ADB:Wagner, Antonie

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Artikel „Wagner, Antonie“ von Karl Glossy in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 40 (1896), S. 485–486, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Wagner,_Antonie&oldid=- (Version vom 17. September 2019, 23:52 Uhr UTC)
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Wagner: Antonie W., geboren zu Wien am 30. December 1799, die Lebensgenossin Ferdinand Raimund’s und Zeugin der unheilvollen That, durch die der unvergeßliche Volksdichter und Schauspieler am 30. August 1836 seinem Leben ein Ziel gesetzt hatte, war die Tochter eines angesehenen Wiener Bürgers in der Leopoldstadt. Schon im Beginne seines künstlerischen Wirkens daselbst faßte Raimund eine heftige Neigung zu Antonie W., die ihn weniger durch körperliche Vorzüge als durch treffliche Herzenseigenschaften und natürlichen Verstand angezogen hatte. Eine Bewerbung um ihre Hand wurde von den Eltern zurückgewiesen, eine Folge des Vorurtheiles, das damals in den Wiener Bürgerkreisen gegen den Schauspielerstand noch herrschte, dessen Vertreter in dieser Zeit, in der die Maitressenwirthschaft des Adels und die Sittenlosigkeit der Schauspielerinnen am stärksten blühte, wenig Achtung genossen. Dem Tiefverletzten trat in seiner Vereinsamung Luise Gleich nahe, die Tochter eines Wiener Schriftstellers, dem Raimund seine ersten Erfolge im Josefstädter Theater zu danken hatte.

Dieser hübschen aber leichtlebigen Schauspielerin[WS 1] gelang es bald, den schwärmerischen Raimund in einen Sinnentaumel zu versetzen und ihn sogar zu einem Eheversprechen zu bewegen. Die Reue folgte nur allzuschnell, denn am angesetzten Hochzeitstage war der Bräutigam zur Trauung nicht erschienen, die jedoch einige Tage später, nachdem das Wiener Publicum offen für die Braut Partei ergriffen hatte, am 8. April 1820 in später Abendstunde stattfand. Die eheliche Gemeinschaft war nur von kurzer Dauer, denn schon im Juli 1821 war Luise wieder in ihr Vaterhaus zurückgekehrt und Raimund – wie Costenoble erzählt – „der furchtbaren Fesseln einer Megäre und Messalina entledigt“. Aus seiner tiefen Melancholie wurde Raimund durch die Gewißheit wieder aufgeheitert, daß Antonie W. noch immer mit inniger Liebe an ihm hänge. Aus einem anfänglich schüchternen Verkehr wurde ein Bund fürs Leben, den Beide, da eine Ehe nach kirchlichen und bürgerlichen Gesetzen ausgeschlossen war, vor einer Mariensäule in Neustift a. Walde beschworen hatten. Von dieser Zeit an war Toni W., wie der Dichter selbst bemerkt, „der lieblich strahlende Stern“, der ihm die Liebe zum Dasein wieder erweckt hatte. Aus den zahlreichen Briefen Raimund’s an Toni spricht ein tiefes Gefühl, das sich mitunter bis zur melancholischen Schwärmerei steigert. Noch in späteren Jahren, nachdem der Frühling ihrer Liebe längst entschwunden war, schreibt er: „Unser Gemüth hat eine moralische Tiefe, und darum steht der Tempel unserer Seelenvereinigung fest, und wenn auch unvermeidliche Lebensstürme seine Außenseite des jugendlichen Glanzes beraubt, so wird doch die durch edle unversiegbare Liebe genährte Flamme der zärtlichsten Freundschaft auf seinem Altar nie verlöschen.“ Ganz ungetrübt ist aber auch dieser Himmel nicht geblieben, wozu Raimund’s reizbares Temperament und Toni’s übertriebene Eifersucht wiederholt Veranlassung gaben. Aber trotz alledem muß anerkannt werden, daß es Toni’s aufopfernder Liebe Jahre hindurch [486] gelungen war, den schrecklichen Dämon des Wahnsinnes zu bannen, dem der unglückliche Dichter endlich erliegen mußte. Der Tod ihres geliebten Freundes hat Toni schwer ins Herz getroffen. Zurückgezogen und nur dem Andenken Raimund’s lebend, verbrachte sie den Rest ihrer Tage in tiefer Schwermuth und in bitterer Armuth, da sie in ihrer Gutmüthigkeit und aus Kindesliebe ihr ganzes ererbtes Vermögen zur Rettung ihrer Mutter geopfert hatte. Trotz allem Mangel war sie doch niemals zu bewegen, sich von dem litterarischen Nachlasse Raimund’s zu trennen, den sie bis zu ihrem Tode ängstlich gehütet hat. Sie starb hochbetagt am 25. März 1879. Ihre Schwestern, weniger pietätvoll, verwüsteten den schriftlichen Nachlaß Raimund’s mit Ausnahme eines geringen Theiles, der nunmehr in der Wiener Stadtbibliothek verwahrt ist. Noch eine Reliquie stammt aus Toni’s Nachlaß – Raimund’s Hirnschale. Man fand sie und einen poetischen Nachruf Toni’s an Raimund in dem Sterbebette der vielgeprüften Freundin des Dichters.

Jahrbuch der Grillparzer-Gesellschaft. Vierter Jahrgang. (Briefe von Ferdinand Raimund an Toni Wagner. Mitgetheilt und eingeleitet von Karl Glossy.) – Neue freie Presse Nr. 9255.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Schauspierin