ADB:Utzschneider, Josef von

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Artikel „Utzschneider, Josef von“ von Karl Maximilian von Bauernfeind in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 39 (1895), S. 420–440, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Utzschneider,_Josef_von&oldid=- (Version vom 26. April 2019, 00:24 Uhr UTC)
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Utzschneider: Josef v. U., Staats- und Volkswirth, 1763–1840, war das älteste von neun Kindern des Landwirths Andreas U. und dessen Gattin Maria Andree, einer Schwester des Secretärs und Zahlmeisters der Herzogin Maria Anna von Pfalzbaiern. Auf diese Schwester ging das väterliche Bauerngut zu Rieden am Staffelsee über, und hier wurde U. am 2. März 1763 geboren. Da der Vater wegen seiner Geschäfte oft vom Hause abwesend war, so blieb die Sorge für den Feldbau und die Erziehung der Kinder hauptsächlich der Mutter überlassen, einer braven verständigen Frau, von der U. sehr gerne sprach. Sie schickte den Knaben vom sechsten Jahre an in die Dorfschule zu Uffing, der er jedoch wenig mehr verdankte als körperliche Abhärtung, Folge des täglichen bei jedem Wetter sich wiederholenden Hin- und Herwanderns. Schon im achten Jahre kam er in die Lateinschule des Klosters Polling. Zu jung und unerfahren, wurde der Bauernknabe ein Gegenstand des Spottes der Söhne vornehmer Eltern, und da er die Neckereien nicht ertragen wollte, entlief er bald wieder nach Rieden. Hierauf gab ihn die Mutter auf Veranlassung und Kosten ihres Bruders dem Weltpriester Jakob Lampl zu München in Erziehung und Unterricht.

Dieser brachte ihn soweit, daß er vom Jahre 1773 an, das hiesige Gymnasium besuchen konnte, an dem er fünf Jahre blieb. U. selbst bekennt, daß er [421] hier, obwol immer unter den ersten, außer etwas Latein und Griechisch nicht viel gelernt habe; denn als er die Rhetorik verließ, waren ihm nicht einmal die Anfangsgründe der Mathematik und Geographie bekannt.

Darauf brachte der Oheim Andree, welcher das besondere Vertrauen der Herzogin Maria Anna genoß, seinen Neffen in das vom Kurfürsten Karl Theodor aufgehobene, von dieser hohen Frau aber unter dem Namen „Marianische Landesakademie“ wiedererrichtete und größtentheils auch von ihr unterhaltene Kadettencorps, als dessen Zögling U. in den Listen der Jahre 1778 bis 1780 verzeichnet ist. Die Marianische Akademie bestand aus zwei dreijährigen Classen: der unteren oder humanistischen, die etwa unserer Lateinschule, und der oberen oder philosophischen, die unserem Gymnasium entsprach. Jedenfalls konnte man von dieser Anstalt aus an eine Hochschule übergehen, und U., dessen Studienerfolge an der Akademie ausgezeichnete waren, trat auch von hier aus an die Universität Ingolstadt über; allerdings nicht unmittelbar nach Abschluß seiner Vorstudien, da ihm die Herzogin Maria Anna inzwischen die Verwaltung ihrer Schwaige Anger übertragen hatte. Deshalb ist er auch in dem Matrikelbuch der Universität für das Jahr 1782/83 als „herzoglicher Verwalter“ eingetragen, und als solcher wird er in den beiden Diplomen bezeichnet, die er sich am Schlusse jenes Jahrs, mit Dispensation von der erforderlichen Studienzeit, auf Grund von Prüfungen erworben hat, und wovon ihm das eine die Würde eines Licentiaten beider Rechte und das andere den Titel eines Doctors der Philosophie verlieh. U. war also in Bezug auf seine Fachstudien vorwiegend Autodidakt.

Schon während seines Aufenthalts an der Marianischen Akademie ist er auf Empfehlung seines Onkels in dem Cabinet der Herzogin Maria Anna als Geheimschreiber verwendet worden, dieses Wort in seiner eigentlichsten Bedeutung genommen. Den Anlaß hierzu gaben die überaus wichtigen politischen Verhandlungen, welche die eben so geistreiche als patriotisch gesinnte Herzogin mit Friedrich dem Großen führte, um mit dessen Hilfe die durch Oesterreich bedrohte Selbständigkeit Baierns zu erhalten. Es galt dem geheimen Staatsvertrag entgegenzutreten, welchen Kurfürst Karl Theodor am 3. Januar 1778, drei Tage nach seinem Regierungsantritt, mit der Kaiserin Maria Theresia abgeschlossen hatte, und demzufolge gegen Entschädigung in den Niederlanden der größte Theil Altbaierns an Oesterreich fallen sollte; einem Vertrage, dem die Ausführung auf dem Fuße folgte, indem schon nach vierzehn Tagen ganz Niederbaiern und ein Theil der Oberpfalz von österreichischen Truppen besetzt ward. Hierdurch, und noch mehr durch das dunkle Gerücht, diese Besetzung sei mit Einwilligung des Kurfürsten geschehen, verbreitete sich in Baiern allgemeine Bestürzung, und einige der höchsten Beamten, wie der Kanzler v. Kreittmayr und die Geheimräthe v. Obermayr und v. Lori, welche von dem Vertrage keine Kenntniß hatten, baten die Herzogin um Vermittlung bei dem Landesherrn. Karl Theodor theilte seiner Frau Schwägerin mit, daß er in einem Vertrage die Ansprüche Oesterreichs auf bairisches Gebiet als gültig anerkannt habe, und an der Sache nichts mehr zu ändern sei.

Auf diese Nachricht hin hielt die Herzogin mit den genannten Staatsmännern und Patrioten eine Berathung, zu der sie auch ihren Secretär Andree und dessen fünfzehnjährigen Neffen U. berufen hatte. Man sandte sofort nach der Sitzung zwei Schreiben ab: eins an den muthmaßlichen Regierungsnachfolger, Herzog Karl in Zweibrücken, welches diesen bat, dem Vertrag vom 3. Januar nicht beizustimmen; das andere an König Friedrich II. von Preußen, die Bitte enthaltend, er möge hier helfen und Baierns Selbständigkeit gegen Oesterreichs Uebermacht retten.

Diesen zweiten Brief hatte der Geheimschreiber U. persönlich zu überbringen. [422] Die Gefahr, vom Feinde aufgehoben zu werden, war damals keine geringe; sie drohte auch dem Boten der Herzogin in einem sächsischen Nachtquartier, aber U. entzog sich ihr geschickt dadurch, daß er Wagen und Gepäck im Stiche ließ und den Weg nach Berlin zu Fuß vollendete. Hier sah er zum ersten Male den großen König, der schon den Schüler des Kadettencorps so begeistert hatte, daß er mit einigen gleichgesinnten Kameraden zu ihm entfliehen wollte.

Der Erfolg der politischen That der edlen Herzogin von Pfalzbaiern, welcher trotz des Verlustes des Innviertels noch immer glänzend genannt werden darf, ist aus dem am 13. Mai 1779 zwischen Maria Theresia und Friedrich II. abgeschlossenen Teschener Frieden bekannt, welcher dem bairischen Erbfolgekrieg ein Ende machte. Aber nicht bloß bis zu diesem Frieden, auch darüber hinaus hatte U. die politische Correspondenz der Herzogin mit ihrem königlichen Freunde zu führen. Die Gewandtheit ihres Geheimschreibers in der französischen Sprache, seine Geschicklichkeit in der Ausführung aller ihm ertheilten Aufträge, vornehmlich aber seine Treue und Verschwiegenheit in allen dienstlichen Verrichtungen, erwarben ihm die entschiedenste Gunst der Herzogin. Denn als solche mußte es angesehen werden, daß sie dem von Ingolstadt zurückkehrenden Licentiaten und Doctor sofort die Stelle eines Repetitors der Mathematik und Physik, und bald darauf auch die Professur der Cameralwissenschaften an der ihren Namen tragenden Militärbildungsanstalt verlieh, unbeschadet der Aufsicht über die Verwaltung des Gutes Schwaiganger, welche er fortzuführen hatte.

Obgleich das Lehramt unter dieser Verwaltung nicht zu leiden hatte, wuchs Utzschneider’s Vorliebe doch mehr für die Landwirthschaft als für die abstracten Speculationen der Mathematik. Er sah zeitlebens in dem Betrieb der Landwirthschaft die schönste Beschäftigung eines freien gebildeten Mannes, während er von der Mathematik, weniger schmeichelhaft, behauptete, daß ihr ausschließlicher Betrieb zur Einseitigkeit und Unweltläufigkeit führe. Nur die allerwärts in der Mathematik waltende strenge Ordnung übertrug er frühzeitig auf alle seine Geschäfte.

Diese sollten aber bald eine andere Richtung nehmen. Der unter der Regierung des Kurfürsten Max Josef III. in Baiern angebahnte Umschwung, der sich in der Gründung einer Akademie der Wissenschaften (1759) und in der Aufhebung des Jesuitenordens (1773) so prägnant äußerte, konnte in jugendlichen und sich überstürzenden Köpfen, denen im Vergleiche mit anderen Theilen Deutschlands die Aufklärung in der eigenen Heimath nicht rasch genug vorwärts schritt, leicht den Gedanken entzünden, daß vor allen sie zur Wegräumung hemmender Schranken und zur Verbreitung von Licht berufen seien. So erklärt sich wenigstens sehr natürlich die Stiftung des Illuminatenordens zu Ingolstadt (1776) durch Professor Adam Weishaupt, ohne daß damit die Einwirkung geheimer Machinationen anderer Art ausgeschlossen ist. Sonderbar genug bleibt es freilich, daß das, was man der Gesellschaft Jesu als verwerflichsten Grundsatz vorzuhalten nicht müde wurde, für die Mitglieder des erleuchteten neuen Bundes als selbstverständliche Pflicht zur Erreichung des entgegengesetzten Ziels gelten sollte.

U. war auf Zureden des Weltpriesters Cossandey, seines Collegen an der Marianischen Akademie, 1783 dem Orden in der Meinung beigetreten, es handle sich um eine Gesellschaft gelehrter patriotischer Männer, die durch Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntniß im Sinne des Kurfürsten Max Josef den Geist der Nation zu freier Bewegung wecken sollten. Aber gar bald wurde ihm klar, daß die Ehrgeizigsten unter den Illuminaten hinter dem Aushängeschild des Ordens ganz andere Ziele verfolgten: Durch Einschiebung der Ordensmitglieder in die Cabinette der Fürsten sollte „ein Wechsel der Macht“ herbeigeführt und der neue österreichische Plan, Baiern gegen ein für Karl Theodor zu schaffendes [423] Königreich Burgund einzutauschen, unterstützt werden. Unter dem Vorwande, daß man seine Ergebenheit gegen den Orden prüfen wolle, wurde U. aufgefordert, einen Theil der Correspondenz zwischen seiner Gebieterin und Friedrich II. auszuliefern. Entrüstet über eine solche Zumuthung, schickte er sofort (im December 1783) statt der Briefe seine Ordenszeichen, und gestand der von Friedrich II. auf den gefährlichen Orden aufmerksam gemachten und ihn drängenden Maria Anna seine Beziehungen zu den Illuminaten, sowie er in dreistündiger, von der Herzogin veranlaßter Audienz dem Kurfürsten selbst die geheimen Absichten des Bundes darlegte, soweit er sie zu durchschauen vermochte.

Uebereinstimmende Geständnisse legten gleichzeitig auch andere Ordensmitglieder ab, darunter Professor Grünberger, Utzschneider’s früherer Lehrer und damals College an der Marianischen Akademie, der Dichter Zaubser, die Priester Cossandey, Dillis und Vitus Renner. Damit hatte die Regierung Anhaltspunkte genug zum Einschreiten gegen den Illuminatenorden, das denn auch nicht lange auf sich warten ließ und unter manchen talentvollen Jünglingen auch den späteren Minister v. Montgelas traf. Von den Anhängern des Ordens gebrandmarkt, von der Gegenpartei gepriesen, erscholl der Name U. in ganz Deutschland, und es blieben diese Vorfälle der unversiegliche Quell maßloser Erbitterung gegen ihn.

Wenn U. auch zunächst von Seite des Hofes nichts zu fürchten hatte, so hielt er doch eine Umstimmung des Kurfürsten durch seine Gegner für möglich: war ja doch auch sein Onkel Andree wenige Tage nach der Unterzeichnung des Teschener Friedens und zur selben Stunde eingekerkert worden, als die Geheimräthe Georg v. Lori und Eucharius v. Obermayr den Befehl erhielten, ihre Tage fern von München (der eine in Neuburg, der andere in Amberg) zu beschließen. U. ging deshalb mit dem Gedanken um, in die Dienste Friedrich’s II. zu treten, den er, wie wir wissen, fünf Jahre vorher persönlich kennen gelernt hatte. Die hierzu erforderlichen Verhandlungen konnten jedoch nicht so geheim betrieben werden, daß die Herzogin Maria Anna nichts davon bemerkt hätte. Das ihr bekannte noch unerbrochene Siegel eines Briefes aus Berlin veranlaßte sie, U. über seine Absichten zu befragen; und als er offen gestanden, was er zu thun im Begriff war, brachte ihn die Herzogin von seinem Vorhaben ab, und erhielt so Baiern einen seiner verdienstvollsten Männer. Schon am 9. Januar 1784 wurde U. auf ihr Betreiben zum kurfürstlichen Hofkammerrath mit Sitz und Stimme, jedoch vorläufig ohne Gehalt ernannt. Dagegen blieb ihm seine Lehrstelle für Cameralwissenschaften an der Marianischen Akademie, sowie die Eigenschaft eines Landschaftsgeometers, die er sich auf Grund einer von dem Vorstande dieser Akademie abgehaltenen Prüfung durch Landschaftliches Decret vom 20. Juni 1783 erworben hatte.

Der Eintritt in eine so bevorzugte Stellung wie die eines Hofkammerraths, war für den einundzwanzigjährigen U. eine Aufforderung, sich nunmehr auf das eingehendste mit dem Studium der Staats- und Volkswirthschaft zu beschäftigen, um für die praktischen Aufgaben des Staatsdienstes die besten Lösungen zu finden. Hierbei förderte ihn, wie er oft anerkannte, das acht Jahre vorher erschienene „kostbare und tiefdurchdachte Werk“ des berühmten Schotten Adam Smith „über die Natur und die Ursachen des Reichthums der Völker“ mehr als jedes andere, und er hat in seinem späteren Leben vorzugsweise nach den klar erfaßten Grund- und Lehrsätzen des Vaters der Nationalökonomie gehandelt.

Nächst Adam Smith’s Hauptwerk legte er großen Werth auf die preisgekrönte Abhandlung des gelehrten Italieners Franz Mengotti „über den Kolbertismus oder die Freiheit des Commerzes“, welche er (1793) ins Deutsche übersetzte und mit einer Vorrede versah, aus der ich folgende Stelle wörtlich [424] anzuführen mir nicht versagen kann: „So tief und gründlich Smith über die Nationalreichthümer eines jeden Landes schreibt, so deutlich entwickelt Mengotti seine vortrefflichen Grundsätze. Ich wollte nur wünschen, die deutsche Uebersetzung entspräche ganz dem Originale; allein meine Sprache ist noch rauh und hart, ich fand öfters Anstand und fühlte es nur zu sehr, daß ein Cameralist durch den Canzleistil und durch Actenlesen seine Sprache nicht ausbilde. Ich hätte mich freilich nicht zum Uebersetzer aufwerfen sollen, allein durch Mengotti’s Deutlichkeit im Ausdrucke hingerissen, wagte ich mich voll Eifer für die Wahrheit und die gute Sache ans Werk.“

In den ersten Jahren nach seinem Eintritte in das Hofkammercollegium (von 1784 bis 1786) war U. hauptsächlich bei der Forstdeputation beschäftigt, und auf sein Betreiben wurden in dieser Zeit mehrere Moosgründe in Oberbaiern cultivirt, die bis dahin ganz und gar keinen Nutzen gewährten: so das Schwattacher Moos bei Weilheim und Raisting von einigen Tausend Tagwerk Flächengehalt, das nach der Cultur gegen tausend Fuder Heu abwarf; ferner das Moos bei Habach und Königsdorf, wo derselbe glückliche Erfolg ohne wesentlichen Kostenaufwand erzielt wurde u. a. m. Ein Bericht des Präsidenten der Hofkammer, Grafen Törring-Seefeld, vom 28. Januar 1786 beantragt für U., der nun zwei Jahre umsonst gedient hatte, den statusmäßigen Gehalt eines Hofkammerraths und rühmt unter anderen Leistungen auch dessen Vorschläge zur Ausnutzung der Waldungen bei Ettal, Benedictbeuern und Dachau.

Von 1786 bis 1791 führte U. bei der Hofkammer das Oberforstcommissariat, und es beweisen alle Acten aus jener Zeit, wie systematisch und eifrig er für die Hebung dieses seit Menschengedenken sehr vernachlässigten Zweiges der bairischen Finanzverwaltung arbeitete. Als Grundbedingung des Gedeihens und der nachhaltigen Blüthe der Forstwirthschaft betrachtete er aber die Gründung einer Forstschule, „weil ihm ohne geschickte und brauchbare Geschäftsleute in der ganzen lieben Welt nichts möglich schien“. Auf seinen Antrag erhielt er die kurfürstliche Erlaubniß, die hierüber erforderlichen Verhandlungen einzuleiten.

Da es zu jener Zeit gute Lehrbücher für technische Schulen nicht gab und nicht geben konnte, so ging U., sobald die Errichtung einer „Schule für Förster“ im Princip genehmigt war, darauf aus, solche Bücher zu beschaffen. Zwei ihm genau bekannte Lehrer der Mathematik und Naturlehre, Professor Georg Grünberger an der herzoglichen Marianischen Akademie, und Professor Anton Däzel an der kurfürstlichen Pagerie, wurden schon am 12. Mai 1787 als Lehrer der später zu errichtenden Schule ernannt und gleich nachher beauftragt, zwei Lehrbücher für die Forstlehranstalt zu entwerfen und die Entwürfe an die Hofkammer einzusenden. Dem Prof. Grünberger ward das Lehrbuch der reinen und angewandten Mathematik, und dem Prof. Däzel das der Forstwissenschaft, worunter die Lehre von der Forstbotanik, der Holzzucht, der Forstpflege und Forstnutzung verstanden wurde, übertragen, während U. laut Entschließung der Forstdeputation die Durchsicht der Manuscripte zu besorgen hatte.

Anfangs beabsichtigte U., an der Försterschule außer den zwei dafür bereits ernannten Professoren nur Forstmeister für den Unterricht in der Theorie und Praxis des Forstwesens zur Anstellung vorzuschlagen; seine Absicht scheiterte aber an dem Widerstande der Betheiligten, so daß er seinen Plan ändern und im März 1790 dem Kurfürsten Karl Theodor berichten mußte: „Diese Forstmeister haben nicht Zeit, sich mit dem theoretischen Unterricht abzugeben, weil die Forstgeschäfte bei der bestehenden Unordnung zu wichtig, weitläufig und anhaltend sind.“ Im weiteren Verlaufe seines Berichts entwickelt er dann die Ansicht, daß statt einer Försterschule eine ordentliche „Forstschule“ zu errichten und für [425] den praktischen Theil mit Lehrern zu besetzen sei, die zwar die Forstpraxis geübt hätten, aber während ihrer Verwendung als Lehrer davon befreit sein sollten.

Der Lehrcurs war auf drei Jahre berechnet, und es sollten dem Unterrichte auch ältere Personen beiwohnen dürfen; damit aber nicht bloß die kurfürstlichen „Jägerjungen“ Unterricht erhielten, sollte von Zeit zu Zeit mit den Jägers- und Försterssöhnen abgewechselt werden. Die absolvirten Schüler hätten bei den Forstämtern in Praxis zu gehen und darin so lange zu verbleiben, bis sich eine schickliche Vacatur zu ihrer Versorgung ergebe. Alle Forstdienststellen seien in Zukunft nur auf Grund bestandener Prüfungen zu verleihen und Niemand zum Forstmeister zu wählen, der nicht als Förster von unten auf gedient habe.

An der Forstschule sollten wöchentlich nur 12 Stunden theoretischer Unterricht in der Mathematik, sowie in Natur- und Forstwissenschaften gegeben und die übrige Zeit auf Uebungen in diesen Wissenschaften, im Zeichnen, Säen, Pflanzen und auf Ausflüge in benachbarte Waldungen verwendet werden. Als Unterrichtsmethode forderte U. eine streng wissenschaftliche, weil mit bloßem Auswendiglernen nichts gedient sei, und die meisten Vorurtheile in der Welt nur von oberflächlichen Kenntnissen herrührten. Besonderes Gewicht sei auf die Geometrie zu legen, deren richtiges Verständniß zu allen übrigen Wissenschaften geschickt und brauchbar mache.

Eine kurfürstliche Verordnung vom 2. December 1790 genehmigte die von ihm entworfenen Bestimmungen über die Forstschule mit einigen Abänderungen, die aber, weil sie auf Kosten des Oberstjägermeisteramts hätten ins Werk gesetzt werden sollen, niemals zur Ausführung kamen. So blieb es mithin bei der von U. geschaffenen ersten Forstschule in Baiern, aus der tüchtige Techniker und zugleich bessere Grundsätze für Forst- und Landwirthschaft hervorgingen; und als er noch im J. 1791 das Oberforstcommissariat niederlegte, konnte er sich mit gutem Gewissen das Zeugniß geben, daß er zwar guten Samen zu einer besseren Waldwirthschaft in Baiern ausgestreut habe, aber nicht daran schuld war, wenn die Früchte ausgeblieben seien.

Eine der wohlthätigsten, wenn auch nicht glücklichsten Unternehmungen des Kurfürsten Karl Theodor war die Cultur des Donaumooses bei Schrobenhausen, einer unabsehbaren Wildniß, welche dem Vieh nur kärgliches Futter gewährte und durch ihre Ausdünstungen beständige Krankheiten, Gewitter und Hagelschlag veranlaßte. Mit der Entwässerung von nahezu zwanzigtausend Hectaren sumpfigen und moorigen Grundes verband der Kurfürst die Anlage einer Colonie, indem er den Ansiedlern das trocken gelegte Land fast umsonst als Eigenthum überließ. Ueber eine Million Gulden war auf das Unternehmen bereits verwendet, und noch wollte sich kein Gedeihen zeigen, sei es in Folge fehlerhafter Anlage der Canäle und Gräben, oder wegen Ungeschicklichkeit und Armuth der Anbauer, oder weil die anstoßenden Grundbesitzer Klagen über Eingriffe in ihren uralten Besitzstand erhoben und Processe führten: die Arbeiten im Donaumoose geriethen vielmehr in solche Unordnung und dessen Bewohner in so hohe Aufregung, daß ein Mißlingen des ganzen Unternehmens zu fürchten war, wenn nicht bald Hilfe geschaffen wurde. U. sollte sie im Auftrage des Kurfürsten bringen. Während eines längeren Aufenthalts an Ort und Stelle untersuchte er mit Sachkenntniß, Wohlwollen und Gerechtigkeitssinn alle Beschwerden; half, wo begründete Klage vorlag, soweit es ihm möglich war, und brachte die armen Ansiedler zu einer ruhigeren zufriedeneren Stimmung. Als er persönlich hierüber bei Hof Bericht erstattete, gab ihm der Kurfürst seine volle Anerkennung und zeigte sich so gnädig, daß U. ein bittendes Wort für seinen noch immer verbannten Oheim wagte. Die Bitte blieb unerfüllt, aber die Geschicklichkeit und Zuverlässigkeit des Hofkammerraths [426] hatte das Vertrauen Karl Theodor’s gewonnen, der ihm bald darauf einen neuen wichtigen Auftrag ertheilte.

Es handelte sich nämlich um Beilegung der Differenzen zwischen den kurfürstlichen Salinen in Reichenhall, den erzbischöflichen zu Salzburg und denen des Fürstpropsten Konrad zu Berchtesgaden. U. begab sich nach diesen Orten, berichtigte vor allem die Grenzen der Salinenwaldungen und stellte einen guten Plan von Berchtesgaden und seiner Umgebung her, womit die Grundlage für die später mit dem fürstlichen Reichsstift Berchtesgaden abgeschlossenen Verträge gewonnen war, nämlich des Waldverlackungsrecesses vom 30. December 1793 und des Salinenpachtvertrages vom 15. Mai 1795.

Der Fürstpropst Konrad und sein Capitel, welche den Werth ihrer Salinen und ausgedehnten Waldungen sehr wohl kannten und namentlich wußten, welche Vortheile Baiern für den schwunghafteren Betrieb seiner Salzwerke zu Reichenhall daraus zu ziehen im stande sei, wiesen mehrmals die vom bairischen Commissär U. an sie gestellten Zumuthungen auf pachtweise Ueberlassung der Salinen Frauenreuth und Schellenberg zurück, bis sie sich überzeugten, daß der angebotene Pachtschilling ungleich höher sei als die Rente, welche sie aus ihrem Besitz zu ziehen vermochten.

Kurfürst Karl Theodor hatte die hierauf bezüglichen Verhandlungen einer Commission übertragen, an deren Spitze der verdienstvolle Hofkammerpräsident Graf Törring-Seefeld stand, aber die bewegende Kraft war U. Nach anderthalbjährigen Bemühungen kam endlich der schon erwähnte Vertrag zu stande, kraft dessen das Nutznießungsrecht der Salinen Frauenreuth und Schellenberg mit ihren Waldungen gegen eine jährliche Pachtsumme von fünfzigtausend Gulden an Baiern überging, unter der weiteren Bedingung, daß bei einer zweihunderttausend Centner beträchtlich übersteigenden Production noch eine geringe Entschädigung hinzutreten solle. Diese Pacht rief mancherlei Einreden und Beschwerden des Erzstifts Salzburg hervor und dauerte infolgedessen nur neun Jahre, von 1795 bis 1804. Gleichwohl war sie für Baiern höchst vortheilhaft, nicht bloß wegen der beträchtlichen Rente, die sie an sich durch die von U. eingeführte bessere Bewirthschaftung abwarf, sondern mehr noch wegen des ausgedehnteren Betriebs der Saline Reichenhall, die jetzt ihre Soole mit Steinsalz verstärken konnte, ohne es von den Reichsstiften Salzburg und Berchtesgaden kaufen zu müssen.

Aus Veranlassung des so wichtigen Pachtvertragabschlusses ernannte Karl Theodor am 9. Juli 1795 seinen Hofkammerrath U., „welcher sich bei diesem schweren Geschäfte zur ganz besonderen höchsten Zufriedenheit ausgezeichnet hat“, zum ersten Administrator des neu errichteten kurfürstlichen Hauptsalzamts Berchtesgaden mit einer beträchtlichen Zulage an Geld und Naturalien zu seinem statusmäßigen Rathsgehalte, und mit der Bestimmung, daß ihm für den Fall seines Wiedereintritts in das Hofkammercollegium sein Rang nach dem Dienstalter vorzubehalten und „zum fortwährenden Merkmale landesfürstlichen Dankes“ außer der Rathsbesoldung ein lebenslänglicher Extragehalt von 575 Gulden jährlich auszubezahlen sei.

U., der gleichzeitig als bairischer Geschäftsträger beim Fürstpropst Konrad beglaubigt wurde, blieb nun bis kurz vor dem Tode des Kurfürsten in Berchtesgaden und arbeitete während dieser Zeit unermüdlich an der Verbesserung des Salzbergbaus, des Sudwesens und der Forstwirthschaft. Ueber seine Thätigkeit dort wurde nie eine Klage laut, und er selbst bezeichnete sie gegen Bekannte wiederholt als die angenehmste seines ganzen Lebens. Aus dieser Stellung hatte er gemäß kurfürstlicher Entschließung mit Ende des Jahres 1798 zu scheiden, „weil es für den höchsten Dienst zuträglich befunden worden, den auf unbestimmte Zeit in Berchtesgaden gewesenen Geschäftsträger und Hauptsalzamtsadministrator U. zu [427] ferneren ersprießlichen und eifrigen Dienstleistungen zu dem Gremium der Hofkammer einzuberufen“. Der Grund dieser Rückberufung scheint indessen in einer Eingabe gelegen zu haben, in welcher U. den Kurfürsten bat, ihm den Zutritt zu dem Salz-Gnadenbrunnen in Reichenhall zu gestatten, um diese Salzquelle aufmerksam und anhaltend beobachten zu können. Er würde sich in die dortigen Salinengeschäfte nicht im geringsten einmischen, aber jede etwa zu machende nützliche Entdeckung höchsten Orts pflichtschuldigst zur Anzeige bringen. Der damalige Salinenadministrator in Reichenhall mochte vielleicht dafür gesorgt haben, seinem Wirkungskreise einen solchen Beobachter ferne zu halten.

Kaum war U. in seine frühere Stellung zurückgekehrt, da starb Kurfürst Karl Theodor am 16. Februar 1799 und Maximilian Josef bestieg den Thron. Von dem neuen Landesherrn mit gleichem Vertrauen wie von dem verstorbenen beehrt, wurde U. am darauffolgenden 23. April zu einem der sieben Directoren bei der neu errichteten Generallandesdirection, und zwar zum Vorstande der Mauth- und Commerzdeputation ernannt, am 8. Juli aber schon als geheimer Referendär in das Finanzministerium versetzt und dort mit dem Referat über landständische Angelegenheiten oder sog. Landschaftssachen betraut. Dieses Amt umfaßte eigentlich nur die Ordnung von Geldangelegenheiten, da es schon lange nichts anderes mehr mit der Landschaft zu verhandeln gab; gleichwohl war es für U. eines der wichtigsten und verhängnißvollsten. Er trat es mit einer für das Gesammt-Staatsministerium bestimmten Erhebung des bairischen Finanzzustandes an, dessen Zerrüttung durch nichts schlagender bewiesen wird als durch die Thatsache, daß man vor U. weder die wahre Größe der Staatsschulden noch den wirklichen Ertrag der Staatsgefälle kannte. Eine Kriegssteuer war zu bezahlen, aber der Staatsschatz leer, das Steuerwesen ungeordnet, das Land diesseits des Rheins voll österreichischer, jenseits voll französischer Truppen, und die bairische Armee für den bevorstehenden Krieg nichts weniger als gerüstet. Zur Deckung des augenblicklichen Geldbedürfnisses ward eine Anleihe gemacht, für die U. bessere Bedingungen als die in der Generallandesdirection vorgeschlagenen zu erreichen verstand.

Aber nicht bloß Geldnoth und schwere Steuern lasteten auf dem Lande als Max Josef I. die Regierung antrat, auch der obersten Leitung des Staatswesens fehlte Kraft und Einheit: Ober- und Niederbaiern wurden nach anderer Verfassung regiert als die Oberpfalz, und diese anders als das Herzogthum Neuburg. Die nothwendige Centralisation, die mit der Generallandesdirection erreicht werden sollte, fand bei den Landständen heftigen Widerstand, den heftigsten bei denen von Pfalz-Neuburg. Eine Deputation von acht angesehenen Männern dieses Landestheils kam an das Hoflager zu München, um die Rechte Neuburgs zu wahren, und erst nach längeren Verhandlungen erfolgte am 5. October 1799 der „Pfalzneuburgische Deputationsabschied“, in welchem zwar einige Befugnisse der Generallandesdirection zurückgenommen, dagegen auf den übrigen um so entschiedener bestanden wurde. Obgleich von allen Bevollmächtigten unterschrieben, befriedigte der Abschied die pfalzneuburgischen Unterthanen in keiner Weise, und die Unzufriedenheit erhielt in der mit scharfem Urtheil verfaßten anonymen Flugschrift „Erläuterung des Pfalzneuburgischen Deputationsabschieds über die Neuburgischen Landes- und Regierungsverhältnisse“ einen unzweideutigen Ausdruck. Alle ängstlichen oder im persönlichen Interesse befangenen Stände des Herzogthums sahen im Referenten U. den wahren Urheber der im Deputationsabschied entwickelten neuen Grundsätze, und wenn man ihn nicht mit Namen nannte, so schloß man sich mit um so frischerem Hasse seinen alten Gegnern an. Als er am 3. Februar 1800 an die Generallandesdirection Vortrag über die Einberufung eines allgemeinen Landtages erstattete, welche die Landstände wenige Tage vorher [428] selbst gefordert hatten; als bald darauf ein Gegner diesen Vortrag mit Anmerkungen versehen hat und nebst dem von U. sämmtlichen Ministern vorgelegten „Entwurf einer neuen Erklärung der Landesfreiheit in Baiern“ abdrucken und so im großen Publicum die freisinnigen Anschauungen des kurfürstlichen Referendärs verbreiten ließ, der schon früher einen Landtag als den einzigen Weg bezeichnet habe „die häufigen und tiefliegenden, die Regierung immer lähmenden Staatsgebrechen radikal zu heilen“: da wuchs die Zahl der kurzsichtigen Widersacher fast zauberhaft und mit ihr die Machinationen, einen solchen Patrioten um jeden Preis aus seiner einflußreichen Stellung hinauszudrängen. „Man suchte ihn“, sagt ein Zeitgenosse, „als einen Revolutionär zu verdächtigen, der den Staat aus allen Fugen reißen wolle, und trug sogar in der Stadt mit erkünstelter Heimlichkeit ein Gerücht herum, der geheime Referendär U. stehe in Verbindung mit der französischen Republik und sei vorläufig zum Präsidenten von Süddeutschland bestimmt.“ So widersinnig dieses Gerücht für jeden Mitlebenden war, der U. aus persönlichem Umgang kannte, man scheute sich nicht, Verdächtigungen auszustreuen, die an der Wende des Jahrhunderts während der französischen Kriegsstürme und bald nach der Illuminatenverfolgung ganz anders klangen als heute oder schon vor vierzig und fünfzig Jahren: Utzschneider’s Stellung wurde unhaltbar und Kurfürst Max Josef fand sich bewogen, ihn am 10. Juni 1801 mit Beibehaltung seines vollen 2500 Gulden betragenden Gehalts bis zu anderweitiger Anstellung in den Ruhestand zu versetzen, angeblich, weil nach der getroffenen neuen Vertheilung der Geschäfte, der Hauptvortrag über Landschaftssachen, als eine staatsrechtliche Angelegenheit, dem (vom ehemaligen Illuminaten Montgelas verwalteten) Ministerium des Aeußeren zuzuweisen und hierdurch die Stelle eines eigenen Referendärs in landschaftlichen Fragen überflüssig sei.

Was U. nach dieser Verfügung nicht mehr als Beamter wirken konnte, wollte er als Privatmann thun, und er wählte sich hierzu das Gebiet der Industrie. Alles was ihren Aufschwung fördern und den Interessen seiner Mitbürger dienen konnte, ergriff sein scharfblickender und energischer Geist: reiche Quellen nützlicher Arbeit zu schaffen und die Befähigtsten durch sein Beispiel zu Gleichem zu ermuntern, war das Loosungswort des Mannes, welcher „den Wohlstand Aller, nicht den Reichthum Einzelner“ wünschte, und dem Geldgewinn ferne lag. Wie der Forscher von Wahrheit zu Wahrheit, so schritt U. von Unternehmen zu Unternehmen. War das eine geglückt und zum Ertrag einer Rente gebracht, so überließ er es andern Händen und ein neues trat aus der Idee in die Wirklichkeit.

Sein erstes Unternehmen galt der Errichtung einer Ledermanufactur, die er für ein dringendes Bedürfniß hielt, da in und außerhalb Münchens ein solcher Ueberfluß von Rohhäuten war, daß die Polizei zur Schadloshaltung der Metzger nicht selten die Fleischpreise erhöhen mußte. Ferner fehlte es in der Umgegend nicht an der zur Gerberei nöthigen Eichenlohe, wenn nur die Schälwaldungen richtig angelegt und behandelt würden. Weiter lehrte die Zollstatistik, welche Quantitäten feinen und gewöhnlichen Leders aus Oesterreich, Belgien und England nach Baiern eingeführt wurden. Endlich stand ein ausgedehnter Bauplatz mit Wasserkraft zur Verfügung, und es gab viele junge und kräftige Leute, die Arbeit suchten. Alle Bedingungen zur Anlage einer Fabrik waren also gegeben, und U. hatte bereits am 7. August 1801 die Concession erhalten – zwei Monate nach seiner Entlassung aus dem Staatsdienste.

Während vor U. alle Münchener Lederfabriken, auch die von der Landesregierung unterstützten, zu Grunde gingen, gelang es seiner Einsicht und Thätigkeit eine Anstalt ins Leben zu rufen, die sich in kurzer Zeit vortrefflich entwickelte, [429] und später unter dem Namen „Streicher’sche Lederfabrik“ zu vollster Blüthe kam, in der sie sich auch bis in die neuere Zeit erhielt.

Während seiner unfreiwilligen Muße wurde U. mit zwei Männern bekannt, die Baiern heutzutage seine größten Techniker nennt: mit Georg Reichenbach und Josef Fraunhofer. Folge war die Gründung zweier Institute, welche auf die Wissenschaft im allgemeinen und auf ausübende Astronomie und Geodäsie insbesondere den wichtigsten Einfluß hatten. Sie wurden theils in München, theils in den Klosterrealitäten zu Benedictbeuern errichtet, die U. zunächst in der Absicht angekauft hatte, eine systematische Cultur der dortigen Moose durchzuführen. In seiner „Lebensgeschichte Fraunhofer’s“ (München, 1826) berichtet U. über das Entstehen dieser Institute wie folgt: „Der bairische Artilleriehauptmann Georg Reichenbach, der Sohn eines sehr begabten Bohrmeisters in pfalzbairischen Diensten, war vom Kurfürsten Karl Theodor auf Antrag des berühmten Grafen Rumford zu seiner weiteren Ausbildung nach England geschickt worden. Nachdem er dort auch große Werkstätten für die Verfertigung mathematischer Instrumente kennen gelernt hatte, faßte er bald nach seiner Rückkehr den Entschluß, durch Errichtung einer solchen Werkstätte in Baiern sein Glück zu versuchen. Er verband sich zu diesem Zweck mit Josef Liebherr, einem fähigen Uhrmacher und Mechaniker, der bereits eine kleine Werkstätte besaß. Nach dieser Verbindung äußerten mir Reichenbach und Liebherr den Wunsch, ihrer Werkstätte eine größere Ausdehnung zu geben und ein ordentliches Institut zur Erzeugung großer und kleiner Instrumente und Maschinen mit ihnen zu gründen. Ich nahm um so weniger Anstand auf ihren Wunsch einzugehen, als aus einem solchen Institute seiner Zeit tüchtige junge Mechaniker hervorgehen könnten, woran Baiern großen Mangel hatte. Der Gesellschaftsvertrag kam am 20. August 1804 unter uns zu Stande, und das mathematisch-mechanische Institut „Reichenbach, Utzschneider und Liebherr“ begann seine Geschäfte mit großer Rührigkeit.“ Die Seele desselben war Reichenbach (s. A. D. B. XXVII, 656). Dieses Institut wurde in der That die Pflanzschule für Feinmechanik, welche U. bei Abschluß des Gesellschaftsvertrags im Sinne hatte. Denn schon wenig Jahre nach seiner Gründung ließen sich im In- und Auslande jüngere Mechaniker nieder, um sogen. „Reichenbach’sche Werkstätten“ einzurichten, die sich seitdem über ganz Europa verbreitet haben, England nicht ausgenommen. Anfangs aber hatte das Institut mit bedeutenden Hindernissen zu kämpfen: es waren mehrere große Meßinstrumente bis auf die Glaslinsen vollendet, welche damals auch nicht annähernd so hergestellt werden konnten, daß sie zu der feinen Theilung der Kreise im richtigen Verhältnisse gestanden wären, es fehlte an brauchbarem Flint- und Kronglas ebenso sehr, wie an einem fähigen Optiker. Das Institut mußte unterliegen, hätte U. nicht verstanden Rath zu schaffen. Er machte Reisen an alle Orte, wo er wußte, daß Optiker sich aufhielten, oder Glas für optische Zwecke geschmolzen wurde. Das Ergebniß seiner Reise war die wenig tröstliche Gewißheit, daß dem Institute nichts anderes übrig bleibe als Kron- und Flintglas selbst zu erzeugen und den Optiker selbst heranzubilden. Doch wurde durch die Begegnung Utzschneider’s mit dem Glasschmelzer Guinand bei Neuenburg in der Schweiz ein wenn auch unsicherer Praktiker für die Glasfabrikation gewonnen.

Den gesuchten Optiker führte ein Unglücksfall der Anstalt zu. Am 21. Juli 1801 stürzten im Thiereckgäßchen zu München plötzlich zwei Häuser ein. In einem derselben wurde der vierzehnjährige Glaserlehrling Josef Fraunhofer aus Straubing (s. A. D. B. VII, 323) unter den Trümmern begraben. Ein gütiges Geschick fügte es, daß er infolge glücklicher Lagerung von zusammengestürzten Kisten und Balken Kopf und Brust so weit frei behielt, daß er rufen konnte, und dadurch wurde es möglich, ihn nach vierstündiger angestrengter und gefährlicher [430] Arbeit zu retten. Kurfürst Maximilian Josef, immer bereit den Unglücklichen zu helfen, kam wiederholt an die Stelle, wo Fraunhofer lag, und ermunterte durch Zuspruch sowohl ihn als seine Retter. Nach der Rettung sorgte der Kurfürst für die Heilung des Knaben, und später ließ er ihn zu sich rufen, um ihn über seine Verhältnisse zu befragen, seines ferneren Wohlwollens zu versichern und mit einem Geldgeschenke zu unterstützen.

U. sah den Verunglückten zum ersten Male, als er eben aus dem Schutte herausgezogen worden war. Später besuchte er ihn wiederholt und gab ihm bei seinen Gegenbesuchen mathematische und optische Lehrbücher, damit er aus ihnen die theoretischen Lehren schöpfe, welche allein im Stande waren, ihn zum Schleifen brauchbarer Glaslinsen zu befähigen, das er an Sonn- und Feiertagen betrieb. So schwer es ist, gerade die Anfangsgründe der Mathematik ohne Lehrer sich anzueignen, Fraunhofer brachte es doch zuwege; als ihm aber sein Lehrmeister Nachts Licht zu brennen verbot und den Besuch der Feiertagsschule verkümmern wollte, verwandte er den Rest seines vom Kurfürsten erhaltenen Geschenks dazu, dem Meister das letzte halbe Jahr der Lehrzeit abzukaufen und sich eine Schleifmaschine anzuschaffen, mit der er eifrig arbeitete.

Auf seinen Besitzungen sehr in Anspruch genommen, konnte sich damals U. um Fraunhofer persönlich nur wenig kümmern, er bat aber seinen gelehrten Freund, Professor Schiegg (s. A. D. B. XXXI, 180) , den jungen Fraunhofer bei seinen mathematischen und optischen Studien mit Rath und That zu unterstützen. Auf Schiegg’s Empfehlung wurde Fraunhofer in das math.-mechanische Institut aufgenommen und der Aufsicht dieses seines Lehrers unterstellt, welcher die optischen Rechnungen für das Institut besorgte und deshalb fast täglich ins Haus kam.

Fraunhofer, ein Jüngling von seltener Genialität, entwickelte sich unter der Leitung Schiegg’s und im Umgange mit Reichenbach und Liebherr ungemein schnell: nach kurzer Zeit berechnete und schliff er aus den von Guinand gelieferten Glasstücken die Linsen für alle optischen Instrumente, deren die wissenschaftliche Beobachtung bedurfte. U. fand sich hierdurch, und weil die Bestellungen täglich zunahmen, veranlaßt, den optischen Theil des mathematisch-mechanischen Instituts nach Benedictbeuern zu verlegen und unter Fraunhofer’s Leitung zu stellen. Demgemäß wurde am 7. Februar 1809 ein neuer Gesellschaftsvertrag über das optische Institut „Utzschneider, Reichenbach und Fraunhofer“ unterzeichnet, und von da ab erst erhielt das mechanische Institut in München seinen großen Aufschwung.

Fraunhofer’s Aufgabe in dem neuen Geschäfte bestand zunächst bloß in dem Berechnen und Schleifen von Glaslinsen; katoptrische Arbeiten waren ihm durch Vertrag untersagt, obwohl er auch darin weit vorangeschritten war. Um eine vollendete Ausführung der Linsen zu erreichen, erfand er eine Polirmaschine, welche die durch das Schleifen erzeugten sphärischen Flächen nicht bloß nicht zu beschädigen, sondern sogar noch zu verbessern gestattete. So wichtig aber auch die Form der Oberflächen ist, so steht ihr doch die innere physikalische Beschaffenheit des zu einer Linse verwendeten Glasstücks an Wichtigkeit kaum nach. Alles zu optischen Zwecken dienende Glas muß nämlich von Streifen und Wellen frei sein, weil diese das Licht unregelmäßig brechen und zerstreuen und deshalb keine scharfen Bilder geben. Fraunhofer fand mit einer ihm eigenthümlichen Methode der Untersuchung, daß das vor ihm in Benedictbeuern erzeugte Flintglas sehr häufig an diesem Fehler litt, und daß noch überdies bei einer und derselben Schmelze das Brechungsvermögen der einzelnen Glasstücke sehr verschieden war. Infolge dieser Nachweise erhielt er auch die Leitung der Glasfabrikation, welche schon bei der zweiten Schmelze den Beweis lieferte, daß ein Stück vom [431] Boden der zwei Centner schweren Glasmasse nicht nur streifen- und wellenfrei sein, sondern auch dasselbe Brechungsvermögen besitzen könne, wie ein Stück von der Oberfläche.

Mit den praktischen Arbeiten wußte Fraunhofer stets auch theoretische zu verbinden, so führte ihn z. B. die Bestimmung der Brechungscoefficienten des Glases zu der epochemachenden Entdeckung der fixen Linien im Farbenspectrum des Sonnenlichts. Seine Abhandlung hierüber nahm die hiesige K. Akademie der Wissenschaften in ihre Denkschriften auf, deren Verfasser selbst aber ehrte sie dadurch, daß sie ihn im J. 1817 (16 Jahr nach seiner glücklichen Rettung) zu ihrem ordentl. Mitgliede wählte. Fraunhofer’s weitere wissenschaftliche und technische Verdienste sind in seiner Biographie (s. A. D. B. VII, 323) besprochen; hier genügt es, gezeigt zu haben, wie wesentlich Utzschneider’s Einfluß auf die Entfaltung der eminenten Geisteskräfte und die Conception wissenschaftlich bahnbrechender Gedanken eines Mannes war, der so viel beigetragen hat, die beiden von U. gegründeten Institute zu wahren Werkstätten mathematischen Scharfsinns und durch allgemeine Verbreitung der daraus hervorgegangenen Präcisionsinstrumente München zum vornehmsten Sitze mechanisch-optischer Technik zu machen. Josef v. Fraunhofer erlag leider schon am 7. Juni 1826 im neununddreißigsten Lebensjahre einer Brustkrankheit, zu welcher die Katastrophe im Thiereckgäßchen und die vorausgegangene kärgliche Ernährung, sowie die folgende anstrengende Beschäftigung mit Glasschleifen den Grund gelegt haben mochten. U. ehrte seinen edlen Freund und Genossen durch ein einfaches Denkmal des südlichen Kirchhofs in München mit der würdigen Inschrift: Approximavit sidera.

Das optische und mechanische Institut standen in erfreulichster Entwicklung und die Ledermanufactur brachte soviel Gewinn als nöthig war die kostspieligen Versuche über Erzeugung wellen- und streifenfreien Flint- und Kronglases von gleichförmiger Brechung durchzuführen – da ward am 8. Februar 1807 Josef U. durch König Max Josef von neuem in den Staatsdienst berufen, und zwar in der doppelten Eigenschaft als Geheimreferendär des Finanzministeriums und als Generaladministrator der Salinen. Man trug sich damals mit dem Gedanken einer Salinenverpachtung, um aus den Geldverlegenheiten zu kommen, welche die fortwährenden Kriege erzeugt hatten. U. bot sein ganzes Ansehen auf, diesen Plan nicht zur Ausführung gelangen zu lassen, und erörterte in der überzeugendsten Weise die Mittel, durch welche Baiern eine erhöhte Rente aus seinen Salinen ziehen könne, nämlich durch Vergrößerung und Verbesserung des Betriebs. Ein vermehrter Betrieb erschien um so unbedenklicher, als es damals in Süddeutschland keine anderen als die bairischen Salzwerke gab, von denen Württemberg, Baden und die Schweiz ihren Bedarf beziehen mußten; und ein verbesserter Betrieb ließ sich nach den Erfahrungen, welche U. in Berchtesgaden gemacht hatte, leicht einführen. In der That gelang es ihm, den schon vom Bergrath Flurl in seinen Briefen über die bairischen Gebirge und Bergwerke (1792) ausgesprochenen Gedanken, die Salzsoole von Reichenhall nicht bloß nach Traunstein, sondern auch nach Rosenheim zu leiten und dort zu versieden, durch einen Salinenbau zu verwirklichen.

Dieser Bau, dessen wichtigster Theil die Soolenleitung von Reichenhall über Siegsdorf und längs des Chiemsees bildete, wurde in einem Jahre (1809) vollendet, und ist namentlich durch die Art der Soolenhebung merkwürdig geworden. U. hatte die Herstellung der Soolenleitung seinem Genossen vom mechanischen Institute, Georg Reichenbach, übertragen, der aus dem Militärverband trat, um Salinenrath zu werden. Die neue Aufgabe regte Reichenbach’s Erfindungskraft mächtig an, und in kurzem war sein Entschluß gereift, an die Stelle der bisher durch Wasserräder betriebenen Druckwerke, welche die Soole bis zur [432] höchsten Terrainstelle der Leitung heben müssen, Wassersäulenmaschinen mit verbesserter Construction zu setzen. Ihre Anwendung war im bairischen Hochgebirge besonders angezeigt, weil dort die bewegende Kraft des aus den Höhen gesammelten Wassers mit geringen Kosten beschafft werden konnte. (Näheres über die Leistungen dieser Wassersäulenmaschinen in Reichenbach’s Biographie, A. D. B. XXVII, 656.)

U. hat sich im Jahre 1809 nicht bloß das Verdienst erworben, den vielfach angefochtenen Bau der Saline Rosenheim mit größter Energie der Vollendung zugeführt zu haben, ehe Krieg oder andere Ursachen ihn zu unterbrechen vermochten; er hat vielmehr in jenem Jahre die bairischen Salinen sozusagen zum zweiten Male gerettet. Denn als die österreichischen Salzwerke zu Hallein und Berchtesgaden unter französische Verwaltung kommen sollten, erkannte U. sogleich den großen Verlust, der den bairischen durch Beschränkung sowohl ihrer Productionsfähigkeit als ihres Absatzgebietes bevorstand. Er reiste, da Gefahr im Verzuge war, ohne Vollmacht und Paß nach Wien und schloß dort mit dem französischen Generalintendanten Daru einen sehr vortheilhaften Vertrag ab, wonach die genannten Salinen mit allen Vorräthen an die bairische Verwaltung übergingen. Frohen Muths kehrte er nach München zurück, war aber höchlich erstaunt, daß ihm das gleichfalls von Montgelas verwaltete Finanzministerium Vorwürfe über Eigenmächtigkeit machte und den Vertrag nicht genehmigen wollte. Auf seine bestimmte Erklärung aber, er werde den einmal geschlossenen Vertrag für seine Person halten und sogleich in Wien die erforderlichen Abänderungen der Vertragsbestimmungen erwirken, erfolgte endlich die Genehmigung.

Die Dauer dieses Vertrags betrug allerdings nur fünf Vierteljahre, da vermöge einer mit Frankreich geschlossenen Uebereinkunft die Krone Baiern im Jahre 1810 die Fürstenthümer Salzburg und Berchtesgaden in Besitz nahm; gleichwohl steht actenmäßig fest, daß in dieser kurzen Zeit die Salinenrente sich um 258 668 Gulden erhöhte, und daß infolge des geordneten Uebergangs der Salinen Hallein und Berchtesgaden an Baiern die gleiche Summe erspart wurde, welche sonst für Anschaffung von Betriebsmaterialien und anderen Gegenständen hätte aufgewendet werden müssen. Ohne den von U. geschlossenen Vertrag wären die Kosten des Rosenheimer Salinenbaus verloren gewesen und der Salzhandel hätte vielleicht andere Richtungen genommen.

So groß aber auch Utzschneider’s Verdienste um die Erhaltung und Leistungsfähigkeit der bairischen Salinen sind, sie werden noch übertroffen durch sein Verdienst um die Gründung und Organisation der K. Steuerkatastercommission, die ohne Zweifel sein schönstes Denkmal bleibt.

Der Gedanke, die Grundsteuer durch Vermessung, Bonitirung und Liquidirung zu regeln, ist schon in den „Beiträgen zur Land- und Staatswirthschaft“ zu finden, welche der auch im Ruhestande nicht ruhende Geh. Referendär U. im J. 1804 durch den Druck veröffentlichte. Er behandelt in denselben die allezeit und auch heutzutage noch schwierige Frage der Besteuerung, indem er freisinnig und geistreich alle Arten von Steuern bespricht. Kaum vier Monate nach seinem Wiedereintritt in den Staatsdienst brachte er das alte bairische Steuerwesen zu Falle, das auf den Normen der Jahre 1594, 1612 und 1721 beruhte und in Bezug auf den Steuerfuß, die Steueranlage und Steuerbefreiung sehr mannichfaltig und ungleichartig war. Am 8. Juni 1807 wurde nämlich die Steuerbefreiung aufgehoben und eine eigene „Steuerrectificationscommission“ eingesetzt, welche eine systematische Steuerregulirung auszuarbeiten, und dabei namentlich auf die Verbesserung des Steuerfußes und die Steueranlage der bisher steuerfreien Güter des Adels und der Geistlichkeit ihr Augenmerk zu richten hatte.

Das auf die Currentwerthe der Epoche von 1594 bis 1612 sich stützende und von der oben genannten Commission begutachtete „Provisorium momentanum“ [433] erschien am 20. November 1807; weitere Forschungen dieser Commission führten indessen zu dem Ergebnisse, daß nur eine Parzellenvermessung und Bonitätsbestimmung die Grundlage eines brauchbaren Grundsteuerkatasters bilden könne. Darauf hin wurde durch königliche Entschließung vom 27. Januar 1808 das Steuerrectificationsgeschäft in zwei besondere Zweige gespalten, von denen der eine durch allgemeine und besondere Vermessungen den Grund zur definitiven Steuerrectification zu legen, der andere die Festsetzung eines vorerst nur die wesentlichsten Ungleichheiten der Besteuerung ausgleichenden allgemeinen Steuerprovisoriums anzustreben hatte. Für die erstgenannten Geschäfte wurde eine „Steuervermessungscommission“ mit U. als Vorstand und vortragendem Referenten im geheimen Finanzministerium aufgestellt, während die Ausmittelung des Steuerprovisoriums statt einer mehreren über alle Provinzen zu vertheilenden Steuerrectificationscommissionen vorbehalten blieb.

In die Vermessungscommission traten auf Utzschneider’s Vorschlag mehrere als tüchtig bekannte Gelehrte und Techniker, unter ihnen der bereits oben (S. 430) erwähnte Professor und Astronom U. Schiegg. Im Sommer 1808 schritt man zur Aufnahme der in dem Burgfrieden der Städte München und Augsburg und im Amte Dachau gelegenen Grundstücke nach ihrer Fläche und Bonität, und zur Erhebung der Häuser-Miethzinse. Auf solcher Grundlage verfertigte dann U. ein Modell des Grundsteuerkatasters, wie es ihm vorschwebte. Es fand den Beifall nicht bloß der Regierung, sondern auch der Steuerpflichtigen; die aufgestellten Grundsätze und Methoden der definitiven Katastrirung und Besteuerung erhielten am 13. März 1811 die königliche Genehmigung und die Vermessungscommission wurde in eine „Unmittelbare Steuerkatastercommission“ umgewandelt.

Utzschneider’s Verhältniß zu dieser Centralstelle blieb dasselbe wie zur Vermessungscommission: er war ihr Vorstand und Vertreter im Ministerium. Das Personal wurde wesentlich vermehrt, doch hat es hier nur Interesse, die Beiziehung des Astronomen Johann Soldner und des Lithographen Alois Senefelder zu erwähnen (s. A. D. B. XXXIV, 557 u. 8). Es mag auffallend erscheinen, daß U. Vorstand der Katastercommission und zugleich Referent über dieselbe im Finanzministerium war: der Grund hiervon lag darin, daß sich U. die Durchführung seines wohldurchdachten Plans weder von der Commission noch vom Ministerium stören lassen wollte. Dasselbe System hatte er bei der Salinenadministration bereits durchgeführt, und bei der Staatsschuldentilgungscommission wendete er es bald darauf an. Er beanspruchte jedoch für keine dieser drei Vorstandschaften eine besondere Gehaltszulage, ihm genügte der anständige Gehalt, den jeder andere Geheimreferendär bezog. Bei der Durchführung der Landesvermessung entwickelte U. dieselbe rastlose Thätigkeit wie beim Salinenbau in Rosenheim, und er wußte für jede Arbeit den rechten Mann und die zweckmäßigsten Hilfsmittel zu finden. So verwendete er, um nur eines zu nennen, die eben erfundene Lithographie im Dienste der Katastermessung, indem er durch Senefelder und Mettenleiter die Einrichtung treffen ließ, daß alle Originalaufnahmen der Geometer genau auf Stein übertragen und so nicht nur unveränderlich, sondern fortwährend abdruckfähig erhalten würden. Dreißigtausend lithographirte Platten liegen gegenwärtig im Kellergeschosse des königlichen Katasterbureaus. Aber noch einen anderen ihm sehr am Herzen liegenden Zweck erreichte U. mit dieser Anordnung, nämlich die Verbreitung der lithographirten Pläne unter das Volk und damit die Förderung der Landwirthschaft. Denn aus den bildlichen Darstellungen der Lage und Größe der Ortschaften und der Gemeindegründe springen dem gemeinen Manne die Vortheile der Güterabrundung und Zusammenlegung am greifbarsten in die Augen.

[434] Um für die auf die Triangulation folgende Detailvermessung des Landes die nöthige Zahl von brauchbaren Geometern zu haben, erwirkte U. die königliche Genehmigung zur Errichtung von Geometerschulen, von denen eine mit der Universität Altdorf, eine andere mit der Universität Landshut und eine dritte in Ermangelung einer Universität oder eines Polytechnicums mit der Steuerkatastercommission in München verbunden wurde. Diese drei Schulen zog man wegen Mangels an Mitteln zur dreifachen Anschaffung von Instrumenten etc. bald in eine einzige bei der königlichen Steuerkatastercommission verbliebene zusammen und gab ihr – entsprechend dem Organisationsprincip, das U. auch bei der Gründung der Forstschule geleitet hatte – zum Hauptlehrer den Professor der Mathematik Späth von der Universität Altdorf.

Der Feldzug des Jahres 1809 hatte die bairischen Finanzen sehr erschöpft. Ihnen aufzuhelfen wurde ein Finanzausschuß niedergesetzt, dessen Mitglied U. war. Sein Antrag, die alte und die neue Staatsschuld von den Ausgaben für den laufenden Dienst zu trennen, um Besoldungsrückstände zu vermeiden und mit Verzinsung und Tilgung der Staatsschuld nach einem festen Plane zu verfahren, fand Annahme bei dem Ausschuß. So entstand die „Staatsschuldentilgungscommission“, zu deren Vorstand U. am 10. August 1811 ernannt wurde, unter Beibehaltung seiner Stellen im geheimen Finanzministerium, bei der Generalsalinenadministration und bei der Steuerkatastercommission.

Bis zum unglücklichen russischen Feldzuge, dem bekanntlich fast das ganze bairische Heer zum Opfer fiel, wickelten sich die Geschäfte der Commission gut ab. Nun mußte aber die Armee wiederholt auf einen achtungswerthen Stand gebracht werden, wenn man den Ereignissen gewachsen sein wollte. Niemand wirkte eifriger für dieses Ziel als U., und ihm ist es wesentlich mit zu danken, daß Baiern in kürzester Zeit wieder ein schlagfertiges Heer besaß. Ein freiwilliges Lotterie-Anlehen, das er schuf, mußte einen Theil der Mittel, den anderen die Staatsschuldentilgungscommission aufbringen. Damit war aber der bisher eingehaltene Schuldentilgungsplan gründlich gefährdet, wiewohl selbst dieser Griff in die Cassen der Commission sich hätte ertragen und ausgleichen lassen, wenn ihr nur nach dem Pariser Frieden der Finanzminister Graf Montgelas die erforderlichen Mittel zugewendet hätte, um die unterdessen ausgesetzte Schuldentilgung wieder aufnehmen zu können. Aber alle hierauf gerichteten Anträge Utzschneider’s blieben unerledigt, so daß er hieraus und aus anderen Vorkommnissen schloß, der Widerstand gelte mehr seiner Person als seinen Anträgen. Er fand es mit seinem Ehrgefühle nicht vereinbar, öffentlich gegebene Zahlungsversprechen ohne die dringendste Noth unerfüllt zu lassen, und in der Hoffnung, wenigstens den Fortbestand der von ihm geschaffenen Staatsstellen für Schuldentilgung und Steuerkataster zu retten, wenn er seine Person davon trenne – entschloß er sich am 6. September 1814 seine sämmtlichen Aemter in die Hände seines gütigen Königs zurückzulegen.

„Gerne hätte ich“, so spricht er in seinem Entlassungsgesuch, „die Geschäfte der Staatsschuldentilgung, der Steuerkatastercommission und der Salinenverwaltung zu den von Eurer königlichen Majestät beabsichtigten Zielen geführt, und es wäre mir dieses auch nicht schwer gefallen, wenn ich die erforderliche Unterstützung gefunden hätte; allein ich vermag nichts, wenn das Ministerium gegen mich und die von mir verwalteten Stellen ist. Ohne aufrichtiges Zusammenwirken kann kein großes Geschäft im Staate gedeihen. Ich bitte demnach Eure Majestät mich zu entlassen und die von mir mit allem Eifer verwalteten Aemter Jemand zu übertragen, der das Zutrauen Allerhöchstdero Finanzministers Grafen v. Montgelas besitzt.“

In einem Schreiben vom 9. September gibt U. dem Minister Nachricht [435] von seinem Entlassungsgesuche und sagt unter Anderem: „Nichts wäre mir erwünschter gewesen, als bis an mein Lebensende Sr. Majestät und meinem Vaterlande nützlich zu dienen. Dieses Glück wird mir aber nicht zu Theil, denn ich hielt mich für verpflichtet, bei Sr. Majestät um meine Entlassung zu bitten. Die in meinem Gesuche angegebenen Beweggründe sind wahr. Es ist die Sache Eurer Excellenz, die Ihrem Ministerium untergeordneten Stellen zu unterstützen. Ich bin nicht im Stande, die ministerielle Kraft zu ersetzen, und kann unter diesen Verhältnissen nicht mehr fortdienen. Ich bitte daher, Eure Excellenz mögen bis zum 12. d. Nachfolger auf alle meine Stellen bestimmen; sie werden Alles in Ordnung finden. Ich empfehle Eurer Excellenz wiederholt die Staatsgläubiger. Das Publicum wird seinerzeit meine Vorschläge als die besten erkennen.“

Utzschneider’s Entlassungsgesuch wurde selbstverständlich dem Grafen Montgelas zur Berichterstattung zugeschlossen, und diese fiel, wie zu erwarten, nicht zu Gunsten des untergebenen Beamten aus, dem Ueberhebung und Eigenmächtigkeit vorgeworfen wurden. Auf den Wunsch des Königs, U. wenigstens in seiner Stelle als Generalsalinenadministrator zu belassen, erwiderte Graf Montgelas, daß es für dieses Geschäft allerdings wünschenswerth wäre, von Utzschneider’s Kenntnissen und Erfahrungen länger Gebrauch zu machen, daß aber dann der Minister um Enthebung von allen Finanzgeschäften bitten müsse, da er nicht ferner in amtlichen Beziehungen mit einem Manne stehen könne, der oft zu unstatthaften Absprüngen und subordinationswidrigen Ausfällen seine Zuflucht nehme, wenn seine an sich gut gemeinten, jedoch nicht immer wohldurchdachten Pläne der verantwortliche Minister nicht unbedingt billige.

Bei solcher Sachlage blieb dem König nichts übrig als dem Geheimrathe die erbetene Entlassung aus dem Staatsdienste nach den Vorschriften der Dienstespragmatik zu gewähren, wonach U. Standes- und Dienstgehalt, Titel und Functionszeichen verlor. Es hing nur von ihm ab, statt der Entlassung die Pensionirung sich zu erbitten, er würde sie sicher erhalten haben. Aber er that es nicht, sondern verzichtete auf ein jährliches Einkommen von viertausendvierhundert Gulden. Seine Handlungsweise erregte Erstaunen, Lob und Tadel, je nach den Beweggründen, die man ihr unterschob. Er folgte jedoch seinem Grundsatze „Nur Arbeit verdient Lohn“ und wollte sich die Freiheit bewahren, eine etwa sich wiederholende Aufforderung zum Eintritt in den Staatsdienst anzunehmen oder abzulehnen, was mit der Pensionirung unter Vorbehalt der Wiederverwendung unverträglich gewesen wäre. Noch heute seit ihrer Gründung besteht die Staatsschuldentilgungscommission in voller Wirksamkeit und gibt von dem wohldurchdachten Plane ihres Organisators das glänzendste Zeugniß.

Zum zweiten Male ins Privatleben zurückgetreten, überließ Josef v. U. das mechanische Institut seinem Genossen v. Reichenbach allein, von dem es sechs Jahre später (1820) an Traugott Ertel überging. Mit dem optischen Institute blieb er bis kurz vor seinem Tode verbunden, wo es an Merz und Mahler überging; die Lederfabrik führte er noch einige Jahre auf seine Rechnung fort. In solcher Einschränkung fühlte sich jedoch der fünfzigjährige Mann mit dem Wahlspruche: „Ich will nicht glänzen, sondern nützen und glücklich sein“ ohne genügende Beschäftigung. Er errichtete deshalb eine Tuchmanufactur, über die er schon seit zwölf Jahren Erhebungen und mit fachkundigen Männern Berathungen gepflogen hatte, und wofür er englische Spinnmaschinen kommen ließ. Bald darauf entstand auch das „Utzschneider-Brauhaus“ und später eine Essigfabrik, welche ganz Baiern mit vorzüglichem „Geistessig“ versah. Diese und noch einige andere minder bedeutende Unternehmungen will ich, um U. noch auf anderen Schauplätzen seiner Thätigkeit folgen zu können, mit der Bemerkung [436] übergehen, daß die Tuchfabrik ihrem Gründer mehr Verdruß bereitete als seine übrigen Fabriken zusammengenommen.

Schon 1805 hatte U. die Realitäten des aufgelösten Klosters Benedictbeuern gekauft, um die von der Loisach in der Umgebung erzeugten ausgedehnten Moose trocken zu legen und anzupflanzen, in den Gebäuden und auf den schon urbar gemachten Gründen eine landwirthschaftliche Musteranstalt zu errichten und für das Bedürfniß des mechanischen Instituts zu München, wenn nöthig, Kron- und Flintglas zu schmelzen. Nebenbei lief die Absicht, die schönen Klostergebäude vor Zerstörung zu bewahren und so einen lebhaften Wunsch der dortigen Landleute zu erfüllen. Zu den Rechten des Klosters Benedictbeuern gehörte auch die Gerichtsbarkeit über vier Ortschaften; U. mochte sie nicht selbst ausüben, sondern überließ sie dem Landgerichte Tölz, die angefallenen Taxen aber wendete er den Schulfonds der verwalteten Gemeinden zu. Auch Scharwerks- und Zehntrechte hatte das Kloster, da sie aber auf den Käufer der Realitäten desselben nicht übergingen, mußte er auf den vortheilhaftesten Anbau der Felder und Wiesen bedacht sein, um die weitläufigen Stallungen zu bevölkern und das Vieh mit selbstgebautem Futter zu nähren. Dieses Futter lieferten zum Theil die moosreichen Gründe, nachdem sie durch Ent- und Bewässerung in gute zweimädige Wiesen verwandelt worden waren.

Niemand mehr als U. war davon überzeugt, daß Wohlstand und Glück eines Volkes wesentlich von seiner Bildung abhängen. Er ließ deshalb auf seine Kosten mehrere der Werktagsschule entwachsene junge Leute, welche Talent und Neigung hatten, auf seine Kosten in Benedictbeuern in Mathematik, Physik, Naturgeschichte und anderen für den Feldbau oder die Gewerbsthätigkeit wichtigen Gegenständen unterrichten. Lehrer fand er in einigen Benedictinern des aufgelösten Klosters, denen er im Gebäude eine Freistätte und außerdem noch einen kleinen Geldbeitrag zu ihrer Pension gewährte.

Die von Napoleon I. gegen England verfügte Verkehrssperre kam in mehrfacher Hinsicht der festländischen Industrie zu statten. Auch U. sah sich dadurch veranlaßt, in seiner musterhaft betriebenen Oekonomie zu Benedictbeuern Versuche zur Herstellung von Stärkezucker aus Kartoffelmehl zu machen, welche guten Erfolg hatten. Aber die Zuckerfabrikation aus Runkelrüben gewann bald die Oberhand über jene aus Kartoffeln, und U. selbst führte sie auf seinem inzwischen erworbenen Bauernhofe zu Obergiesing ein, weder Mühe noch Kosten scheuend, um die sicherste und beste Methode der neuen Zuckerbereitung ausfindig zu machen. Es gelang ihm auch, und noch manche erinnern sich der Freude, mit welcher er Besuchern seine Vorräthe an Syrup und Zucker aller Art vorzeigte.

Eine große Ausdehnung konnte er der Runkelrübenzuckerfabrikation aber erst dann geben, als die ehemals bischöfliche Schwaige Erching angekauft war. Zwischen Freising und Ismaning am rechten Ufer gelegen und fünfzehnhundert Tagwerk Grund und Boden umfassend, von denen jedoch nur der zehnte Theil brauchbares Acker- und Wiesenland war, mußte das neuerworbene Besitzthum größtentheils erst entwässert und cultivirt werden. Aber so rationell war Utzschneider’s Verfahren, daß schon nach wenig Jahren eine Fläche von einigen Hundert Tagwerk mit Runkelrüben bebaut und an die Errichtung einer landwirthschaftlichen Lehr- und Erziehungsanstalt in Verbindung mit einer Armencolonie gedacht werden konnte. Als jedoch in einem gedruckten Programm vom 15. Januar 1830 zur Theilnahme eingeladen wurde, meldeten sich so wenige Schüler und Ansiedler, daß man auf die Durchführung des Unternehmens verzichten mußte. Die Theilnahmslosigkeit mag ihren Grund darin gehabt haben, daß zu jener Zeit die an Erching anstoßende Colonie „Hallbergmoos“ des bekannten „Eremiten von Gauting“ gegründet, infolge verfehlter Anlage im [437] Absterben begriffen und das gerade nicht beneidenswerthe Loos der Ansiedler des Donaumooses noch in Erinnerung war. Die Erchinger Armencolonie hätte übrigens ein solches Schicksal kaum zu befürchten gehabt. Denn nach seinen im Donaumoose und an anderen Moosen gesammelten Erfahrungen würde U. fürs erste die Cultur nur im Verhältniß zu der auf dem cultivirten Boden erzeugten Düngermenge ausgedehnt; zweitens würde er mit einer rationellen Entwässerung auch eine für alle Grundstücke der Colonie bestimmte Bewässerungsanstalt verbunden, und drittens jedem Ansiedler nicht bloß zehn Tagwerk ohne alle Rücksicht auf Lage und Bodenbeschaffenheit, wie in Hallbergmoos, sondern mindestens zwanzig Tagwerk trockengelegten und bewässerbaren Grundes zugetheilt haben, welche zum Unterhalt einer arbeitsamen Familie genügend und nothwendig sind.

In zehn Jahren hatte U. über die Hälfte des ihm gehörigen Erchinger Mooses in fruchtbares Land umgewandelt, sodaß noch etwa sechshundertfünfzig Tagwerk der Cultur bedurften und bedürftig blieben, da nach Utzschneider’s Tode das Gut Erching wieder einer gewöhnlichen Bewirthschaftung anheimfiel. Bis zu seinem Lebensende war der edle Mann darauf bedacht, die Landwirthschaft durch Lehre und Beispiel zu heben, und noch einen Tag vor seinem Unglücksfalle, am 28. Januar 1840, schrieb er folgende Worte auf ein landwirthschaftliches Gedenkblatt: „Bayerns größter Reichthum liegt in seinem Grund und Boden. Die Cultur und verständige Bearbeitung desselben ist die Hauptaufgabe für die bairische Nation. Bei zweckmäßigem Unterrichte und gut geleiteter Arbeit ist es nicht schwer, diese Aufgabe zu lösen.“

Die Verkündigung der bairischen Verfassungsurkunde und die ihr folgende erste Ständeversammlung neuer Ordnung führten U. in die Stellung eines zweiten Bürgermeisters und eines Abgeordneten von München. In der ersten sah er ein Ehrenamt und deshalb vertheilte er seinen Gehalt jeden Monat an gering bezahlte Bedienstete des Magistrats, die im voraus darauf angewiesen wurden. Seine Thätigkeit als Bürgermeister erstreckte sich besonders auf das Schulwesen, Vermehrung und Hebung der Volksschulen und auf Errichtung einer viercursigen Bürgerschule, zu welcher er einen guten Plan entwarf; dann auf Verbesserung des städtischen Gesundheitsstandes durch Anlage von Abzugscanälen und energische Fürsorge für das allgemeine Krankenhaus, das er bei seinem Amtsantritte dem gänzlichen Verfalle nahe fand, aber in Verbindung mit zwei Oberärzten und einigen Magistratsräthen in wenigen Jahren in eine Musteranstalt umwandeln half.

In seine Bürgermeisterzeit fiel der Brand des k. Hoftheaters. Uebelwollende benützten den traurigen Fall, durch unwahre Berichte, als habe sich die Bürgerschaft weder beim Löschen betheiligt, noch zu einem erheblichen Beitrag zum Wiederaufbau des Theaters bereit erklärt, in König Max Josef eine gereizte Stimmung gegen die Bürger seiner Residenz hervorzurufen. U. widerlegte zwar die dem König hinterbrachten Angaben in einem Schreiben an den in Würzburg residirenden Kronprinzen Ludwig, und stellte auch einen nicht unerheblichen Beitrag der Stadt für den Neubau in Aussicht; allein der im Gemüthe des Königs einmal erzeugte üble Eindruck ward nicht verwischt, und als U. bald nachher sein sechzigstes Lebensjahr vollendete, legte er, von der gesetzlichen Befugniß Gebrauch machend, sein Amt nieder. Die k. Regierung des Isarkreises sprach ihm am 27. Mai 1823 ihr Wohlgefallen über seine Leistungen aus, wodurch er sich um die Haupt- und Residenzstadt wiederholt verdient gemacht habe, und gleiches geschah von den beiden städtischen Collegien, als er sein Amt dem Nachfolger übergab.

Durch das öffentliche Vertrauen wurde U. als Bürgermeister von München in die erste und zweite, und als Gutsbesitzer ohne Gerichtsbarkeit in die dritte bis achte Ständeversammlung berufen; er war also von 1819 bis 1840 ununterbrochen [438] Abgeordneter, und als solcher stets Mitglied des zweiten Ausschusses. Wenn er auch in der Kammer nur wenig sprach, so verriethen doch alle seine Referate und Anträge, daß er mit Ueberzeugung einem ruhigen gemäßigten Fortschreiten zum Besseren in allen Fragen des geistigen und materiellen Wohls huldigte. Seine Aeußerungen bezogen sich namentlich auf Gegenstände der Landwirthschaft, des Gewerbewesens und der Volksbildung; an der Steuergesetzgebung des Jahres 1828 hatte er wesentlichen Antheil, und sein Antrag vom 9. März 1831, betreffend „die Beförderung des Unterrichts in den bairischen Schulanstalten, für welche die Stände des Reiches Geld bewilligen“, ist besonders deshalb merkwürdig, weil er uns den intellectuellen Urheber der Königlichen Verordnung vom 16. Februar 1833 über die Gewerb- und polytechnischen Schulen und den Erfinder der in der Instruction zu dieser Verordnung abgedruckten „schematischen Darstellung des Systems der in Baiern zu errichtenden öffentlichen Unterrichtsanstalten“ zu erkennen gibt.

In dem von U. vorgeschlagenen System von Unterrichtsanstalten gewähren die allgemeine und die technische Hochschule die höchste Stufe der Ausbildung. Der Universität werden die bestehenden fünf Facultäten belassen, dem Polytechnikum aber außer den mathematischen und Naturwissenschaften das Ingenieur- und Hochbaufach, die Land- und Forstwirthschaft, das Berg-, Hütten- und Fabrikwesen zugetheilt. Für Philologie und Pädagogik, für Archäologie und Kunst, sowie für Kriegswissenschaft sollen höhere, der Universität und dem Polytechnikum parallel laufende Specialschulen errichtet werden. Die Vorbildung für alle diese Hochschulen soll eine gemeinsame sein und durch die „Allgemeine Bürgerschule“ oder das „Gymnasium“ in der Zeit vom zehnten bis fünfzehnten Lebensjahre, und durch die „Allgemeine wissenschaftliche Vorschule“ oder das „Lyceum“ vom fünfzehnten bis achtzehnten Lebensjahre gewährt werden. Von Utzschneider’s Anträgen, die er als Abgeordneter gestellt hat, wurden mehrere nicht genehmigt, die später Gesetz oder Verordnung wurden; er war also auch in dieser wie in mancher anderen Hinsicht seiner Zeit voraus.

Während er als Landwirth und Mitglied der Ständeversammlung wirkte, erging an ihn durch den Minister Graf Armansperg eine ehrenvolle Aufforderung Königs Ludwig I., von neuem dem Staate zu dienen. U. folgte dem Rufe, galt es ja doch einer Schule, und zwar der höchsten technischen Bildungsanstalt des Landes, der ehemaligen „Polytechnischen Centralschule“. Er übernahm die Stelle eines ersten Vorstandes, welche im wesentlichen dem an mehreren auswärtigen Universitäten bestehenden Amte eines Curators gleichkam, verzichtete aber wiederum auf jedes Gehalt für seine Person und vertheilte ihn unter gering besoldete Lehrer und Bedienstete der Anstalt in ähnlicher Weise wie früher den Bezug als Bürgermeister.

Die polytechnische Centralschule war vom Jahr 1827 bis 1833 im Grunde nicht viel mehr als eine Realschule der Neuzeit, da für sie keine Vorschule bestand; mit dem Jahre 1833 aber kamen die von U. in seinem schon erwähnten allgemeinen Unterrichtsplane gemachten Vorschläge über die Organisation der polytechnischen Schule in den Hauptpunkten zur Ausführung. Der Name „Polytechnische Centralschule“ mußte fallen, da durch die k. Verordnung vom 16. Februar 1833 drei gleichmäßig organisirte polytechnische Schulen in München, Nürnberg und Augsburg errichtet wurden. Sie schlossen sich an die gleichzeitig errichteten Gewerbschulen und umfaßten wie diese drei Curse mit Mathematik, Naturwissenschaften und Zeichnen als Hauptlehrgegenständen. Sie entsprachen also, auch dem Umfange dieser Lehrgegenstände nach, der allgemeinen Abtheilung der gegenwärtigen Münchener Technischen Hochschule. Fachschulen gab es bis zum Jahre 1840/41 nicht. Erst in jenem Studienjahre trat an der Münchener [439] polytechnischen Schule ein einjähriger „Ingenieurcurs“ ins Leben, der nach siebzehn Jahren zu einer zweicursigen „Bau- und Ingenieurschule“ sich erweiterte. Aus der damals fünf Jahrescurse umfassenden Münchner technischen Bildungsanstalt entwickelte sich die „Technische Hochschule“, die noch jugendliche Tochter der polytechnischen Centralschule.

Geheimrath v. Utzschneider’s thatenreiches Leben endigte durch einen Unglücksfall. Als er am 29. Januar 1840 mit dem Pfarrer Silberhorn von Obergiesing, seinem Collegen im Ständehaus, zur Sitzung fahren wollte, wurden am oberen Ende des Giesinger Berges die Pferde scheu, gingen durch und schleuderten, unten angelangt, den Wagen so gewaltsam gegen eine Hausecke, daß U. eine starke Gehirnerschütterung erlitt und vier Rippen brach. Er wurde bewußtlos nach München gebracht und schon am folgenden Tage war jede Hoffnung auf Erhaltung seines Lebens verschwunden. Kein Zeichen wieder erwachten Bewußtseins stellte sich ein und U. verschied am 31. Januar Nachts 11 Uhr. Die Nachricht von diesem Unglücksfalle und Tode verbreitete sich mit Blitzesschnelle durch die Stadt und erregte die allgemeinste Theilnahme, die sich auch bei der am 3. Februar erfolgten Beerdigung aussprach. Sechzehn angesehene Bürger trugen den Mann, der über sechzig Jahre unter ihnen gelebt und gewirkt, dessen Vorzüge und Mängel sie kannten, abwechselnd auf ihren Schultern zu Grabe; eine Auszeichnung, die vor ihm niemand zu theil wurde. Unter den Tausenden von Menschen aus allen Ständen, welche zum letzten Geleite den hiesigen Kirchhof füllten, befanden sich königliche Minister und Staatsräthe, Deputationen der beiden Kammern des Landtages, der städtischen Collegien, des polytechnischen und landwirthschaftlichen Vereins und sämmtliche Professoren der polytechnischen Schule. „Dem edelsten Vaterlandsfreunde“ wurde das Grab in der Nähe der Ruhestätten seiner Ruhmesgenossen Reichenbach und Fraunhofer bereitet.

Geheimrath v. U. war ein großer schöner Mann von würdiger, fast militärischer Haltung. Ein unglücklicher Fall auf der Stiege seines Wohnhauses in Erching hatte erst in den letzten zwei Jahren seinen Gang etwas verändert. Obwol er in früher Jugend durch unvorsichtigen Gebrauch einer Windbüchse das linke Auge verloren hatte, erschien sein Gesicht dadurch doch nicht entstellt. Sein Körper, abgehärtet und jeder Anstrengung fähig, wies noch bei der Obduction durchaus normale und eine längere Lebensdauer verbürgende Organe nach. U. stand immer früh auf und schätzte diese Eigenschaft auch an anderen, namentlich Personen seiner Umgebung. Dieser Gewohnheit und der Gabe leichter Conception verdanken wir seine mannichfaltigen Leistungen. Die Freuden der Tafel hatten für ihn keinen Reiz, er war stets mit einfacher Hauskost zufrieden. Von einem beschaulichen Leben mag er, der Mann der That, kaum eine richtige Vorstellung gehabt haben. Seine Gespräche, oft von heiterer Laune erfüllt und immer belehrend, drehten sich stets nur um concrete Dinge. Alle Unternehmungen erwog er reiflich und nach allen Seiten: fand er die verfügbaren Mittel ausreichend, so schritt er rasch und energisch zum Handeln, genügten sie ihm aber nicht, so war er wie kein anderer geschickt, eine Sache hinauszuziehen. Es fiel ihm leicht, anzuordnen und auszuführen, das Hergestellte aber zu erhalten und mit Vortheil auszubeuten, ließ seine Uneigennützigkeit nicht zu. So erklärt sich, warum er der ihn überlebenden Gattin und den Kindern seiner Tochter kein nennenswerthes Vermögen hinterließ. Eine reichbegabte seltene Natur, gehört U. für sich allein nur Baiern, im Bunde mit Reichenbach und Fraunhofer aber der Welt an.

Vgl. des unterzeichneten Verfassers Rede: Josef v. Utzschneider und seine Leistungen auf staats- und volkswirthschaftlichem Gebiete. München 1880, bei G. Franz (J. Roth). – Ferner: Desberger, Zum Andenken an den [440] Geheimrath Josef v. Utzschneider. Kunst- und Gewerbeblatt 1840, S. 137 u. ff. – Den in den Memoiren des Ritters v. Lang enthaltenen unwürdigen Angriff auf Utzschneider’s Charakter haben wir im Hinblicke auf die verdiente Zurechtweisung, welche er in Prof. K. Th. Heigel’s Schrift: Aus drei Jahrhunderten, S. 214 ff., Wien 1881, erfahren hat, ganz übergangen. Wer jedoch den Lang’schen Vorwurf gelesen hat, U. habe ihn, den Archivar, zur Legalisirung falscher Urkunden verleiten wollen, den bitten wir dringend, auch Heigel’s Aufsatz: Die Memoiren des Ritters v. Lang, aufmerksam durchzugehen.