ADB:Ludwig I. (König von Bayern)

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Artikel „Ludwig I., König von Baiern“ von Karl Theodor von Heigel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 19 (1884), S. 517–527, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Ludwig_I._(K%C3%B6nig_von_Bayern)&oldid=2501688 (Version vom 26. September 2017, 11:08 Uhr UTC)
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Band 19 (1884), S. 517–527 (Quelle).
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Ludwig I., König von Baiern, geb. zu Straßburg am 25. August 1786, † zu Nizza am 29. Febr. 1868. Der Vater, Max Joseph, Prinz von Zweibrücken, stand zur Zeit, da ihm seine Gemahlin Augusta, Prinzessin von Hessen-Darmstadt, diesen ersten Sohn schenkte, als Oberst des französischen Regiments d’Alsace in Straßburg, und König Ludwig XVI. legte auch dem Neugeborenen ein Oberstpatent als Pathengeschenk in die Wiege. Die nach Ausbruch der Revolution von den Jacobinern in Straßburg angestifteten Unruhen nöthigten die herzogliche Familie zur Uebersiedelung nach Mannheim; hier und im benachbarten Schwetzingen verlebte L. seine Knabenjahre. Der Einfall der Franzosen in die Pfalz zwang abermals zur Flucht. Max Joseph, seit dem Ableben seines älteren Bruders Karl August (1795) regierender Herzog des vorerst freilich von den Franzosen occupirten Ländchens Zweibrücken, nahm in dem freundlichen Rohrbach an der Bergstraße Aufenthalt, bis ihn der Tod des Kurfürsten Karl Theodor von Pfalz-Baiern als dessen Nachfolger nach München rief. Am 6. März 1799 hielt Kronprinz Ludwig mit seinen Geschwistern Einzug in die Stadt, die ihm so glänzenden Aufschwung verdanken sollte. 1803 bezog er, von seinem Religionslehrer Sambuga begleitet, die Landesuniversität Landshut. Hier gewann der Professor für Moralphilosophie, Sailer, ein Priester von wahrhaft evangelischer Herzensgüte, aber unklar und schwankend in seinen Ansichten über Wesen und Aufgaben des Christenthums, den nachhaltigsten Einfluß auf die geistige Entwicklung des Prinzen. Im folgenden Wintersemester besuchte dieser die Universität Göttingen; hier wie in Landshut oblag er eifrig dem Studium und legte den Grund zu der vielseitigen Bildung, die später dem Regenten ermöglichte, auf den verschiedensten Gebieten, wie viele Tausend fachliche Signate in den Ministerialakten beweisen, selbstthätig zu wirken. Begeisterte Verehrung widmete der Prinz dem Geschichtschreiber Johannes Müller, und der Verkehr mit diesem Denker und Dichter trug wohl am Meisten dazu bei, im Sohne des ersten Rheinbundfürsten einen zwar – wie es in jener Zeit nicht anders möglich war – über die letzten Ziele unklaren, aber nichts desto minder aufrichtigen Patriotismus, ja eine wahrhaft enthusiastische Verehrung der deutschnationalen Idee wachzurufen. Mit Unrecht hat man die Abneigung Ludwigs gegen Napoleon auf persönliche Motive zurückführen wollen; schon in den Gedichten aus den frühesten Jugendtagen des Prinzen ist mit überraschender Heftigkeit dem Unwillen über den „Erb-Feind der deutschen Nation“ Ausdruck verliehen. Ein Besuch der Kunstmetropolen Italiens im Herbst 1804 weckte in dem Achtzehnjährigen den Sinn für die Kunst. Schon damals trat er in Rom mit hervorragenden Meistern in freundschaftliche Beziehung. Hier machte er auch die Bekanntschaft des Würzburgers Martin Wagner, dessen unermüdlichem Sammeleifer er in der Folge den Erwerb der herrlichen in der Glyptothek vereinigten Schätze verdankte. Im Feldzug gegen Preußen und Rußland 1806–1807 mußte L. den ersten Kriegsdienst leisten. Es darf wol als einer der schönsten Züge in der Geschichte des Fürsten hervorgehoben werden, daß er gerade in Berlin, wo er im Gefolge der französischen Marschälle in Berlin eingezogen war, in jenen Tagen der tiefsten Erniedrigung Deutschlands den Gedanken faßte, dem deutschen Genius einen Ehrentempel, die Walhalla, zu bauen. Während sich in der Hauptstadt Preußens Alles vor dem überlegenen Genius des Siegers beugte, galt der erste Gang des bairischen Prinzen einem Besuch des Bildhauers Schadow, um eine Büste Friedrichs des Großen zu bestellen. Die Abneigung gegen den „Korsen, der den Teutschen Sklavenketten schmiedet“, wandelte sich allmählich in den bittersten Haß; weder Rücksicht auf die eigene Stellung, noch der Gewinn, der für Baiern aus dem Bunde mit Napoleon erwuchs, vermochten ihn abzuhalten. allen Gegnern Frankreichs seine Sympathie zu bezeigen. Aus den jüngst veröffentlichten Berichten [518] des Grafen Stadion aus München erhellt, daß der Kronprinz dem Vertreter Oesterreichs eine förmliche Aufforderung zugehen ließ, der Wiener Hof möge doch ja aus der durch den spanischen Aufstand für Napoleon geschaffenen Verlegenheit Nutzen ziehen. Als immer deutlicher hervortrat, daß der Ausbruch des Kriegs nur noch eine Frage der Zeit, äußerte der Prinz zu dem Fürsten Paul Esterháczy, vorerst werde sich Baiern wohl noch ruhig verhalten und Napoleons Befehlen gehorchen müssen; sobald aber den Oesterreichern ein erster Schlag geglückt sein werde, dürfe Kaiser Franz auf seine offene Mitwirkung zu Gunsten der gerechten Sache mit Bestimmtheit zählen. Als der Feldzug im Frühjahr 1809 mit der Besetzung Baierns durch die Oesterreicher anhob, erhielt der Thronfolger das Kommando der ersten baierischen Division. Er nahm an den Treffen am rechten Donauufer Theil und konnte am 26. April mit zahlreichen Gefangenen und eroberten Kanonen in die befreite Hauptstadt einziehen. Darauf wurde die Division des Kronprinzen dem mit Unterwerfung der Tiroler Insurgenten betrauten französischen Corps beigegeben. L. überwarf sich bald mit dem Marschall Lefevbre, der nur durch Strenge wirken wollte, während der Prinz aus der Sympathie für das heldenmüthig kämpfende Volk gar kein Hehl machte. Die Meldungen aus Tirol über die Niederlagen seiner sieggewohnten Truppen und das zweideutige Verhalten des bairischen Kronprinzen versetzten den Kaiser in zornige Aufregung. Er richtete an Wrede einen Brief voll heftiger Klagen über die bairischen Truppen und ihren Führer. Zu General Bubna äußerte er: „Dieser Prinz wird nie auf den Thron steigen!“ ja als General Stengel von der Division des Kronprinzen angeblich auf Weisung seines Divisionärs im Luegpaß zurückwich, rief Napoleon: „Wer hindert mich, diesen Prinzen erschießen zu lassen?“ Den heimlich betriebenen Plan einer Vermählung mit der russischen Großfürstin Katharina vereitelte der Leiter des bairischen Cabinets, aber gegen die in den Tuilerien vorgeschlagenen Eheprojekte verhielt sich der Prinz ablehnend. Nach eigener Wahl vermählte er sich am 12. Octbr. 1810 mit Therese, Prinzessin von Sachsen-Hildburghausen. Vom Vater zum Gouverneur des Inn- und Salzachkreises ernannt, residirte er abwechselnd in Innsbruck und Salzburg. Es galt als öffentliches Geheimniß, daß er das Oberhaupt einer immer stärker anwachsenden Partei in Baiern war, die in der Abhängigkeit vom übermüthigen Zwingherrn eine Schmach erblickte, und mit Gesinnungsgenossen aus allen Gauen Deutschlands in Briefwechsel stand. Höhnisch erzählt Montgelas in seinen Memoiren, im Sommer 1811 habe der Kronprinz nächtlicher Weile am Mondsee mit Marschall Wrede und dem Diplomaten Hans Gagern einen Bund, ähnlich jenem der schweizerischen Eidgenossen auf dem Rütli, geschlossen; wenn man erwägt, daß der Prinz, ein Jüngling von cholerischem Temperament, auch vor extravaganten Schritten nicht zurückscheute, braucht die Thatsache, in den Augen eines Montgelas natürlich nur eine Posse, nicht in Zweifel gezogen zu werden. Als endlich der Befreiungskrieg ausbrach, gab L. seine Ungeduld über die Zauderpolitik des bairischen Cabinets so demonstrativ zu erkennen, daß ihn der Vater ernstlich warnte. Nach Abschluß des Rieder Tractats vom 8. Octbr. 1813, wodurch der größte Rheinbundstaat in die Reihe der gegen Napoleon verbündeten Mächte eintrat, erließ L., zum Obercommandanten der Landesbewaffnung ernannt, begeisterte Tagesbefehle, die zu den vorsichtigen Aeußerungen der baierischen Regierung den schärfsten Gegensatz bildeten. Unmuthig beklagte er, daß ihm versagt blieb, am Feldzug Theil zu nehmen; dagegen mußte er den Vater zum Fürstencongreß nach Wien begleiten. Der lebhaft gestikulirende und in Folge seiner Schwerhörigkeit sehr laut sprechende Prinz, der überdies mit Künstlern und Antiquaren in cordialsten Verkehr trat und für [519] alte Gemälde und griechische „Scherben“ sein Geld ausgab, galt in Wien als excentrisches Original. „Er ist ein Narr, aber ein geistvoller!“ äußerte Talleyrand. „Seine Stimme“, schreibt Bettina Brentano, die ihn 1809 kennen lernte, „seine Sprache und seine Gebärden haben etwas Angestrengtes, wie ein Mensch, der sich mit großem Aufwand von Kräften an glatten Felswänden hinaufhalf, eine zitternde Bewegung in den noch nicht geruhten Gliedern hat.“ Von den Partikularisten und Kosmopoliten wurde die „brausende Deutschthümelei“ des Prinzen verspottet, während Stein und Bunsen darin nur verkappten Partikularismus witterten. Ebenso von praktischem, wie von patriotischem Sinn des Prinzen zeugt jedoch die Thatsache, daß er der eifrigste Anwalt des dem Kongreß unterbreiteten Antrags auf Rückgabe von Elsaß und Lothringen war, und das damals von ihm gedichtete Epigramm: „Trauriges Bild des Reiches der Deutschen: Zweiköpfiger Adler! Wo zwei Köpfe besteh’n, ach! da gebricht es an Kopf!“ beweist, daß er die Wurzel des deutschen Mißgeschickes richtig erkannte. Als Napoleons Rückkehr nach Frankreich zur Wiederaufnahme des Feldzugs nöthigte, rückte L. an der Spitze der bairischen Truppen über den Rhein, jedoch war inzwischen schon die Entscheidung bei Waterloo gefallen, und die Baiern hatten nur noch unbedeutende Gefechte zu bestehen. Nach dem Einzug in Paris verwendete er sich eifrig für Rückgabe der von den französischen Armeen aus Deutschland entführten Kunstschätze. Da der Wiener Friede Baiern die Abtretung von Salzburg und Tirol an Oesterreich auferlegte, wohnte L. seitdem abwechselnd in Würzburg und Aschaffenburg. Der Mahnung der Aerzte und der eigenen Neigung folgend nahm er auch wiederholt längeren Aufenthalt in Rom, und diese friedlichen „Römerzüge“ des bairischen Kronprinzen sollten für die neuerwachte deutsche Kunst hohe Bedeutung erlangen. Die jüngst veröffentlichten Denkwürdigkeiten des Gelehrten Ringseis, der als Arzt den Prinzen und nachmaligen König fast auf allen italienischen Reisen begleitete, bieten lebensvolle Bilder aus jenen Tagen; das für jede Anregung empfängliche, enthusiastische Wesen des Fürsten war ja gerade auf Reisen, wenn alle Vorschriften der Etikette außer Geltung gesetzt waren, vor den Begleitern wie ein offenes Buch aufgeschlagen. Trotz mancher Unterschiede fühlte sich Ringseis namentlich durch einen den beiden Fürsten gemeinsamen Charakterzug, eine merkwürdige Zähigkeit in Ausführung der gefaßten Beschlüsse, gedrungen, seinen Gönner mit dem berühmten zweibrückischen Stammverwandten Karl XII. von Schweden in Parallele zu setzen. Im Winter 1817 knüpfte L. mit Cornelius, Thorwaldsen, Overbeck, Schnorr u. A. jene innigen Beziehungen an, die eine Bewegung auf künstlerischem Gebiete, vergleichbar mit dem Aufschwung auf litterarischem Gebiete, der sich im vorigen Jahrhundert fast ausschließlich auf den protestantischen Norden erstreckt hatte, hervorriefen. Die Mitglieder des römischen Künstlerkreises behandelte der Prinz wie gute Kameraden, aller Zwang ward über Bord geworfen, schwärmerische Begeisterung für das Deutschthum in der Kunst war das alle „guten Geister“ umschlingende Band, und wenn sich etwa Zwist erhob zwischen dem „eingefleischten Hellenisten“ Klenze und dem christlichen Romantiker Cornelius, wußte der Prinz, christlich und national gesinnt, aber „in schöngeistiger Beziehung von einer vorwiegend hellenisirenden Bildung“, immer wieder die Parteien zu versöhnen. Noch war es nicht möglich, die Freunde nach München zu führen; so wurde denn einstweilen mit Erwerbung edler Kunstwerke rüstig begonnen. Martin Wagner kaufte auf Rechnung des Prinzen in Italien, Haller von Hallerstein veranstaltete auf griechischem Boden Ausgrabungen, auch in Paris und London waren Agenten thätig. Für Alle galt als erstes Gebot: Nur das Beste ist gut genug! In vielen tausend noch erhaltenen Briefen gab L. selbst für Alles und Jedes genaue Anweisung, die Briefe an Wagner, deren er wöchentlich zwei [520] zu schreiben pflegte, enthalten häufig zwanzig bis dreißig Frage- und Antwortpunkte. Aus der Correspondenz mit Haller geht hervor, daß schon L. die nämlichen Plätze ins Auge faßte, wo später unter günstigeren Umständen und mit glücklicherem Erfolg Schliemann seine Ausgrabungen ins Werk setzte. Eine der erworbenen Meisterwerke der Antike würdige Halle im griechischen Stil, die Glyptothek, war das erste größere Bauunternehmen Ludwigs. Den eigentlichen Regierungsgeschäften schien er fern zu stehen; aus den Briefen des Prinzen und aus Mittheilungen eingeweihter Zeitgenossen erhellt jedoch, daß er schon vor der Thronbesteigung gerade in wichtigen Fällen entscheidenden Einfluß übte. Sein Werk war der Sturz des bisher schrankenlos schaltenden Ministers Montgelas; ein Brief des Thronfolgers, der über die undeutsche Leitung der öffentlichen Angelegenheiten Baierns Klage führte und zugleich dem Bedauern Ausdruck lieh, daß sich gewisse Diener in eitler Selbstsucht zwischen Vater und Sohn zu drängen suchten, hatte die Entlassung des Ministers zur Folge. In der Concordatsfrage stand L. insofern auf Seite der Curie, als er den Frieden zwischen Staat und Kirche für möglich hielt und wünschte und für das Zustandekommen eines Vergleichs wirkte; dagegen ist er für Häffelin’s eigenmächtiges Vorgehen in Rom nicht verantwortlich zu machen. An den Bestimmungen des Religionsediktes wurde sogar unter dem Ministerium Abel festgehalten; bitter klagt vom klerikalen Standpunkt Strodl in der Geschichte jenes Ministeriums über „den alten Geist der absoluten Gewalt“, der „auch in jener Zeit als der böse Dämon umging, um die Kirche zu fesseln nach Willkür“. Bedeutsam war die Mitwirkung des Prinzen am bairischen Verfassungswerk. Schon unter Montgelas hatte eine aus hohen Staats- und Hofbeamten gebildete Commission einen Entwurf ausgearbeitet, der jedoch gerade die Negation alles dessen, was eine Verfassung bezwecken soll, enthielt. Da unterzog L. in einem ausführlichen Memorandum die einzelnen Artikel strenger Prüfung und formulirte fast durchaus nach einer den Volkswünschen günstigen Auffassung neue Anträge. Dieses Memorandum diente, als nach Montgelas’ Sturz mit der Einführung „englischer Prinzipien“ Ernst gemacht wurde, bei den Schlußverhandlungen als Grundlage. Die Veröffentlichung der Constitution wurde überraschend schnell in Scene gesetzt, um eine vom Kronprinzen beabsichtigte Reise von Italien nach Griechenland, wo schon der Befreiungskampf begonnen hatte, zu verhindern. L. mußte zur Unterzeichnung der Urkunde nach München zurückkehren und leistete am 27. Mai 1818 als der Erste den Eid auf die Verfassung. Als in den nächsten Jahren zu Karlsbad, Frankfurt und Wien von den tonangebenden Staatsmännern der beiden deutschen Großmächte ein förmlicher Sturmlauf gegen den süddeutschen Constitutionalismus unternommen wurde, bewährte sich L., wie sich aus der jüngst veröffentlichten Correspondenz des Prinzen mit dem Finanzminister Lerchenfeld ersehen läßt, geradezu als Retter der Verfassung. Nach den Karlsbader Conferenzen schrieb er (1. Octbr. 1819) an den Vater: „Sie haben aus edlem, freiem Antriebe Baiern das wohlthätige Geschenk einer Verfassung für alle Zeiten gegeben, und wir haben sie beschworen, wovon uns Niemand entbinden kann. Sie können nicht wollen, daß eine Verletzung derselben, also ein Eidbruch geschehe.“ Hauptsächlich diese feierliche Erklärung des Thronfolgers bewog den König zum Widerstand gegen Metternich. Als L. im Juni 1822 mit der Schließung des zweiten Landtags betraut wurde, sprach er nach Verlesung des Landtagsabschieds die in jenen Tagen bedeutungsvollen, in ganz Deutschland Aufsehen erregenden Worte: „Und nun sei mir gestattet, da ich das Erstemal die Ehre habe, unsern allerinnigst verehrten König und Vater in dieser Versammlung zu vertreten, daß ich laut meine Anhänglichkeit ausspreche an unsere Verfassung, die wir seiner Liebe und seiner Weisheit verdanken.“ Neue Beweise dieser Anhänglichkeit [521] gab er, als Metternich auf der Rückreise vom Congreß zu Verona nach München kam, um persönlich auf König und Minister zu Gunsten der in Verona gefaßten reaktionären Beschlüsse einzuwirken. Auch damals verwahrte sich der Kronprinz gegen jede weitere Beschränkung der Preßfreiheit, Aufhebung der Oeffentlichkeit der ständischen Verhandlungen und ähnliche Forderungen und half die Stellung des von den Gegnern der Verfassung heftig angegriffenen Marschall Wrede wieder befestigen. In der äußeren Politik beschäftigte ihn vor Allem die Wiedererwerbung des alten Pfälzer Gebietes für Baiern. Aus den Mittheilungen Varnhagen’s erhellt, wie eifrig L. bei den Großmächten gegen Anerkennung des neuen badischen Hausgesetzes agitirte, sogar auf Metternich suchte er in diesem Sinne einzuwirken, aber dieser war wenig geneigt, dem „turbulent liberalen“ Prinzen Dienste zu erweisen. Trug ja doch L. nicht Bedenken, seinen Sympathien für die Erhebung des Hellenenvolkes offen Ausdruck zu geben und verhältnißmäßig großartige Spenden nach Griechenland zu schicken. Der Tod des Vaters (12. Octbr. 1825) berief L. auf den Thron. Alle Welt war darüber einig, daß der neue König in Bezug auf Geistesgaben, Kenntnisse und Eifer den meisten Fürsten seiner Zeit überlegen sei; nur die stark ausgeprägte Anhänglichkeit an katholisches Kirchenthum rief schon damals in der protestantischen Bevölkerung Besorgnisse wach, die jedoch durch die Haltung der Regierung bald zerstreut wurden. Denn es kam zwar den Bestimmungen des Concordats gemäß zur Wiederaufrichtung einiger Klöster, öffentliche Prozessionen wurden wieder gestattet, andere kirchenpolizeiliche Verbote des Ministeriums Montgelas abgeschafft, aber den Protestanten war vorerst kein Anlaß zu Klagen geboten. Der König selbst betonte wiederholt, daß er zwar eine Wiedererstarkung des christlichen Lebens wünsche, aber jeden Zelotismus verachte. Gegen alle Rathschläge und Bitten, die Jesuiten nach Baiern zurückzuführen, verhielt er sich ablehnend. „Seine politischen Umtriebe habe ich diesem Orden vorzuwerfen“, schrieb er an Fürst Wallerstein, „besorge auch, daß der Benediktiner werdenden Erziehungsanstalt (in Metten) sie Abbruch thun würden. Teutsche Gesinnung soll in die Jugend gelegt werden, aber dieser waren die Jesuiten in Deutschland immer fremd: wo immer sie waren und sind, ihres Ordens Zweck verfolgen sie, nur ihn, Nebensache das Vaterland“. Auch bei Berufung des Dichters des „Belisar“, Eduard von Schenk, zum Minister des Innern (1828) schrieb L.: „Eduard von Schenk berathe mit Gott und sey selbständig, gebe keinen congregationischen Einflüsterungen Gehör, fern sey aller Jesuitismus. Nie war ich für die Jesuiten, obgleich mein verehrter Religionslehrer Sambuga sich zu ihnen neigte; ich kenne die Geschichte dafür zu gut, und offen sind gegen alle Seiten meine Augen, bin wachsam.“ Das Hauptverdienst der Regierung Ludwigs beruht in der Energie, womit Ordnung in den Staatshaushalt gebracht und das Gleichgewicht zwischen Soll und Haben hergestellt wurde. Durch Vereinfachung des Mechanismus der Staatsverwaltung, die sich freilich nicht ohne harte Schädigung vieler Privatinteressen erzielen ließ, wurde ermöglicht, daß schon 1827 in der Kammer die Erklärung abgegeben werden konnte, Baiern habe zum Erstenmal seit langer Zeit kein Deficit aufzuweisen. Allerdings hatte das unter L. herrschende Sparsystem auch seine Schattenseiten. L. selbst mußte noch erleben, wie bitter es sich rächte, daß durch übermäßige Einschränkung des Militäretats die Vertheidigungskraft des Landes geschwächt war. Andrerseits darf nicht vergessen werden, daß damals Ersparungen gerade auf diesem Gebiete in allen Volkskreisen ungetheilten Beifall fanden. In ganz Deutschland erregte die Aufhebung des Censuredikts in Baiern (24. Novbr. 1825) Aufsehen. Als Metternich dem baierischen Gesandten in Wien über so unvorsichtiges Vorgehen seines Monarchen sein [522] Mißfallen ausdrückte, erwiderte L., er sei nur Gott und der beschworenen Constitution verantwortlich; da nun Kaiser Franz nicht der liebe Gott und Metternich ganz gewiß nicht die Constitution sei, so möge der Herr Minister die Schlußfolgerung selbst ziehen. Ein andermal äußerte L.: „Ich lerne einsehen, daß die Zersplitterung Deutschlands in viele Staaten für die Nation doch noch nothwendig und vortheilhaft ist; unter den vielen Fürsten ist doch immer einer liberal und eine heilsame Opposition gegen Andere.“ Es läßt sich begreifen, welches Aufsehen solche Worte in einer Zeit, da fast an allen deutschen Höfen Gentz und Haller als Vertreter der wahren Staatsweisheit galten, hervorrufen mußten. Sogar Anselm Feuerbach, der auf die „Faselei und Pfafferei“ des Kronprinzen schlecht zu sprechen war, zollt dem Auftreten des Königs überschwänglichen Beifall. Auch die Zusammensetzung des Lehrkörpers der nach München versetzten Landeshochschule aus mittelalterlich-romantischen und freisinnigen Elementen erachtete der berühmte Jurist für glücklich: „Wasser und Feuer verträgt sich in der Natur auch nicht und doch grünt die Saat und keimt die Frucht.“ Schon während der italienischen Reise im J. 1818 hatte Ringseis die Frage aufgeworfen, ob nicht die in kleinlichen Verhältnissen vegetirende Universität in Landshut aufzulösen und eine mit reichen Mitteln ausgestattete Hochschule in der Hauptstadt des Landes zu errichten wäre. Der Gedanke war in L. haften geblieben, und bald nach seiner Thronbesteigung ging er an die Ausführung (Rescript vom 3. Octbr. 1826). Daß der für „Neubaiern“ bestimmten Anstalt ein rein katholischer Charakter aufgeprägt werde, glaubte sogar Ringseis, der bei Abfassung des Lehrplans und der Statuten eifrig mitarbeitete, nicht fordern zu dürfen, der König selbst gab als seinen Wunsch zu erkennen, daß der Anstalt „in großen Zügen der Stempel des rein Christlichen aufgeprägt werde“. Die Schranken wurden denn auch nicht allzueng gezogen, dies beweisen die Namen der Gelehrten, an welche die Einladung des Königs erging: Luden, Raumer, Tieck, Thibaut, Mittermaier, Oken, Görres, Schubert. Nur die drei Letztgenannten nahmen an, etwas später kam Schelling nach München und wurde gleichsam der Mittelpunkt der neuen Schöpfung. Bei der Eröffnungsfeier erklärte der König in einer Ansprache, er halte Unabhängigkeit der wissenschaftlichen Forschung, Freiheit des Wortes und der Mittheilung für die Grundpfeiler, auf welchen das Lehrgebäude ausgerichtet werden müsse. In diesem Geiste wurde auch der Lehrplan vom König selbst im Verein mit Thiersch und Schelling abgefaßt. Gleichzeitig vollzog sich ein frischer Aufschwung des Kunstlebens in München. Zwar gelang es nicht, Thorwaldsen zur Uebersiedelung zu bewegen, auch Overbeck weigerte sich, Rom zu verlassen, aber viele andere Künstler vereinigten sich um den Thron des königlichen Schutzherrn, Alle mehr oder minder von Cornelius, dem Großmeister der neuen Münchener Schule, beeinflußt. Stattliche Bauten wurden in der neu angelegten Ludwigsstraße aufgeführt, die Feldherrnhalle, das Odeon, die Ludwigskirche, das Universitätsgebäude, die Bibliothek, das Blindeninstitut, das Siegesthor. Zur Aufbewahrung des reichen Gemäldeschatzes der Wittelsbacher wurde die sogenannte alte, für Werke zeitgenössischer Künstler die neue Pinakothek gebaut. Auf der Theresienwiese, wo alljährlich im Monat October zum Andenken an Ludwigs Vermählung ein volksthümliches Fest veranstaltet wird, erhob sich die baierische Ruhmeshalle mit dem Kolossalerzbild der Bavaria. An die von Kurfürst Max I. erbaute Burg schlossen sich neue Flügel an. Das Westende der Stadt erhielt eine Basilika, die Vorstadt Au eine prächtige Kirche in gothischem Stil. Viele Plätze wurden mit Statuen verdienter Fürsten und Bürger geschmückt. Ueber den künstlerischen Werth der einzelnen Schöpfungen mögen die Ansichten auseinander gehen, aber längst ist der anfänglich von Einheimischen noch lauter [523] als von Fremden erhobene Vorwurf der „Zwecklosigkeit“ dieser Bemühungen und Geldopfer des Fürsten verstummt: am Abende seines Lebens konnte L. München, dessen Kunst Vischer noch 1844 als eine „exotische Pflanze für einige lorgnettirende Kenner“ verspottet hatte, die erste Kunststadt Deutschlands nennen. So segensreiches Schaffen auf idealen Gebieten wurde begünstigt durch den Frieden, dessen sich während der ganzen Dauer der Regierung Ludwigs das Land zu erfreuen hatte. Dagegen blieb die Ruhe im Innern nicht ungestört. Der Juli 1830 brachte die Revolution in Paris, Nachwirkungen auf Deutschland blieben nicht lange aus, auch in Baiern trat eine gewisse Gereiztheit in Kundgebungen der Presse und in den Landtagsverhandlungen des Jahres 1831 zu Tage. Der König hoffte, die Bewegung innerhalb der gesetzlichen Schranken halten zu können, indem er in der Thronrede daran erinnerte, wie wenig gerade er bisher auf Metternich’schen Bahnen gewandelt sei, und seine bürgerfreundliche Auffassung des Königthums in den Ausspruch zusammenfaßte: „Ich möchte nicht unumschränkter Herrscher sein“. Dennoch wurden in der Kammer der Abgeordneten nicht blos Anträge auf weitere Herabminderung des Militäretats, Herabsetzung der Civilliste, Beschränkung der Ausgaben für kostspielige Prunkbauten etc. gestellt, sondern auch in manche Reden Aeußerungen eingeflochten, die der Fürst als persönliche Beleidigung auffaßte. In solcher Stimmung sah er auch in einem unbedeutenden Studentenspektakel, der sich in München in der Christnacht 1830 entspann, ein beunruhigendes politisches Symptom, und so wuchs das Mißtrauen gegen die bisher von ihm selbst begünstigte liberale Richtung. Die Altbaiern waren vorwiegend konservativ, aber in Franken und in der Rheinpfalz griff eine Aufregung um sich, die sich in manchen Volkskreisen zu revolutionärem Umsturzgelüste steigerte und im Mai 1832 im Hambacher Feste ihren Höhepunkt erreichte. Nun wurde gegen Schuldige und Verdächtige mit drakonischer Strenge eingeschritten. Auch die Berufung des Ministeriums Wallerstein 1831 bedeutete thatsächlich eine Reaction zwar nicht auf kirchlichem, wohl aber auf politischem Gebiete. Gegenüber der konstitutionellen oder nach des Königs Auffassung demokratischen Agitation in den neuen Provinzen sollte das „altbairische Prinzip“ befestigt, die gefährdete Staatseinheit gerettet werden. Auch den Maßregeln, welche die zur Bekämpfung der Revolution vom Bundestag eingesetzte Centralbehörde für nothwendig erachtete, lieh seither die baierische Regierung willig ihre Unterstützung; insbesondere die Universitäten wurden durch Verlust tüchtiger Lehrkräfte und engherzige Bevormundung geschädigt. Dagegen lehnte L. alle Anerbietungen der Großmächte, die zur Beseitigung der baierischen Verfassung gern behilflich gewesen wären, ebenso entschieden ab, wie die Freundschaftsdienste des französischen Cabinets, das wiederholt eine Unterstützung der Triasidee in Aussicht stellte. Um die Gründung des deutschen Zollvereins (1833) erwarb sich der König, ein Anhänger der List’schen Theoreme, großes Verdienst. Freilich hatten sich nicht alle wirthschaftlichen Unternehmungen jener Zeit günstigen Erfolges zu erfreuen; die hochgespannten Erwartungen, die man an die Anlage des Ludwigskanals, einer Verbindung zwischen Regnitz und Altmühl, mittelbar also zwischen Nordsee und mittelländischem Meer, geknüpft hatte, gingen nicht in Erfüllung. Die Entwicklung des Eisenbahnwesens in Baiern, vom König selbst als „nothwendiges Uebel“ bezeichnet, ging nur langsam vor sich, was auf Handel und Industrie ungünstig einwirkte. Auch für das Eingreifen in die Neuordnung des hellenischen Staates erntete L. schlechten Dank. Hocherfreut gab er seine Einwilligung, als sich das griechische Volk den zweiten Sohn des „verdientesten Philhellenen“, Otto, zum Oberhaupt erbat und die Londoner Conferenz am 7. Mai 1832 dieser Wahl zustimmte. L. kargte nicht mit den Mitteln, die zur Befestigung des neuen [524] Thrones erforderlich schienen; das bairische Regiment in Griechenland wird an andrer Stelle (s. Otto, König von Griechenland) erörtert werden. Um sich über die Zustände des jungen Staates durch eigene Anschauung zu unterrichten und zugleich einem von Jugend an genährten Wunsche zu genügen, bereisete L. selbst im Winter 1835 Griechenland und suchte nach besten Kräften das Verhältniß zwischen einer wankelmüthigen Bevölkerung und dem ihr zum Herrscher gegebenen Fremden zu befestigen. Jedoch schon die Revolte von 1843 belehrte, daß Otto, dem es nicht blos an Macht, sondern auch an Kraft und Energie gebrach, der schwierigen Aufgabe nicht gewachsen war. L. äußerte schon damals in einem Briefe an den Philhellenen Eynard schmerzliche Besorgniß, daß bald eine Katastrophe hereinbrechen werde. „Aber die Zeit wird kommen, ich zweifle nicht daran, wo man der Reinheit meines Strebens und der kräftigen Hilfe, die ich zur Wiederherstellung der Unabhängigkeit Griechenlands brachte, Gerechtigkeit widerfahren lassen wird.“ Nach der Ansicht des Staatsraths Maurer, der während der Minderjährigkeit Otto’s Mitglied der Regentschaft gewesen war, und andrer Politiker wäre es vortheilhaft gewesen, dem stürmisch geäußerten Verlangen des griechischen Volkes nach einer Verfassung zu willfahren, aber L. sah darin nur gesteigerte Gefahren. Die Opposition, die im bairischen Landtag gegen die Regierung laut geworden war, hatte in L., dem früheren Schutzherrn der konstitutionellen Idee, eine Umwandlung bewirkt, die ihn das Interesse der Freiheit nicht mehr mit der Gewalt des Monarchen, ja, mit der gesellschaftlichen Ordnung für vereinbar halten ließ. In diesem Sinne erging (13. Febr. 1836) ein Verbot, daß in amtlichen Erlassen König und Staatsregierung neben einander gesetzt würden. „Jedes kann einzeln genannt werden“, schrieb er an Wallerstein, „nicht aber König und Regierung, welches so herauskommt, als wenn le roi règne et ne gouverne pas, was in Bayern der Fall nicht ist.“ Daß Wallerstein im Landtag 1837 in der sog. Erübrigungsfrage, d. h. im Streite über den Anspruch der Regierung auf unumschränkte Verwendung der im Staatshaushalt erübrigten Summen nach der Ansicht des Königs nicht energisch genug für das Recht der Krone eintrat, erschütterte das Vertrauen auf den Minister, und als dieser auch den leidenschaftlichen Angriffen der Linken auf die neuerdings beliebte Adoptirung klerikaler Lehrkräfte nur eine laue Vertheidigung entgegensetzte, erfolgte die Berufung Abels zum Minister des Innern. Sie bedeutete den vollständigen Sieg jener Partei, die in Baierns Monarchen den Schirmvogt des katholischen Princips in Deutschland und in der Stärkung des katholischen Geistes die einzige Rettung des Staates aus dem Wirrsal socialer Gefahren erblickte. „Man hatte vergessen,“, sagt Pözl, „daß das Baiern des 19. Jahrhunderts ein ganz anderes ist und daher auch eine ganz andere Leitung erfordert, als das des 16. und 17. Jahrhunderts.“ Zwar täuschten sich Jene, die aus konfessionellen Differenzen für ihre politischen Zwecke Kapital schlagen wollten. Als in Preußen wegen der Gefangennehmung des Erzbischofs von Köln der Kulturkampf ausbrach, verhehlte L. zwar nicht, daß er im Vorgehen der preußischen Regierung eine ungerechte Beeinträchtigung der Katholiken erblicke, aber die schon damals ausgestreuten und später auch noch von Sugenheim und anderen Historikern ernst genommenen Gerüchte von einer geheimen Liga der Ultramontanen in Rom, München und im Rheinland sind auf eitlen Klatsch zurückzuführen. Nur zu friedlicher Beilegung des Conflictes durch freiwilligen Rücktritt des abgesetzten Kirchenfürsten und zur Erhebung des Bischofs Geißel von Speier wirkte L. mit. Im eigenen Lande aber erhoben sich bald nach Abel’s Berufung Klagen über Bedrückung der protestantischen Kirche. Sie bezogen sich namentlich auf die Ordre, die auch den protestantischen Soldaten vorschrieb, bei Kultusakten der Katholiken das Knie zu beugen, auf verfassungswidrige [525] Einschränkung der Kompetenz der Generalsynoden, Erschwerung der Bildung von neuen Kirchengemeinden und Nichtzulassung des Gustav-Adolf-Vereins in Baiern. Zugleich wurde, während jedes Streben und Schaffen auf künstlerischem Gebiet an L. einen Gönner und Schutzherrn fand, die freie wissenschaftliche Thätigkeit als Feindin von Thron und Altar beargwohnt, freisinnige Lehrer wurden entfernt oder doch in ihrem Wirken gehemmt, die Censur ward strenger denn je gehandhabt, das Vereinswesen ängstlich überwacht. Es unterliegt keinem Zweifel, daß wirkliche Verletzungen der Parität nicht der Gesinnung und den Intentionen des Königs entsprachen; wiederholt erklärte er, daß er konfessionellen Zelotismus verabscheue und den Schutz der Protestanten ebenso als Regentenpflicht auffasse, wie die Förderung des katholischen Kirchenwesens. Daß dessenungeachtet der evangelischen Bevölkerung Anlaß zu Beschwerden geboten wurde, erklärt sich hauptsächlich aus politischen Erwägungen. Im Gustav-Adolfverein erblickte er ein neues corpus evangelicorum („das alte“ stellte Abel vor, „war ein Verein der Fürsten, das neue ist ein demokratischer Verein“), das einen ansehnlichen Theil des baierischen Volkes der Aufsicht und Einwirkung einer fremden Regierung unterstelle, und andere Proteste gegen Einmischung der Regierung in Religionssachen galten ihm als „unbefugtes Hereinziehen moderner Begriffe“. Schon 1840 kam es in den Landtagsdebatten zu konfessionellen Zänkereien; der Konflikt verschärfte sich immer mehr, bis endlich 1845 und zwar überraschender Weise nicht in der Volkskammer, sondern im Reichsrath ein heftiger Angriff auf Abel’s System erfolgte. Die Aufregung im Lande wuchs, Streitschriften von zelotischem Charakter schürten die schon erbitterten Gemüther, der König konnte sich nicht verhehlen, daß der Staat von einer ernsten Krisis bedroht und Abhilfe dringend geboten sei. „Mit Abel gehts nicht mehr“, äußerte er schon nach einer Sitzung der ersten Kammer im Herbste 1846, in welcher sich bezüglich der Klosterfrage sämmtliche weltliche Reichsräthe gegen den Minister erhoben hatten. Der Wechsel des Systems war nur noch eine Frage der Zeit; leider kam es aber im nächsten Jahre unter beklagenswerthen unwürdigen Umständen zur Katastrophe. Jeden, der die Geschichte Ludwigs verfolgt und damit die Ueberzeugung gewonnen hat, daß kaum ein anderer deutscher Fürst unsres Jahrhunderts so Großes und Königliches geschaffen und angestrebt hat, muß es schmerzlich berühren, daß die Verehrung und der Dank von Mit- und Nachwelt in einer schmutzigen Fluth versanken. „Obscurantismus im Kampf mit einer verworrenen Aufklärungssucht, politische Unmündigkeit auf der einen Seite, Feilheit und Egoismus auf der andern, der bisher vergötterte Fürst von einem unseligen Bann festgehalten und plötzlich auf das Maßloseste verlästert“. Dieses trübe Bild bieten die Münchner Ereignisse im Jahr 1847. Als die spanische Tänzerin Lola Montez, die im October 1846 als Gast auf der Münchner Bühne auftrat, rasch die Gunst des durch Frauenreiz leicht erregten Königs gewann, wurde auch dieses Verhältniß anfänglich in den herrschenden Kreisen nicht gar streng beurtheilt. Als jedoch ersichtlich ward, daß die Dame ihren Einfluß in antiklerikalem Sinne geltend machen wollte, begann der Sturmlauf gegen die „bairische Pompadour“. Die schon früher beschlossene, im December 1846 verfügte Trennung eines Ministeriums für Kultus und Unterricht vom Ressort des Ministers Abel bewies, daß das Vertrauen des Monarchen erschüttert war, bald kam es zu offenem Bruche. Den Anlaß gab der Wunsch des Königs, seinen Liebling in den Adelstand zu erheben. Als an die Minister die Aufforderung zur Gegenzeichnung der Nobilitirungsurkunde erging, weigerten sie sich; am 11. Februar 1847 überreichten sie ein Memorandum, worin sie ihre Haltung durch den Hinweis auf die im ganzen Lande herrschende Entrüstung über das Auftreten der Sennora Lola Montez zu [526] motiviren suchten. „Die Sache des Königthums steht auf dem Spiel.“ Wenn schon der Ton, in welchem das Schriftstück abgefaßt war, den selbstbewußten Fürsten aufs Empfindlichste verletzen mußte, so steigerte sich der Unwille, als das nur für den Monarchen bestimmte Schriftstück veröffentlicht und planmäßig verbreitet wurde, sodaß der Gedanke nicht abzuweisen war, es sei dabei auf Bloßstellung der Person des Monarchen abgesehen. Nur Aufregung und Zorn konnten den frommen und kirchenfreundlichen Fürsten bewegen, auf so brüske Weise mit dem bisher hochgehaltenen System zu brechen und gewissermaßen sein eigenes Regiment zu persifliren. „Alle meine Minister habe ich fortgejagt“, rief er am Abend des 13. Febr. 1847 im Salon der Tänzerin, „das Jesuitenregiment hat aufgehört in Baiern.“ Abel und seine Collegen wurden mit allen äußeren Zeichen der Ungnade entlassen, an ihre Stelle trat das Ministerium Zu Rhein, von den liberalen Blättern mit servilem Jubel als „Ministerium der Morgenröthe“ gefeiert. Zwar wurde von den neuen Kronräthen Begnadigung für einige seit Jahren in Haft gehaltene sogen. politische Verbrecher erwirkt, auch eine freisinnige Reform des Civil- und Strafrechts in Angriff genommen, aber schlecht stimmte zur Verheißung von Toleranz und Freiheit die strenge Maßregelung der Führer der katholischen Partei. Als das Ministerium im Landtag 1847 nach Auffassung des Königs nicht genügende Festigkeit bewies, mußte es den Platz räumen für die Wiederkehr Wallerstein’s. Der neue Systemwechsel war von vorne herein unpopulär, weil auch Staatsrath Berks, ein gefügiger Diener der Spanierin, in den obersten Kronrath berufen wurde. Die Aufregung wuchs, insbesondere in Universitätskreisen, wo eine von Lola Montez – oder, wie sie jetzt hieß, Gräfin Landsfeld – begünstigte Studentenverbindung Anstoß erregte. Es kam zu öffentlichen Demonstrationen, und bald machte sich „sittliche Entrüstung“ auch durch Demolirung von öffentlichen und Privatgebäuden Luft. Den Vorstellungen der Minister nachgebend, ließ sich L. herbei, an die Gräfin den Befehl zu richten, sie habe München zu verlassen, aber der laute Jubel, den diese Nachgiebigkeit hervorrief, konnte den König nur verletzen. Da er den Führern der klerikalen Partei die Schuld beimaß, suchte er, sich selbst bezwingend, sich sogar mit Ideen zu befreunden, die mit seiner bisherigen Auffassung von Rechten und Pflichten des Königthums in Widerspruch standen. Während sich die Bewegung in München nur mit der Spanierin zu thun gemacht hatte, war in ernsteren Kreisen unter dem Eindrucke und der Rückwirkung der französischen Februarrevolution (1848) die deutsche Einheitsidee wieder aufgelebt. In Heidelberg und bald auch in Nürnberg erhoben Vertreter des Liberalismus die Forderung eines deutschen Parlaments als Bürgschaft einer kräftigen Centralgewalt, wie sie das gemeinsame Interesse aller Stämme erheische. In den ersten Märztagen veranlaßte das Gerücht, Gräfin Landsfeld sei zurückgekehrt, neue Straßenexcesse in der Hauptstadt. Am 4. März stand eben eine bewaffnete Volksschaar dem aufgebotenen Linienmilitär gegenüber, als Prinz Karl aus der Residenz kam und die Versicherung gab, der König wolle sich allen Wünschen des Volkes fügen und unverzüglich die Landstände berufen. Wirklich erschien am 6. März eine königliche Proklamation, welche die eifrigste Mitwirkung der baierischen Regierung im Sinne der Einheit und Freiheit Deutschlands in Aussicht stellte. Allein nur in der Erregtheit des Augenblicks hatte sich der König zu einer Nachgiebigkeit verstanden, die eine Aufopferung seiner Principien bedeutete; bei kühlerer Ueberlegung mußte er sich selbst gestehen, daß es ihm unmöglich sein werde, zu einem constitutionellen Regiment, wie es die neue Zeit verlangte, überzugehen. Diese Ueberzeugung, aber auch nicht minder der Unwille über die Schonungslosigkeit, womit man die Verirrung des früher so überschwänglich Gefeierten verlästerte [527] und verhöhnte, ließen in ihm den Entschluß reifen, dem Throne zu entsagen. Am 20. März legte er die Regierung zu Gunsten seines Sohnes, des Kronprinzen Maximilian, nieder, diesem die Ausführung der in der Proklamation vom 6. März versprochenen Reformen überlassend. Mit den Worten: „Habe immer gesagt, wirklich König sein oder die Krone niederlegen, und so hab’ ich nun gethan!“ motivirte er in einem Briefe an seinen getreuen Wagner den alle Welt überraschenden Schritt. „Was mich am meisten schmerzte“, fährt er fort, gewaltigen Kampf in mir verursachte, war, daß ich sehr beschränkt dadurch, für die Kunst zu thun, was ich vorhatte … Dieses schmerzt mich sehr, nicht daß ich zu herrschen aufgehört. Bin vielleicht jetzt der Heiterste in München.“ L. hat denn auch den entscheidenden Schritt nie bereut. Weit entfernt, sich gleich anderen vom Throne herabgestiegenen Potentaten mit trüber Resignation in die Einsamkeit zurückzuziehen, blieb er fortwährend in freundlicher Berührung mit Personen aus allen Ständen. Die reichere Muße, sowie die ihm gebliebenen Mittel verwerthete er fast ausschließlich im Dienste der Kunst. Auch als Privatmann fuhr er fort, monumentale Bauten auszuführen, die Staatssammlungen zu bereichern, die bairischen Städte mit malerischem oder plastischem Schmuck zu bedenken. Charakteristisch für seine Sinnesart ist die Thatsache, daß er am 20. März 1848 hauptsächlich in Folge der feindseligen Haltung der Münchener Bürgerschaft die Regierung niederlegte und doch schon am nächsten Tage, um dem schönsten Platz Münchens einen würdigen Abschluß zu schaffen, die zum Bau der Propyläen nöthigen Mittel decretirte. Häufiger konnte er jetzt seine bescheidene Behausung in Rom, die Villa Malta, aufsuchen, wo er im vertraulichsten Verkehr mit deutschen Künstlern lebte. Körperlich und geistig frisch wanderte der Achtzigjährige noch im Juli 1867 ganze Tage in der Pariser Ausstellung umher und gab auf Napoleons III. Anfrage, um welche Stunde ein Besuch genehm wäre, die Antwort: „Von 4 Uhr Morgens bis 4 Uhr Abends stehe ich zu Gebote.“ Erst unmittelbar vor dem Lebenende trat Abnahme der Kräfte ein. Er hoffte nochmals in Italien Genesung zu finden, allein nach kurzer Krankheit verschied er zu Nizza am 29. Febr. 1868. In einer einfachen Kapelle der von ihm erbauten Basilika zu München fand er die letzte Ruhestätte.

Ritter, Beiträge zur Regierung Ludwigs I., 1853. – Sepp, Ludwig Augustus, König von Bayern, 1869. – Heigel, Ludwig I., König von Bayern, 1872.