Abendtraum

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« Die Schöpfung der Alpenrose Gedichte (Friederike Brun)
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Textdaten
Autor: Friederike Brun
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Titel: Abendtraum
Untertitel:
aus: Gedichte, S. 176–178
Herausgeber: Friedrich von Matthisson
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1795
Verlag: Orell, Gessner, Füssli & Comp.
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Erscheinungsort: Zürich
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
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Bild
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Bearbeitungsstand
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Abendtraum.


Geist, starker, mächtiger, der in mir lebt und webt! Woher? Wohin? – Woher dies Sehnen, dies Verlangen? Dies Hoffen und Harren, immer getäuscht und immer neugeboren aus nie versiegendem Quell’ des Verlangens? Wohin dies Streben ans Ziel, das ich nicht kenne; das fern, fern, fern, im Dunkel der Zukunft versteckt liegt? Wohin mit diesem vollen, überströmenden, alles an sich ziehenden Herzen? – Alles in der Natur winkt, stralt, duftet, tönt mir Vereinigung! Süsse, holde Rose! Ich sehe dich, ich athme dich; meine Lippe berührt dich; ich sauge deinen süssen Geist ein; ich möchte dein ganzes Wesen in mich nehmen, die Fülle deiner [177] Anmut! – Spiegelnder See, ich möchte mich in deinen Schooß senken, den das Gold des Abends bethaut! – Zarter Thau! Du bist den Pflanzen Erquickung; mir stralst du nur Diamanten, ohne den Durst meines Herzens zu löschen! – Wandelnder Neumond! Mein Blick folgt dir mit Liebe; aber du sinkest, du sinkest schlaftrunken in den Busen des Abendroths, dem du vor Kurzem entstiegst, und lässest mich einsam, allein mit meinem Weh’? – Stern der Dämmerung! Stern der Liebe! Nur du verstehst mich; du zitterst leise Erinnerung hernieder auf deinem milden Strale. Meine Seele zittert dir Antwort zu, wie dein Bild tief aus dem Schooße der Flut; und nun verstummt alles: Die Mitternacht senkt tiefe Ruh’ herab; entschlummernd pletschern die kaum gefurchten Wellen immer stiller und matter ans Gestade; krumm beugt der Nachthauch noch das schwanke Binsenrohr; das Licht des Feuerwurms, die Fakel der Liebe, verglimmt; des [178] Raubvogels scheuer Flug senkt sich ins Dickigt herab. – Ich verstumme mit dir, o Erde! Aber mein Geist hebt sich auf kühnerm Fittig; er schwebt hoch in die ungemeßne Wölbung des Raums, den die Unendlichkeit gürtet, in den Weltsysteme wie Atome versäet sind. Ach! Ihr seyd groß und herrlich, ihr wandelnden Welten, und schimmert leise Ahndung in meine dunkelumwölkte Seele! Einst werde ich schauen, wie ich geschauet werde; erkennen, wie ich erkannt werde; geliebt, geliebt werden, wie ich liebe. – Töne! leise, geheime Klage; töne, ohne zu verstummen – mit dir verstummte die reinste Harmonie, der Grundton meines Wesens – töne immer reiner, heller, aber ruhig – ruhig, hoffendes Herz! bis die Stimme über den Gräbern dich aufruft.