ADB:Velaeda

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Artikel „Velaeda“ von J. A. in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 39 (1895), S. 556–557, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Velaeda&oldid=- (Version vom 14. Dezember 2019, 11:22 Uhr UTC)
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Velaeda: Abgesehen von Thusnelda ist V. die einzige Germanin der Urzeit, über deren Persönlichkeit wir etwas genauer unterrichtet sind. Wollen wir auf diese beiden Gestalten alle jene Eigenschaften übertragen, die Tacitus der deutschen Frau überhaupt beilegt, so haben wir in V. das Urbild der schicksalskundigen Frauen zu erblicken, in denen das „sanctum aliquid et providum“, „das Heilige und ahnende Etwas“ sich zu prophetischem Geiste gesteigert hat. Gleich den Sibyllen Altitaliens genoß sie eine Art göttlicher Verehrung (Tac. Germ. 8). Näheres über ihre Person und Bedeutung hat uns nur Tacitus in seinen Historien überliefert.

Zu der Zeit, als der Bataver Civilis die Fahne des Aufstandes gegen die römische Herrschaft erhob, hauste sie im Bruktererlande in einem hochgelegenen Thurme an der mittleren Lippe. Zur Erhöhung ihres Ansehens trug ihre vornehme Herkunft sowie ihr zurückgezogenes Leben nicht wenig bei. Sie verstand es, durch die Macht des Geheimnißvollen auf ihre Stammesgenossen zu wirken. Der persönliche Zutritt zu der Seherin war nicht gestattet; sie entzog sich dem Anblick der Menschen, um den Zauber der Ehrfurcht zu erhöhen; ein Auserwählter ihrer Verwandtschaft trug gleichsam als Dolmetscher der Gottheit die Anfragen zu und überbrachte den Rathsuchenden ihre Entscheidungen und Weisungen (Tac. Hist. IV, 65). Derselbe Unterhändler, der den Verkehr Velaeda’s mit der Welt vermittelte, empfing auch die Geschenke, die ihr von nah und fern gesandt wurden, sei es nun, um ihre Gunst zu gewinnen, oder für gute Dienste den schuldigen Dank abzustatten. Die Seherin übte in der That einen weit über die Grenzen ihres Stammes hinausgehenden Einfluß aus. Civilis suchte und fand an ihr einen kräftigen Rückhalt für seine großartigen Pläne (Hist. IV, 61). Sie hatte nämlich seinem Unternehmen Glück verheißen und den Untergang der römischen Legionen vorhergesagt. Und nun, da Vetera Castra gefallen, die Besatzung niedergehauen war, beeilte sich Civilis, eine Gesandtschaft mit Geschenken, darunter befand sich auch der Legat Munius Lupercus als Kriegsgefangener, an sie abzuordnen. Die Ubier riefen den Zumuthungen der ungebärdigen Tenkterer gegenüber V. als Schiedsrichterin an und suchten sich durch ihre Autorität gegen deren maßlose Forderungen zu decken (Hist. IV, 65). Selbst Petilius Cerealis, den Vespasian zur Bewältigung des germanischen Krieges entsandt hatte, fand es nicht unter seiner Würde, V. um ihre wirksame Unterstützung anzugehen. Um mit ihrer Hülfe des Aufstandes Herr zu werden, trat er durch Unterhändler mit ihr und ihren Verwandten in Verbindung und stellte das Ansinnen, sie möge dem Geschicke des Krieges, der durch so viele Schläge den Aufständischen seine Ungunst bewiesen, durch einen dem römischen Volke zur rechten Zeit erwiesenen Dienst eine andere Wendung geben (Hist. V, 24), mit andern Worten, V. solle jetzt ihren Landsleuten und Freunden von der Fortsetzung eines nutzlosen Widerstandes gegen die römischen Waffen abrathen. Daß Cerealis ihren Einfluß nicht unterschätzte, beweist der Umstand, daß das auf dem Rhein erbeutete Flaggenschiff der Römer von den Batavern den Lippefluß aufwärts V. als Geschenk zugeführt wurde (Hist. V, 22). – Welchen Werth Rom überhaupt auf die Verbindung mit diesen germanischen Seherinnen legte, mag man aus dem Berichte des Dio Cassius entnehmen, Masyas, der König der Semnonen, sei mit der Jungfrau Ganna, die nach Βελήδα im Germanenlande Orakelsprüche gegeben habe, nach Rom gekommen, um dem Kaiser Domitian seine Aufwartung zu machen. – Auf das fernere Schicksal der Seherin können wir nur aus einer Nachricht des Statius (Silv. 1, 4, 90) schließen: Als unter Vespasian einer seiner Legaten einen siegreichen Feldzug in das Bruktererland unternahm, ward V. als Gefangene nach Rom gebracht und vielleicht im Triumphe aufgeführt.

[557] Die Schreibung des Namens steht nicht ganz fest. Bei Dio Cassius heißt sie Βελήδα. Der codex Mediceus des Tacitus hat an sechs Stellen Velaeda. Bei Statius hingegen erscheint die paenultima kurz. Ueber den Namen vgl. Bonner Jahrbuch XXXII, S. 11, über ihren Wohnort ebenda XXXVI, S. 51.

J. A.