ADB:Wunderlich, Karl Reinhold August

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Artikel „Wunderlich, Karl Reinhold August“ von Georg Korn in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 44 (1898), S. 313–314, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Wunderlich,_Karl_Reinhold_August&oldid=- (Version vom 17. Oktober 2019, 08:30 Uhr UTC)
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Wunderlich: Karl Reinhold August W., Arzt, geboren am 4. August 1815 zu Sulz am Neckar als Sohn des Oberamtsarztes W., † am 25. September 1877 zu Leipzig. Er siedelte 1824 nach dem Tode des Vaters mit der Mutter nach Stuttgart über, bezog 1833 die Universität Tübingen, um Medicin zu studiren, fand jedoch anfangs wenig Befriedigung, da die damaligen Mitglieder der medicinischen Facultät an veralteten Systemen festhielten und die vielfachen Fortschritte der französischen und englischen Medicin unbeachtet ließen. Um so enger schloß er sich 1835 an den Privatdocenten F. A. Schill an, der seinen Hörern jene Fortschritte übermittelte, und er erhielt weitere Förderung und Anregung durch die neu erschienene Physiologie von Johannes Müller und durch den Umgang mit seinen Jugendfreunden und Studiengenossen W. Griesinger und W. Roser. Er bestand 1837 das Rigorosum in Tübingen glänzend und ging dann auf ein Jahr nach Paris, wo er starke wissenschaftliche Eindrücke und Anregungen erhielt. Nach seiner Rückkehr wurde er Assistent am Katharinahospital in Stuttgart, erwarb im November 1838 mit einer Dissertation „Ueber die Nosologie des Typhus“ die medicinische Doctorwürde und hielt im Winter in Stuttgart Vorlesungen für Militärärzte. Im Frühjahr 1840 habilitirte er sich als Privatdocent an der Universität Tübingen, ging im Herbst nach Wien und schrieb als das Ergebniß seiner Pariser und Wiener Studienreisen die Schrift: „Wien und Paris“, die großes Aufsehen erregte. Er wirkte dann in den nächsten Jahren zunächst als Assistent des kränklichen Professors der Klinik, Hermann, seit 1843 als dessen Stellvertreter und außerordentlicher Professor und [314] wurde 1846 zum ordentlichen Professor und Director der medicinischen Klinik befördert. Im Herbst 1850 wurde er als Ordinarius und klinischer Leiter des Jakobshospitals nach Leipzig berufen, wo er bis an sein Lebensende wirkte. Seine Lehrthätigkeit zog zahlreiche Studirende nach Leipzig, seine Privatpraxis war ungemein ausgedehnt, mehrmals konnte er ehrenvolle Berufungen nach außerhalb ausschlagen; aber seit 1866, wo ihn eine Lungenentzündung befiel, kränkelte er und die Aufregungen und Sorgen, in die ihn Krankheit und Tod des einzigen Sohnes versetzten, untergruben vollends seine Gesundheit, bis er nach jahrelangem Siechthum der Miliartuberkulose erlag. – Wunderlich’s Verdienste um die Entwicklung der modernen Heilkunde sind groß. Gemeinsam mit seinen Freunden Griesinger und Roser hat er als Vorkämpfer der „physiologischen Medicin“ in dem von ihm begründeten „Archiv der physiologischen Heilkunde“ (1842–1859) und durch sein großes und reichhaltiges „Handbuch der Pathologie und Therapie“ (1850–1852) bahnbrechend für die exacte, physiologische Richtung der medicinischen Forschung gegenüber den damals herrschenden unklaren, unkritischen und unwissenschaftlichen ontologischen Anschauungen gewirkt und ihr zum Siege verholfen. Zugleich aber hat er auch durch Einzelarbeiten seine Wissenschaft wesentlich gefördert. Namentlich war er es, der durch seine Arbeiten über klinische Thermometrie, sein Werk „Das Verhalten der Eigenwärme in Krankheiten“ (1870), den Thermometer am Krankenbett und damit eine genaue Controlle der Fieberwärme erst einbürgerte, nachdem Bärensprung und Traube die ersten Anregungen in dieser Richtung gegeben hatten. Den Schwerpunkt seiner Thätigkeit fand er in der Beobachtung am Krankenbett und bemühte sich die seiner Meinung nach überwuchernden Hülfswissenschaften in ihren Grenzen gegenüber dem klinischen Fach zu halten. Ein feinsinniger und kritischer Beobachter und rednerisch sehr begabt, wußte er als Lehrer nach dem Urtheil seines Collegen Thiersch das Bild der Krankheit beim Unterricht klar und bündig darzustellen. Von seinem umfassenden und vielseitigen Wissen zeugen auch seine geschichtlich-medicinischen Studien, so seine „Geschichte der Medicin“ (1859) und seine „Gedächtnißrede auf Wilhelm Griesinger“ (1869).

Vgl. die Nekrologe von O. Heubner und W. Roser im Archiv der Heilkunde 1878, XIX. – Ferner Hirsch, Lex. ber. Aerzte VI, 336. – Karl Roser, Wilhelm Roser. Ein Beitrag zur Geschichte der Chirurgie. Wiesbaden 1892.