Abgelehnt

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Textdaten
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Autor: Director Dr. Gallus
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Titel: Abgelehnt
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 50, S. 843-844
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[843] Abgelehnt. Meine Bitte an die Frauen, den Lebensversicherungen gegenüber Aberglauben und Vorurtheil schwinden zu lassen (Nr. 41 der Gartenlaube) hat einen lebhaften Wiederhall gefunden, wie mannigfache Zuschriften beweisen. Unter diesen befindet sich ein Brief einer Frau, der von so tiefem Gemüthsleben und feinem Verständniß der Schreiberin Zeugniß giebt, daß ich ihn an dieser Stelle am liebsten wortgetreu mittheilen möchte, wenn die mir Unbekannte sich nicht nachdrücklich dagegen verwahrte. Immerhin aber glaube ich in ihrem Sinne zu handeln wenn ich den Gegenstand, welchen sie berührt, einer kurzen Besprechung unterziehe. Gelingt es mir, damit nur einigen Gemüthern Beruhigung zu verschaffen, so bin ich reichlich belohnt, und die Unbekannte wird mir gewiß aus diesem Grunde meine Indiscretion verzeihen. Die Dame schreibt:

„Beeinflussen Sie, geehrter Herr – und allen Directoren von Lebensversicherungsgesellschaften möchte ich es zurufen – beeinflussen Sie Ihre Agenten, darauf hinzuwirken, daß die Frauen wenn nur irgend möglich, ganz aus dem Spiele bleiben, bis der Antrag angenommen, die Versicherung feststeht. Es ist besser, die Frau erfährt vorher nichts davon, weil die Möglichkeit einer auf ärztliches Gutachten gestützten Abweisung vorliegt. Sie werden mir entgegnen können, daß eine solche Abweisung, Gott sei Dank, höchst selten eintrete, aber gerade deshalb wiegt dieselbe um so schwerer für die Betroffenen, am schwersten wohl für die Frau, die ihren Gatten aufrichtig liebt und in der Verweigerung der Aufnahme eine sichere Bürgschaft dafür erhält, daß unter Vielen gerade ihr Gatte nach ärztlichem Dafürhalten der Wahrscheinlichkeit eines früheren Todes unterliegt. Wenn nun die Hoffnung zu einer Wunderblume für den Erdenwanderer wird, so gestaltet sich jene unbestimmte Furcht zu einer Giftpflanze, die vernichtend wirkt etc.“ –

Die Lebensversicherungsgesellschaften, nach den bisherigen, verhältnißmäßig immer noch geringen Erfahrungen in Dingen, welche die Medicinalstatistik vielleicht erst nach hundertjährigen Beobachtungen endgültig feststellen wird, sind in ihrem heutigen Zuschnitte in Bezug auf Berechnung ihrer Prämientarife darauf angewiesen, Versicherungsanträge, welche nicht nach jeder Richtung hin als absolut ungefährdete erscheinen, zurückweisen zu müssen. Es ist daher für den Leiter einer Lebensversicherungsanstalt die oberste Aufgabe, bei der Aufnahme neuer Anträge überaus vorsichtig zu Werke zu gehen. Hätte man es auf der Welt nur mit aufrichtigen, [844] wahrheitsliebenden Menschen zu thun und spielte nicht das Wörtchen Eigennutz sowohl bei Gesellschaften wie bei Versicherungsuchenden eine so bedenkliche Rolle, wahrlich, das reine, erhabene Bild der Versorgung der Familie über den Tod hinaus, wie es die Versicherung des Lebens bieten will und soll, zeigte in der Wirklichkeit nicht so manchen häßlichen Fleck.

Gewiß ist es ein niederdrückendes Gefühl, wenn der Agent dem Antragsteller mittheilen muß: dein Antrag ist nicht angenommen worden. Und doch hat auch solche Entscheidung für den Betroffenen eine heilsame Wirkung: er wird vorsichtiger und aufmerksamer auf seine Gesundheit.

Ich will mich zunächst an diejenigen wenden, denen das passirt ist. Statt längerer Auseinandersetzung möchte ich zu ihrer Beruhigung folgende Thatsache mittheilen, die sich vor Kurzem abspielte. In dem vorigen Frühjahr kam nämlich eines Nachmittags auf das Bureau einer Gesellschaft (der alten Leipziger Lebensversicherung) ein stattlicher, wohl aussehender Mann, der sich als Filzhutfabrikant aus einer Stadt des sächsischen Voigtlandes vorstellte. Ohne längere Umschweife erklärte er, daß er bereits vor mehreren Jahren von drei Gesellschaften kurz hintereinander mit seinem Antrage abgewiesen worden sei. Auf näheres Befragen theilte er ferner mit, daß er früher ein langer, schmächtiger junger Mann und als Werkführer in einer bairischen Filzfabrik tätig gewesen sei. Diese Momente hätten jedenfalls die früheren Ablehnungen veranlaßt. Unsere darüber eingezogenen Erkundigungen bestätigten dies vollständig; die von unserem hiesigen Vertrauensarzt vorgenommene Untersuchung führte zu einem durchweg günstigen Resultat, so daß wir den Mann mit einer seinen Verhältnissen entsprechenden Summe in Versicherung nahmen. –

Ich will gleich die Nutzanwendung daraus ziehen. – Je aufrichtiger und offener ein Antragsteller der Gesellschaft entgegentritt, je eher wird er auf eine günstige Entscheidung zu rechnen haben. Merkt dagegen die Gesellschaft, hier will man nicht recht mit der Sprache heraus in Bezug auf überstandene Krankheiten, Krankheiten in der Familie, etwaige frühere Abweisungen bei anderen Gesellschaften etc., so faßt der Entscheidende leicht Verdacht und sieht oft an und für sich unverfängliche Sachen mit Mißtrauen an. Geradezu plump ist es aber zu nennen, eine etwa erlittene frühere Ablehnnug zu verschweigen, da, wie die Erfahrung lehrt, solche Verheimlichungen fast nie unentdeckt bleiben. – Ein zweites Moment, auf welches ich jeden Abgewiesenen aufmerksam machen möchte, ist folgendes. Die meisten Abgewiesenen begehen den Fehler, sofort bei einer zweiten, respective dritten Gesellschaft ihr Heil zu versuchen. Das ist geradezu verkehrt, denn jede folgende Gesellschaft ist durch die Entscheidung ihrer Vorgängerin mehr oder weniger im eigenen Urtheile beeinflußt. – Sind dagegen seit der erfolgten Ablehnung mehrere Jahre in’s Land gegangen, so haben sich oft Umstände, auf Grund deren die erstere geschah, wesentlich anders gestaltet, gewisse Befürchtungen sich nicht erfüllt, so daß jetzt der Fall mit ganz anderen Augen betrachtet werden kann.

So viel über diesen Gegenstand.

Und nun wende ich mich noch an Diejenigen, welche sich durch den Gedanken an eine mögliche Abweisung von der Lebensversicherung fern halten oder aus weibischer Furcht vor einer gründlichen körperlichen Untersuchung zurücktreten. Es ist oft unbegreiflich, unter welchen nichtigen Vorwänden so Viele sich ihrer heiligen Pflicht gegen Frau und Kind zu entziehen suchen und das Eingehen des Versicherungsvertrages hinausschieben, bis es oft zu spät ist. Denen möchte ich mit Fiesco zurufen:

„Seid Männer! Ich bitte Euch.“
Director Dr. Gallus.