ADB:Utzingen, Bernhard von

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Artikel „Utzingen, Bernhard von“ von Gustav Roethe in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 39 (1895), S. 418–420, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Utzingen,_Bernhard_von&oldid=- (Version vom 22. Oktober 2019, 06:28 Uhr UTC)
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Utzingen: Bernhard v. U. nennt sich der Verfasser von politischen Sprüchen auf den Würzburger Städtekrieg in der Mehrzahl der Handschriften. Bekannt ist mir nur ein Schweizer Geschlecht dieses Namens; der Dichter würde, wenn er wirklich so hieß, eher mit dem Dorfe Ützing bei Staffelstein in Verbindung [419] zu bringen sein. Doch steht der Name nicht fest. Ein beachtenswerther Zeuge, der Druck von 1527, schreibt Vssigheim (Ussigkheim): daß der Dichter zu dieser alten stiftmäßigen Rhönfamilie gehörte, entspräche seiner rückhaltlosen Parteinahme für Adel und Bischof vortrefflich: die Ussigkheims waren mit den in Utzingen’s Versen stark hervortretenden Wolfskehls verschwägert. U. ist vielleicht nur durch den Reim: gelingen in die Handschrift gekommen, ebenso wie an anderer Stelle Windisen für Windesheim durch den Reim: prisen: der Dichter sprach wol Ussigken (oder gar Ussing), Windesen, Branten (für Branthein, daher Brandt im Drucke von 1527), Saunsm (:zoum; Seinsheim oder Sawnsheim: zoum ist kaum möglich). Den Namen Bernhard kann ich bei den Ussigkheims freilich nicht nachweisen; oft aber begegnet der ähnliche Eberhard v. U. (z. B. 1362, 1370, 1423). War der Dichter selbst Geistlicher? Verdächtig wenigstens klingen die Verse: ’halten sie (die Städter) die pfaffen in eren so möchte Got in glücke bescheren‘. Daß er den Bischof ’min her‘ nennt, beweist nichts: die Wendung ist für U. bereits banaler Titel; obendrein ist ihre handschriftliche Beglaubigung zweifelhaft.

Die poetische Darstellung des Kampfes, den die Würzburger im Bunde mit 11 anderen fränkischen Städten 1397 bis 1400 gegen Bischof Gerhard von Schwarzburg führten, zerfällt, wie Liliencron richtig erkannt hat, thatsächlich in drei, zu verschiedenen Zeiten verfaßte Stücke, die aber in Gesinnung, Stil und Technik so übereinstimmen, daß sie alle drei demselben Autor, eben U., zugesprochen werden dürfen; er nennt sich nur in der zweiten Partie. Die gelungenste jener Dichtungen ist unzweifelhaft die erste (1–854). Sie ist erwachsen aus dem unmittelbaren Eindruck des Städteaufstandes und von einem grimmig verächtlichen Humor getränkt. U., der der ungerechtfertigten Ansicht huldigt, Gerhard habe seine Unterthanen durch Milde zum Aufruhr verwöhnt, urtheilt gewiß einseitig. Aber sein zorniger Widerwille gegen die Rebellen gibt den schlichten thatsächlichen Versen Kraft. Von dem kriegerisch aufgeputzten Bürger, der sich tüchtig Muth getrunken, entwirft er eine groteske Caricatur, und er weiß gar nicht entwürdigende Ausdrücke und Bilder genug zu finden, um die jammervolle Feigheit dieser Maulhelden zu verspotten, die beim ersten Nahen des Adels vor lauter Angst in den Main laufen, als sei er gepflastert. U. läßt uns hineinschauen in solch einen Demagogenconvent, der ihm eine Schule der deceptio ist, vergleichbar dem jüdischen Talmud; dem gefesselten Lucifer in der Hölle geht das Herz auf, als der Sansculotte Heinz Sensenschmidt seine Brandreden hält, und mit grimmigem Behagen berichtet U., wie übel dem Bourgeois, der im Trüben fischen wollte, zu Muthe wird, da der aufgeregte hungernde Straßenpöbel der Häcker, der Winzer, müde bloß das Werkzeug zu spielen, den Reichen einen Tanz aufführt. Als U. diese Bilder entwarf, bald nach dem 21. Januar 1398, aber vor der Schlacht von Berchtheim, da zweifelt er am baldigen Siege der rechtmäßigen Herren über die Neitharde nicht mehr. – Von erregter Parteilaune ist auch Utzingen’s zweite Dichtung (in der Anordnung der Handschriften die dritte, V. 1989[1983?]–2178) dictirt, die den glänzenden Sieg der Bischöflichen über die Aufrührer bei Berchtheim (4. Januar 1400) feiert. Ihm ist Berchtheim ein Wildbad, bei dem der Bader, der Bischof, die Badenden böse striegelt: in den bittern, selbst rohen Späßen, die das Bild mit sich brachte, klingt noch die zornige Kampfesstimmung nach; für den überlegenen Humor der frühern Erzählung läßt sie wenig Raum. – Matter als beides ist endlich das dritte Gedicht (V. 855–1948), eine umständliche Fortsetzung des ersten, verfaßt nach dem Tode Bischof Gerhard’s und der Absetzung Wenzel’s, also frühestens Ende 1400, aber wahrscheinlich noch später. Von dem alten carikirenden Humor zeugt auch hier das eine oder andere Demagogenporträt, [420] das eine oder andere kräftige Bild: auch die melancholischen Betrachtungen des kaiserlichen Reichsadlers, der sich in dem rebellischen Würzburg sehr mal placé vorkommt. Aber die breite Lehrhaftigkeit mit frommer Färbung überwiegt durchaus: der Verfasser sieht die Ereignisse nicht mehr in der frischen Augenblicksfärbung, er zieht bereits allgemeine politische und sociale Lehren aus ihnen. Die Berchtheimer Schlacht erzählt er hier noch einmal in unbildlicher Ausführlichkeit und kann sich da gar nicht genug thun: vier große Ochsenhäute würden nicht ausreichen, um den Gegenstand erschöpfend zu behandeln.

Diese dritte Dichtung ist sichtlich von U. selbst an die erste angefügt worden; auch den daneben eigentlich überflüssigen Berchtheimer Badespruch mag er als bildliche ’Beschlußrede‘ und in dem Wunsche, nichts umkommen zu lassen, äußerlich angeleimt haben; dagegen sind die durch politischen Standpunkt, durch Sprache und Versbehandlung deutlich abstechenden Uebergangs- und Schlußzeilen (1949–1982, 2178a–n), die im Drucke von 1527 fehlen, Interpolationen von zwei demokratisch und bürgerlich gesinnten Poeten. U. selbst baut seine Reimpaare leidlich sauber; klingende Verse gestaltet er drei- und vierhebig; die eintönig typischen Reime zeigen fränkisches Gepräge. Seine Herrschaft über die Sprache ist gering; er neigt stark zu Selbstwiederholungen. Seine Fähigkeit, charakteristische Detailzüge in das Ganze wirkungsvoll hereinzuarbeiten, seine genaue Bekanntschaft mit den Vorgängen, der nur wenige Irrthümer unterlaufen, seine scharfe Beleuchtung der Motive und Zusammenhänge machen ihn zu einer werthvollen, wenn auch bei seiner Parteilichkeit vorsichtig zu benutzenden geschichtlichen Quelle. Auch Utzingen’s poetische Kraft zeigt sich wesentlich in der lebendigen Erfassung der Einzelheiten. Von künstlerischer Gestaltung des Ganzen kann keine Rede sein. Aber darauf kam es bei solchen tendenziösen Augenblicksschöpfungen auch am wenigsten an.

Die historischen Volkslieder der Deutschen, hsg. von Liliencron, Bd. I (Leipzig 1865), S. 161–201, Nr. 40; leider konnte der Herausgeber hier den Druck von 1527 (Berlin Yh 301) nur in einer ganz unvollständigen Abschrift benutzen. Auf das Original wies er dann hin in den Sitzungsber. d. Kgl. Bair. Akademie d. Wissenschaften zu München. Jahrg. 1870, Bd. II, S. 373–385. – Biedermann, Geschlechtsregister der Ritterschaft zu Franken löblichen Orts Rhön und Werra (Bayr. 1749).