Abergläubische Meinungen und Gebräuche in Pommern und Rügen

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Autor: Jodocus Donatus Hubertus Temme
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Titel: Abergläubische Meinungen und Gebräuche in Pommern und Rügen
Untertitel:
aus: Die Volkssagen von Pommern und Rügen. S. 337–346
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1840
Verlag: Nicolaische Buchhandlung
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Erscheinungsort: Berlin
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Quelle: Google und Scans auf Commons
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[337]
Abergläubische Meinungen und Gebräuche in Pommern und Rügen.

In Kassuben muß jeder Anverwandte dem Todten etwas von dem Seinigen mit in den Sarg geben, einige Haare vom Kopfe, ein Läppchen von seinem Rocke, vom Hemde, vom Halstuch o.d.g. Den gewesenen Säufern wird auch ein Fläschchen mit Branndwein in den Sarg gelegt. Die Kassuben halten sehr geheim mit ihrer Meinung bei diesem Gebrauche, der aber noch aus der Heidenzeit her bei ihnen besteht.

Pomm. Provinzial-Blätter, III. S. 425.


Die Kassubischen Hochzeiten werden immer an Wochentagen gehalten. Am nächsten Sonntage darauf hält das neue Ehepaar seinen Kirchgang, um Gott für die glücklich und nach christlichem Gebrauch vollendete Hochzeit zu danken. In der Zwischenzeit nun von der Hochzeit bis zum Kirchgange darf die junge Frau ja nicht ihre Eltern besuchen; sie würde sonst während ihrer ganzen Ehe kein Glück haben. Wenn sie unterdeß etwas mit ihnen zu sprechen hat, so darf sie zwar auf ihren Hof gehen, aber nicht über die Schwelle des Hauses. Sie bleibt vielmehr draußen vor der Thüre stehen, und schreiet dort so lange aus Leibeskräften, bis Jemand herauskommt, wo sie dann ihr Anliegen vorbringt und darauf schnell wieder umkehrt.

Pomm. Provinzial-Blätter, II. S. 470.


[338] Sowohl in Kassuben, als auch in manchen anderen Gegenden Pommerns ist die halb christliche, halb heidnische Sitte, daß die Wöchnerin, wenn sie ihren Kirchgang hält, während des Gesanges ihr Kind auf den Arm nehmen und damit, von allen ihren verheiratheten und unverheiratheten Bekanntinnen gefolgt, rund um den Altar gehen muß. Dann kniet sie vor demselben nieder, und wird nun von dem Pfarrer, während er dem Kinde die Hände auflegt, feierlich eingesegnet. Stirbt die Wöchnerin im Kindbette, bevor sie ihren Kirchgang hat halten können, so wird ihre Leiche, gefolgt von dem ganzen Trauerzuge, zuvor rings um die Kirche getragen, wie sie beim Leben um den Altar hätte gehen müssen, und dann erst zum Grabe gebracht. Bei dem Kirchgange muß die Wöchnerin selbst ein Opfer auf den Altar legen; bei diesem Leichenzuge aber steckt Jemand aus dem Gefolge statt des Opfers heimlich ein Stück Geld in eine Mauerspalte der Kirche, damit die Seele der Frau Ruhe habe.

Pomm. Provinzial-Blätter, III. S. 475.


In Hinterpommern, besonders in der Gegend von Cöslin, haben sich auf dem Lande noch mehrere sonderbare Hochzeitsgebräuche, wahrscheinlich Wendischen Ursprungs, erhalten, auf welche mit abergläubischer Strenge gehalten wird, da sonst in der Ehe kein Glück und Segen soll bestehen können. Wenn nämlich die Trauung, die immer in der Kirche vollzogen wird, zu Ende ist, und der ganze Hochzeitszug sich nun zum Hochzeitshause begiebt, so muß dieses ja fest verschlossen seyn. Es wird erst nach einer Weile geöffnet, und es tritt dann Einer mit einem ganzen Brodte und einem Kruge Bier heraus vor die Thür. Aus dem Brodte muß hierauf zuerst die Braut ein Stück herausbeißen, dann der Bräutigam, und dann alle Uebrigen [339] nach der Reihe. Diese ausgebissenen Stücke dürfen aber nicht gegessen werden; sie werden vielmehr den Brautleuten gegeben, die sie aufheben müssen. Bevor man sich alsdann zum Hochzeitsschmause niedersetzt, wird in einigen Gegenden, namentlich im Treptowischen, die Braut von der Köchin an den Heerd geführt, wo sie von jedem Gerichte aus allen Töpfen und Kesseln kosten muß. Bei Tische sitzen beide Geschlechter gesondert; der Bräutigam mit den Mannspersonen sitzt in der Stube, die Braut mit den Frauenzimmern im Hausflur. Vor der Braut sowohl als vor dem Bräutigam muß während des Essens ein hölzerner Leuchter stehen, mit drei Armen, auf dem drei Lichter brennen; diese Lichter dürfen weder geputzt noch ausgelöscht werden, sondern müssen von selbst erlöschen. Erlöschen sie, ohne daß sie abgebrannt wären, so müssen die übrig gebliebenen Enden sorgfältig aufbewahrt werden.

Brüggemann, Ausführliche Beschreibung von Vor- und Hinterpommern, I. S. LXVIII.


Irrlichter sind die Seelen der Kinder, die ohne Taufe gestorben sind. Sie müssen bis zum jüngsten Tage am Wasser herumirren.

Mündlich.


In manchen Gegenden von Pommern glauben die Leute, es könne kein Mensch, der im Sterben liege, eher erlöset werden, als bis er sich beim Prediger habe anmelden lassen.

Mündlich.


Wenn man einem Todten die Augen oder den Mund nicht gut zumachen kann, so ist das ein Zeichen, daß aus dem nämlichen Hause bald wieder Einer sterben muß.

Mündlich.


[340] Wenn die Störche im Frühjahre viele weiße Federn haben, so giebt es ein nasses Jahr; ein trocknes aber, wenn sie wenige haben.

Mündlich.


Auf der Insel Usedom ist eine Gegend, welche der Lieper Winkel heißt, und zu welcher sechs Dörfer gehören. Die Einwohner dieser Gegend zeichnen sich durch sonderbare Gebräuche aus. Manche davon legen eben kein vortheilhaftes Zeugniß für sie ab, insbesondere nicht für ihre Sittlichkeit. Manche sind aber auch sehr lobenswerth. So halten sie es unter andern für sündhaft und unglückbringend, wenn man mit dem Brode spielt; und wenn Einer zu solchem Spielen in ein Brod mit einem Messer hineinsticht, so sagen sie: er steche den lieben Gott ins Herz.

Acten der Pomm. Gesellschaft für Geschichte.


In fast ganz Vorpommern herrscht auf dem Lande die Sitte, daß man nicht mit Ringen, sondern mit Gesangbüchern sich verlobt. Auch dürfen sich Brautleute ja kein Messer schenken, das würde die Liebe zerschneiden.

Daselbst.


In Pommern findet man häufig den Glauben, daß, wenn ein Wittwer oder eine Wittwe sich zum zweiten Male verheirathet, und der verstorbene Ehegatte etwas gegen diese zweite Heirath hat, derselbe während der Trauung rund um den Trautisch herumgehe. Es können ihn aber nur Sonntagskinder sehen. Den Ehen, wo solches passirt, pflegt man nichts Gutes zu prophezeihen.

Mündlich.


(Währwolf.) Der Glaube an den Währwolf ist durch ganz Pommern verbreitet. Man muß sich einen Riemen umgürten, der aus dem Rücken eines Gehenkten [341] geschnitten ist; auf solche Weise kann man sich in einen Währwolf verwandeln. Der Währwolf fällt besonders gern die Pferde an. In dem Dorfe Bork unweit Stargard lebte lange Zeit ein Mann blos davon, daß er jeden Abend um den Pferdeplatz im Dorfe herumging und geheimnißvolle Worte flüsterte, wodurch er die Pferde gegen den Währwolf und auch gegen andere Wölfe bannte, obgleich diese schon lange nicht mehr in der Gegend gesehen waren.

Mündlich.


(Alp.) Der Alp, oder wie er gewöhnlich genannt wird: „Märt“, ist in Pommern sehr häufig. Der Märt reitet des Nachts auf den Schlafenden, und drückt sie, daß sie zuletzt keinen Athem mehr haben. Gewöhnlich ist er ein Mädchen, die einen schlimmen Fuß hat. Zu einer Zeit hatte die Tochter des Schmieds im Dorfe Bork bei Stargard einen kranken Fuß, und damals klagten besonders viele Leute, daß der Märt sie reite.

Mündlich.


(Rattenkönig.) Auf der Insel Rügen glauben die Leute an einen Rattenkönig, der eine schöne goldene Krone trägt. Es soll der Teufel selbst seyn.

Acten der Pomm. Gesellschaft für Geschichte.


(Behexen der Pferde.) Auf dem Darß giebt es viele Hexen und Zauberer, welche besonders ihre Freude daran haben, anderen Leuten die Pferde zu behexen. Man merkt solches Behexen gleich daran, daß die Thiere nicht mehr fressen wollen. Es giebt dann nur Ein Mittel, das aber auch ganz sicher hilft; man muß nämlich den Pferden einen gesalzenen Hering ins Futter legen.

Der Darß und der Zingst, von A. v. Wehrs, S. 142.


[342] (Mittel gegen Hexerei.) Vor einem Stocke oder Gefäße, welches von einem Kreuzdorn gemacht ist, verschwindet alle Hexerei, denn das Kreuz Christi soll von diesem Holze gewesen seyn. Darum werden auf dem Lande in Pommern die Butterstäbe nur aus Kreuzdornholz gemacht.

Mündlich.


Wenn man das Fieber hat, so muß man zu einem vornehmen Herrn, am besten zum Prediger gehen, sich gehorsamst ein Butterbrod fordern, und damit fortgehen, ohne sich zu bedanken. Das hilft. Erst wenn dann das Fieber weg ist, darf man wieder kommen, und seinen Dank abstatten.

Mündlich.


Das Blut wird mit folgendem Spruche besprochen: Blut! Blut! Blut! Steh still, steh still, steh still! Im Namen Gottes des Vaters †, des Sohnes †, des Heiligen Geistes †. Dabei müssen drei Kreuze gemacht werden. Dann muß man auf das Blut blasen, und nun die Worte und die Kreuzzeichen wiederholen.

Mündlich.


Auf der Insel Rügen hat man zum Blutbesprechen auch folgende Formel:

O Wunder über Wunder,
Des Herren Grab ist hierunter!
Darauf stehen drei Blümelein,
Das Eine heißet Wohlgemuth †,
Das Andere heißet Demuth †,
Das Dritte heißet Blut stehe stille †,
Dieweil es ist des Herren Wille!

Acten der Pomm. Gesellschaft für Geschichte.


[343] Die Rose, welche gewöhnlich „dat hilge Dink“ genannt wird, wird auf folgende Weise besprochen: Man muß auf die Stelle, wo man die Rose hat, drei Kreuzzeichen machen, und dabei sprechen:

Herut, du vieten, splieten Ding
Du van de See, du wedde Brüg!
Do schast du in steken, do schast du in äten,
Do schast du in rollen, do schast du in kollen;
Dat schast du dohn, dat möst du dohn.
Herut schast du, herut möst du,
Du quälest mi, ik banne di!

Auch kann man folgende Worte sprechen:

Maria, St. Johannes, de fuhren rüber Sand, rüber See,
Wat wullen se do maken?
Do wullen se en Krütlein plücken,
Nich kellen, nich schwellen.
Wat wullen se mit det Krütlein maken?
Do wullen se dat böse hilge Dink mit stillen! –

Wenn man sich verbrannt hat, und den Schmerz stillen will, so muß man auf die verbrannte Stelle drei Kreuzzeichen machen, und dabei sprechen:

Wie hoch ist der Heben,
Wie roth sind die Reben!
Wie kalt ist des Todes Hand!
Und damit stille ich diesen Brand † † †.

Eben so sagt man, um den Zahnschmerz zu besprechen: Schmerz und Zahnwehdage, ik stille di und befehle di, du schast in de Deepe des Meeres fahren, und von doar nich eher wedder herut kamen, bet dat de andere Jungfrau Maria geboren werd; in dem Namen Gott Vaters †, Gott Sohnes †, und Gott heiligen Geistes †.

Daselbst.


[344] In Pommern giebt es viele Menschen, welche den Dieb besprechen können, daß er mit den gestohlnen Sachen nicht fort kann. Das nennt man den Diebessegen. In Stettin lebte vor noch wenigen Jahren ein Schiffszimmermann, Namens Frank, der verstand den Diebessegen, und sprach ihn in folgender Weise: Er ging um den Platz, auf welchem der Diebstahl befürchtet wurde, herum, von Osten nach Norden, bis er wieder zu der Stelle kam, von der er ausgegangen war. Dabei sprach er folgende Worte:

Da kommen drei Diebe gegangen.
Maria sprach: Peterus, Peterus, Peterus!
Binde, binde, binde! –
Ich habe gebunden mit eisernen Ketten,
Kein Mensch, als nur Einer, kann ihn davon retten!
Er soll sehen und hören die ganze Nacht,
Die Sterne am Himmel, den Glockenschlag,
Unempfindlich wie ein Block,
Steif wie ein Stock!
Die Lösung überlasse ich dir,
Den Schlüssel nehme ich zu mir!
Wird er schwarz, bleibt er weiß,
Es macht mir nicht im Geringsten heiß!
Nur keinen Vorwurf,
Gieb mir den Schuft!

Wenn nun nach solchem Bannspruch der Dieb kommt und stiehlt, so kann er mit dem Gestohlnen, sobald er es aufgeladen hat, nicht von der Stelle; er muß damit vielmehr die ganze Nacht stehen, bis zu Sonnenaufgang. Wenn die Sonne aufgeht, ist der Bann zwar gelöset, aber nun wird der Dieb in einen schwarzen Neger verwandelt, und der Banner kann niemals wieder einen Diebessegen sprechen. Darum muß der Banner auch vor Sonnenaufgang [345] zu der Stelle zurückkehren, und den Dieb lossprechen. Dies that der alte Frank mit folgenden Worten:

Der Schlüssel, den ich habe,
Und immer bei mir trage,
Schloß auf das Grab des Herrn,
Ich leih’ ihn dir sehr gern;
Der Schlüssel ist sehr groß;
Womit ich dich jetzt löse los!

Nach solchen Worten läßt der Dieb seine Bürde fallen, und läuft eilig davon. Festhalten darf man ihn nicht; man darf ihm nicht einmal Vorwürfe machen, denn sonst kann der Banner ebenfalls nie wieder den Diebessegen sprechen. Man muß vielmehr zu dem weglaufenden Diebe sagen: Gehe in Gottes Namen! – Dann wird er niemals wieder stehlen.

Dem alten Frank wäre es mit dem Diebessegen einmal beinahe schlecht ergangen. Er hatte eines Abends eine Baustelle besprochen, auf welcher er viele Spähne liegen hatte. In der Nacht verschlief er sich, und es war ganz nahe vor Sonnenaufgang, als er erst zu der Baustelle kam. Hier sah er seinen besten Freund stehen, der ihm hatte Spähne stehlen wollen, und der mit einer großen Last auf dem Kopfe, über und über voll Schweiß, da stand und nicht von der Stelle konnte. In der Eile und Angst hatte der alte Frank auf einmal den Lösungsspruch vergessen, der ihm gar nicht beifallen wollte. Es waren nur noch drei Minuten vor Sonnenaufgang. Da kam er zuletzt zu einem raschen Entschluß. Er nahm sein Messer, und schnitt die Erde unter den Füßen des Diebes ganz durch. Darauf gab er diesem einen Stoß, daß er mit seiner Last umfiel. Auf diese Weise wurde der Dieb befreit; eine Minute später wäre er ein Neger geworden.

Daselbst.


[346] Wenn Einem sieben Raben gerade entgegenkommen, so bedeutet das großes Unglück.

Mündlich.


Wenn ein Hase über den Weg läuft, so bedeutet das Glück, wenn ein Wolf – Unglück.

Mündlich.


Wenn man weiße Mummeln ins Haus bringt, so stirbt alles Vieh darin.

Mündlich.


Das second sight der Schottländer ist auch fast durch ganz Pommern zu Hause. In einigen Gegenden an der Ostsee, besonders auf der ganzen Insel Rügen wird es durch den, den Etymologen noch immer räthselhaften Ausdruck: „wafeln“ bezeichnet. Insbesondere ist der Glaube, daß man merkwürdige Begebenheiten an der Stelle, wo sie sich zutragen werden, mit leiblichen Augen vorher wahrnehmen, daß man sie „wafeln“ sehen könne, in Rügen vorherrschend. Namentlich sieht man Feuersbrünste oder strandende Schiffe vorher wafeln. Ferner wafeln auch die versunkenen Städte, z.B. Arkona bei neblichtem Wetter, und Wineta am Ostermorgen.

Mündlich.