ADB:Weitbrecht, Josias

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Artikel „Weitbrecht, Josias“ von Ludwig Stieda in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 41 (1896), S. 618–620, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Weitbrecht,_Josias&oldid=- (Version vom 18. September 2019, 11:47 Uhr UTC)
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Weitbrecht: Josias W., berühmter Anatom, wurde am 20. October 1702 in Schorndorf in Württemberg geboren, studirte an der Universität zu Tübingen Naturwissenschaft und erwarb sich daselbst die Würde eines Magisters der Philosophie. Im December 1721 kam er in Gesellschaft des Dr. med. Duvernoy nach St. Petersburg; Duvernoy, um Mitglied der Akademie für Anatomie zu werden, W., um am Gymnasium der Akademie zu unterrichten. W., mit dem Titel eines sogenannten Studenten der Akademie angestellt, erhielt ein Gehalt von 200 Rbl. jährlich, und gab seit 1726 Unterricht in der Arithmetik. Aber vom Jahre 1727 begann W. unter der Leitung Duvernoy’s sich ausschließlich mit Anatomie zu beschäftigen. Was dazu die Veranlassung gab, ist nicht bekannt; ob es lediglich die persönliche Bekanntschaft mit seinem Landsmann Duvernoy war, ob W. bereits in Tübingen Anatomie und Medicin getrieben hatte, weiß ich nicht. Im Juli 1729 arbeitete er einen Katalog des Museums Ruysch (eines Theils der sogenannten Kunstkammer) aus und schrieb als Einleitung dazu ein Compendium anatomicum; weder der Katalog noch das Compendium sind gedruckt. Am 22. Januar 1731 wurde W. zum Akademiker für Physiologie ernannt mit einem Anfangsgehalt von 460 Rubeln, später steigerte sich sein Gehalt bis auf 860 Rubel. Um seine Einkünfte zu vermehren, beschäftigte W. sich mit medicinischer Praxis. 1736 erhielt er von der medicinischen Facultät zu Königsberg auf Grundlage einer Dissertation „De febrili constitutione petechizante“ den Grad eines Doctors der Medicin. Er starb am 28. Februar 1747, erst 45 Jahre alt. – W. muß ein eigenthümlicher Charakter gewesen sein, der sich nur schwer in die Verhältnisse und Menschen fügte, er hatte allerlei Conflicte mit seinen akademischen Collegen. Im December 1734 gerieth er in einen Streit mit dem Akademiker Junker und mußte dafür eine Geldstrafe erleiden. Der Präsident Korff hatte freilich befohlen, die Acten inbetreff der Angelegenheit Junker-Weitbrecht zu vernichten, allein das ist nicht geschehen. Nach einer Mittheilung Lomonossow’s hatte W., der ein guter Lateiner war, sich verächtlich über Junker geäußert, der das Lateinische nicht völlig beherrschte. Auch mit andern Collegen, mit Krafft, mit Siegesbeck, mit dem damaligen Adjunct-Akademiker für Anatomie Wilde hatte W. unangenehme Begegnungen. Infolge dieser und noch anderer Vorkommnisse war W. bei dem damaligen Akademiker Schumacher, der die Akademie vollständig beherrschte, gar nicht beliebt. – Im J. 1743 war der mit W. abgeschlossene Contract abgelaufen. Die Akademie gab ihm das Zeugniß, daß er außerordentlich fleißig gewesen sei und daß Niemand anders im Stande sei, die Stelle eines Anatomen einzunehmen, als er. (Duvernoy hatte seine Stelle aufgegeben und Petersburg verlassen.) Allein Schumacher, der über W. aufgebracht war, weil dieser sich mit einigen andern Akademikern über ihn beim [619] Senat beklagt hatte, stellte trotz jenes glänzenden Zeugnisses W. zur Entlassung vor; doch blieb der Vorschlag ohne Erfolg. Bis zum Jahre 1746 hatte W. gar keinen besonderen Contract; er bat deshalb um ein Jahrgehalt von 1200 Rbl. und einen Urlaub zum Besuch seines Vaterlandes. Der Präsident Rasumowski lehnte auf den Rath Schumacher’s die Bitte ab und veranlaßte die Akademie, mit W. den Contract auf der alten Grundlage zu erneuern. W. zögerte, den Contract zu unterschreiben, und wurde deshalb im September 1746 aus dem Dienst der Akademie entlassen. Nun wußte W. nicht, wohin – er war verheirathet, hatte Kinder, aber kein Vermögen. Er sah sich veranlaßt, an den Grafen Rasumowski die Bitte zu richten, ihn auf Grund des alten Contracts im Dienst zu belassen. Dies geschah, W. wurde abermals zum Akademiker ernannt. Aber die mit der plötzlichen Entlassung verbundenen Aufregungen sollen Weitbrecht’s Gesundheit sehr erschüttert haben – bald nach der Anstellung erkrankte er heftig und starb am 28. Februar 1747. Er hinterließ eine Wittwe Katharina Sophie geb. Duran aus Kopenhagen nebst zwei Töchtern und zwei Söhnen (ein fünftes Kind wurde nach dem Tode des Vaters geboren) in dürftigen Verhältnissen. Die Familie erhielt, wie üblich, einen Jahresgehalt und eine außerordentliche Unterstützung von 100 Rubel. Ueber die weiteren Schicksale der Wittwe wie der Kinder Weitbrecht’s ist nichts bekannt: ein Sohn Johann Heinrich W. war schon bei Lebzeiten des Vaters mit dem scheidenden Akademiker Krafft nach Tübingen in die Heimath des Vaters zurückgekehrt.

W. war einer der bedeutendsten Anatomen seiner Zeit, bedeutender als seine nächsten Collegen Duvernoy, Wilde u. s. w. Er war vielseitig gebildet und schrieb ein vortreffliches Latein, alle seine wissenschaftlichen Arbeiten sind in lateinischer Sprache veröffentlicht. Sein Hauptwerk ist die „Syndesmologia s. historia ligamentorum corporis humani“ (St. Petersburg 1742, 276 S. nebst 26 Tafeln mit 82 Figuren). Eine französische Ausgabe erschien sehr bald, schon 1753 in Paris, eine deutsche Ausgabe erst 1779 in Straßburg i. E., obwol ein Bruder Weitbrecht’s, Johann Jacob W., Buchhändler in Greifswald, bereits 1760 von der Akademie eine Anzahl Exemplare der lateinischen Ausgabe, sowie das Recht einer deutschen Uebersetzung erhalten hatte. Das Werk, an dem der Verfasser, wie er in der Vorrede sagt, viele Jahre seines Lebens emsig gearbeitet hat, gibt eine sehr sorgfältige und zuverlässige Beschreibung aller Bänder und Gelenke – auf Grund eigener Präparate. Sprengel nennt in seiner Geschichte der Arzneikunde das Werk Weitbrecht’s ein classisches. Ich kann ihm darin nur beistimmen. Es ist die Grundlage unserer heutigen Kenntniß der Bänder des menschlichen Körpers. Freilich findet sich darin nichts über die Mechanik der Gelenke, aber das war damals nicht zu erwarten, denn wie spärlich ist das, was heute die bestrenommirten Lehrbücher darüber bringen. – Weitbrecht’s Name ist in der Medicin und Anatomie nicht so bekannt, wie er es sein sollte; zum Theil, weil die Syndesmologie sich keiner besonderen Gunst bei den Anatomen rühmen kann, zum Theil, weil keinem der vielen von W. beschriebenen Bänder der Name seines Entdeckers beigelegt worden ist. – Außer der Syndesmologie hat W. eine Anzahl größerer und kleinerer Abhandlungen (ich zähle deren 21) in den Commentarii der Petersburger Akademie drucken lassen; es sind Beschreibungen einzelner Bänder, einzelner Muskeln, Sectionsergebnisse, Varietäten. Auch physiologische Fragen hat W. erörtert („De circulatione sanguinis cogitationes physiologicae“); er hat den Blutkreislauf untersucht mit besonderer Rücksicht auf die Blutbewegung in den kleinen Gefäßen, denen er eine besondere Fähigkeit, das Blut fortzubewegen, zuschreibt. Diese Idee von der eigenthümlichen Kraft der Blutgefäße wurde später durch Johann de Gorter weiter ausgeführt. Außer den genannten wissenschaftlichen Abhandlungen [620] hat W. einige, und wie es scheint – populäre Aufsätze in der Beilage zur St. Petersburger Zeitung drucken lassen. Auch Verse hat W. gemacht. Als im J. 1730 der portugiesische Prinz Emanuel die Akademie zu St. Petersburg und insbesondere die Druckerei besuchte, wurde ihm ein von W. in deutscher Sprache abgefaßtes, auf ein Blatt gedrucktes Gedicht feierlichst überreicht. W. hat auch eine kurze Autobiographie hinterlassen, die sich im Archiv der Petersburger Akademie befindet.

Pokarsky, Geschichte der K. Akademie, I. Theil. St. Petersburg 1870, S. 468–474. (Russisch.) – Richter, Geschichte d. Medicin IV, 206–210. Moskau 1817. – Tschistowitsch, Geschichte der ersten medicinischen Schulen in Rußland. St. Petersburg 1883, S. CXIX. (Russisch.)