war sein Unglück, daß ihn eine Revolution in Rom bald wieder dorthin rief; ohne sie würde er länger im Vaterlande geblieben und unter ernsten Pflichten zum deutschen Manne herangereift sein. Crescentius hatte sich der Gewalt in Rom wieder bemächtigt; der Vertriebene Gregor V. aber war nach Pavia gegangen, wo er den Rebellen excommunicirte. Die Römer wollten jetzt das Joch der Deutschen abwerfen, und sie stellten sogar einen Gegenpapst auf. Derselbe Günstling Theophano’s, Johannes von Ravenna, der Lehrer Otto’s, von seiner Brautwerbung in Constantinopel über Rom heimkehrend, war verblendet genug, die ihm dort von Crescentius im Mai 997 dargebotene Papstkrone anzunehmen. Er nannte sich Johannes XVI. Briefe Gregor’s V. riefen jetzt den Kaiser dringender herbei. Er brach im Herbst zur Romfahrt auf, nachdem er seiner Tante Mathilde die Regierung in Deutschland übertragen hatte. In Pavia feierte er mit dem Papste das Weihnachtsfest, dann führte er diesen am Ende des Februar 998 in das offene Rom zurück. Bestürzung lähmte den Widerstand der Römer, nur die feste Engelsburg behauptete Crescentius. Der Gegenpapst war geflohen, aber die deutschen Reiter ergriffen ihn, und gräßlich verstümmelt wurde er nach Rom gebracht. Vergebens flehte der heilige Nilus um Gnade für seinen verirrten Landsmann; der falsche Grieche wurde durch eine Synode abgesetzt, dann auf einem räudigen Esel durch Rom geführt, um endlich im Kerker [616] zu verschmachten. Trauernd zog der heilige Nil von dannen, dem erbarmungslosen Kaiser und Papst den baldigen Tod verkündend.

Ekkard von Meißen belagerte die Engelsburg und erstürmte sie am 29. April 998. Daß der Kaiser zum Verräther an Crescentius und der ihm gemachten Zusage der Gnade wurde, ist unwahr. Der kühne Freiheitskämpfer hatte sein Leben verwirkt. Otto ließ ihn auf der Engelsburg enthaupten, und dann den Leichnam im Lager des deutschen Heeres am Monte Mario aussetzen. Das gleiche Loos traf die zwölf Regionenkapitäne der Stadt. Mit Genugthuung verzeichnete Otto den Tag der Hinrichtung des Crescentius in einer seiner Urkunden. Jetzt träumte er davon, seine Herrschaft über fremde Völker auszudehnen, und das Römerreich herzustellen. Auf Bleibullen Otto’s III. sieht man Roma abgebildet mit Schild und Lanze und der Umschrift: „Renovatio Imperii Romani“. Der Cäsarwahn griff nach ihm, und doch was bedeutete seine Herrschermajestät, wenn er gleich nach dem Gericht über schwache Rebellen in die Sabina ziehen mußte, um kleine Barone, die trotzigen Verwandten des Crescentius, auf ihren Felsennestern zum Gehorsam zu zwingen?

Es geschah in dieser Zeit, daß Otto seinem Lehrer Gerbert zur Entschädigung für den Verzicht auf Reims das Erzbisthum Ravenna verlieh. Den Sommer 998 brachte er in Toscana zu, dann hielt er mit Gregor V. im September ein Concil in Pavia. Nichts wichtiges hinderte ihn von dort nach Deutschland zurückzukehren, allein dämonische Liebe zu Rom trieb ihn im November in die Stadt zurück. Er blieb daselbst den Winter, dann zog er im Anfange des Februar 999 nach Campanien. Er ordnete dort die Verhältnisse der langobardischen Fürsten; Capua, Salerno, Benevent, selbst Gaeta und Neapel huldigten ihm. Seinen Aufenthalt im Süden kürzte indeß ein wichtiges Ereigniß ab. Gregor V. starb in Rom am Ende des Februar 999, wie man argwöhnte, an Gift. In seinem kurzen Pontificat hatte er sich als Mann von Kraft gezeigt, dem Papstthum wieder Ansehen und Würde zurückgegeben, und gegen die schismatische Landeskirche Galliens die Decretalen Isidors zur Geltung gebracht. Otto eilte nach Rom zurück, aber erst pilgerte er barfuß zur Engelcapelle auf dem Garganus, und suchte den heiligen Nil und seine Eremitencolonie bei Gaeta auf. Weinend legte er in die Hände des greisen Patriarchen seine goldene Krone, zum Zeugniß, daß die Größe der Welt nichtig und der wahre König in ihr der bedürfnißlose Heilige sei. In den letzten Tagen des März traf er in Rom ein, und hier erhob er durch kaiserlichen Machtspruch nicht einen Deutschen mehr, sondern den Franzosen Gerbert als Sylvester II. auf den heiligen Stuhl. Der zweite Sylvester setzte einen zweiten Constantin voraus; in die phantastischen Träume des römischen Weltreichs eingehend – denn auch er war der Sohn seiner Zeit – hoffte er doch aus ihnen einen reellen Gewinn für die Größe des Papstthums zu ziehen. Wie weit sein Blick reichte, zeigt die Thatsache, daß er zuerst die Idee der Kreuzzüge nach Jerusalem erfaßt hat. Nach seiner und Otto’s Ansicht sollte der Mittelpunkt der Menschheit wieder Rom sein, und hier Kaiser und Papst gemeinschaftlich walten. Deutschland immer tiefer entfremdet, wollte Otto III. fortan in der ewigen Stadt seinen Sitz nehmen; hier richtete er auch, woran nicht einmal Karl der Große gedacht hatte, eine Kaiserresidenz ein, nicht auf dem trümmervollen Palatin, sondern bei S. Bonifazio auf dem Aventin, wo sein vergötterter Liebling Adalbert gewohnt hatte. Auch dies war bezeichnend für sein Wesen; Kaiserpalast und Mönchskloster berührten einander, und aus der Pfalz am Kloster hat Otto III. Urkunden datirt.

Dasselbe phantastische Scheinleben mit den todten Formeln des Römerthums, welches später Cola di Rienzo zur Schau trug, zeigte sich schon in Otto III., [617] dem Geistesverwandten und Vorläufer dieses letzten römischen Tribuns. Er legte sich die pomphaften Titel Saxonicus, Italicus, Romanus bei und nannte sich mit Emphase Imperator der Römer. Dies war Cäsarwahnsinn, doch kein mörderischer mehr wie der des Caligula und Nero, sondern das romantische Treiben eines deutschen Enthusiasten, welcher auf den Ruinen des antiken Rom unter Mönchen und Heiligen den Imperator spielte. Aus dem Reich der classischen Ideale sank er dann immer wieder in den jammerseligen Zustand eines Asketen herab. Vierzehn Tag lang verschloß er sich mit einem neuen Freunde, dem jungen Franco von Worms, als Büßer in einer Grotte bei S. Clemente. Auch den Prunktitel der Cäsaren vertauschte er mit dem frömmelnden Prädicat: Knecht Jesu Christi und Knecht der Apostel. Ein Denkmal ließ er in Rom errichten, doch keinen Triumphbogen, sondern die Adalbertskirche auf der Tiberinsel, unter deren Altar er die Reste des Apostels Bartholomäus versenkte, die er den Beneventanern abgezwungen hatte, ihren frommen Betrug nicht ahnend.

Es war auch seiner Geistesrichtung wie seiner mütterlichen Herkunft angemessen, daß er das Muster für sein Cäsarenthum bei den Byzantinern suchte. Nur im Byzantinismus konnte überhaupt die damalige Zeit das hellenische Wesen begreifen. In der Graphia aureae urbis Romae findet sich das Formelbuch, welches das von Otto III. nachgeahmte Hofceremoniell Constantinopels beschreibt. Die pedantischen Palastwürden der Protovestiare, Protoscriniare, Logotheten u. s. w. führte er an seinem aventinischen Hofe ein, und selbst mit einer Kaisergarde scheint er sich umgeben zu haben. Er stellte sich in einem kostbaren goldbrocatenen Purpurgewande auf dem Throne dar, und stolz tafelte er allein, von seinen Würdenträgern bedient. Die deutschen Krieger, welche griechische Titel und Worte nachstammeln mußten, murrten über diese fremdländische Hoffahrt, aber der neue Kaiserprunk schmeichelte den eigenen durch Otto selbst gesteigerten Wahnvorstellungen der Römer. Auch sie träumten von der Renaissance ihrer Stadt als Haupt des Weltalls, wie es der ottonische Spruch besagte: „Roma caput mundi regit orbis frena rotundi“. Wenn der Nachträumer antiker Vergangenheit länger in Rom gelebt hätte, so würde er wol den römischen Senat und Consulat hergestellt haben; denn neben allen seinen phantastischen Titeln nannte er sich auch bisweilen Consul des römischen Senats und Volks. Einige alte Aemter hat er neu eingeführt; so erscheint ein Flottenpräfect, was auf überseeische Pläne deutete. Dem Amt des Patricius, des kaiserlichen Stellvertreters, und jenem des Stadtpräfecten, seines Criminalrichters in Rom gab er eine erhöhte Bedeutung. Von den römischen Großen, die er an seinen Hof zog, bevorzugte er die Familie der Tusculanen, deren Haupt Gregor er zum Flottenpräfecten machte. Allein die wichtigsten Hofämter wurden doch von Deutschen bekleidet. Der Stadtpräfect war ein Deutscher mit romanisirtem Namen Ziazi. Heribert war Otto’s Kanzler für Italien, und wurde das nach dem Tode Hildebald’s von Worms auch für Deutschland; als derselbe Cleriker im Juli 999 das Erzbisthum Köln erhielt, blieben beide Kanzeleien unter ihm vereinigt, denn Deutschland und Italien sollten fortan ein einiges Reich darstellen.

An Otto fand Sylvester II. die kräftigste Unterstützung, wo es galt, das Ansehen des heiligen Stuhls zu heben, die Kirchenzucht herzustellen, und dem schismatischen Geiste des französischen Episcopats entgegen zu treten, welchen er jetzt als Papst ebenso eifrig bekämpfte, als er ihn ehedem gefördert hatte. Gleichwol waren seine hierarchischen Bestrebungen und die imperatorischen Ideen des Kaisers im Grunde nicht vereinbar; die Rechte der Kirche und des Reichs konnten früher oder später auf dem Boden der Wirklichkeit zusammenstoßen. [618] Otto war nicht so ganz Idealist, daß er sich nicht der Staatsmaxime seines Großvaters bewußt blieb, welcher das Papstthum seiner Autorität unterworfen hatte. Auch er hatte zwei Päpste gemacht. Er schenkte (es ist ungewiß in welchem Jahre) Sylvester acht Grafschaften der Romagna, aber er erklärte in dieser Urkunde, daß sich Päpste Theile des Reichs angemaßt hätten nur auf Grund der Schenkung Constantins, die er als eine Erdichtung verachte. Eine so königliche Erklärung – und sicherlich stand hinter ihr der ernste Kanzler – mußte Sylvester belehren, daß sein schwärmerischer Zögling sich doch nicht immer als ein zweiter Constantin im Sinne der Priesterfabel werde gebrauchen lassen.

Bis zum Juli 999 blieb Otto in Rom, worauf er mit dem Papste nach Subiaco ging. Dort, in der Grotte des heiligen Benedict, verwandelte er sich wieder in einen zerknirschten Büßer. Von Tivoli begaben sich beide nach Farfa, wo sie mit Hugo von Tuscien zusammentrafen. Der Markgraf genoß das Vertrauen Otto’s; er war in seine Phantasieen von der Wiederaufrichtung der römischen Weltherrschaft eingeweiht, und der Kaiser scheint ihn zu seinem Stellvertreter in Italien und zum Beschützer des Papsts ausersehen zu haben, wenn er selbst nach Deutschland zurückkehrte. Denn dorthin riefen ihn die Fürsten, nachdem seine Tante Mathilde, die Regentin Deutschlands, während seiner Abwesenheit, am 7. Februar 999 gestorben war. Außerdem hatte er eine Wallfahrt zum Grabe S. Adalbert’s in Gnesen gelobt. Das zehnte Jahrhundert neigte sich zu Ende, und mit dem beginnenden Jahrtausend sollte nach dem Aberglauben der Zeit die Welt untergehen.

Nach der Mitte des Decembers trat Otto III., den Bitten des zurückbleibenden Papstes nicht willfahrend, seinen Zug nach Deutschland an, wobei ihn vornehme Römer, Cardinäle und der Stadtpräfect Ziazi begleiteten. Auf seinem Marsche erfuhr er den Tod seiner erlauchten Großmutter Adelheid, die am 17. December 999 in ihrem Kloster Selz im Elsaß gestorben war. Nach zweijähriger Abwesenheit begrüßten die Fürsten Deutschlands ihren heimgekehrten Kaiser in Regensburg. Sie fanden kaum noch deutsches Wesen an ihm, denn der Flitter des Griechenthums und Römerthums hatte seine Natur verfälscht. Statt in seine Stammlande zurückzukehren, eilte er zuvor nach Gnesen, begleitet vom Polenherzog Boleslaw. Dort zog er barfuß als Pilger ein und warf sich an der Gruft seines vergötterten Freundes nieder. Gnesen erhob er zur Metropole Polens und stattete dies neue Erzbisthum mit Rechten und Sprengeln aus, welche diejenigen Magdeburgs minderten, was die Deutschen beleidigte. Dem Herzog Boleslaw aber erließ er den dem Reiche bisher geleisteten Tribut. Der Polenfürst durfte ihn dann nach Magdeburg geleiten. Otto feierte das Osterfest mit den deutschen Fürsten in Quedlinburg, wo jetzt seine Schwester Adelheid Aebtissin war. Sodann blieb er den Mai über in Aachen, dort festgehalten von seinem großen Vorbilde, dem Kaiser Karl, dem er selbst doch so unähnlich war, da er sein Vaterland für das fremde Rom dahingegeben hatte. Die Gruft des alten Kaisers ließ er aus Neugierde und Andachtsbedürfniß öffnen, und wie er die Mumie des großen Erneuerers des römischen Reichs auf dem goldenen Thron sitzen sah, warf er sich vor ihr anbetend nieder. Die Leiche war noch wol erhalten; nur die Nasenspitze fehlte, die er durch eine goldene ersetzen ließ. Einen Zahn aus dem Munde des Todten nahm er als Reliquie mit sich. Das Münster ließ er ausmalen, und auch in Aachen baute er Adalbert eine Kirche, um seinen heiligen Freund in den Cultus Deutschlands einzuführen. Er glich hier dem Kaiser Hadrian, welcher seinem vergötterten Antinous überall Altäre und Bilder errichtet hatte.

[619] Nur ein halbes Jahr blieb Otto in seinem Vaterlande, wo er sich als Fremdling fühlte; Sehnsucht trieb ihn schon im Juni 1000 nach Italien zurück. Deutschland empfand diese Vernachlässigung schwer genug. Die Fürsten murrten, weil der Sitz der Reichsgewalt jenseits der Alpen blieb. An den Ostmarken bildete sich, wesentlich durch die Begünstigungen des unklugen Kaisers, das Polenreich unter Boleslaw, während in Ungarn der von Otto und Sylvester mit einer Königskrone beschenkte Stephan das Magyarenreich gründete. Ueber Chur zog der Kaiser nach Pavia, und bis zum Herbste blieb er in der Lombardei. Die dortigen mit Immunitäten von den Ottonen begabten Bischöfe bildeten die stärkste Stütze des deutschen Reichs in Italien, unter ihnen aber war Leo von Vercelli der bevorzugte Günstling Ottos. Dieser Bischof sah sich durch die aufstrebende Macht des Markgrafen Arduin von Ivrea, eines der Ahnen der savoyischen Dynastie, hart bedrängt, was zur Folge hatte, daß derselbe in die Acht erklärt, Leo mit dessen Gütern ausgestattet wurde. Dies geschah in Rom, wohin der Kaiser am Ende des October 1000 zurückgekehrt war, von Sylvester dazu aufgefordert, weil sich der rebellische Geist in Rom und dem Landgebiet wieder regte. Mit Otto waren sein Kanzler Heribert, einige deutsche Bischöfe, die Herzöge Heinrich von Baiern, Otto von Niederlothringen und Hugo von Tuscien. In der aventinischen Pfalz nahm er wieder seinen Sitz. Damals weihte der Bischof von Portus die fertig gewordene Adalbertskirche auf der Tiberinsel ein. Am 4. Januar 1001 kam nach Rom auch der Lehrer Otto’s, Bernward von Hildesheim, den er freudig begrüßte und in seinen Palast aufnahm.

Aber bald warf eine plötzliche Katastrophe das ganze geträumte Weltreich des Jünglings wie ein Kartenhaus um, und verbannte ihn selbst für immer aus seinem geliebten Rom. Tibur, eine Stadt mit selbständiger Verfassung und einem vom Grafenbann eximirten Bisthum, erhob sich gegen die Eingriffe Otto’s in ihre Freiheit; der Kaiser unterwarf sie mit Waffengewalt und verzieh dann den gedemüthigten Bürgern. Allein die Römer, denen er selbst mit der Wiederherstellung ihrer Republik geschmeichelt hatte, forderten Tivoli als städtisches Gut für sich, und die Weigerung des Kaisers und Papsts hatte einen Aufstand des römischen Volks zur Folge, dessen Seele Gregor von Tusculum war. Drei Tage lang wurde der Kaiser auf dem Aventin belagert, bis die Herzöge Heinrich und Hugo nebst Bernward die Empörer beschwichtigten. Von einem Thurm seines Palastes herab hielt Otto eine wirkungsvolle Rede an die Römer. Sie huldigten ihm auf’s Neue. Jedoch die Gährung dauerte fort, die Waffenmacht Otto’s war gering, und drohende Anzeichen eines neuen Losbruches nöthigten den Kaiser, die Stadt am 16. Februar 1001 wie in der Flucht zu verlassen. Er hat Rom nie wieder betreten. Aus dem Himmel seiner Ideale herabgestürzt, war er seither ein gebrochener, in Schwermuth sich verzehrender Mann.

Bernward und Heinrich schickte er nach Deutschland, ein Heer zu sammeln. Im Kloster Classe zu Ravenna, wo er das Osterfest feierte, versank er neben Romuald in unmännliche Frömmelei. Diese Mönche hofften seine erschütterte Seele im Kloster festzuhalten. Doch raffte er sich wieder auf, besuchte heimlich die blühende Meereskönigin und ihren Dogen Pier Orseolo, und zog dann mit frischem Kriegsvolk gegen Rom. Er lagerte am 4. Juni bei S. Paul, ohne einen Sturm zu wagen; im Juli ging er in’s Albanergebirge, und dann schlug er in der Burg Paterno am Soracte sein Hauptquartier auf, nutzlose Streifzüge in das römische Gebiet unternehmend. Im September kehrte er nach Ravenna zurück, und hier blieb er in Bußübungen versenkt bis zum Ende 1001. Das Weihnachtsfest feierte er mit dem Papste in Todi, wo ein Concil in [620] deutschen Angelegenheiten gehalten wurde, und dann zog er im Januar 1002 wieder in Paterno ein. In dieser Burg befehligte Bernwards Bruder, der Graf Tammus, und hierher kam der Patricius Ziazi mit neuen Truppen aus Pavia, auch Heribert von Köln brachte solche, doch all’ dies Kriegsvolk war gering an Zahl. Die deutschen Fürsten und Stämme weigerten sich, ihr Gut und Blut für den excentrischen Kaiser zu opfern, welcher sein Vaterland mißachtete und ziellos und thatenlos in Italien umherschweifte, während das Reich verfiel. Der fieberhaft aufgeregte Otto fürchtete jetzt auch den Abfall der Großen Deutschlands, die zu einer neuen Königswahl entschlossen schienen. Von seinem eingebildeten Weltreich war ihm nichts geblieben als die kleine Burg Paterno, und in dieser lag der kranke Kaiser der Römer mit seinen Getreuen eingeschlossen, am Nöthigsten Mangel leidend, während das Land umher vom Aufstand entbrannt war. Dort starb er am 23. Januar 1002 in den Armen des Papsts Sylvester, erst 22 Jahre alt. Die Sage hat seinen frühen Tod mit Dichtungen umwebt; sie erzählte unter anderem, daß ihn Stefania, die Wittwe des Crescentius, zur Liebe entflammt und als eine neue Medea durch Zaubermittel getödtet habe.

In Aachen hatte der Sterbende zu ruhen gewünscht, und dorthin führten den Todten seine Getreuen, die Bischöfe von Lüttich und Köln, von Augsburg und Kostnitz, die Herzöge Heinrich und Otto, Bernward und Tammus, indem sie dem Trauerzuge mitten durch die rachsüchtigen Feinde mit den Schwertern Bahn machten. Am Osterfest wurde der Kaiser im Münsterchor Aachens beigesetzt. Von dieser Gruft ist keine Spur geblieben. So erlosch das ruhmvolle Haus der Ottonen, welches in der Geschichte Deutschlands einen Gipfel bezeichnet sowol durch die nationale Macht als die weltbürgerliche Mission, die unser Vaterland übernahm, seitdem Otto I. dasselbe mit Italien verbunden und die Kaiserkrone an Deutschland gebracht hatte, eine Verbindung, welche glanzvoll genug war, den deutschen Nationalgeist in Bezug auf das Weltganze setzte, aber auf peripherische Bahnen trieb und in seiner innern staatlichen Entwickelung hemmte. Für Otto III. waren, abgesehen von seiner eigenen phantasievollen Natur, die bestimmenden Voraussetzungen der Vater und Großvater, die ihm die Richtung nach Rom gegeben hatten, während ihn die griechische Mutter mit dem Byzantinismus verband. Auch seine hochfliegenden Ideale waren an sich nur die excentrische Wirkung der Kaiserkrönung seines Großvaters. Allein nur eine deutsche Jünglingsseele vermochten sie zu solcher weltumfassenden Höhe zu steigern. In unreifer Jugend als Opfer seines Enthusiasmus für Rom hinweggerafft, hat Otto III. keine nachhaltige Thatenspur in der Geschichte zurückgelassen. Wir aber ehren ihn trotzdem als eine wunderbare Gestalt im Pantheon unserer Nation, als den genialsten Idealisten auf dem deutschen Kaiserthrone, der in seiner barbarischen Zeit ein Repräsentant der kosmopolitischen Natur der Deutschen, ihres heißen Wissenstriebes und ihrer tiefen Sympathie für Italien und Griechenland gewesen war. Als solcher hat er, den schwärmerischen Blick in die Vergangenheit und Zukunft der Menschheit zugleich gerichtet, neben dem gelehrten Gerbert, eine neue Cultur durch die Wiederbelebung des classischen Alterthums angekündigt. Schon seine Zeitgenossen feierten ihn als ein Wunder (mirabilia mundi), und sie ließen Rom, die Kirche und die Welt seinen frühen Tod beweinen.

Die Hauptquellen für die Geschichte Otto’s III. sind die berühmten Briefe Gerberts, Thietmar, die Annalen von Hildesheim, Quedlinburg, Köln, Korvey u. s. w., die Lebensbeschreibungen des heil. Adalbert und des Sanct Nil, Thankmars Leben des heil. Bernward, und andere Chroniken und Annalen. Seine Regesten bei Stumpf „Die Reichskanzler“. Giesebrecht [621] hat die Quellen im Anhange des ersten Bandes der Geschichte der deutsch. Kaiserzeit zusammengestellt. Monographisch hat Roger Wilmans das Leben Otto’s III. behandelt: Jahrbücher des deutsch. Reichs, herausgegeben von Ranke, II, 2. Berlin 1840.