Zum Inhalt springen

Allgemeines Deutsches Kommersbuch:319

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Schauenburg:
Allgemeines Deutsches Kommersbuch
Seite 636, 637
<< Zurück Vorwärts >>
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

[636]

     9. Diese Grausamkeit erregt im Publikum lautes Murmeln rings
umher, da dreht sich der Schandarm wütend um, und ’s verstummen
alle Murmeler.

     10. Drum, o Mensch, bezähme deine Triebe hier in dieser Zeitlichkeit,
denn das sind die Folgen von der Liebe und der mütterlichen Trunken=
boldigkeit.


          711.     Traurige Berliner Geschichte.

     Singw.: In der großen Seestadt Leipzig ec.

     1. In Berlin, der preußschen Residenze, wo es sehr viel schlechte
Menschen giebt, ward aus demokratischer Tendenze neulich eine grause
That verübt!

     2. Dieser Mann war Kutscher und hieß Neumann, dieser Name
sagt genug wohl schon, — außerdem bezog noch dieser Neumann eine
königliche Pension!

     3. Seine Gattin, ’ne geborne Lerche, war ein braves, gutes Bieder=
weib, ging des Tages zweimal in die Kerche: — teils aus Frömmig=,
teils aus Zeitvertreib.

     4. Aber dieses that sie nicht alleine, — auch als Mitglied aller hie=
sigen frommen und wohlthätigen Vereine hat die Lerche sich bewiesigen!

     5. Jetzo wird sie aber täglich frummer durch Lektüre in das Gottes=
wort! Neumann macht dies aber keinen Kummer: seinen Kutscherkümmel
trinkt er fort!

     6. Lerche, eingedenk des guten Werkes, sagt nun plötzlich eines
Tags: „Neumann! Demokrat! Elender! jetzo merk es, was ein schwaches
Weib vermögen kann!“

     7. Eigenhändig geht sie zur Behörde, zeuget an, daß Neumann
gottlos seu! Außerdem noch lautet die Beschwörde: auf versuchte
Demokratereu!

     8. Dieser aber denkt nichts Arges, Böses, was von seiner Gattin
ihm geschüht, geht wie sonst um zehn Uhr früh zu Möves, zu ver=
richten dort sein Morgenlied.

     9. Unterweges aber kommt der Bote der Behörde ihm entgegen
schon, überreicht ihm eine schwere Note: der p. Neumann hat nicht
mehr Pension!

     10. Neumann, ein geborner Kannibale, kehrt von dieser Stund
nicht mehr zu Haus! Aus dem neuen Schiffahrtsbaukanale zog als
Leuche gänzlich man ihn ’raus!

     11. Seine Gattin, wie es sich gebührte, sie verful in fromme
Raserei! Dieses ist in diesem Jahr das vierte Opfer religiöser
Schwärmerei!

     12. Diese That und ihre bösen Käume in der Kreuzzeitung sie
neulich stund, und gebracht hat sie in schöne Räume:

Anton Jansen, Sänger des Treubund.


[637]           712.     Der verlorene Sohn.

     1. In dem Lan=de Me=sopo=ta=mien, frucht=bar durch des
     Li=tum, li=tum, li=tum lei -, lus=tig ist die

Euphrats Schla=mien, lebt einst, fern von Ba=by=lon, Da=mi=
Pfäl=ze=rei -, li=tum, li=tum, li=tum lei, lus=tig

an ein Ö=ko=nom.
ist die Pfäl=ze=rei.

     2. Ungeheuer reich war selbiger, hatte tausend Küh und Kälbicher, Pferd
und Esel, Schaf und Rind, und zwei Söhnlein auch zum Kind. Litum ec.

     3. Kinder gleichen sich nicht allemal, sagt der weise König Salemal:
ist auch ähnlich das Gesicht, gleichen sich die Herzen nicht.

     4. Also war auch bei des Damian zwofach aufgesproßtem Samian
ähnlich zwar das Angesicht, aber ihre Herzen nicht.

     5. Morgens früh schon ging der Michael in das Feld mit seiner Sichael,
half den Knechten beim Geschäft, wies auch oft die Mägd zurecht.

     6. Balzers Mut stund freilich anderweit, ihm mißfiel die rauhe
Handarbeit, der Herr Pfarrer meinte drum: „Thut ihn auf das Studium!“

     7. Seine Mutter Athanasia liebt ihn ohne Ziel und Maßia, hat’s
beim Vater durchgedrückt, daß er ihn zur Hochschul schickt.

     8. Man erzählt vom alten Babylon wunderbare Pracht und Fabylon,
dort schrieb man ihn ein als Fuchs, doch statt Jus tieb er nur Jux.

     9. Und er lebt in dulci jubilo und in einem ewgen nubilo, Wein
und Bier, wie auch Likör trank er täglich mehr und möhr.

     10. Leider aber die Kollegien ließ er gänzlich unterwegien, von
dem Babylonier=Corps ward er bald der Senior.

     11. In den Gärten der Semiramis spielt er manchen Schlauch
und Bierramis und ergab sich allgemach Pharao und derlei Sach.

     12. Auch der Liebe that er huldigen, dies bracht ihn zumeist in
Schuldigen, und der schlimme Zeitvertreib ruiniert ihm Seel und Leib.

     13. Endlich ward er gar zu liederlich, seine Bein und Hände
zitterlich, und auf seinem Haupte war auch nicht mehr ein einzig Haar.