ADB:Winkelsheim, David von

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Artikel „Winkelsheim, David von“ von Ferdinand Vetter in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 44 (1898), S. 537–539, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Winkelsheim,_David_von&oldid=- (Version vom 7. Mai 2021, 23:28 Uhr UTC)
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Winkelsheim *): David von W., letzter Abt von Stein a. Rh., ist vor 1460 als Sohn des Hans von Winkelsheim oder im Winkel aus Schaffhausen und der Werena von Gachnang auf dem Schlosse Girsberg bei Stammheim geboren. Er ward Mönch in dem St. Georgenkloster des benachbarten Städtchens Stein a. Rh. und zu dessen Abt erwählt im J. 1499. Als solcher verfocht er eifrig die Rechte seiner von dem schwäbischen Herrscherhause begründeten, später den Herzogen von Oesterreich, jetzt dem Stande Zürich schutzbefohlenen Stiftung sowol gegen die Bürger von Stein, die seine Befugnisse in Stadt und Umgebung, als gegen die von Konstanz und Dießenhofen, die seine Fischereigerechtigkeiten im Rhein bestritten. Ungefähr von 1505 bis 1516 sodann entfaltete er jene eifrige Bauthätigkeit, der das Kloster seinen heute neu geweckten künstlerischen Ruf verdankt. Unter W. ward der ganze Südflügel der Klosteranlage, die Abtswohnung, deren Eingangsthür die Jahrzahl 1506 trägt, neu erstellt oder wenigstens umgebaut, dazu der Kreuzgang, die Leutpriesterei, das Gasthaus erneuert und vermuthlich auch das (jetzt verschwundene) Chorgestühl der Klosterkirche angefertigt. Zum Abschluß der ganzen Bauperiode (1516) ließ er sich von geistlichen und weltlichen Nachbarn Wappenscheiben stiften, die theilweise als Besitz der Stadt Stein erhalten sind; eine entsprechende Scheibe mit seinem Wappen befindet sich in Schaffhausen, ein prächtiges Schenkgestell aus seiner Zeit im Musée Cluny zu Paris. Die Architektur des Kreuzgangs, sowie der Thüren, Fenster und Erker der übrigen Bauten, ist in einer sehr entwickelten und formensicheren Spätgotik gehalten, ebenso die geschnitzten Täfelungen der Abtswohnung, die, heute noch größtentheils wohlerhalten, ein ganzes Museum spätgotischer Holz-Innendecoration bilden. Das Speisezimmer mit dem freundlichen Erker über dem Rhein, die obere Abtsstube mit dem reichgeschnitzten Wandfries, und insbesondere der anstoßende Festsaal mit seiner in der alten Farbenpracht erhaltenen geschnitzten und gemalten Holzdecke (1515), die einen fast unerschöpflichen Reichthum von Motiven aller Art aufweist, sind für Abt David und jedenfalls theilweise durch ihn geschaffen worden. Sie zeigen uns den eifrigen und geschmackvollen Kunst- und Naturfreund, der mit Glück die [538] alten gotischen Zierformen neu belebt, während die unter ihm ausgeführten Wandgemälde schon den Geist einer neuen Zeit erkennen lassen. Sie sind fast alle grau in grau gemalt und dienen zum Schmuck der Mauerflächen der Abtswohnung. Eines vom Jahre 1509, die apokryph-biblische Geschichte von den „vier stärksten Dingen“ mit dem Wahlspruch „Magna est Veritas et praecellit“ darstellend, ist in Stoff und Formen noch mittelalterlich; diejenigen des Speisezimmers und des Festsaals (diese von 1515 und 16) sind meist der Antike entnommen und zeigen in den Figuren, Baulichkeiten und Umrahmungen völlig den Charakter der Renaissance und (so früh wie sonst diesseits der Alpen nur in Basel und Luzern) den Einfluß italienischer oder augsburgischer Vorbilder. Am Wandfries des Speisezimmers waren, nebst zwei Heiligen, Scenen aus der früheren römischen Geschichte abgebildet. An den Wänden des Festsaals sind je drei figurenreiche Bilder aus der karthagischen und aus der römischen Geschichte zu einem historischen Parallelcyklus verbunden; ein weiterer Cyklus, aus Einzelfiguren größeren Maßstabes bestehend, führt eine Reihe von Helden und Heldinnen Roms, Griechenlands, des Orients vor; als Gegenstück zu den Geschichtsbildern ist eine Volksscene aus der Gegenwart, die dem Abte wol als Jugenderinnerung vertraute Zurzacher Messe, aufzufassen, welcher als Uebergang zwei Einzelfiguren als Bilder des Todes und des üppigen Lebens voranstehen; ein capellenartiger Erker endlich ist den Gründern und Heiligen des Klosters gewidmet. Von den zugehörigen Inschriften sind nur vier zu dem historischen Cyklus gehörige, voran zwei in lateinischen Distichen – vermuthlich Abt David’s selbst – ausgeführt. Der Künstler, der die Bilder nach seinen Anordnungen malte, hat sich selbst nur durch ein verschlungenes ST oder TS mit der Jahrzahl 1516 namhaft gemacht; andere Spuren deuten auf den jungen Ambrosius Holbein als Gehülfen hin, der das Jahr darauf in Basel erscheint.

Abt David erfreute sich seiner schönen Schöpfung nicht lange. Anfänglich der Reformation nicht feindlich gesinnt und mit Zwingli verkehrend, kam er bald in Gegensatz zu den neuen revolutionären Bestrebungen. Ein Streit mit der reformatorisch gesinnten Stadt wegen Besetzung der Leutkirche (1523/24), sowie die Folgen des Sturmes der Steiner auf das Kloster Ittingen (1524) machten ihm seine Stellung unleidlich. Am 5. Juli 1525 ward sein Kloster von der Obrigkeit in Zürich aufgehoben; er selbst erhielt eine bescheidene Wohnung im Kloster sammt einer jährlichen Aussteuer. Aber da man dem Vertrag mit ihm nicht vollständig nachkam, ihm das Geld, womit er sein Geburtshaus Girsberg zu kaufen gedachte, vorenthielt und ihn schließlich im Kloster streng bewachen ließ, entzog er sich dem geschlossenen Abkommen, indem er am 29. October 1525 nächtlicherweile nach Radolfzell entfloh und sich dort unter Anrufung fremder Hülfe neuerdings zum Abt aufwarf. Aber schon nach einem Jahre, das durch einen von ihm und seinem Bruder Wolf geführten kleinen Krieg um die Klostergefälle, sowie durch vielfache Unterhandlungen mit der Zürcher Regierung ausgefüllt war, starb Abt David an einem Anfall von Halsbräune am 11. November 1526 zu Radolfzell, wo ihm in der Stadtkirche eine schöne Messingplatte als Grabmal errichtet ward. Sein Kloster ward nach langen Streitigkeiten im J. 1581 dem Namen nach der Abtei Petershausen einverleibt; sein eigenstes Werk aber, die von ihm ausgeschmückten Klostergebäude, gingen an die Regierung von Zürich, 1805 an die von Schaffhausen über und befinden sich heute, im ganzen wohl erhalten und wiederhergestellt, in Privathänden, die der Landesregierung das Recht eingeräumt haben, die Schöpfungen Abt David’s gegen jede Entfremdung oder willkürliche Veränderung von seiten künftiger Eigenthümer zu schützen. – Wolf von W., Bruder des Vorigen, als Reisläufer und Raufer in den Acten der Tagsatzung (Eidgenössische Abschiede) viel genannt.

[539] W. Lübke, Geschichte d. deutschen Renaissance (Gesch. d. Baukunst v. Kugler V), S. 235 f. – Jahrbuch f. schweizer. Gesch. IX (1884), 213 ff.: F. Vetter, Die Reformation von Stadt u. Kloster Stein a. Rh. – Schriften d. Vereins f. Gesch. d. Bodensees u. seiner Umgebung XIII (1884), 23 bis 109: F. Vetter, Das S. Georgenkloster zu Stein a. Rh. Ein Beitrag z. Geschichte u. Kunstgeschichte. – Anzeiger f. schweizer. Alterthumskunde 1889, Nr. 2–4, Beilage: J. R. Rahn, Zur Statistik schweizer. Kunstdenkmäler. – B. Haendtke, Die schweizer. Malerei. – Eidg. Abschiede 1499 ff. – Die a. a. OO. verzeichnete Litteratur.

[537] *) Zu Bd. XLIII, S. 449.