ADB:Weyrother, Clemens von

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Weyrother, Clemens Ritter von“ von Rudolf Müller in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 42 (1897), S. 286–287, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Weyrother,_Clemens_von&oldid=- (Version vom 21. Oktober 2019, 05:17 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
<<<Vorheriger
Weyrich, Victor
Band 42 (1897), S. 286–287 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Kein Wikipedia-Artikel
(Stand Oktober 2017, suchen)
GND-Nummer 130179299
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|42|286|287|Weyrother, Clemens Ritter von|Rudolf Müller|ADB:Weyrother, Clemens von}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=130179299}}    

Weyrother: Clemens Ritter v. W., Schriftsteller, geboren in Prag am 1. Febr. 1809, † am 10. Juni 1876 zu Karlsbad, Sohn des gleichnamigen, in der Schlacht bei Aspern gefallenen Hauptmanns R. v. W., begann seine Studienlaufbahn am Gymnasium der Prager Kleinseite, und führte sie mit dem philosophischen und rechtswissenschaftlichen Curse an der dortigen Hochschule fort. Er bereiste hierauf Deutschland, wurde bekannt mit Ludwig Tieck, Ernst Raupach und Karl Herloßsohn, die auch nachhaltigen Einfluß auf ihn übten, ja seiner litterarischen Thätigkeit Richtung gaben. Vorerst zwar noch gewillt, in den Staatsdienst einzutreten, überwog doch bald die Lust zum „Fabuliren“. Gelegenheitsgedichte, kleine Dramen für Haustheater leiteten dazu über. Ganz besonders hatte es ihm Ludwig Tieck mit seinem „Phantasus“ angethan, so daß er bald nichts eifriger betrieb als die Durchforschung der alten Burgen und Schlösser des Landes und die mit ihnen verknüpften Sagen aufzeichnete. Eine erste Ausgabe [287] erschien 1843 unter dem Titel: „Böhmische Sagen“; „Licht und Schatten“ betitelt, erschien 1845 eine Sammlung, Novellen und Erzählungen enthaltend; 1846 eine zweite „Bilder und Skizzen“ benannt. In das bei Gottlieb Haase erscheinende „Panorama des Universums“ lieferte er gleichzeitig die Aufzeichnungen über eine Bereisung des Böhmerwaldes, und schrieb auch fleißig für die von Rudolf Glaser herausgegebene schöngeistige Zeitschrift „Ost und West“. – Das Jahr 1848 zog ihn in die politische Strömung und zur Herausgabe eines Blattes, „Concordia“ benannt, als eines Organs, durch welches die in Prag einander widerstreitenden Nationalitäten zur Eintracht geführt werden sollten. Ernüchtert und verstimmt durch die Kurzlebigkeit dieses Unternehmens, zog er sich wol eine zeitlang von aller litterarischen Thätigkeit zurück, knüpfte aber doch bald wieder (1849) Verbindung an mit der von Prof. Dr. Leop. v. Hasner geleiteten amtlichen „Prager Zeitung“, was zur Folge hatte, daß W. nach dessen Rücktritte zum einstweiligen Stellvertreter berufen wurde. Obschon nach einem Jahre wieder entlassen, glaubte er dennoch die Feuerprobe als Politiker bestanden zu haben, und gründete vertrauensselig eine „Staatsbürger-Zeitung“, die indeß so wenig verfing wie seine „Concordia“. –

Den dadurch auf das ernstlichste in seiner Existenz Bedrohten in Sicherheit zu bringen, wurde ihm dann auf Zuthun seiner Freunde ein Notariat verliehen. Es war vergebliche Mühe! Die Macht der Gewohnheit trieb ihn, unter Vernachlässigung der Notarobliegenheiten, neuerlich in die Schriftstellerei, zuvörderst in die Mitleitung der von Dr. Neumann ins Leben gerufenen „Erz- und Riesengebirgszeitung“, von 1857–1869 zur Veröffentlichung von vier Heften dramatischer Spiele, außerdem zur Herausgabe von zwei Heften „Prager Sagen“ – ohngeachtet ihn diese Liebhaberei das Notariat kostete, die materielle Bedrängniß sich von Jahr zu Jahre steigerte. Letzter Ausweg des also beharrlich Irregehenden war die Bewerbung um eine offene Unterlehrerstelle in Karlsbad, auf welcher W. auch seinen Lebenslauf abschloß.

Ein entschieden begabter, liebenswürdiger, für humanitäre Thätigkeit begeisterter Mensch, war es W. doch nicht gegeben sich wissenschaftlich zu vertiefen; über dem Haschen nach äußerlichem Erfolge ernster Arbeit nachzugehen. Seine Novellen und Erzählungen gleichen darum den selbstgefälligen Plaudereien eines Salonmenschen; seine Bühnenstücke Marionetten-Komödien. Der verdienstlichste Theil seiner Arbeiten sind die „Sagen“, die, obschon zumeist der volksthümlichen Gewandung entkleidet, doch Etappen bildeten für die Weiterforschung in diesem für die Culturgeschichte Böhmens wichtigen Gebiete. Als Politiker zwar von unanfechtbar gut österreichischer Gesinnung, verflachte sich diese bei ihm nur zu leicht wieder in einen landläufigen, jedwede kräftige Charakteräußerung niederhaltenden Kosmopolitismus. Eines zum anderen gehalten und richtig betrachtet, gilt es W. doch nur als Typus und Glied der Prager vorachtundvierziger schöngeistigen Gesellschaft zu beurtheilen.