ADB:Weitbrecht, Johann Jakob

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Artikel „Weitbrecht, Joh. Jakob“ von Karl Friedrich Ledderhose in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 41 (1896), S. 615–618, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Weitbrecht,_Johann_Jakob&oldid=- (Version vom 19. Juni 2019, 09:24 Uhr UTC)
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Weitbrecht: Joh. Jakob W., Basler Missionar, geboren am 29. April 1802 in dem württembergischen Städtchen Schorndorf, † am 1. März 1852 in Calcutta. Sein Vater war Kupferschmied und Bürgermeister, seine Mutter, Sabina geb. Pfander, hielt ihre Kinder, deren sie 15 hatte, zu allem Guten an, wie er selber rühmt: „Sie ermahnte mich öfters, dem, der für mich litt und starb, mein ganzes Herz zu schenken“. Schon im sechsten Jahre verlor er sie; eine zweite Mutter war ebenso für das Heil der Kinder besorgt. Er durchlief die Lateinschule seiner Vaterstadt. Weil sein Vater ihn nicht für so begabt hielt, wie andere seiner Söhne, so sollte Jakob Kupferschmied werden. Er fühlte aber, daß sein Körper das harte Geschäft nicht ertrage, darum trat er nach dem Tode seines Vaters bei einem Bäcker in Waiblingen in die Lehre. Hierauf kam er nach Vollendung der Lehre nach Stuttgart in Arbeit und hier war es, wo er durch die Predigten Ludwig Hofacker’s ergriffen wurde. Schon in Schorndorf und Waiblingen war er mit der Missionssache bekannt geworden, und nun stieg der Wunsch ihn ihm auf, selber Missionar zu werden. Zu Ende des Jahres 1825 finden wir ihn schon im Basler Missionshause. Wegen seiner früheren klassischen Vorbildung nahm man ihn in eine der höheren Classen auf. Durch seinen Fleiß, sein offenes Wesen und besonders durch seine innige Frömmigkeit gewann er bald die Liebe seiner Lehrer und seiner Mitzöglinge, denen er auf jegliche Weise zu dienen suchte. Er war an Kenntnissen und Charakter so reif, daß er schon nach drei Jahren nach England, wo er in den Dienst der kirchlichen Missionsgesellschaft treten sollte, geschickt wurde. Im Missionshaus zu Islington wurde er weiter gebildet. Der Plan, ihn in Abessinien als Missionar zu verwenden, konnte nicht ausgeführt werden, obwol er sich bereits der Tigresprache und ihrer Schwestern, des Aethiopischen und Amharischen, bemeistert hatte. Auch das Englische hatte er schon erlernt. Vor Weihnachten 1830 bestand er ein viertägiges Examen und wurde alsdann vom Bischof von London ordinirt. Nun studirte er auch noch Medicin. So aufs beste ausgerüstet, zog W. nicht nach Abessinien, sondern auf Antrag des Missionscomités nach Indien. Er hatte sich bereits mit dem Bengalischen bekannt gemacht. Am 30. August 1830 verließ er England. Fünf Monate mußte er auf dem Schiffe aushalten, bis er am 29. Januar 1831 Calcutta erreichte. Hier sollte der Ort seiner Wirksamkeit sein. In Burdwan, einer Stadt von 50 000 Einwohnern, fühlte Missionar Dürr, ebenfalls ein Basler Zögling, welcher schon über 13 Jahre mit Erfolg arbeitete, das Bedürfniß, sich in Europa zu erholen. Es war heilsam für W., daß er noch längere Zeit mit dem bewährten Dürr zusammenwirken konnte. Es gab genug zu thun. Neun Schulen standen unter seiner Aufsicht. Am Sonntage predigte er Morgens seiner europäischen Gemeinde englisch, Nachmittags kamen Hinduchristen in sein Haus zum Gottesdienste. Nach zwei Jahren hatte er es in der bengalischen Sprache schon soweit gebracht, daß er seiner kleinen Hindugemeinde das Evangelium mit ziemlicher Geläufigkeit in ihrer Muttersprache verkündigen konnte. Und er wirkte nicht umsonst, es traten immer wieder Seelen zur Gemeinde. Die Beschreibung, [616] welche W. von den Hindus gibt, ist wahrhaft Grauen erregend. Röm. 1, 21 bis 32 sei eine nur zu getreue Schilderung ihres Charakters, schreibt er, aber er verzagte nicht, sondern griff muthig das Werk an: „Ich predige des Morgens und Abends den armen Hindus in Städten und Dörfern, in Schulen, auf Landstraßen und an Zäunen das Evangelium und möchte sie gerne nöthigen hereinzukommen“. In der frischeren Jahreszeit machte er größere Missionsreisen und fand sich nach und nach ganz in die Straßenpredigt, die von den Zuhörern manchmal unterbrochen, wol auch verlacht und verspottet wurde. Besonders machten ihm die Brahmanen zu schaffen. Bei seinen vielen aufreibenden Geschäften war es ihm sehr erwünscht, daß er einen Gehülfen an Linke erhielt. „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei“, dieses Wort fühlte auch W. in seiner tiefen Bedeutung, und entschloß sich daher, in den Stand der Ehe zu treten. Sein Comité ertheilte ihm die Erlaubniß nach Europa zu kommen und sich eine Gehülfin zu suchen. Er konnte sich aber nicht entschließen, seine Gemeinde auf Jahr und Tag zu verlassen. Seine Augen fielen auf eine junge Engländerin Martha Edwards, die schon seit mehreren Jahren im Missionsdienste in Calcutta arbeitete. Sie war für ihn wie gemacht. Ihr Buch über die weibliche Missionsarbeit in Indien lehrt uns diese tüchtige Missionsfrau kennen. Am 7. März 1834 traten sie in den Ehebund, es war eine glückliche Ehe. Ein Missionar sagt von ihr: „Ich halte Frau W. für die erste Missionarsfrau, die wir jetzt in Indien haben“.

W. führte ein Tagebuch, das uns genaueren Aufschluß über seine Arbeiten, aber auch über sein Inneres gibt. Es ist wirklich erbaulich, darin zu lesen, mit welchem hohen Ernste er seine Aufgabe auffaßt und trotz des den Europäern so tödtlichen Klimas fast über Vermögen arbeitete. Als er sich einmal – es war im J. 1834 – eines Abends auf den bengalischen Gottesdienst vorbereitete, fühlte er einen heftigen Schmerz in der Gegend der Herzgrube, der sich in wenigen Minuten über die ganze Brust ausbreitete, so daß er nur noch mit Mühe athmen konnte. Der schnell herbeigerufene Arzt ließ alsbald Ader, so daß die Entzündung zwar gehoben, er selber aber äußerst schwach war und eine Woche lang fast nichts thun konnte. Im J. 1841 mußte er sich entschließen, da seine und seiner Gattin Gesundheit gebrochen war, Indien zu verlassen und in Europa die Gesundheit zu stärken. Kaum war er aber wieder zu Kräften gekommen, so hielt er in England und Deutschland Versammlungen und predigte unaufhörlich. Und seine Zeugnisse über Mission machten bei Hoch und Nieder tiefen und öfters auch nachhaltigen Eindruck. Doch bemerkt er richtig: „Gott mischt mir wol Myrrhen unter den Weihrauch“. Es starb ihm ein Söhnlein, was ihm sehr wehe that. Er reiste schnell nach England und hier erfuhr er die Todeskunde seiner treuen Mutter und betrübende Nachrichten aus seiner indischen Gemeinde. Das waren Myrrhen. Seine Vorträge erschienen in England und Deutschland gedruckt und bieten viel Belehrung. Doch zurück gings nun wieder nach Indien. Es war ein schwerer Abschied, da sie ihre beiden ältesten Kinder in England zurückließen. Im December 1844 kamen sie wieder in Burdwan an. Mit herzlicher Freude wurden sie empfangen. Bald trieb es ihn hinaus in den Bezirk, dem Heidenthum, das sich grell darstellte, mit dem Evangelium entgegen zu treten. Er kam in Dörfer, die noch nie die Füße eines Friedensboten betreten hatten. Die Erfahrungen, die er hier machte, sind interessant, und ist nur schade, daß der Raum uns verbietet, näher darauf einzugehen. Was W. zu Stande gebracht, war ein Gedanke, welchen er schon in England hegte, nämlich eine Conferenz von Missionaren zu Stande zu bringen. Die erste fand in Krischnagora statt. Welche Erquickung brachte diese Einrichtung den Männern, welche einsam mitten unter den Heiden in dem so erschlaffenden [617] Klima lebten! Als die Weitbrechts im J. 1834 ein Waisenhaus für Mädchen gründeten, war eine furchtbare Ueberschwemmung die Ursache, und jetzt brachte ihnen abermals eine Ueberschwemmung eine hübsche Zahl von Waisenmädchen. Ihre beiden Häuser waren überfüllt. Die armen Wittwen brachten oft wahre Skelette von hungernden Kindern. Recht erfreuliche Erfahrungen wurden mit manchen dieser Waisen gemacht. Während auf solche und ähnliche Weise die Missionare im Geiste Christi wirkten, trat schon damals „das junge Bengalen“, der vom Götzenthum losgelöste, gebildete Theil der Hindus, gegen das wahre Christenthum, das ihrer Verworfenheit entgegenstand, in allerlei Weise, besonders durch wohlfeile Tractate, auf. Die Regierung errichtete Schulen, in denen keine Religion gelehrt werden durfte. Die Mission konnte nicht ruhig solcher verderblichen Erziehung zusehen.

Ein Lichtstrahl in das Leben dieses treuen Zeugen war die Herstellung einer wirklich schönen, würdigen Kirche durch ihn. Bisher hatte er für die Hindus in einem häßlichen, mit Stroh gedeckten Locale, für die Europäer in einer entfernten Capelle Gottesdienst gehalten. Die Heiden verspotteten sie deshalb. Eines Tags kam ein Mann aus der Gemeinde und brachte ein hölzernes Modell zu einer Kirche, es wurde so zweckmäßig gefunden, daß W. sich entschloß, darnach die Kirche zu bauen. Die Mittel flossen ihm zu, und schon im März 1847 wurde der Grundstein „Zur Kirche Christi“ – denn so sollte sie heißen – gelegt. Solche Freude war ihm zu gönnen, da seit einiger Zeit sein Gesundheitszustand wankend geworden war. Leber- und Unterleibsleiden setzten ihm hart zu, auch Anfälle von Cholera hatte er mehrmals überstanden. Was dem gefühlvollen Manne besonders nahe ging, war der Tod seiner Kinder: fünf Mal stand er am Grabe eines Kindes. Es ist daher nicht zu verwundern, daß in den letzten Jahren seines Lebens ihn ein himmlisches Heimweh durchzieht. Der bekannte Missionar Lacroix sagte von ihm: „Ich habe selten Jemand gesehen, dessen Seele so vertieft war in die ewigen Dinge“. Es gibt viele Zeugnisse, die sich über ihn aussprechen, sie sind alle voll Anerkennung. Wer mit ihm einige Zeit umging, erkannte erst recht diese reich begnadigte Persönlichkeit. Er gönnte sich wenig Zeit zur Erholung. Von früh Morgens bis zum späten Abend beschäftigte er sich mit Predigen, Uebersetzen, Lehren, Beaufsichtigen der Schulen und seiner ausgedehnten Correspondenz. Es ist, wie wenn er geahnt hätte, daß seiner Arbeit ein baldiges Ziel gesteckt werde, er verdoppelt seine Thätigkeit. „Bald sehen wir ihn in der Kirche zu Burdwan den Getauften predigen, in den Schulen unterrichten, bald macht er weite Reisen, predigt unwissenden Heiden, bald steht er am Tempel der Göttin Kali und zeugt von dem einen Herrn, bald am Ufer des Ganges und weist hin auf das Wasser des Lebens; bald ist ein Elephant seine Kanzel, bald ein Brunnenraud, bald ein Hügel, bald die Schultern eines Hindu. Hier tröstet er einen Sterbenden, dort reicht er einem Kranken Arznei, zeugt hier gegen den geistreichen Brahmanen, unterwirft dort den einfältigen Pariah“. Er geht zu den Kohlengräbern, er feuert in Conferenzen die Mitarbeiter an, predigt am Bibelfeste in Calcutta, er übersetzt unsere herrlichen Kirchenlieder ins Bengali, kurz er ist unermüdlich im Arbeiten. Mit Missionar Lacroix machte er in den ersten Monaten des Jahres 1851 eine größere Missionsreise. Die Leute strömten ihnen zu, daher kam es wol auch, daß er für die Reisepredigt so sehr eingenommen war. Er selber predigte oft so anhaltend, daß er einmal in seinem Tagebuche sagt: „Da ich reden wollte versagte mir die Sprache“. Wenn Freunde ihm zuredeten, nach Europa zurückzukehren und sein Leben in einem stillen Pfarrhause zu beschließen, so konnte er antworten: „Nein, ich muß mich vorwärts strecken nach des Missionars Krone!“ Am 24. Februar 1851 reiste er mit seiner Frau nach Calcutta zu einer Conferenz. [618] Abends predigte er mehrmals in den Kirchen dieser großen Stadt. Er unterhielt sich aufs liebevollste mit den Brüdern und hielt am 25. die Conferenzpredigt vor den versammelten Missionaren. Am Sonntag Abends predigte er noch sehr ernst in der St. Jameskirche. Aber schon um 8 Uhr ergriff ihn die Cholera. Trotz aller Hülfe von zwei tüchtigen Aerzten entschlief er am 1. März Morgens 9 Uhr. Eine bedeutende Kraft war ins Grab gesunken. Zwölf Geistliche trugen ihn auf ihren Schultern zu seiner Ruhestätte. Schriften von ihm sind: „Die protestantischen Missionen in Indien“ (Heidelberg 1844); „Meine Heimreise von Ostindien nach Deutschland“ (Stuttgart 1844); „The bengal missions.“ „Sermons.“ „Life of von Christopher“.

James Weitbrecht, Memoir. London 1857. Einen Auszug daraus gab Prochnow in: Leben u. Wirken v. Joh. Jakob Weitbrecht. Berlin 1861.