Alte Filme

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Textdaten
Autor: Kurt Tucholsky
unter dem Pseudonym
Peter Panter
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Titel: Alte Filme
Untertitel:
aus: Die Weltbühne. Jahrgang 22, Nummer 11, Seite 435-436
Herausgeber: Siegfried Jacobsohn
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 16. März 1926
Verlag: Verlag der Weltbühne
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Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Die Weltbühne. Vollständiger Nachdruck der Jahrgänge 1918–1933. Athenäum Verlag, Königstein/Ts. 1978. Scan auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[435]
Alte Filme

Hans Siemsen hat hier neulich vorgeschlagen, ältere und ganz alte Filme wieder in den Spielplan aufzunehmen, und es ist völlig unbegreiflich, wie wenig Instinkt die sonst so gerissene Filmindustrie in diesem Punkt aufweist. Der Vorschlag ist gut, denn:

So viel gute neue Filme gibt es gar nicht. Ein alter Film ersten Ranges ist besser als eine Nuwoteh sechsten Ranges. Der Besitz an Filmen echter Qualität ist groß genug, um das Experiment aussichtsreich zu machen. Wenn technische Mängel vorhanden sind, die uns heute auffallen, so läßt sich das in einem Zwischentext bequem sagen.

[436] Die Filmindustrie ist vielleicht zu jung, um heute schon historische Retrospektiven zu geben, und geschichtliche Kollegs an der demnächst zu erwartenden „Zentralstelle Deutscher Reichsverbände zur Förderung Deutscher Filmhochschulen“ möchten wir gewiß nicht hören. Aber wir möchten, zum Beispiel, einmal die ersten Films sehen, die man überhaupt gemacht hat: Vater Portens Versuche mit seiner Tochter Henny, Meßter, die ersten Filme Max Macks, noch einmal den unvergeßlichen ‚Studenten von Prag‘, um dessentwillen Hanns Heinz Ewers manches verziehen werden wird, und so vieles Andre. Daß das amüsant sein kann, dafür einen kleinen Beweis.

Es gibt hier in Paris ein Cinéma d’avant-garde, das führt etwa die Wochenschau aus dem Jahre 1910 vor und kleine Lustspiele aus der Zeit. Und nun die Komik, der Jubel im Zuschauerraum! Was allein die Mode von gestern, die geschnürten Damen, die langen Roben, die königlich mit dem Fuß zurückgeschlagen werden – was das schon für einen Spaß macht, das muß man miterlebt haben. Welche Möglichkeit politischer Satiren! Welche Freude können uns selbst schlechte Filme bereiten, wenn sie kurz genug sind, oder wenn man sie in Ausschnitten vorführt! Mißglücktes, vom Spielplan Abgesetzes, Szenen aus alten Paradefilmen – warum nicht?

Weil wir nicht auf der Welt sind, um uns gegenseitig Vergnügen zu bereiten. Schüler Siemsen, tritt vor! Dein vorlautes Wesen veranlaßt mich, dir einen Tadelstrich einzuschreiben und deinen lieben Eltern Kenntnis von dem Vorgefallenen zu geben. Geh in die Kinos und lerne erst den Ernst des Lebens kennen. Und lies lieber in dem schönen Buch unsrer Schulbibliothek: „Zur Soziologie der Filmprobleme in deutscher Einstellung“ und merk besser auf. Zu morgen wirst du mir einen Aufsatz verfertigen: „Inwieso ist die Schuld Emil Tartüffs im Walzertraum tragisch?“

Aber es ist doch schade, daß man keine alten Filme vorführt.

Peter Panter