Als Singlehrer

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Textdaten
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Autor: C. F.
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Titel: Als Singlehrer
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 234
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Als Singlehrer
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[234] Als Singlehrer. Es war wenige Tage nach der Schlacht von Rézonville, als wir in einem elenden Dorfe auf der Straße bivouakirten. Das war eine traurige Nacht, vielleicht die traurigste im ganzen Feldzuge. Da lagen die Jungen vom Achtzehnten auf der von Schmutz und Regen überlaufenden Straße, stumm und düster vor sich hinstarrend. Kein Lied, kein Lachen, nicht einmal ein munteres Wort hörte man in der weiten Runde. Stumm hockten sie um die rothglühenden Feuer herum, die mit größter Mühe dem anhaltenden Regen gegenüber ihre Existenz fristeten.

Was fehlte ihnen denn, diesen strammen Burschen? Hatten sie nicht gesiegt? Ja, aber im Magen saß Einer, den ihr Alle kennt, oder nein – nicht kennt, es ist Meister Hunger. Wo ist der Soldat, den ein solcher Angriff nicht stutzig macht oder nicht aus der guten Laune bringt?

Ich lehnte an einem Eckposten, sah ziemlich griesgrämig vor mich hin und dachte – dachte an die so oft verleumdete Bohnensuppe in der Garnison. „Himmel, tausend Franzosen für einen einzigen Löffel voll!“ fluchte ich vor mich hin, als ein schwarzhaariger Franzosenjunge an mir vorüberschlüpfen wollte. „He, Junge, wohin?“

Zitternd stand er still und begann nach einem Augenblicke, fast mit weinerlicher Stimme:

„Allzumal getrunken, allzumal geküßt,
Allzumal ’s Madel an’s Herz fest geschließt (geschlossen).“

Alles brach plötzlich in’s größte Gelächter aus, Alles drängte sich um den Kleinen. Man forderte ihn von allen Seiten auf, weiter zu singen. Doch er schwieg beharrlich. Der arme Junge konnte sonst kein Wort Deutsch. Ich suchte mein bischen Französisch zusammen und examinirte ihn nun. Da erzählte er mir schluchzend, daß ihn ein preußischer Reitersoldat mit blauer Uniform und hohen Stiefeln das Liedchen gelehrt habe, und weil ich ihn so rauh angerufen, wollte er mir doch eine deutsche Antwort geben.

Am andern Tage rückten wir in’s Quartier. Ich und sechszehn Cameraden, wir bekamen eine mit Stroh belegte Stube angewiesen. In dem Hause war Niemand als ein altes, ziemlich boshaftes Mütterchen mit einem etwa vierzehn Jahre alten Mädchen, wahrscheinlich ihrer Enkelin. Mein Erstes, was ich in dem trocknen Quartiere zu thun wußte, war, dem etwas sehr scheuen Mädchen Singstunde zu ertheilen. Ich plagte mich manche liebe Stunde mit dem Dinge herum, bis ich ihm das Verschen:

Bald gras’ ich am Neckar,
Bald gras’ ich am Rhein,
Bald hab’ ich ein Schätzchen,
Bald hab’ ich auch keins –

eingeprägt hatte. Ich sagte ihr, wenn sie das Verschen singe, thue ihr kein Preuße etwas zu Leide.

Am Abend kam die Alte zu mir und bat mich ziemlich umständlich, sie doch auch etwas Deutsch zu lehren, da sie gern einen Soldaten, der sie geärgert habe, bei dem Hauptmann verklagen möchte. Ich lehrte sie nun:

„Ich bin ein altes Weib
Und kann schön tanzen,
Du mit dem Bettelsack,
Ich mit dem Ranzen.“

Kaum hatte sie es gelernt, als sie noch in der Nacht dem Herrn Hauptmann, der in einem Nachbarshause Quartier genommen hatte, auf den Leib rückte.

Der Hauptmann hatte einige Officiere zu sich geladen, die alle auch nicht in der besten Stimmung waren. Da drang die Alte ungestüm und aufgeregt in die Stube und rief, nachdem sie um Gehör gebeten hatte:

„Ich bin ein altes Weib
Und kann schön tanzen,
Du mit dem Bettelsack,
Ich mit dem Ranzen.“

Man denke sich das Gelächter. Doch wäre für mich die Sache am Ende kaum so glatt abgelaufen, wären wir nicht am andern Morgen im Eilmarsche weiter gezogen.

C. F.