Abseits vom Wege

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Textdaten
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Autor: Bernhardine Schulze-Smidt
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Titel: Abseits vom Wege
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aus: Die Gartenlaube, Heft 11, S. 170–174
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1895
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Abseits vom Wege.

Skizzen aus Konstantinopel von Bernhardine Schulze-Smidt.

Es ist an einem Aprilnachmittage; die ganze Welt in Glanz getaucht, in Duft gehüllt; es blendet mich, daß ich sekundenlang die Augen schließen muß, als ich, um viele Piaster ärmer, um ein halb Dutzend wunderbar schöner, alter Fetzen reicher, sehr müde und matt aus dem Riesenbazar hinter der Yeni-Djami, der Neuen Moschee zu Stambul, ins Freie trete. Mein Führer und ich sind fast ganz auf die Fingersprache angewiesen. Er ist ein Inselgrieche, ein schlanker Chiot in meines Gastfreundes, des Paschas, Dienst, spricht türkisch, griechisch, zwanzig Worte italienisch und zehn Worte französisch. Ich rede englisch, deutsch, französisch und fünf Worte italienisch; für den Notfall genügt das bei haushälterischer Anwendung und die Augen des Chioten sind unbeschreiblich sprechend. Er bahnt mir den Weg durch das Heer von schreienden und bietenden Händlern bis zum belebten Fischmarkte, dem Balyk-Bazar, der für heute schon fast ausverkauft scheint. Nur die kleinen Silberfischchen, die später, getrocknet und gesalzen, in langen Ketten an den Häusern der stillen Vorstädte und Dörfchen hängen, wimmeln noch zu Tausenden in ihren flachen Körben und Schalen und der mildherzige Imam der Aussätzigen drüben aus Skutari macht seine Einkäufe und wechselt dabei gravitätische Höflichkeiten mit dem verzottelten Bettelderwische im buntgeflickten Kaftan.

Da sind wir schon am blauen Wasser bei der Validebrücke und mein Chiot macht mir mit tragisch eindringlichem Blicke deutlich, daß er gar zu gern seine Mutter, links drüben zwischen Fanar und Balat, besuchen möchte.

„Wenn Madama nicht eine Madama wäre, würde ich sagen: das Balat ist sehr merkwürdig – sehr, sehr merkwürdig!“

„Nun denn – fahren wir hinüber, Monsieur Nicoli.“

„Ma – – !“ Er schüttelt sich und streicht mit einer Gebärde des Grausens an seinen glatten, glänzenden Haaren und der sauberen Uniform hinunter. Da ich nicht sofort verstehe, macht er das resignierte Gesicht eines unglücklichen Liebhabers vom Theater, wirft, zungenschnalzend, den Kopf zur griechischen Verneinungsgebärde in den Nacken und ruft den braunen und sehnigen Kaïkdji heran, der uns bereits mit gierigen Blicken beobachtet.

Rascher als gehofft werden wir mit dem Barkenführer handelseinig und vertrauen uns, eng nebeneinander gedrückt, dem schmalen Kaïk an. Diese türkischen Gondelchen, namentlich die mit nur einem Ruderer, sind als äußerst gefährlich verschrieen, ich kann mich aber zu keinem Gefühle der Furcht aufschwingen. Die Dinger sind gar zu graziös und reizend, ihr schmaler Rand liegt so hart auf den schimmernden und schmeichelnden Wogen, und wenn man [171] thörichte und überflüssige Bewegungen meidet, fliegen sie dahin, vogelleicht, vogelschnell, und gleiten durch das Auf und Ab der Wogen so glatt wie eine rollende Kugel. – Am sichersten und angenehmsten sitzt man auf türkische Art, die Füße angezogen, in den Polstern am Boden. Unser Kaïk hat besonders hübsch geschnitzte Seitenwände: vergoldete Tulpenstengel durch Perlenreihen verbunden – wie heiter stimmt das Gold zum hellen Tone des Olivenholzes! Diese Einfahrt ins Goldene Horn mit seinem unglaublichen Schiffstreiben, Mit seinen Ufern, an deren Hügeln die vorstädtischen Häusergruppen der Riesenstadt sich aufbauen und drängen, hundertgestaltig, hundertfarbig, zierlich wie Vogelkäfige, düsterschwer wie Kasematten, ist geradezu einzig herrlich. Ueber die Häusermassen hinwegragend Kuppeln und Minarete, spitze Cypressen, kohlschwarz, breite Pinien, tiefgrün, blütenüberschüttete Judasbäume, dunkelrosenrot! Und dazu welches Leben! Das Schnauben, Puffen und Pfeifen der Dampfer, das weiche Flattern der Segel, indem sie sich umlegen, das helle „warda!“-Rufen der Kaïkdjis, „gieb Acht!“ – das melancholisch wilde Singen der Türken, die lieblich schlichten Volksweisen der Griechen. Und das Wasser so still und schön, bläulich, grünlich schillernd, streckenweise ganz und gar vergoldet zum Augenverblenden.

Am Fanar, der griechischen Vorstadt, gleiten wir vorüber und landen gleich darauf im Balat. Nun verstehe ich meines Begleiters Geste von vorhin! Ich bebe selbst zurück vor dieser Stätte der schmutzigsten Verkommenheit, in welcher hier das Ghettoelend nistet. Wir waten durch grundlose Sträßchen voll spitz aufragender Steine. Düsterster Verfall, wohin wir blicken! Holzhütten und zeltartige Baracken lehnen an feuchten, ruinenhaften Mauerresten, kleben an Felshängen, vertiefen sich in grabartige Erdlöcher hinein. Räudige Hunde durchwühlen winselnd den Kot; verwahrloste Weiber waschen unbeschreibliche Lumpen in übelriechenden Lachen. Vor altersmorschen Butiken lärmendes Feilschen. Ueberall abstoßende Eindrücke! Nur Bochor, der Kesselflicker, der mit stillem scheuen Blicke von seiner Arbeit aufschaut, als mein Begleiter ihn anspricht, bewegt mir die Seele. „Gott der Gerechte wird sein Volk aus der Tiefe erretten – wir warten!“ antwortet er auf die Frage, wie man an solchen Stätten noch hausen und atmen könne!

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Landestelle von Barkenführern.

Wir biegen um die Ecke der nächsten, finsteren Gasse, steigen steil bergan, nun ein Stückchen bergunter und auf welligem Boden vorwärts: nun sind wir bei den Tschingani, im Zigeunerviertel. Derselbe Schmutz, noch größerer Verfall, noch elendere Baracken, aber – Wonne für Maleraugen! Die Männer antike Bronzegestalten in starrenden Lumpen; hohe Weiber, schlank von Hüften, die Füße schmal und vornehm gehöhlt, schreiten königlich, ihren Thonkrug auf dem lockigen Scheitel. Andere stehen in den Thüren; Schleiertücher von stumpfem Dunkelblau hängen ihnen an den braunen Wangen hin und auf die fahlroten kaftanartigen Untergewänder herab. Hier bettelt uns eine Madonna von Murillo an, die ein Prachtkindchen auf dem Arme hält, ein braunes, völlig nacktes Kerlchen mit Augen wie Leuchtkugeln, um das rechte Pätschchen ein Amulett geknüpft, eine blaue Perlenschnur mit einem fischgrätenartigen Anhängsel. Wilde Buben stürzen hinter uns drein, fuchteln bedenklich mit ihren kurzen, scharfen Messern in der Luft und schreien: „Was wollt Ihr hier? Packe Dich, verfluchter Hund, trolle Dich, weiße Hündin!“ Als aber mein Begleiter an die Waffe greift, stieben sie im Nu hinweg. Gerade gegenüber dieser jugendlichen Räuberbande, in einer Art von Thalkesselchen, zwischen einem wüsten Abhange und einer wüsten Brandstätte, spielt eine Schar schöner Kinder, in grellbunte Fetzen gekleidet. Da und dort blinkt ein Goldflitter oder eine verbogene türkische Schmuckmünze zwischen den gelben und roten Lappen, die um die zierlichen Glieder der Kleinen hängen, so lose, so zwecklos, als habe ein launischer Windstoß sie dorthin geweht, wo sie jetzt kleben.

Die Kleinen tanzen und johlen, klopfen ein Trommelchen und lassen ein Tamburin schwirren, das ist funkelnagelneu und macht ihnen augenscheinlich einen Heidenspaß.

„Gestohlen! – Die jungen Aasgeier!“ bemerkt mein Chiot verächtlich. Indem öffnet sich die halbzersplissene Thür einer verfallenen Schenke hart neben unseren Tritten; ein Dunst von brenzligem Sesamöl und Paprika strömt uns entgegen und zu gleicher Zeit der Klang einer Fiedel, die eine sterbenstraurige Melodie singt, irgend ein Klagelied ohne deutlichen Rhythmus. Dann aber wird diese weiche Musik plötzlich von scharfem Schellenklirren und Fingerpochen und Surren übertönt: eine große schlanke Dirne tritt unter die Thür und verstellt uns gleich darauf den Weg.

„Bak, Madama, aman, Madama!“ sagt sie mit einer so süßen Schmeichelstimme, wie ich sie im Leben nicht hinter diesem großen, äußerst sinnlichen Munde mit seinen tierisch kräftigen Zähnen gesucht hätte. „Bak, Madama!“ – „Höre mich an, Frau!“ wiederholt sie und sieht, ihr Tamburin über dem Kopfe haltend, meinen jugendlichen Begleiter (der daheim Frau und Kind hat und sich den Glücklichsten der Sterblichen nennt!) mit ihren Feueraugen durchbohrend an, bis ihm ein tiefes Rot in die bräunlichen Wangen steigt.

„Lalé,“ sagt er und wirft ihr ein durchlöchertes Parastück vor die Füße, „hebe Dich weg, Du Teufelin, unser Geschick liegt in Gottes Händen und in unseren eigenen; wir bedürfen Deiner Märchen nicht.“

Aber er hat sich verrechnet, der junge Teufelsbanner! Dies heimatlose Vagabundenvolk ohne Glauben und ohne Treue übt die geheimnisvolle Kunst des „Bannens“ meisterhaft neben seinen anderen Künsten. Sie bezwingt uns, diese imperatorische „Lalé“ im roten Rock und roten Mieder, durch ihr Blicken und Flüstern, ihr stürmisches Wollen, ihre unaufhaltsame Beredsamkeit. Hier kommt schon die klassische „Zigeunermutter“ und der Fiedelspieler [172] dazu, ein unverschämter, listig blinzelnder Bursch, das Gegenteil seines Liedes – der übliche Teppichfetzen wird auf das nackte Erdreich vor der Schenke gebreitet und mir die Summe meiner Vergangenheit, Gegenwart und mutmaßlichen Zukunft gezogen in einer – mag man’s nehmen, wie man will! – stellenweise unheimlich zutreffenden Art! Nicht aus den Linien der Hand wahrsagt Lalé, sondern aus den dürren Bohnen. Die alte Zigeunermutter bringt sie ihr in einem schmutzigen Musselinsäckchen; sie befragt mich vor allem nach meinem Taufnamen, wiederholt ihn sofort laut und völlig dialektfrei und nimmt nun aus ihrem Säckchen soviel der dürren braunen Bohnen, wie er Buchstaben nach türkischem Alphabete zählt. Zwischen die braunen Bohnen mischt sie eine silberne für die guten Tage, eine schwarze Tonkabohne für die bösen. Damit treibt sie nun das anmutigste Spiel und begleitet es mit einer erstaunlichen Lebhaftigkeit der Gebärden. Bald lächelt sie mich verstohlen an und schlägt zwinkernd die Wimpern auf und nieder, bald schreckt sie zurück, indem sie die leicht hingeworfenen Bohnen sichtet, legt, schiebt und – die kleine dunkle Hand halb gegen die kurze Stirn geschmiegt, halb in den rabenschwarzen Lockenwust geschoben – betrachtet. Dann hebt sie die Lider langsam – die größte Tragödin könnte das nicht schöner und studiert natürlicher machen – senkt einen feuchten schmelzenden Blick in den meinigen, bis sie meine Aufmerksamkeit völlig an sich gezogen hat, und dann streckt sie mir die Hand hin mit unverkennbarer Geste: „Bak, madama! aman, Madama!“ Das ist des Pudels Kern! Immer noch ein Silberstück soll ihr die Hand kreuzen, ein Brotbringer, ein Schmuckspender für Lalé, „ein Glückbringer für mich, für meine Kinder und Kindeskinder, bis ins vierte Glied, für die Mutter, die mich geboren hat, und für den Vater, dessen Stolz ich bin bis in sein hohes Alter.“

„Er lebt schon lange nicht mehr!“

„So wird er für Deinen Platz sorgen dort, wo Du nach Deinem Tode weiter zu leben meinst! Gieb mir noch einen Beschlik (5 Piaster), Madama, und laß mich sehen, ob Du Glück hast mit dem Manne, den Du liebst!“

Ich schüttle den Kopf und stecke meine Börse ein. „Deine Bohnen irren sich – ich bin Witwe – seit Jahren.“

Sie hebt die silberne Bohne und lacht wie eine Tolle. „Du lügst! Du bist ein Weib und ich auch! Wir leben mit der Liebe, wir sterben mit der Liebe, Blumen blühen aus unserem Staube, Disteln der Rache, Nesseln der Eifersucht. Eine wie alle! Ihr kalten Weißen verschweigt es – wir andern genießen es! Gieb – gieb und achte nicht auf jenen, der Dein Sohn sein kann und Dich meistern möchte!“

Mein Chiot zupft mich am Aermel und macht die Hand der prophezeienden Circe los, die mich an den Kleiderfalten zurückhält. Sie schimpft hinter uns drein und hetzt uns die wilde kleine Koboldschar nach, mitsamt ihrem gestohlenen Tamburin und dem drolligen Handtrommelchen. Das eine von ihnen verliert sein erbärmliches Lumpenkittelchen, das ihm nur noch über der einen Schulter hing, von zwei oder drei morschen Fäden zusammengehalten. Er schlüpft heraus, läßt’s mitten im Gassenschmutz liegen und stiebt, sowie ihn Gott erschaffen hat, hinter uns drein, sein „Rom“ gellend, die Zigeunersprache. Noch als wir die ersten Häuser des Fanar bereits zur Seite haben, hören wir es deutlich. Es verklingt erst, als wir um die Ecke biegen und den Klopfer gegen eine saubere, hellgraue Gartenthür fallen lassen. Hier ist mein Chiot daheim und die wilde Poesie geht in ein stilles und schlichtes Idyll über, das in seiner ruhigen Anmut von feinsten Reize ist.

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Kesselflicker im Balat.   Zigeunerin.

Hinter dem grauen Thore ein altmodisch angelegtes Gärtchen voll der geliebten altmodischen Blumen aus meiner eigenen Jugendzeit, Goldlack, Sternblumen, Eisenhut, Levkojen und streifige, zerflatternde Bandrosen, hohe Lilien in Fülle. Dazwischen – sehr fremdartig erscheinend – eine schöne Musa, und die Beete von vollblühendem Lavendel und silberner Levantina, einem würzigsüß duftenden Kraute, eingefaßt. Im Garten ein niedriges und doch luftiges Häuschen, blitzblank, man hätte von Fußböden und Treppenstufen speisen können, nichts Einladenderes nach dem „Höllenbreughel“ im Balat als diese wohlgehaltenen, hellbezogenen Diwans an den Wänden des Wohnzimmers entlang.

Da ist sie ja, „des schönen Sohnes schönere Mutter“! Dies Wort trifft wahrlich zu! Die uns entgegentritt, ist eine prachtvolle Greisin, ein Kameenkopf mit seiner edlen, geraden Nase, die, nach dem Vorbilde antiker Büsten, eine Linie mit der niedrigen und doch nicht unbedeutenden Stirn bildet. Die Uebermacht des grauen Haares hängt, von schwarzem Kopftuche gebändigt, starkgelockt darunter hervor in den Rücken, und das bezaubernde Lächeln der hochgeschürzten Lippen, das mich willkommen heißt, die tiefen schwarzen Augen, deren Blick an des Sohnes schlanker Höhe voll Wohlgefallen und Stolz hängen, haben sich mir eingeprägt zum Nievergessen. In Konstantinopel und seiner Umgebung habe ich bis jetzt die schönsten Menschenkinder gesehen.

Ich werde in eines der Erkerchen geführt – es hat einen zauberischen Ausblick aufs Goldene Horn hinaus – meiner Wirtin jungverheiratete Tochter kommt herein. auch eine abgeschwächte Kopie ihrer Mutter, rund und lieblich, eine naive Schönheit. Und nun bewirten sie mich mit dem Allerbesten aus ihrer Vorratskammer, mit starkem Kaffee und Chokoladekonfitüren, schwarzen Oliven, frischem Wasser, safttriefenden Citronenscheiben dazu, und zum Schluß die unvermeidliche Cigarette. Dabei lispeln sie ihr Neugriechisch und fragen mich mit rührender Beflissenheit und rührender Geistesunschuld nach „Europa“ aus, und irgend einer ihrer gütigen Götter, der meiner harmlosen Muse vielleicht noch ein bißchen verwandt ist, giebt mir’s ein, daß ich den Sinn des weichen Gelispels ungefähr erfasse und mich mit „malista“ und „occhi“ – „ja“ und „nein“, mit „efcharisto“ und „sasperikalo“ – „bitte“ und „danke“ und einigen ähnlichen Stich- und Schlagworten aufs angenehmste in die Unterhaltung mische.

Kurzum, wir sind ein sehr heiteres und liebevoll vereintes vierblätteriges Kleeblatt, und als nun gar die Enkelkinder vorgeführt werden: ein stämmiger, dreijähriger Petro und eine goldige zweijährige Chrysso, da erreicht die Seelenharmonie ihren Gipfel. Denn die Herzblättchen zeigen sich zutraulich – „und sie sind sonst so scheu wie Täubchen vor dem Habicht, Kyria (Herrin)!“ versichert mich die Großmutter – sie sitzen zwischen uns auf dem Diwan, baumeln mit den dicken Beinchen und erhöhen das allgemeine Vergnügen. – Endlich aber heißt es doch Ade! Die Sonne wird schon rötlich und die Kaïks dort drunten fliegen mit verdoppelter Schnelligkeit über die Wasser dahin, deren Blau sich allgemach in ein entzückendes Rosa-Violett verwandelt. Noch eine kurze halbe Stunde und der Muezzinruf zum Abendgebete wird von den Minaretgalerien ertönen. Wir lassen unser Idyll im Rücken und durcheilen die merkwürdig schweigsamen und melancholischen Straßen des alten Fanar. Vor einem der palastartigen Häuser steht ein uniformierter Grieche in der Fustanella, deren schneeiges Weiß sonderbar gegen die düstere Umgebung absticht. Sonst begegnen wir keiner Seele. Einen Augenblick treten wir noch in eine uralte kleine Kirche byzantinischen Stils mit romanischen Anklängen, reich an Säulen und goldenem Schnitzwerk, voller [173] Heiligenbilder, in Gold und Silber gekleidet, mit verhärmten großäugigen Gesichtern. Drei Priester, denen die Haarflechte unter den hohen Mützen im Nacken hervorschaut, amtieren und lesen mit klagenden Stimmen weichklingende Gebete, zwei alte Mütterchen knien seitab im Winkel und berühren von Zeit zu Zeit den kalten Estrich andächtig mit ihren runzligen Stirnen.

Wir nehmen unten an der Landung das letzte Kaïk und gleiten im Abendsonnenschein, der immer wundervoller strahlt, langsam am Ufer entlang bis zur kleinen Bucht von Stambul, zu Füßen der Yeni-Djami, der die Beterschar entgegeneilt. Vor uns schwingt sich die mächtige, von lebhaftem Volkstreiben unruhig belebte Validebrücke nach Galata, dem alten Quartier des europäischen Handels, hinüber, und sie trägt uns aus Elend und Idylle in die hastende und schaffende Kultur zurück. Auf der Brücke drängen sich die Scharen der Arbeiter und der Frauen des Volkes, die vor dem strenggebotenen Schlusse des mohammedanischen Tagewerkes nach Hause ziehen. Ein einsames, schwerbeladenes Eselchen trappelt noch fürbaß, vorbei an der Gruppe von Negerinnen mit ihrem elenden schwarzen Kindchen, das stummberedt das Mitleid der Reichen anfleht. Da tritt droben der Muezzin auf die Galerie des nächsten Minarets der gewaltigen Yeni-Djami. Die Sonne ist hinunter – fern, ob den Höhen, die den Bosporus säumen, steht schon der erste Stern, und als wir Galata erreicht haben, liegt die Brücke bereits fast verödet hinter uns.

Der folgende Tag bringt uns die griechischen Ostern und damit das Fest der „Hamals“. Die armenischen Lastträger, die Hamals von Konstantinopel, sind genau so typisch wie die Hunde der großartigen Hügelstadt. Sie kommen zum großen Teil aus der Trebisonder Landschaft herüber und sind gerade, verläßliche Menschen, dem allgemeinen Urteil zum Trotz, das die Armenier falsch und verschlagen heißt. Der echte Hamal ist ein Hüne von Gestalt und Kraft. Durch die schwere, andauernde Arbeit mit ungeheueren Lasten haben sich die Muskeln ihrer Arme, Hände und Füße so sehr ausgebildet, daß sie auch im Zustande der Ruhe straff schwellend und angespannt unter der derben Haut zu liegen scheinen wie steinerne Schlangenlinien. Die Gesichter sind ernsthaft, die Stirnen vielfach gefältelt, die Augen nehmen jenen wachen und aufmerksamen Blick an, der fortwährend nach Hindernissen zu spähen hat. Landestelle von Barkenführern.

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Armenische Lastträger.

Man muß sie durch die engen Bazarsträßchen schreiten sehen, die schreiende, rennende, temperamentvolle Menschenmenge teilend, vor sich herschiebend wie eine Woge, selbst ruhig und gelassen. Zu acht bewegen sie das Riesenfaß mit russischer Butter fort, das an vier langen wippenden Stangen befestigt ist. Je zwei tragen immer eine Stange auf der linken Achsel und ergreifen mit der Rechten die Stange des Nebenmannes, zur eigenen und des Kameraden Stütze. So schreiten sie im Takt mit kurzen, wuchtigen Schritten, und im Takt scheint auch das stoßweise Atmen zu keuchen. Der Schweiß rieselt in Strömen an den lederbraunen Gesichtern unter dem rotstreifigen Turbantuche hin, durch die greifenden Hände bebt ein fortwährendes Vibrieren, das dennoch nichts von Schwäche weiß. Man meint, so müsse in unvordenklichen Sagenzeiten der Atlas die Wucht der Erdkugel getragen haben.

Allein nicht nur Lastträger sind die Hamals, auch als Hausgeister und treue, verläßliche Diener der Geschäfts- und Privathäuser finden sie vielfach Verwendung. Prächtig nehmen sie sich aus im Festschmuck des griechischen Ostertages, diese treuherzigen Burschen! Sie tragen das weite blaue Beinkleid, um die Knöchel ganz eng anliegend und sich im festen Lederschuh verlierend, um die Bluse den breiten, buntgestreiften Schärpengurt, um das Fez oft ein lichtgeflammtes Turbantuch. Ueber die breite Brust hängt das feine silberne oder gar goldene Kettengewirr, den Miederschnüren der Tegernseer Bäuerinnen gleichend, das Uhr und Petschaft trägt und Anhängsel aller Art; der Handschar, ein kurzer gebogener Dolch, steckt im Gurt. So eilen sie mit den kurzen wuchtigen Schritten, die ihnen eigentümlich sind, die große Perastraße hinan; zierlich geputzte griechische Dienstmädchen im kleidsamen Kopftuch oder übertriebenen Modehut folgen und schließen sich an, und auch wir gehen langsam hinterdrein.

Vorüber am „Taksim“, dem großen Wasserreservoir, und am hübschen Promenadengarten, der dem Taksim seinen Namen entlehnt hat, dann zur Linken eine glatte Anhöhe voll jämmerlich zertretener Frühlingsblumen empor und auf dem großen Exercierplatze vorwärts. Von oben herab sehen wir zu unseren Füßen vor dem steilen Hügel des nachbarlichen Griechenviertels Tatawla in ein wirres eng zusammengepferchtes Jahrmarktstreiben.

„Dort hinunter?“

„Wenn Sie wollen? Aber Sie müssen sich Nase und Ohren verstopfen, die eine Hand in der Tasche um Ihre Börse schließen, die andere bereit zur Abwehr halten und im Munde nur die zwei Worte führen: „haide!“ und ‚yok!‘ – die Worte: ‚Pack Dich!‘ und ‚Nein!‘“

Die Geschichte da drunten schaut sich zwar ein bißchen ungemütlich an, aber – dem Mutigen gehört die Welt. Mein flotter Kavalier springt mit drei zierlichen Sätzen den Abhang hinunter, ich folge, ob meines furchtsamen Rutschens und Gleitens von einer ganzen Horde kleiner Baschi-Bozuks mit „aferim!“ verfolgt, was soviel wie „Bravo!“ bedeutet.

Von der reinen Höhe, wo die Luft süß vom Jonquillenduft und frisch vom Meeresodem ist, sind wir fast unvermittelt in eine unsäglich traurige Schlucht versetzt, zehnfach traurig und herzbeklemmend im Golde dieser heißen glänzenden Sonne, deren Strahlen, einem Seziermesser gleich, die tiefsten Schäden bloßlegen, die Oede zum Fegfeuer machen durch die Kraft ihrer sengenden Flammen.

Unrat, Fäulnis und spitze Steine! Der süße Frühlingshauch verpestet von den Ausdünstungen verwesender Tierkadaver. Dort am staubigen Hange, dessen Geröll nichts trägt als Disteln- und Dorngestrüpp, miaut ein zum Gerippe abgezehrtes verendendes Katzentier, hier zu meinen Füßen zwischen Scherben, inmitten einer ekelhaften Lache, zuckt ein schwach winselnder Hund, schlammbedeckt, von Aasfliegen umsummt. Uns zur Rechten eine schiefstehende Zigeunerhütte neben der anderen, von dürftigen Lehmmäuerchen eingehegt; Lehm, Unrat, abstoßende Fetzen, Knochen und Scherben übereinander gepackt und gehäuft. Zwischen den Hütten graue Zelte mit malerischen Einblicken auf hockende und faulenzende Gruppen von braunen Gesellen und weißbärtigen und weißlockigen Alten. Draußen stehen abgetriebene Eselchen [174] gleichgültig an ihren Pflöcken und lassen sich von den nackten, wilden Kindern quälen, während ein paar dürre Weiber, am Tschibuk saugend, die verblaßten Manteltücher tief ins Gesicht gezogen, uns bösen Blickes nachstarren.

Der kleine Jahrmarkt ein Tohuwabohu, ein Wirrsal ohnegleichen! Er belustigt mich ungemein, trotzdem ich mich ein wenig fürchte. Da sind ja inmitten dieses phantastischen Volkes unsere heimischen „sechsbeinigen Schafe“ und „zweiköpfigen Kälber“, „die dicke Dame“ mit den Centnergewichten am kleinen Finger, die Wahrsagerin und das mechanische Theater. Als ganz besondere Sehenswürdigkeit „ein Pelikan aus Norddeutschland“, was mein norddeutsches Herz besonders tief rührt, mehr als die Schießbuden und der „türkische Honig“ meiner seligen Kindertage. Das Karussell hat lauter springende Greife und Chimären anstatt der bei uns üblichen Pferdchen, und die beliebten „großen Schaukeln“ sind niedrigstehende viereckige Kasten, die durch nachdrückliche Kurbeldrehungen in kurzen, heftigen Rucken auf und ab schwanken. Die gelbbleichen, mit der Seekrankheit ringenden Zigeunergesichter sind von überwältigender Komik. Zwischen den Schaukeln, im Schutze eines völlig zwecklosen Mauerrestes, halten die „Mahlebi“-Verkäufer ihre Ware feil. Diese ist eine ganz spezifische Erquickung in türkischen Landen, eine Art feiner Reismehlcreme mit Zucker und Rosenwasser gewürzt, in der Regel äußerst reinlich zubereitet. In unserem Fall kann das freilich auch der Nachsichtigste von dieser Erquickung für Zigeuner und Vagabunden nicht behaupten.

Seitab auf einem kleinen Wiesenrund tanzen die Hamals im Kreise. Ein sonderbarer Tanz, schwer zu schildern! Eigentlich nur ein langsames Treten, Stampfen und Zittern der Beine von der Wade bis zum Schenkel, ein mathematisch abgemessenes Emporwerfen der Arme und Zurückbiegen des Kopfes. So bewegen sich diese ernsten Athleten anscheinend leidenschaftslos um die Musik in ihrer Mitte: die große Trommel, die in kurzen Absätzen ihr scharfes „Tam! Tam!“ ertönen läßt, die schrille Rohrflöte, die unablässig vier oder fünf melancholische Noten singt, und den Dudelsack, der eine freche modulationslose Begleitung in aussetzenden und sich wunderlich verschiebenden Triolen dazu plärrt. Jetzt stelzen die Tanzenden daher, Schulter gegen Schulter gepreßt, jetzt ein kurzer allgemeiner Bocksprung: die Köpfe stemmen sich mit dem Kinne fest an die Brust – nun schwenkt der Tanzanführer sein rotes Tuch und alle hüpfen, sich lose bei den Händen haltend, wie eine Gesellschaft täppischer Idioten. Kein Laut dringt über die geschlossenen Lippen, kein Ausdruck fliegt über die charaktervollen Gesichter hin, weder Lust noch Anstrengung noch Erregung. Welch verkehrte Bilder machen wir uns daheim von der Leidenschaft der Orientalen!

Das Publikum dieses wunderlichen Vergnügens ist im höchsten Grade bedenklich: Volkshefe – Zigeuner, ein Gemisch grellster Farben, weißester Zähne und glänzendster Augen mit krassester Frechheit und zähester Bettelei. Mit süßer Stimme und zierlichen Gesten wissen diese schmutzig lieblichen Kinder und Mädchen diese welken Weiber, braune Wickelpüppchen im Arme, ihr „Aman, Madama!“ zu girren, und fast ausnahmslos streckt sich zu den Worten ein sehr schmales Händchen mit zartem Gelenke bettelnd aus. Man muß sich hart dagegen machen in Konstantinopel.

Vom Jahrmarkt aus verirren wir uns noch auf das große armenische Totenfeld unweit des Taksim. Eine Wüstenei trotz der knospenden Bäume und der tausend und abertausend duftenden Veilchen im frischgrünen Kirchhofsgrase. Diese flachen, grauen Steine, hart gegen den Boden gedrückt, die kastenartigen Grabgewölbe ohne eine Ahnung von Schmuck und Würde beklemmen das Herz. Die Gruppen der festtäglich geputzten Menschen, die dort lagern, tafeln, schwatzen und tanzen, geben dem traurigen Bilde eine leise, bunte Färbung und der Blick hinüber nach der Spitze des Seraïs und nach Skutari ist von himmlischer Schönheit. Kehrt man aber von dieser sonnigen, glänzenden Ferne zurück in die nächste Umgebung, so winseln räudige Hunde und schmierige Bettler von zehn zu zehn Schritten. Lumpen und Elend überall ausgestreut wie Distelsamen in diesem gottbegnadeten, paradiesischen Lande. Machen es die schroffen Gegensätze so anziehend? Ich bin mir darüber nicht völlig klar geworden, denn all die Gegensätze versöhnt das ewige blaue Meer, überblüht der wonnige Frühling seiner Küsten!