Abschiedsgruß (Die Gartenlaube 1899/4)

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Titel: Abschiedsgruß
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 130
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1899
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger G. m. b. H. in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[130] Abschiedsgruß. (Zu dem Bilde S. 109.) An Italiens sonniger Küste, in der Nähe von Venedig, hat der Maler das schmucke Modell zu dem Bilde gefunden, das wir in Holzschnittwiedergabe unseren Lesern vorführen. Bei heiterem Himmel und günstigem Winde ist die Barke mit dem jungen Fischer abgesegelt. Sie schaukelt schon fern auf den Wellen, daß das Auge kaum die Gestalten der Schiffer zu erkennen vermag; aber immer noch steht das Blumenmädchen an der Ufermauer, und immer noch flattert zum Abschied ihr Tüchlein im Winde. Bald wird Ninetta Las Schiffchen völlig aus den Augen verlieren und von ihrem Auslug in das Straßengewühl der Stadt hinabsteigen, um ihr gleichgültigen Menschen Blumen feilzubieten. Das schönste Sträußchen wird sie aber zurücklegen; es wird am Abend, wenn die Fischer heimgekehrt sind, an der Brust des Glücklichen prangen, dem die Vielumworbene ihr Herz geschenkt hat. [109] den Gebirgsdörfern so zahlreich auf den Wänden der Häuser zu finden sind. Hatte der Künstler seine Sache nicht besser verstanden? Hatte er anderes nicht zu schaffen vermocht als diese wertlosen Klexereien, deren schreiende Farben dem bäuerlichen Geschmack entsprachen, aber jedes geschulte Auge verletzen mußten? War er von jenen Unglücklichen einer, die zum Schaffen wohl allen Willen haben und denen nur eines fehlt: die Kraft? Hatte er sich, ein schwärmerischer Stümper, in die Rolle des verkannten Genies hineingeredet – in eine Rolle, in der ihn alle verlachten, zwei Menschen ausgenommen: die Frau, die in ihm den Gatten liebte, und das Kind, das in ihm den Vater vergötterte?

Während Ettingen sich in Gedanken diese Fragen stellte, fiel seinem Blick, der schon zerstreut über all diese grellen Farben hinglitt, ein nebensächliches Detail auf, das ihn fesselte: ein kleines, stilisiert geflecktes, drolliges Hündchen, das die flüchtende Maria am Mantel zurückhalten will – ein Hündchen von einer Rasse, die der Natur nicht eingefallen war, nur der spielenden Laune einer krausen Künstlerphantasie. Und doch ... wie dieses Tierchen lebte! Wie es die Füße zornig in den Sand stemmte! Wie es an dem Mantel zerrte, als ob es sagen wollte: Du heilige Frau, wenn auch die Menschen dich verkannten, ich, das Tier, ich fühle, wer du bist, und möchte dich bitten, dich zwingen: bleib!

Und dort – dieses kosende Taubenpaar! Oder waren es andere Vögel? Weiße Raben vielleicht? Aber wie körperlich ihre Schwingen sich bewegten?! Mit wie zärtlichem Leben sie sich aneinander schmiegten! – Und jener Star! Oder war’s ein Spatz, der in die Tinte gefallen? Wie er wütend eine Blumenknospe der Guirlande zerzauste, die sich in sonderbaren Schlangenwindungen um alle figuralen Scenen ringelte! Das waren Blätter von seltsamer Form, Blumen von merkwürdiger Farbe und wunderlicher Gestalt – Blumen, die sich ansahen wie werdende Vögel und Schmetterlinge – und dennoch waren es Blumen, die auf gesunder Erde gewachsen und nicht nur zu blühen, auch zu duften schienen.

Wer all dieses naiv gedankenvolle, so unwirkliche und doch so lebendig berührende Beiwerk schaffen konnte, mußte auch die künstlerische Kraft besessen haben, um die Gestalten dieser Heiligen leben und sprechen zu machen. Und wenn er dennoch sich selbst verleugnet und diesen schreienden Unwert gepinselt hatte – weshalb that er es? Weil er sich nach dem Geschmack der Besteller richten mußte, um zu verdienen? Oder weil er in bitterer Selbstironie sich gesagt hatte: Jene anderen, die mich verstießen, mußten nehmen, was ich zu geben hatte – euch aber, ihr Einfältigen des Geistes, euch geb’ ich, was ihr verlangt von mir! Ob nun das