Aachener Stadtrechnungen aus dem XIV. Jahrhundert/Das Aachener Contingent

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Das Aachener Contingent. Unentschiedenheit der übrigen Bundesgenossen.

Während der Bürgermeister Heinrich van der Linden zur Regierung und Beschützung der Stadt zurückbleibt, reitet sein Amtsgenosse Johan van Punt zur Belagerung des Raubschlosses aus. Ihn begleitet Arnold Volmer, einer alten Schöffenfamilie angehörig und im folgenden Jahre Bürgermeister, und Jakob Coliin. Bei diesen „unsen heren“ war das ganze Contingent in Kost. Dasselbe bestand aus den genannten 3 Geschworenen, ihren 8 Dienern, dem Meister Proffioin mit 11 Zimmergesellen, dem Meister Tielmann zuerst mit 9, dann mit 3 Gesellen, dem Ziegelbäcker Meister Johann mit 3 Gesellen und 2 Handlangern, drei Paar Säger, 47 Geleyen,[1] 23 Schützen, 2 Pfeifern und 2 Trompetern nebst Wagenknechten, Schmieden u. s. w., im Ganzen etwa 130 bis 140 Personen. „It. haint unse heren verzert vur Riifferscheit myt allen yren gesellen, pfiffern, wainluden (Wagenknechten), segern, [61] zymmerluden, grevern (Gräbern), smeden int myt heren, ritteren, kneichten, gudenluden ind soldenern ind schutzen, die myt on (ihnen, plattd. hön) aissen summa 3418 M. 9 S. Coels.“ Für die Kost mußte ein Theil des Soldes eingelassen werden, denn für diejenigen, welche ihren Sold ganz bezogen, wird das Kostgeld von obiger Summe abgezogen und kommt für die Stadt nicht mit in Rechnung. „Des geit aff (davon, nämlich von 3418 M. 9 S. geht ab) 540 M., die sy aff sleynt (abrechnen) vur yr kost manlich siin gebuyr umb den wille, dat sy yren solt ganz rechnen, so sy, (nämlich „die heren“) so Jakob Coliin schriver, so Thiis Kassart, ind Gerart heren Heinrich kneit, ind dit affgeslagen haven sy verzert 2878 M. 9 S. Coels, dat macht an gulden 843 guld. ind 25 Schilling Coels.“ Wie hoch dabei der Sold „unserer Herren“ war, ist aus der Rechnung nicht ersichtlich. Die 23 namentlich aufgeführten Schützen bezogen zu ihrer Ausrüstung jeder 2 M., und an Sold täglich 1 M., die dabei befindlichen Obern „Heinrich Quoduytz, schutzenmeister, Tielman, der banyrdreger (Fähnrich), Roederchiin der buyssenmeister“ erhielten jeder das Doppelte.

Das Gesinde unserer Herren, aus 8 Personen bestehend, und alle, die ihnen dienten, beziehen außer ihrem fortlaufenden Gehalte keinen Sold, werden aber reichlich mit Trinkgeld versehen.

Gottesdienst und Seelsorge versehen im Lager bei dem Aachener Contingent zwei Minderbrüder, die Kranken und Verwundeten pflegten die Ärzte Johann von Koettingen und Meister Johann van Lüttich mit ihren Gehülfen, „kneichten“, und dem Gehülfen des Aachener Arztes, des Meisters Tielman. Für musikalische Erheiterung sorgten die Pfeifer des Erzbischofs von Köln, des Bischofs von Lüttich, des Herrn von der Schleiden, des Grafen von Blankenheim, der Stadt Köln, der Stadt Straßburg, des Herrn van Sarwoerten, des Herrn van Schönforst, des Herrn Poten (von Chastalowitz), des Herrn Scheynartz und des Herzogen von dem Berge, und die „Gecken“ (Hofnarren) von Köln und Lüttich erhielten Herren und Volk durch ihre Schwänke bei heiterer Laune.

Das Aachener Contingent hielt seinen Auszug gegen Reiferscheid am Morgen des 10. August. Schon am folgenden Tage beeilen sich der Bürgermeister Johann van Punt und Herr Arnold Volmer dem Rathe von Aachen über ihre Reise Bericht zu erstatten. (S. Beil. IX.) Als sie zwischen Weisweiler und Langerwehe [62] gekommen waren, hielten sie da in schönster Ordnung um den Bischof von Lüttich und den Herrn von Grunselt, den Geschworenen der Herzogin Johanna von Brabant, zu erwarten: „also dat wir quamen tusschen Wiiswilre ind der We ind hielten då up unse schoeynste ind erbietten (warteten) då uns herren van Luycge ind des herren van Grunsselt“, und wie sie glaubten, fand ihr „Volk“ der Herren Beifall „ind also als uns doichte ind wir verstoynden, so was yn unse volck zů moil bevellich.“ Den Abend desselben Tages kamen sie nach Nideggen, wo sie übernachteten, während ihr Troß „getzoich“, der mit Jakob Geldoff einen Tag früher bis zum Weiden gefahren war, die Nacht in Vlatten zubrachte. Den folgenden Tag am 11. rückten sie Nachmittags um 4 Uhr zugleich mit dem Erzbischof von Köln, dem Bischof von Lüttich, dem Herzoge von Jülich, dem Herrn Poten, Stellvertreter des Königs Wenzel, und mit der Stadt Köln vor Reiferscheid und bezogen ihr Lager neben dem des Herzogs von Jülich, wie wir das aus dem Bruchstücke eines kurz nachher geschriebenen Briefes ersehen (S. Beil. X): „wist, dat wir Gode dancke alle gesont ind birve (frisch) mit lyve ind mit goide (mit Leib und Gut) vur dat huys zu Riifferscheit komen sint ind lygen alreneist deme herzogen van Guylche ind hoffen, dat wir wail ligen, mer wir sint noch unledige lude mit logieren“ d. h. wir sind noch unleidlich logirt. Neues wissen die Herren unterm 11. noch nichts anderes zu schreiben, als daß der Herzog von Geldern, wie er es auch bei der Belagerung von Dick versuchte, gern eine Sühne zu Stande bringen möchte. Der Brief schließt: „Vart wale zů, uns alle ziit zů gebieden. Geschreven mit ylincgen (in Eile) zů zwen uyren na midder naicht, des vriidaichs zů avende“.

Bei der Belagerung bewiesen unsere Aachener größeren Eifer und mehr Entschiedenheit als alle andern Verbündeten. Ja es scheint diesen Anfangs nicht rechter Ernst mit dem Angriff gewesen zu sein. Die Mittheilung, daß der Herzog von Geldern sich um eine Ausgleichung bemühe, wird in einem Briefe unserer Geschworenen am 14. August noch ausführlicher wiederholt. Der Herzog sei in Schleiden gewesen und habe einen Theil seiner Freunde zurückgelassen, die in Verbindung mit den Herren van Blankenheim und von Gerardsstein mit den Geschworenen „umb eyne soene gededinkt“, unterhandelt hätten. Ihnen, den Aachnern, dünke, daß die Geschworenen sich gerne davon machen möchten; [63] sie fänden sie nicht mehr wie bei der letzten Versammlung und wie der „Receß“ enthalte; die Herren (nämlich die Herzöge und Bischöfe) seien nicht mit ihren Bliden und „Bussen“ da, wie sie sollten, so daß außer der unsrigen noch keine Blide aufgestellt wäre. Bedenken wir, daß zwölf Zimmerleute sechs Tage brauchten, die Blide im Bürgergras herauszunehmen, aufzustellen und wieder zu zerlegen und zu verladen, so dürfen unsere Zimmerleute und Schützen sich gewiß nicht gefeiert haben, da sie in 4 Tagen das Geschütz nach Reiferscheid brachten und vor dem Schlosse aufrichteten. – Die Geschworenen bitten den Rath um Verhaltungsregeln für den Fall, daß für die Versöhnung sich eine Stimmenmehrheit herausstellen sollte, ob sie dann nachgeben, oder „sich hart dar widder legen“ sollten. Die Wagen würden sie schon heimgesandt haben, wenn sie nicht alle Tage fürchteten, die Herren möchten aufbrechen, und sie dann „hinten bleiben müssen“; wenn sie aber sähen, daß die Herren blieben, würden sie die Wagen, (worauf nämlich die Geschütze gefahren worden waren), heimsenden. Übrigens sei das Haus von Reiferscheid ein „geweldich vast slos ind zienwerf (zehnmal) besser, dan dae mant vur hilt (als wofür man es hielt), und der Junker Johann sei selbst mit vielen Knechten darin, die alle Tage den Herren großen Schaden thäten, so hätten sie namentlich dem Bischof von Lüttich „seinen panetier (Brodbäcker) dar zu sinen buttelier (Kellermeister) afgevangen ind einen kneicht doit geslagen ind seys pert genommen, ind der hertzoge van Guylche hait doden zwene ind pert verloren, ind ouch haint sy eme zwae cargen genommen van synre donrebussen ind sinen meister mit namen Johannes van Blatten durch syn beyn geschossen. Vort so haint sy der Coelner gevangen ind ouch pert genommen.“ Deshalb hätten sie (die Aachener Geschworenen) ihre Gesellen ernstlich gebeten, sich in aller Weise zu hüten, „op dat sy nyet gequat en werden“, damit sie keinen Schaden nähmen. Herr Pote habe vor seinem Lager das Reichsbanner entfaltet. Das war das Zeichen, daß der Kampf im Namen des Königs geführt wurde. Sie seien alle mit ihrer Gesellschaft gesund und wohl, ausgenommen Thiis Kassart, von dem sie nämlich Eingangs des Briefes schreiben, „dat he leider doit is“. Der war nämlich „in soittersdage“ d. h. Samstag, also gleich am Tage nach der Ankunft vor Reiferscheid, Abends „onnutzlich“ unnützer Weise, aus Neugierde, ungerüstet, ohne jemandes Wissen und ohne Waffen [64] um das Haus gelaufen „also dat he geschossen wart beneven aen sinen sloife (neben den Schläfen), also dat he sich bigette (beichtete) ind syn testament deide (machte), ind des morgen op den sondach mysse hoirte ind dat heilig sacrament untfienck ind zu seys uren nae middage starff in goiden kennis (bei voller Besinnung), also dat he zer Sleiden begraven is, als heis (wie er es) begert hat, dat uns allen truwelichen leit is, dat he als onnutzlichen bleven is.“ (S. Beil. XI.) Für sein Begräbniß wurden nach der Rechnung drei Gulden verausgabt.

Unterm 21. August schreiben die Geschworenen, am gestrigen Tage seien die Herren und die Städte zusammen gekommen bis auf den Herzog von Geldern, der seine Freunde geschickt habe, um zu hören, ob und unter welchen Bedingungen er mit dem Junker Johann von Reiferscheid unterhandeln sollte, worauf ihm die Antwort geworden sei, als man vor das Schloß gezogen wäre, habe man erwartet, Junker Johann werde dasselbe dem Herrn Poten als königlichen Bevollmächtigten übergeben und mit den Seinigen zu ewigen Tagen Urfehde schwören. Damit meinen die Aachener Geschworenen werde man auch heute noch, ja sogar mit Wenigerm sich begnügen, da die Herren nicht bei ihrem Sinn beharrten und weder die vertragsmäßige Anzahl Leute noch Belagerungswerkzeuge mit sich führten, und auch die Stadt Köln nicht so fest wäre, als sie wohl sein sollte. Aber Junker Johann habe darauf geantwortet, ehe er und die Seinigen das thäte, ließ er sich lieber am Thore seines Schlosses hängen, und so sei man ohne Resultat von einander geschieden. Jetzt würden die Belagerer „Häuser in den Gründen vor und um das Schloß errichten.“ (S. Beilage XIII.) Solche Häuser dienten den Anführern nicht blos zu bequemerer Wohnung und größerm Schutze gegen die Einflüsse der Witterung, als die Zelte „Tenten“, sondern zugleich zu Bollwerken für den Angriff und zu Zufluchtsstätten gegen etwaige Ausfälle. Von diesen Häusern spricht auch unsere Rechnung, „als man des Bischofs Haus machte, kamen die Fuhrleute, welche das Holz im Busch holten und vor das Haus führten, wohl mit 60 Wagen.“ Auch unsere Geschworenen hatten ihr Haus, worin sie zum Schutze gegen die Kälte der Eifel, da die Belagerung sich bis in den Oktober hinzog, für 71/2 Gulden Kohlen verbrannten, und es zur Sicherheit mit Pallisaden „steckat“ und einer Hecke umgaben, wozu acht „buscher“ [65] (Holzhauer) aus Montjoie und acht aus Eupen nebst denen, die sie mit sich führten, die Bäume fällten. Die Erdarbeiten verrichteten meistens die Wallonen „die Walen van Luytche“.

Mit der Disciplin sah es im Aachener Heere nicht vom Besten aus. Denn Johann von Punt schreibt dem Rathe, (S. Beil. XII.) er möge doch sorgen, daß die Gesellen, die nach Aachen geritten seien, wieder sicher in’s Lager kämen; ihm sei es gar nicht lieb gewesen, daß sie heimgeritten wären, als er es aber einem verboten, hätte er ihm geantwortet: er wolle heim, und sollte er auch auf seinen Sold verzichten. Auch fehlte es unsern Aachener Burschen nicht an muthwilliger Verwegenheit, wobei sie zuweilen nicht ungeschoren davon kamen. „Wist,“ so schreiben die Geschworenen, „dat wir allen unsen burgern, wie yr uns geschreven hait, gesaicht haven van ůyren wegen, dat siich eyn yderman hůde (hüte) ind nyet unnützlichen louffe vur dat slos, want dåe grois quetzůnge af komen mach und die båte cleine is“, (weil dabei schwere Verwundungen stattfinden möchten und der Nutzen klein ist). (S. Beil. XIII.)

Des ungeachtet hätten jene es nicht lassen können und während sie bei den Geschworenen von Brabant im Heere gewesen, seien ihrer sechs oder sieben ungerüstet vor das Haus gelaufen, und hätten sich da mit Steinen geworfen, „als man opter Lewerken pliet zů doin“, (wie man auf der Lewerken, d. i. an der Steingrube zu thun pflegt,) „also dat sii danne gewiist worden (heim geschickt worden) yre drii,“ und zwar mit Pfeilwunden „ind manlich braicht einen piil in sich steichen, der eyn int heuft, des is sorge, (um den ist man besorgt), de heist Geirkiin, meister Michiels son des zimmermanns, den anderen zwen in salt nyet schaden, als wir hoiren sagen.“ Mit Munition waren die Unsrigen nicht hinreichend versehen, es fehlte ihnen an Blidensteinen zum Werfen, und auf zwei Meilen Wegs sei keine Steingrube, „egeine leye“, wo man Steine brechen könne, als zu Blatten und zu Nideggen, dahin dürften sie aber ihren Meister nicht senden um Steine zu hauen und zurecht zu machen, weil dort herum nur Feinde wohnten „die unser aller viant sint, die vur den slos ligent.“ Es habe aber der Herzog von Jülich gemeint, er wolle bestellen, daß man Steine bräche. (S. Beil. XIII.) Die Flauheit, womit die Fürsten und Grafen den Kampf gegen einen ihres Standes führten, hatte wohl ihren Grund in der geheimen Furcht vor der noch immer wachsenden Macht der freien Städte, und in dem Vorgefühl, daß [66] von dieser Seite dem Übermuthe des Junkerthums mit der Zeit Schranken gesetzt würden. Das verbreitete Gerücht, wovon die auf der Frankfurter Messe befindlichen Bürger an den Bürgermeister van der Linden schreiben, daß die Ritter von Reiferscheid wohl 500 Geleien geworben, um damit die Herren und Städte zu überfallen und ihre Burg zu entsetzen, (S. Beil. XV.) mag auch nicht zur Fortsetzung der Belagerung ermuntert haben. „Doch id ge, wied muege“, es gehe wie es wolle, schreiben die Aachener Geschworenen am 5. September, „man soll nicht finden, daß wir anders handeln, als wie wir mit Ehren handeln sollen, und wie die Verträge die zuerst zu Köln, dann zu Aachen einstimmig geschlossen worden sind, enthalten, woran wir die Herren erinnern, so oft wir mit ihnen zusammenkommen; die finden wir aber alle Tage „mißlich ind oneyndrechtlich“ was ihnen nicht wohl ansteht. (S. Beil. XIV.) Die Grafen von Blankenheim und von Gerartsstein, und die von Toinberg und von Kerpen kamen erst am 6. September ins Lager. Diesem Mangel an energischer Kriegführung entsprach denn auch der Ausgang der Belagerung.


  1. cf. Beil. XVII nebst der Note.